Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Abschnitt, beginnend auf Seite 135 im Original
Überträgt man nun diese Überlegungen auf die immer erneuten welthistorischen Versuche, das Prinzip der Einheit von geistlicher und weltlicher Herrschaft zu erreichen, gewinnt man ein neues Verständnis für den Cäsaropapismus von Byzanz über Mekka bis Moskau. In Westrom wie im Westen hingegen wurde nach dem Ende der von den Etruskern stammenden Staatsreligion (maniera tusca) unter Kaiser Claudius und unter dem sich herausbildenden Einfluß des Christentums die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht politisch wirksam und damit die unsinnige Entgegensetzung von Rationalität und Irrationalität, von Faktizität und Kontrafaktizität und von Kalkül und Absurdität verfestigt.
Der Investiturstreit des 11. Jahrhunderts um die Frage, ob der Kaiser oder der Papst berechtigt seien, die Bischöfe nach ihren jeweiligen Interessen zu berufen, war vom Papst gewonnen worden, aber unter der Bedingung strikter Trennung der Sphären von Reich und Rom, die schließlich Martin Luther mit seiner Zwei-Reiche-Lehre auch für die protestantischen Anti-Römer erfüllte. Bis heute leidet die Debatte um die Säkularisierung darunter, daß man das zentrale Argument immer noch nicht verstanden hat, demzufolge es nicht um die Aufspaltung von Rationalität und Irrationalität in ein Diesseits oder Jenseits des Altars geht, sondern um den vernünftigen Gebrauch, den man von der Irrationalität, vom Absurden, vom Surrealen, vom Kontrafaktischen zu machen versteht. Säkularisierung heißt gerade nicht, daß für die aufgeklärte Moderne das Religiös-Kulturelle keine Bedeutung mehr haben sollte; im Gegenteil, Säkularisierung wurde notwendig wegen der sich steigernden Macht des Kontrafaktischen und Irrationalen unter dem Diktat von funktionalisierter Rationalität als Bürokratie und anderen normativen Verfahrensregeln.
Säkularisierung bedeutet also, Verfahren zu entwickeln, durch deren Anwendung die vernünftige Orientierung auf den Glauben in modernen Gesellschaften erreicht werden kann. Die Gegenbewegung zielt auf die Ununterscheidbarkeit von Rationalität und Irrationalität oder von Glauben und Wissen, so daß zwingende Vernunftgründe im Namen des höheren Glaubens abgewiesen werden können und umgekehrt der zur bloßen Dogmatik beliebiger Offenbarung herabgewürdigte Glauben sich berechtigt fühlen darf, seine Kritiker als Ungläubige zu stigmatisieren. Der Sinn der Säkularisierung liegt darin, die machtpolitische Erzwingung der Einheit von Glauben und Wissen abzuweisen, weil der Primat der Vernunft nicht gewahrt werden kann, wenn man schlichtweg, wie unter Stalins Regime, den Glauben, die Religionen und damit die Kulturen für obsolet erklärt, ihre Ausübung zum bösen Spuk werden läßt und Atheismus dekretiert.
Gerade diese Vorgehensweise entspricht ja dem religiös geprägten Kulturalismus. Er möchte bestimmen, was zu gelten hat. Kulturen können keine Wirklichkeit außer ihrer eigenen anerkennen; diese Wirklichkeit wird wesentlich durch andere Kulturen bestimmt, die man entweder unter die eigene Macht zu zwingen versucht oder, soweit das nicht gelingt, als feindliche Antipoden zur Stärkung des eigenen inneren Zusammenhalts offensiv nutzt. Denn schließlich sind Kulturen Überlebenskampfgemeinschaften. Die eigenen kulturell-religiösen Gewißheiten auch nur in Frage zu stellen, käme der Bereitschaft gleich, sich selbst aufzugeben. Um das zu verhindern, unterwerfen alle Kulturen und Religionsgemeinschaften ihre Mitglieder der Normativität des Kontrafaktischen, also der verbindlichen Durchsetzung der Selbstgewißheiten gerade, weil sie nicht mit denen anderer übereinstimmen.
Unüberbietbar prächtig hat diesen kulturalistischen Trotz und das Dennoch-Pathos oder die Jetzt-erst-recht-Mentalität Hegel mit dem Merksatz formuliert: Wenn die Ideen mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmten, umso nachteiliger für die Wirklichkeit; kulturalistisch gesagt, heißt das, wenn unser religiös-kulturell geprägtes Weltverständnis nicht mit dem anderer Gesellschaften zusammenpaßt, müssen wir uns gegen diese anderen zur Wehr setzen. (2)
Der Macht des Kontrafaktischen entkommt man schwer. Was soll eine Mutter ihrer Tochter antworten, wenn diese behauptet, einen Jüngling gerade deshalb wahrhaft zu lieben, weil für sie dessen Bildung, Berufsfähigkeit, Vermögen oder Herkunft keine Rolle spiele, während die Verbindung allen anderen aus denselben Gründen inakzeptabel scheint? Jedes Gegenargument wird nur die Gewißheit der Tochter stärken, daß sie wahrhaft, weil grundlos liebe.
Wie soll Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Neukölln zu Berlin, auf Wohlgesinnte reagieren, die ihm anraten, alle Erfahrungen mit der Haltlosigkeit von vermeintlich menschenfreundlichen Multikulti-Konzepten durch ein trotziges „Wenn’s nicht geht, dann erst recht“ zu leugnen.
Wie bewahrt man sich vor dem Durchdrehen, den Denkkrämpfen der Gegenvernunft, wenn man in einer Selbstdarstellung der Stadt Braunschweig liest, die Braunschweiger seien stolz auf ihre Vergangenheit und hätten deshalb das Residenzschloß wieder aufgebaut, um gleich nach der Jubelüberschrift indirekt aus der demonstrierten Selbstgewißheit als großartige Kulturträger zu erfahren, daß von Wiederaufbau ebenso wenig die Rede sein kann wie von Liebe zur Vergangenheit? Denn zum einen hatten die Braunschweiger parallel zur Walter Ulbricht’schen Beseitigung des Berliner Schlosses ihr eigenes ohne jeden zwingenden Grund abgerissen und zum anderen stellt sich der angebliche Wiederaufbau als kontrafaktisch heraus, weil ein Konsumtempel und nicht das Schloß hinter der normbereinigten Fassade entstanden ist. Wer sich erinnert, mit welcher Empörung die Demokraten des Westens gegen den Autokraten der Ostzone wegen des Schloßabbruches gewettert hatten, erfährt erst wahrhaft die normative Kraft des Kontrafaktischen. Denn Ulbricht hatte ja für den Abrißbefehl einen politideologischen Grund, nämlich die Beseitigung der Spuren von Aristokratie als Herrschaftsform, während man in Braunschweig gerade keinen Grund vorzuschieben brauchte, außer den, daß es keinen zwingenden Grund gab, das Schloß abzureißen. Die Entscheidung der SED-Funktionäre zum Abriß wurde im Westen als sprechendes Beispiel für eine Diktatur der Unfreiheit und der Geschichtsvergessenheit gegeißelt. Das Gegenteil war der Fall. Gerade wegen der Anerkennung der Macht der Geschichte wollte man das Schloß als Ikone des Wilhelminismus beseitigen, während man im Westen genau das demonstrierte, was man dem Osten vorwarf, nämlich Geschichtsvergessenheit.
Jede Willkürgeste, wie sie sich etwa im Braunschweiger angeblichen Schloßwiederaufbau manifestiert, wird inzwischen damit gerechtfertigt, sie diene dem Geschichtsbewußtsein, sie stärke die lokale kulturelle Identität. In der Tat: Etwas anderes als ideologische Rechtfertigung von Macht und Willkür ist die pathetische Vergangenheitspflege noch nie gewesen.
So geht das in jeder Kultur. In den zurückliegenden fünfundzwanzig Jahren hat der Zwang zur Sprache der politischen Korrektheit und der Selbstbeweihräucherung von Gutmenschen zur Überhöhung jeder beliebigen Tätigkeit als kulturellem Ausdruck geführt: Von der Argumentationskultur über die Erinnerungskultur zur Trauerkultur, von der Liebeskultur über die Erziehungskultur bis zur Dialogkultur wurden in Hunderten von Beispielen die Ansprüche auf kritiklose Akzeptanz der eigenen Methoden von Erziehung, der Formen von Liebesbekundungen und der Versuche, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, geltend gemacht. Denn was sich als Kultur ausweist, kann nun mal nicht kritisiert werden. Folgerichtig gibt es inzwischen eine Angstkultur und eine Verbrechenskultur, die allesamt das Prädikat „Kultur“ so ins Feld führen, wie in wilhelminischen Zeiten ein „von“ oder sonstiger Adelstitel Respekt heischend zur Geltung gebracht wurde. Selbst ernstzunehmende Autoren hantieren wie der „Birnenadel“ im Reich des Operettenkaisers Wilhelm.
Wolfgang Schivelbusch veröffentlichte eine „Kultur der Niederlage“, deren Formulierung schon nahe an der Kultur der Dummheit ist. (3) Immerhin, Thomas Mann, der die Kulturpathetik gegen die Pflicht zu zivilisiertem Verhalten in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ hemmungslos gefeiert hatte, kennzeichnete im Doktor Faustus die Stammtischbrüder der „Deutschen Ideologie“ mit der „apokalyptischen Kultur“, nachdem er längst selber erkannt hatte, daß Kultur als Deckname für „intentionelle Re-Barbarisierung“ genutzt wird. (4) Intentionelle Barbarei ist ein ausgezeichneter Ausdruck für die Verteidigung von Kulturen gegen Einsprüche einer transkulturellen universellen Zivilisation.
Anmerkungen
(2) „Hitler war ein vollendeter Schauspieler, doch wie konnte er in sich selbst eine so unerschütterliche Siegesgewissheit wecken, daß er damit auch andere, nicht zuletzt die Generäle, zu überzeugen vermochte? Ein Teil der Antwort liegt zweifellos in seinem tief verwurzelten Glauben an die Macht des Willens. Dies war die Stunde der Wahrheit, und wieder und wieder betonte er, daß zuletzt derjenige die Oberhand behalten werde, dessen Willenskraft die stärkere, dessen Ausdauer die größere sei. Seine Hauptsorge in den ihm verbleibenden eineinhalb Lebensjahren war deshalb der Schutz seiner Willensstärke vor allen Einflüssen, die geeignet gewesen wären, sie zu beeinträchtigen. Das zeigte sich auch in seiner wütenden Weigerung, die ihm vorgelegten Zahlen über die Stärke der sowjetischen Truppen und den Umfang der sowjetischen Rüstungsproduktion zur Kenntnis zu nehmen. Stalin sei, so beharrte Hitler, am Ende seiner Reserven; seine Armeen seien zu erschöpft, um weiter in der Offensive bleiben zu können; und es sei Unsinn, unmöglich – so belehrte er Manstein –, daß die Russen 57 neue Divisionen aufgestellt hätten: Es sei nichts als Defätismus, solchen Zahlen Glauben zu schenken. Das war der Tenor seiner Kritik an den Stabsoffizieren. Immer wieder warf er ihnen vor, sie belögen ihn und stellten den Gegner absichtlich stärker dar, als er sei, um ihren Mangel an Mut und Siegeswillen zu verbergen.“ In: Bullock, Alan: Hitler und Stalin. Parallele Leben. Berlin, 1991, S. 1059 f.; vgl. Brock, Bazon: Deutschsein. Die normative Kraft des Kontrafaktischen. In: ders., 2002, S. 820 ff.
(3) Schivelbusch, Wolfgang: Die Kultur der Niederlage. Der amerikanische Süden 1865. Frankreich 1871. Deutschland 1918. Berlin 2001.
(4) „Sie gaben sich mehr die Miene distanzierter Beobachter, und als ‚enorm wischtisch‘ faßten sie die allgemeine und schon deutlich hervortretende Bereitschaft ins Auge, sogenannte kulturelle Errungenschaften kurzerhand fallen zu lassen, um einer als notwendig und zeitgegeben empfundenen Vereinfachung willen, die man, wenn man wollte, als intentionelle Re-Barbarisierung bezeichnen konnte.“ In: Mann, Thomas 1999, S. 491.