Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 170 im Original — direkt zum Text ↓

I.5 Beseelte Technik: Rationalität und Animismus

Text

Die Spitze des zweiten Thementotems bildet die wilhelminische Pickelhaube, eine Art militärischer Version der Tarnkappe des Nibelungen, die einem Totenschädel aufgesetzt wurde. Es ist eine verhüllende Enthüllung besonderer Klasse, daß deutsche Krieger von den Zeiten der Freiheitskriege bis ins Dritte Reich ausgerechnet das Emblem des Totenschädels trugen. Soldaten führen immer nur ein Leben zum Tode, o Heidegger! Das ist der Grund, weshalb sie immer schon den Denkern voraus waren und selbst deutsche Philosophen den Ernstfall des Krieges nicht in ihr Nachdenken über die Welt aufnahmen. Der mit Pickelhaube bewehrte Soldat ist der Inbegriff der kulturellen Todes- und Tötungsbereitschaft. Das Lützow’sche Freikorps (1813) führte das Totenschädelemblem zum Zeichen unbedingten Opferwillens im Namen des deutschen Widerstands gegen und Befreiungskampfes von Napoleon ein. Später bediente sich die SS ebenfalls dieser Emblematik, ein weiteres Indiz, um die Deutschen in den Augen der anderen Nationen als mörderische Krieger und todessüchtige Kanonenhelden erscheinen zu lassen.

Doch historisch verhielt es sich genau umgekehrt: Dank ihrer hochgradig entwickelten Rationalität kamen die Militärs zu dem Ergebnis, daß man gerade dann strikte Regeln vorgeben muß, wenn es um die berufliche Bestimmung von Soldaten zum Töten und Getötet-Werden geht. So entstand das Prinzip des gehegten Krieges. Seither durften auch Feinde, die zu Gegnern geadelt worden waren, nicht mehr willkürlich getötet werden; es wurde zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten unterschieden und Regeln für den Umgang mit Kriegsgefangenen, Verwundeten, Zivilisten, Schiffbrüchigen, Spionen festgelegt. Supranationale Regelwerke und zwischenstaatliche Abkommen wie die Genfer Konvention (1864) und die Haager Landkriegsordnung (1899) sind große zivilisatorische Modelle, wie sie heute von der UNO mit dem Höhepunkt allgemein geltenden Völker- und Menschenrechts (1948) repräsentiert werden.

Den Militärs, die hochrational Waffen und Bürokratien entwickelten, wie Friedrich Kittler auf einzigartige Weise gezeigt hat, verdanken wir nicht nur die Entwicklung im Waffendesign, sondern auch im Bereich der Gerätschaften des Lebens wie dem deutschen Kochgeschirr. Der blecherne Fressnapf demonstriert, zu welchen ausgezeichneten gestalterischen Definitionen das Militär in der Lage ist; dennoch sind Waffen niemals bei Design-Wettbewerben um die „Gute Form“ prämiert worden, obschon sie eigentlich im höchsten Maße dem Anspruch auf vollendete Funktionalität und gelungene Formgebung entsprechen. Auch Orden wurden als Design nie prämiert, nicht einmal das Eiserne Kreuz, das im Übrigen von dem preußischen Großmeister aller Gestaltungsprozesse Karl Friedrich Schinkel höchstpersönlich entworfen worden war.

Zu der Feldausrüstung der Soldaten, also auch der deutschen, zählte die Weltorientierung gewährende Literatur im Tornister. Raumsparende Kleinstformate von Büchern Hölderlins, Nietzsches oder Rilkes wurden als feldtaugliches Gut in riesiger Zahl an die Soldaten verteilt. Zu literaturreifer Tragik steigerte sich der Gebrauch solcher geistiger Waffen, wenn sich etwa Kämpfer gegenübertraten, die die gleichen Bücher mitführten. Die einen griffen im Namen des Nietzsche’schen Heldenradikalismus an, die anderen verteidigten den deutschen Geist, wie ihn Hölderlin oder Rilke in die Welt getragen hatten.

Wurden deutsche Soldaten im Kampf verwundet, verabreichte man ihnen das Allheilmittel Aspirin – übrigens in Wuppertal-Elberfeld erfunden, wo der Färbermeister Bayer die Chemieindustrie in die Welt gesetzt hat. Diesem Nibelungenlandstrich entstammen so großartige Erfindungen wie die der Kranken- und Sozialversicherung, siebzig Jahre, bevor sie Bismarck formulieren ließ, der bekanntlich dem Rest der Welt damit weit vorausgeeilt war.

Eine weitere berühmte Erfindung aus diesem Kontext ist der deutsche Kulturbeutel. Psychologisch höchst interessant ist, daß die Soldaten gerade im Bewußtsein der von ihnen verlangten Opferbereitschaft eine in hohem Maße ritualisierte Selbstwahrnehmung entwickelten. Vor dem möglicherweise todbringenden Kampf wuschen und rasierten sie sich noch einmal, putzten die Zähne, gurgelten mit Odol, benetzten sich vielleicht noch mit 4711 Kölnisch Wasser und zogen sich sauber an. Auffällig ist die Übereinstimmung mit gewissen Reinigungsritualen, die Selbstmordattentäter durchführen, wenn sie beschließen, sich mit einer Bombe in die Luft zu sprengen. Der Kulturbeutel sollte auf Grund seiner physische wie psychische Stabilität gewährenden Kraft und zivilisierenden Wirkung eher „Zivilisationsbeutel“ heißen!

Dem Militärwesen verdanken wir die hochgradige Rationalität der Verwaltung. Eine einzigartige designerische Konsequenz ist der Leitz-Ordner, der zwischen zwei Deckeln auf kleinstem Raum das Größte bewirkt und im Übrigen das bestgestaltete und markanteste Loch der Welt aufweist. Mit seiner Hilfe wurde die Organisationsfähigkeit und Planbarkeit von Operationen gesteigert, so daß auch wirtschaftliche Feldzüge und Abwehrschlachten effizienter bestritten werden konnten.

Die technisch-zivilisatorische Rationalität des Militärs steht in enger Verbindung mit dem Animismus. Gerade die Soldaten verwandeln technische Prozesse zurück in seelische. Sie wissen, ein Gewehr in der Hand zu halten, ist das eine, ein anderes aber, über die psychische Stabilität zu verfügen, den Feind herankommen zu lassen und erst zu schießen, wenn der Effekt garantiert ist. Dies verlangt Kräfte, die mit dem animistischen Potential in Verbindung stehen. Soldaten machen ihre Waffe zur Braut, bemalen ihre Panzer mit Haigebissen, Schlangen und Tigern. Der Bomberpilot sitzt nicht in einem Düsenjäger, sondern gleichsam auf den Schwingen eines Adlers. Der Panzerfahrer lenkt nicht einen Tank, sondern steuert mit einem Leoparden durchs Gelände. Analog hierzu wirkt bis heute nicht die chemische Formel des Putzmittels, sondern Meister Proper. Es kommt nicht von Bayer aus Leverkusen, was den Reinigungseffekt garantiert, es ist vielmehr der Geist aus der Flasche, der als Weißer Riese gegen Mief und Gilb wirken soll. Der gigantische Erfolg des VW-Käfers geht vornehmlich auf das Konto animistischer Potentiale. Und auch der Mercedes-Stern feierte in der Nachkriegszeit weltweit Triumphe im Automobilbau, was selbst Erwin Panofsky (ich sah in ihm immer schon einen wahren „Pan-of-sky“) zu einer Analyse der Stern-Ikonographie bewegte.

In ihren Haushalten entwickeln die Deutschen ein besonderes Verhältnis zu animistisch beseelten Wesen. Ob Kölner Heinzelmännchen oder Fernseh-Mainzelmännchen, immer trifft man auf das Verlangen, kleine Wichte und Kobolde als Wunscherfüller einzusetzen. Märchenhafterweise werden diese Gnome nur zur Befriedigung edler Bedürfnisse eingesetzt! Sie helfen im Haushalt der „guten“, aber überlasteten Hausfrau, die der eigentliche Inbegriff kalkülhaften Planens sein muß. Sie hat die sprichwörtliche „Deutsche Gemütlichkeit“ zu garantieren, was heißt, eine saubere, heitere Atmosphäre zu schaffen, wo durch Melitta-Filter rinnendes stadtwerkgeprüftes Trinkwasser dem heimkehrenden Angestellten als Kaffee entgegenduftet, während die Kinder mit Käthe-Kruse-Puppen spielen, also bereits soziale Formationen einstudieren.

Kinderarbeiter sind die Urbilder der Heinzelmännchen. Als die seit Nibelungenzeiten im Kreise Siegburg betriebenen Bergwerke wegen Erschöpfung der abbaubaren Erzadern schließen mußten, strömten die arbeitslosen Kleinmenschen, die allein für die Arbeit in den engen Schächten geeignet waren, in die nächste größere Stadt, also Köln. Dort schämte man sich in seiner ostentativen christlichen Mildtätigkeit, die armen Kleinen offen auszubeuten. Man verfiel auf den Gewissen mit Tatkraft verbindenden Gedanken, die kleinwüchsigen Illegalen dann eben in der Nacht einzusetzen und damit den Kontrollblicken zu entziehen.

Innerhalb dieser äußerlichen, zum Teil buchstäblich „fabelhaften“ Zuschreibungsmerkmale kann jede einzelne Entäußerung des Deutschseins bewertet werden. Es bildet sich aus der besonderen Mischung von Rationalität und Animismus in Militär und Verwaltung einerseits wie romantischer Wandersucht und Autonomiestreben in Wirtschaft und Gesellschaft andererseits. Letztere Position ergibt zusammengefaßt den Gemütlichkeitsmief in altdeutschen Wirtsstuben – erstere vereinen sich zur singulären Gestalt des expressionistischen Paragraphenreiters. Heute sind das die erlaß- und vorschriftengläubigen Öko-Fundis und die qualmenden Party-Griller auf den vermüllten Liegewiesen der städtischen Naherholungsgebiete.

Eine auffällige Besonderheit in der Ausprägung von Deutschsein sei noch erwähnt. Zwar haben deutsche Generalstäbler ganz entscheidend zur Entwicklung des modernen strategischen Denkens beigetragen, aber es im Zweiten Weltkrieg selbst nicht berücksichtigt. Daß Hitler nach der Verabschiedung von Brauchitsch‘ die Strategen entmachtete, zugunsten kindischer Erwartung von Hauruck-Siegen, war nur folgerichtig, denn strategisch zu denken ist nur für den sinnvoll, der nicht deshalb zu siegen glaubt, weil er sich für den Stärkeren hält, sondern der mit den Stärkeren zu rechnen versteht. Strategen fragen sich, was zu tun sei, wenn die Durchsetzung des eigenen Willens nicht gelingt. Erst die Militärs und nicht schon die Lehrer des richtigen Lebens haben darüber nachgedacht, wie man durch Scheitern klug wird, nämlich durch das Scheitern Formen des Gelingens erreicht, also nicht nur folgenreich, sondern erfolgreich scheitert. Dieses strategische Denken führten die aus Krieg und Gefangenschaft ins Zivilleben zurückkehrenden jungen Obersten als Anwärter auf hohe Führungsposten in die deutsche Nachkriegswirtschaft ein. Ihr strategisches Vermögen als Unternehmer und Manager ließ schon zehn Jahre nach Kriegsende die Wirtschaft des geschlagenen Deutschland in den Augen der überanstrengten Sieger wie einen Gewinner des Krieges aussehen.

Medien

Preußische Tarnkappe, Bild: Lustmarsch, I.5, S. 171 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Sprengkräfte, Bild: Lustmarsch, I.5, S. 171 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Kochgeschirr, Leitz-Ordner, Kulturbeutel – Insignien deutschen Wehrmachtstrebens, Bild: Lustmarsch, I.5, S. 172 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Animismus – größte Wirkkraft auf Erden, Bild: Lustmarsch, I.5, S. 174 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.