Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Seite 37 im Original
Den Künstlern war und ist jedes Mittel, jedes Material, jede Strategie und jede Methode recht, um sich als gnadenlose Konkurrenten Gottes in Szene zu setzen. (6) Im 20. Jahrhundert sollte man spätestens gelernt haben, daß selbst die höchsten Zwecke, etwa die Etablierung eines universalen oder bloß eines nationalen Sozialismus, angesichts der Mittel zu ihrer Durchsetzung, wie sie Stalin oder Hitler anwandten, völlig belanglos wurden. Human werden solche Weltverbesserungsvorschläge weder durch Gottes Segen oder den Zuspruch des Weltgeistes noch durch den Zeitgeist in Gestalt außerordentlicher Denker- und Führerpersönlichkeiten, sondern allein durch die Wahl von Mitteln, die die Würde des einzelnen Menschen unter allen Bedingungen wahren.
Wie bewährte ich mich als Designer? (7) 1996 habe ich in Wien eine Variante des erwähnten Pascal'schen Zimmers installiert: das Kierkegaard'sche Zimmer. Unter dem Pseudonym Johannes Climacus gab Kierkegaard Einblick in seine Biographie, vor allem in die Kindheitserlebnisse eines Weltenwanderers, eines viator mundi. Grundlegend für die Entwicklung des Kierkegaard'schen Weltverständnisses war demnach eine besondere pädagogische Anleitung durch den Vater. Wann immer die Kinder den Vater baten, mit ihnen hinauszugehen und ihnen die Wunder des Lebens zu zeigen, machte er mit ihnen eine Wanderung durch das eigene Haus und leitete sie an, die Möbel und Bilder, die Stoffe und Steine, die Gerätschaften und Lichtquellen des Hauses heute als Environment der Stadt Paris, morgen als Urwaldlandschaft und übermorgen als Ausstattung eines Wikingerschiffs auf dem Wege ins Unbekannte westwärts, dem Grünenland entgegen, zu imaginieren.
Sowohl Pascal'sches wie Kierkegaard'sches Zimmer rekurrieren auf die Tradition des Memorialtheaters. Damit bezeichnete man Architekturen des Gedächtnisses in Einheit von Erinnerung und Vorstellung. (8) Es galt, die Gedächtniskunst zu erweitern. Eine im 16. Jahrhundert entwickelte Methode wenden Gedächtniskünstler noch heute an: Die einzuprägenden Zahlen, Namen und Fakten verknüpfen sie mit der Vorstellung, sich durch ein prägnantes Gebäude oder eine interessante Stadtlandschaft zu bewegen. Dabei werden die Gedächtnisinhalte an auffälligen, markanten Punkten der Landschaft oder Architektur gleichsam abgelegt. Indem man die Landschaft oder Architektur im Geiste durchwandert, gelangt man wieder zu den „deponierten“ Namen, Zahlen und Fakten. Die Landschafts- oder Architekturräume erhalten zudem vom Gedächtniskünstler ein Gemütsklima, eine Stimmung zugeordnet. Entsprechende Beleuchtung wird heute noch im Theater als Stimmung bezeichnet.
Analog zum Memorialtheater entwickelten die Autoren der nachtfarbigen Romantik wie Wilhelm Wackenroder, Ludwig Tieck, E.T.A. Hoffmann, Edgar Allen Poe, Utopiker und Futurologen wie Jules Verne, Stanislav Lem und Stanley Kubrick, oder Phantasmagogen wie Stephen Spielberg, Andrej Tarkowskij und Peter Greenaway nach dem Beispiel des Memorialtheaters ein Theater der spekulativen Einbildungskraft. (9)
Anmerkungen
(6) Brock, Bazon: „Der Künstler als gnadenloser Konkurrent Gottes. Wie Kunst wirksam wird (und doch nicht angebetet werden muß).“ In: ders., Der Barbar als Kulturheld. Ästhetik des Unterlassens – Kritik der Wahrheit. Wie man wird, der man nicht ist. Gesammelte Schriften III, 1991-2002. Köln 2002.
(7) Im Januar 1997 durchwanderten wir den Portikus, die Galerie der Städel-Hochschule in Frankfurt am Main, als Kierkegaard'sches Zimmer an der Hand des ersten europäischen Navigators Palinurus, des von Vergil in der Aeneis geschilderten Steuermanns der trojanischen Flotte, des sogenannten kybernes. Dieser kybernes wurde zum Ahnherr der Kybernetik und zum Mythenstifter der ersten Generation von Atomphysikern, den Enrico Fermi und Robert Oppenheimer für das Gelingen der ersten kontrollierten atomaren Kettenreaktion und der ersten kontrollierten Zündung einer A-Bombe ausdrücklich in Anspruch nahmen. Darüber möge man sich durch die DVD „Navigatoren, Radikatoren, Moderatoren“ (2005) ins Bild setzen lassen.
(8) Yates, Francis: Gedächtnis und Erinnern: Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. Weinheim 1990. Siehe Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 1999, S. 298 ff. Siehe auch Brock, Der Barbar als Kulturheld, S. 794 ff.
(9) 2008 stellte Greenaway in Mailand Leonardos „Abendmahl“ nach; durch den Rekonstruktionsversuch sollten immer noch offene Fragen zur Konzeption des Gemäldes besser beantwortbar werden. Daß derartige Versuche durchaus erfolgreich sein können, belegten Bazon Brock und Studierende in der HbK Hamburg 1967, siehe Brock, Ästhetik als Vermittlung, S. 737 ff