Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Seite 107 im Original
Das Nibelungenlied geht auf das für das geschichtliche Selbstverständnis der Deutschen so bedeutsame Teutoburger-Wald-Erlebnis zurück. Im Jahre 9 n. Chr. zerschlugen germanische „Barbaren“ die Armee Roms in den Sümpfen bei Kalkriese. Die Uminterpretation der Geschichte des Cheruskers Hermann in die des Siegfried von Xanten wurde notwendig, weil man schon wenige Jahre nach dem Sieg der Germanen das wahre Motiv Hermanns zur Kenntnis nehmen mußte. Hermann und sein engster Freund waren als Söhne von Anführern der germanischen Hilfsvölker Roms bereits im vorpubertären Alter als Geiseln nach Rom verbracht worden. Dort wurden sie nach dem Kanon der Ausbildung römischer Ritter zu erstklassigen Militärführern ausgebildet und mit dem Status der römischen Staatsbürgerschaft ausgezeichnet. In Rom hielt man sie für bestens geeignet, in den neubegründeten transrheinischen Kolonien der Römer zwischen Siegburg und Haltern ihre ehemaligen Stammesbrüder von den Segnungen der römischen Zivilisation zu überzeugen. Der Chef der römischen Kolonisatoren, Feldherr Varus, glaubte allerdings aufgrund seiner Erfahrungen in Regionen des Vorderen Orients, nur mit Gewalt eine renitente Bevölkerung unter die Segnungen der Pax Romana zwingen zu können. Die beiden heimgekehrten römischen Ritter erlebten die Willkür des in Germanien waltenden Generals Varus als Verstoß gegen römisches Recht. Deshalb glaubten sie sich als römische Offiziere verpflichtet, Varus für seinen Rechtsfrevel bestrafen zu müssen – eine Art „20. Juli“ zivilisierter Germanen. Das geschah in der legendären Schlacht im Teutoburger Wald, deren weltweites Echo Kaiser Tiberius mit den Worten dokumentierte: „Vare, Vare, redde mihi legiones meas“.
Das Kaiserwort war ein Appell an die römischen Militärchefs und Regierungsfunktionäre, die Durchsetzung der römischen Zivilisation nicht durch die Wahl fragwürdiger Mittel aufs Spiel zu setzen. Wurde bereits diese geschichtliche Ausgangslage zu einem Freiheitskampf der Germanen gegen die römische Besatzerarmee verfälscht, so waren die mit der Tötung Hermanns verbundenen Motive nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches für die triumphierenden Sieger völlig inakzeptabel. Als Hermann seinen nächsten Blutsverwandten unmißverständlich klar machte, daß der Sieg der Germanen über das mächtige Rom gerade nicht zur Aufkündigung römischer Rechtspositionen führen dürfe, also zu erneuter barbarischer Willkür, wurde er von seinem Vetter heimtückisch ermordet. Der Kerl hatte sich nach der Zerschlagung der römischen Hoheit erhofft, wieder zur Rechtfertigung der Macht des Stärkeren zurückkehren zu dürfen. Das aber verwehrte ihm energisch der Ritter und Civis Romanus Hermann – die Stammesgenossen verstanden nicht, daß er erst durch seine römische zivilisierende Militärausbildung sie zum Sieg über Varus' Legion hatte führen können und zwar im Namen des Rechts.
Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches entwickelten die Verfasser des Nibelungenliedes zwischen dem sechsten und neunten Jahrhundert ein Deutungsschema für die Vorgänge, mit dessen Hilfe die über ihren eigenen zivilisatorischen Tiefstand beschämten Sieger der Geschichte sich ein wenig entlasten konnten. Im Nibelungenlied wird die Konfrontation von römischer Zivilisation mit keltischer Spiritualität (die Germanen wurden von keltischen Priestern christianisiert) und germanischer Gesellschaftsstruktur (Stammes-/Clanbindung) zu einer Gesetzmäßigkeit entwickelt, derzufolge blutrünstige Kollisionen von Kulturen unvermeidbar sind, weil Zivilisationsansprüche, Spiritualitätsbekenntnisse und soziale Loyalitäten niemals zu einer konfliktlosen Eintracht führen können. In der späteren Nibelungenfassung spielt Hagen die Rolle des Hermann- = Siegfriedmörders. Beide konnten soziale Loyalitätsverpflichtung und Zivilisierungsgebot nicht auf einen Nenner bringen. Hermann/Siegfried scheitern also gerade durch ihr Insistieren auf der historischen Mission, die drei kulturellen Urgewalten, repräsentiert durch Römer, Germanen und Kelten im Raum Bonn/Siegburg/Köln/Euskirchen/Xanten, zu versöhnen. Heutzutage sollte jeder Europäer die Aktualität der originären Erzählung zu Hermannschlacht und Nibelungenlegende erkennen können, sind doch die alltäglichen Erfahrungen von Migrantenschicksalen unüberhörbar. Welcher Einwanderer aus Anatolien wird es konfliktfrei fertig bringen, sein Selbstverständnis als Moslem und als der Familienehre Verpflichteter mit den Zivilisierungsgeboten des Grundgesetzes der BRD in Übereinstimmung zu bringen? Von diesen grundsätzlichen Widersprüchen in den Überlebensstrategien berichten die Hermann-/Nibelungengeschichten.
Wie stark die jeweils zeitgenössischen Aneignungsversuche den Nibelungenstoff variieren, zeigt vor Wagners Gesamtkunstwerksversion besonders die Fassung von Anfang des 13. Jahrhunderts in der allen Fakten spottenden Übertragung in den Donau-Kulturraum. Der „geniale Dilettant“ Heinz Ritter-Schaumburg weist nach, wie aus der Düna des Urtexts, die bei Leverkusen in den Rhein fließt, kontrafaktisch die Donau wird, die trotz aller Finessen literarischer Adaptation niemals bei Worms in den Rhein münden wird. (21) Die Umschreibungsphantasten störte nicht, daß ihre Vereinnahmung der in der Ursprungsversion genannten Recken Etzel und Theoderich als Dietrich von Bern und Hunnenkönig Attila völlig unsinnig erscheinen muß, weil die historischen Persönlichkeiten nicht gleichzeitig gelebt haben. Ritter-Schaumburg zeigt an zahlreichen weiteren Beispielen für die Verfälschung der Ursprungsversion durch spätere Adaptationen, wie wirkmächtig gerade die offensichtlich kontrafaktischen Behauptungen sind. Denn: Wer ganz offen auf die Unterscheidung von Wahr und Falsch zugunsten phantasieergreifender Kräfte verzichtet, kann auch nicht widerlegt werden. Diese Unwiderlegbarkeit ist der Kern aller Macht des Kontrafaktischen. (22)
Anmerkungen
(21) Ritter-Schaumburg, Heinz: Die Nibelungen zogen nordwärts. 6. Aufl., München, Berlin 1992.
(22) Siehe Kapitel „Kontrafakte – Karfreitagsphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“