Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Seite 341 im Original
In der Installation des Kinderlaufstalls sieht der Zeitgenosse einige Quellen der Selbstpathetisierung als Angebot zur Identifikation mit den Tätern ausgebreitet. Wirkliche Opfer fühlen sich stets dazu gezwungen, sich mit den Tätern zu identifizieren. Eine Anpassung an die Ziele der Täter ist von Nöten, um als tatsächliches Opfer, beispielsweise einer Entführung, psychisch einigermaßen stabil durchzukommen. Es besteht nur dann eine reelle Überlebenschance, wenn es dem Opfer gelingt, dem Täter Verständnis entgegenzubringen, seine Motivation zu akzeptieren, also seine Position und Absicht nachvollziehen zu können. Allein auf diese Weise wird es möglich, nicht von den ungeheuren Zumutungen der Willkür gelähmt zu werden, sondern Kraft für das sinnvoll steuernde Reagieren zu bewahren. Es ist vorgekommen, daß man derartigen Opfern im Nachhinein den Vorwurf machte, den Tätern sogar geholfen zu haben – eine groteske Fehleinschätzung von Psychodynamiken, ähnlich grotesk verfehlt wie die peinigende Diskussion über den Zweck der Bestrafung von Tätern. Es ist immer erhebend mitzuerleben, wie z.B. selbstgefällige Pathetiker der Strafe als Resozialisierungsangebot umschwenken, sobald sie selbst von Straftaten betroffen sind. Dabei steht unzweifelhaft fest, daß es nur einen einzigen Sinn von Bestrafung geben kann, nämlich die Solidarität mit den Geschädigten, um sie nicht im Opferstatus auf Dauer untergehen zu lassen. In jüngster Zeit hat der Fall Reemtsma in besonderem Maße den Wechsel von liberaler Leichtfertigkeit zu leidgeprüfter Solidarisierungsbereitschaft erwiesen.
In unserem Laufstall als Simulationsanlage gesellschaftlichen Lebens gibt es neben den Schlümpfen vier weitere markante Objektensembles: Badelatschen aus namhaften Hotels der Welt sowie Namensschilder und ID-Karten von Kongressteilnahmen, ein Set von Krawatten und Kriegsspielzeug. Das sind offensichtlich Hinweise auf Alternativen zur Pathosgesellschaft der Opfer. Die Pantoffeln mit Aufdrucken der Namen und Logos führender Zivilisationsagenturen, wie dem Hotel Imperial, dem Steigenberger Hotel oder dem Hotel Kempinski, bieten gewitzte kleine Anleitungen zur Identifikation mit den Tätern. Indem man etwa das Gebaren großer Herren in diesen Machtsphären nachahmt, gewinnt jeder, der den Versuch unternimmt, die Einsicht, daß Machtrollen sich nicht in der Kostümparade mit Hotelpantoffeln fixieren lassen. An dieser Einsicht fehlte es offenbar Kaiser Wilhelm II., einem berüchtigten Kunden Wagnerischer Kostümverleihe. Wer sich dennoch auf die Nachahmung der Tötungs- und Allmachtsphantastik einläßt, wie zuletzt der Schriftsteller Jonathan Littell in seinem Roman „Die Wohlgesinnten“, läuft Gefahr, zum Produzenten von Kitsch oder Politpornographie zu werden. Versuchte man ernsthaft, die Killer als erwartungsgemäß agierende Vertreter von phantastischen Programmen der Welterlösung ohne angemessene Distanz zu schildern, wird man zum Kitschier, der die Relation von Differenz zwischen Mitteln und Zwecken in absurder Weise verkennt. Wer glaubt, daß die Zwecke die Mittel heiligen, ist wahnsinnig, also verliebt in seine Allmachtsvorstellungen ohne alle Kontrolle an der Realität. Umgekehrt wird das Verhalten eines aufgeklärten Humanisten sichtbar, wenn man weiß, daß nur die gewählten Mittel Zwecke zu rechtfertigen vermögen.
Die Beförderung von Personen wie dem Akteur Brock in die höchsten Ränge des Hoteldaseins, repräsentiert durch goldene Badepantoffeln oder entsprechende Spesenrechnungen, kann nicht als Existenznachweis in der Rolle des aktiven, gestaltenden, eingreifenden Künstlers oder auch Wissenschaftlers mißverstanden werden. Man erfährt sie vielmehr als Distanzmarkierungen, ähnlich wie bei den Neureichen der Gründerzeiten, die aber immerhin die Genugtuung gewannen, den tatsächlichen Heroen der politischen und ökonomischen Machtentscheidungen auf der Ebene der gewählten Mittel, nämlich denen des Geldes, Paroli bieten zu können. Unsereinem, der sich durch Identifikation mit den Tätern auf Selbstdistanz zu bringen versucht, bleibt nur die Genugtuung, an Zivilisiertheit und universalpoetischer Kraft die in der Wirklichkeit tätigen Herren zu übertreffen, denn sie müssen sich, um sich zu verewigen, auf die Hilfe von Geschichtsschreibern, Malern, Dramatikern, Musikern stützen, die dem Ruhm erst Flügel geben.
Was das bedeutet, kann ich an mir selbst erproben, wenn ich mit der Anhäufung von Namensschildern als Zugangsberechtigungen zu Exklusivveranstaltungen des Marketingtrainings, der Auratisierung von Aussagenautoritäten wie Professoren und Künstlern oder der Selbstüberhöhungsveranstaltungen von Werkmeistern und Gotteskonkurrenten meiner eigenen Ruhmeswürde ansichtig werde, also meiner Tätertauglichkeit. Sehr sprechend etwa sind die Kennzeichnungen „Bazon Brock: Missionar der Unbelehrbaren“, „Denker im Dienst: Tapfer und Theoretisch“, „Künstler ohne Werk: Mann mit Mission“ oder „Trainer für Vorausleiden: Antizipation und Empathie“ beziehungsweise „Lehrer des Volkes“ und „Theoriebaumeister“. Sie unterlaufen meine Autorität durch Autorschaft in dem Maße, wie sie sie in unangemessener Weise übertreibend zu bestätigen behaupten. Nur wenige sind bereit, in diesem Sinne ein derartiges Sortiment ihrer Schandmale zusammenzutragen und damit zu bekunden, daß man gar keine Chance hat, in die von starken Männern dominierten Tätergemeinschaften aufgenommen zu werden. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Joseph Beuys schon auf der untersten Ebene des Versuchs, Aktivist der Grünen-Partei zu werden, scheiterte, obwohl er deren vermeintliche Ziele wie kaum ein zweiter in den 60er Jahren repräsentierte. Auch Beuys wollte sich gerne einbilden, daß er es bei Frauen leichter gehabt haben würde, in ihre Aktionsgemeinschaft aufgenommen zu werden, weil Frauen die Erfahrung gemacht hätten, wie schwer es für sie sei, überhaupt als potentielle Täter ernst genommen zu werden (trotz der Karriere von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin u. a.).
Deswegen darf ein effektvoller und wohl verstandener Feminismus nicht darauf aus sein, die Frauen als Unschuldslämmer aus dem geschichtlichen Schuldigwerden herauszuhalten, sondern ihnen Selbstbewußtsein zu ermöglichen durch die Kraft zur radikalen Tat. Den Beleg für die Tatsache, daß Frauen die Identifikation mit den Tätern erschwert erscheint, entnimmt man den täglichen Nachrichtenmeldungen. Wann war in der Unzahl von Verbrechensreporten das letzte Mal von einer Verbrecherin die Rede? Von dem alten Motiv der Kindsmörderin abgesehen, ist die Gleichberechtigung der Geschlechter an diesem Punkt noch nicht soweit gediehen, daß man von einer „Kriminellin“ gehört hätte. Von einer entsprechenden Gleichbenennung von verbrecherischen Frauen, z. B. in KZ-Bewachungsmannschaften, ist trotz Emanzipationsforderung kein Wort zu hören. Ebenso wenig von Frauen, die, stolz und ungerührt, etwa Hitler ihre Söhne als Schlachtopfer anboten. Stattdessen gibt es in so gut wie jeder Meldung zu schlimmen Ereignissen den Hinweis, daß auch unschuldige Opfer wie Alte, Frauen und Kinder zu beklagen seien. Eine groteske Entlastungsinitiative von Leuten, denen daran gelegen ist, sich ihrer Opfer, soweit sie für schuldig gehalten werden können, umstandslos zu entledigen. Das Angebot an Frauen, sich mit Großtäterinnen zu identifizieren, ist einigermaßen beschränkt: Penthesilea, Klytämnestra, Kriemhild, Katharina die Große, Winifred Wagner, vielleicht noch die Nitribitt oder ein paar Beischlafdiebinnen, Zauberweiblein oder Hohe Frauen wie Emmy Göring und Magda Goebbels. Das ist alles weit unter dem Anspruchsniveau von Alexander, Nero, Tamerlan, Dschingis Khan, Richard II., Papst Alexander VI. oder gar Napoleon, Stalin oder Hitler. Simone de Beauvoir hat sich mit „Die Mandarins von Paris“ freiwillig als Täterinnengestalt angeboten, wurde aber nicht von den Frauen angenommen. Wer mir schlüssig begründet, warum Frauen grundsätzlich die Identifikation mit Täterinnen ablehnen, gewinnt zwei Nächte in Hitlers Wiener Lieblingshotel „Imperial“.
Weitere Objekte, die sich auf das Tätertraining von Größe und Geltung beziehen, manifestieren das erweiterte Umfeld des Kinderzimmers. Beispielsweise eignen sich die ausgelegten Kriegsgeräte im Miniaturformat – Maschinengewehre, Säbel, Militärflugzeuge – als Ausdrucksmittel der kulturellen Tötungsbereitschaft. Die Frage stellt sich seit eh und je, ob solches Spielzeug dazu dient, spielerisch eine Realität einzuüben, die dem Ernstfall gleichkommt; oder ob im Spiele nicht vielmehr ein Gegenmodell sichtbar werden soll. Im Unterschied zum Ernstfall des Nichtspiels wird im Kinderzimmer erfahrbar, wie wünschbar es wäre, Handlungsfolgen beliebig widerrufen zu können oder auch den Spielverlauf für ungültig zu erklären und Wiederholungen vom Start weg zu ermöglichen. Auch versteht jedes Kind, daß man Regelverstöße vermeiden, also Regeln anerkennen sollte, da sonst das Spiel nicht zustande kommt. Widerrufbarkeit, Wiederholbarkeit und Modifizierbarkeit sind entscheidende Kardinalpunkte für jedes Zivilisierungsprogramm. Kriterium des zivilisierten Handelns ist das Erreichen größtmöglicher Reversibilität, also Widerrufbarkeit von Handlungskonsequenzen. Daraus ergibt sich die einzig nicht bezweifelbare Begründung für das Verbot der Todesstrafe, denn death is so permanent; er ist in keiner Hinsicht auch nur ansatzweise rückgängig zu machen.
Eine andere Objektgruppe im Laufstall besteht aus einer Edition von Künstlerkrawatten der „Lord Jim Loge“. Die 1991 gestifteten Insignien Sonne – Busen – Hammer wurden zum Dekor für sogenannte Künstlerkrawatten in der Edition des Züricher Seidenmanufakteurs Andy Stutz. Die hier ausgelegte Sammlerkollektion befördert theologischen Tiefsinn mit dem nietzscheanischen Motto „Keiner hilft keinem“, das die Künstler Wolfgang Bauer, Walter Grond, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Jörg Schlick wählten, als sie die Loge gründeten: Ganz in der Tradition des protestantischen Ethos der Rodin’schen „Bürger von Calais“, denn die Krawatte ist ja eine gefällige Umkleidung des Stricks um den Hals, mit dem Gefangene, Verurteilte und Selbstmörder gekennzeichnet werden. Weit davon entfernt, männliche Schöpfereitelkeit zu signalisieren, vergegenwärtigt die Krawatte, zumindest für den christlichen Mann, das allgegenwärtige Bewußtsein eines Lebens zum Tode. Darin tapfer zu bleiben, mag Heldentum kennzeichnen, auf jeden Fall aber nicht das Potenzgebaren solcher Helden. Denn wie schon der Brock-Student Otto Waalkes schlagend demonstrierte, verweist die Krawatte nicht auf den Hoden, das Zentrum fordernder Virilität, sondern auf den Boden, in den Staub, in den alles Lebende zurückverwandelt wird.