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Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 67 im Original

I.2 Neutralität und produktive Indifferenz

Die Schweizer konnten zu einer so souveränen Umdeutung von Kunstpraxis als Gottesdienstersatz zur Nutzanwendung in den Lebensräumen der Alltagswelt kommen, weil sie sich seit ihren weit zurückliegenden letzten Kriegshandlungen darauf eingeübt hatten, Konflikte unter Vermeidung tödlicher Ernstfälle zu bewältigen. (1) Welch ein Lernprozeß, welch eine zivilisatorische Leistung! Denn im allgemeinen glaubt ja die Menschheit, ihre renitenten Mitglieder, Aufsässigen oder Kriminellen nicht anders zur Raison bringen zu können, als ihnen den Ernst ihrer Lage unmißverständlich klar zu machen mit der Androhung von Letztendlichkeit, nämlich des Todes. Der Vollzug der Todesstrafe wird gemeinhin als ultima ratio, als letztes Mittel gegen die tödliche Bedrohung einer Gemeinschaft und ihrer Ordnung verstanden – und das umso mehr, als solche Ordnungen noch aus dem von Gott und seinen Propheten gestifteten heiligen Recht, dem Sakralrecht, stammen. Aber selbst große Nationen mußten von Fall zu Fall, zum Beispiel nach dem Dreißigjährigen Krieg oder nach dem Scheitern von Napoleons Rußlandfeldzug oder nach den desaströsen Weltkriegen, erkennen, daß die ultima ratio als systematisiertes Töten in großem Maßstab, also in Kriegen, keineswegs der Weisheit letzter Schluß, ultima sapientia, ist.

Angesichts der Folgerungen aus solchen Überlegungen fühlten sich die Schweizer jeweils bestätigt in der Annahme, es sei ökonomisch, politisch und moralisch besser, das heißt ergiebiger, nicht auf dem tödlichen Ernstfall zu beharren, vielmehr seine Durchsetzung zu vermeiden und so durch Unterlassen zu erreichen, was ohnehin mit Gewalt zu erzwingen selbst den Siegern in einer tödlichen Auseinandersetzung bei aller Macht kaum gelingt.

Mit dieser Einstellung zum Krieg und den entsprechenden Urteilen über die Effektivität der Durchsetzung der ultima ratio nahmen die Schweizer eine Maxime altrömischer Staatskunst wieder auf, die lautete: „Wenn man in Frieden leben will, muß man sich gegen jederzeit drohende Konflikte mit den Nachbarn wappnen, damit die gar nicht erst auf den Gedanken verfallen, ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen zu können.“ Wer sich wappnet, muß einsichtig, das heißt intelligent, kurz, strategisch planen. Er muß zum einen wissen, daß mit all seiner Macht nichts getan ist, wenn ihm eine gleich starke oder stärkere Macht entgegentritt; und er muß intelligent genug sein, sich nicht in naivem Wunschdenken auf einen Sieg einzustellen, sondern stets mit seiner Niederlage zu rechnen. Erst dann ist es notwendig und wird es möglich, strategisch zu denken. Das äußerste Ziel einer solchen Strategie ist es,

  • sich einerseits so klein zu machen, daß man im Konflikt der Großen zu einer quantité négligeable wird,
  • andererseits in dieser Kleinheit ungreifbar zu werden durch Untertauchen in verwirrendem Gelände mit der Möglichkeit, nach Guerrilla-Manier von Fall zu Fall unkalkulierbare Bedrängnisse anzudrohen,
  • sich als nützlicher Idiot den kämpfenden Parteien anzudienen, bei deren tödlichen Ernstfalldemonstrationen behilflich zu sein und ihre Interessen auf die große Beuteaussicht abzulenken.

Die wichtigste Einsicht, die in der Schweiz aus solchen Überlegungen der Stärke des Schwächeren entwickelt wurde, lautete aber, sich niemals zur Parteinahme, weder für die Verfolger noch die Verfolgten, hinreißen zu lassen. Die Schweizer kannten nur allzu gut aus eigener Gewaltrechtfertigung der Opferrolle, wie leicht, das heißt gutwillig oder mit Kalkül, sich Gelegenheiten für derartige Rechtfertigung herstellen lassen.

Bezogen auf den Umgang der Schweizer mit ihren künstlerischen Avantgarden hieß das, keinen Vorwand dafür zu bieten, daß Künstler aus der grundsätzlichen Ablehnung ihrer Positionen den Beweis gewinnen konnten, ihre Arbeiten seien so ungeheuerlich bedeutsam, weil sie mit rigiden Maßnahmen befeindet würden. Auch das wieder ein Zeichen zivilisierten Verhaltens, weder pro noch contra Partei zu ergreifen, also sich weder durch überwältigende Zustimmung zur Verbrüderung hinreißen zu lassen, noch durch vermeintlich prinzipienstarke Ablehnung den starken Kerl herauszukehren. Neutral zu sein, als Zeichen des bestens balancierten Ausgleichs zwischen erkannter Abhängigkeit und Autonomiestreben, ermöglichte es den Schweizern, nicht nur deshalb eine Künstlerposition für bedeutend halten zu müssen, weil sie von den Gegnern des Künstlers bekämpft wird, und umgekehrt Künstlerwerke nicht schon deshalb für bedeutungslos zu halten, weil niemand gegen sie energisch einschreitet. Die Schweizer demonstrierten produktive Indifferenz; unter Avantgardisten ist das die Position Duchamps. (2) Die Vermeidung von Deklarationen der Zustimmung oder Ablehnung erzeugt allgemein den Eindruck von Unbestimmtheit. Dies ist die Voraussetzung für opportune Anpassung als Camouflage wie für die produktive Steigerung von Vieldeutigkeit und Vielwertigkeit, von Ambivalenz und Ambiguität. Wenn Neutralität nur durch die Balance zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit erreichbar ist, dann erlaubt es Unbestimmtheit, sich gegen jede Eindeutigkeit als Beschränkung des Möglichen zur Wehr zu setzen – erst recht gegen fundamentalistische Erzwingung von Eindeutigkeit. Mit derartigen Erzwingungsstrategien der rigiden Eindeutigkeit hatten die Schweizer mahnende Erfahrung gemacht, als ihre protestantischen Glaubensreformer sie mit ganz und gar eindeutigen Tugendgeboten terrorisierten. Da weiß man, was man an vermeintlich theologischer und philosophischer Unschärfe hat, nämlich Möglichkeiten zur Umgehung des tödlichen Ernstfalls, also zur Vermeidung von heroischer Dummheit; da nimmt man gern die kleinen Dummheiten in Kauf.

Anmerkungen
(1) Siehe Brock, Bazon 2002, S. 207-219.
(2) Siehe ebenda, S. 591

Analogiezauber, Bild: Panzersperre (Zementpolder à la Guisan), Zahn der Zeit (Tobleronebruch), Drachensaat (Max-Bill-Kunst). Ausstellung "Lustmarsch durchs Theoriegelände", Perforum-Seedamm Kulturzentrum, Pfäffikon (Schweiz), 2006; Lustmarsch, S. 67.
Analogiezauber, Bild: Panzersperre (Zementpolder à la Guisan), Zahn der Zeit (Tobleronebruch), Drachensaat (Max-Bill-Kunst). Ausstellung "Lustmarsch durchs Theoriegelände", Perforum-Seedamm Kulturzentrum, Pfäffikon (Schweiz), 2006; Lustmarsch, S. 67.
Attitüdenpassepartout: Wider die Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 68/69..
Attitüdenpassepartout: Wider die Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit, Bild: Lustmarsch, I.2, S. 68/69..