Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Seite 88 im Original
Seit 1968 hat Brock zahllose Besucherschulen angeboten. Zwei Gedanken sind maßgeblich: Wer eine Auswahl von Werken als kuratorische Leistung beurteilen soll, muß die Werke kennen, die der Kurator nicht in die Ausstellung aufgenommen hat. Eine Besucherschule repräsentiert in einer Ausstellung die nicht gezeigten Werke. Das ist keinesfalls paradox. Das Zeigen als Zeigen des Nichtgezeigten ist eine grundlegende Erkenntnisleistung für jedes Urteil über das Gezeigte. Mit den Besucherschulen folgt Bazon Brock auch dem naheliegenden Gedanken, daß die Zuschauer, Betrachter, Zuhörer, Patienten, Konsumenten, Wähler in gewissem Grade professionalisiert werden müssen, damit sie als Partner der Künstler überhaupt in Frage kommen ebenso wie als Partner der Ärzte, der Produzenten und der Politiker. Besucherschulen sind das Gegengewicht zu den künstlerischen Selbstverwirklichungsanleitungen in den Meisterklassen der Kunsthochschulen.
Die Wohnung ist für Menschen nicht nur eine Heimat oder ein Zuhause, sondern auch eine Bühne des inszenierten Lebens, ein Anschauungsfeld für die Realisierung der eigenen Biographie oder, wie es bei Carl Hentze heißt, ein „Weltort der Seele“. Das Modell Heimat übersetzen wir in eine ganze Reihe von Containments, in denen vielfältige Artefakte und Kunstwerke aus meinem Wuppertaler Wohnzimmer zu einer Inszenierung zusammengestellt sind. Da ich nicht die ganze Welt in mein Wohnzimmer einladen kann, trage ich es im Medium einer Ausstellungspräsentation hinaus in die Welt. (1) Interessante und auffällige Objekte sollen als Anlässe und Vorschläge für das Theoretisieren und für das sinnende Anschauen einer Lebens- und Ideengeschichte zu verstehen gegeben werden. Damit nehme ich die Idee zu einer Demonstration in der Stadthalle Hannover wieder auf: Im Juni '67 stellte ich dort die Wohnung des ortsansässigen „Film heute“-Redakteurs Werner Kließ aus. (2) So konnten die Leser seiner Artikel ihn gewissermaßen in seinem Zuhause besuchen, um Interesse an dem Zusammenhang zwischen seinem Wirken als öffentlicher Person und seiner Privatsphäre zu entwickeln. Das demonstrative Zusammentreffen des Privaten mit der Privatisierung des öffentlichen Raums kennen wir ansonsten leider nur als Besetzung von Straßen und Plätzen mit Bier- und Würstchenbuden, die spannende Themen eher vermissen läßt.
Themen werden erst dann wirklich interessant, wenn sie sich auf Probleme beziehen, die eine Vielzahl von Menschen berühren. Es sind gerade die prinzipiell nicht zu lösenden Probleme, die alle betreffen. Philosophen sind im Unterschied zu Ingenieuren und anderen auf Anwendungsbezug orientierten Tätertypen auf Probleme ausgerichtet, die sich grundsätzlich nicht lösen lassen – auch nicht durch das Schaffen neuer Probleme.
Im Theoriegelände zeigen wir den historischen Experimentalraum für die Selbstentfaltung der deutschen Heimatsucher. Bei dieser Versuchsanlage handelt es sich um die phantasiegetreue Simulation der Wohnung von Ludwig Derleth (1870-1948). Man findet in dieser Inszenierung ausgesuchte Einrichtungsgegenstände, wie zum Beispiel altarartige Aufbauten mit Heiligenfiguren und Kandelabern, eine Betbank, einen Diwan, einen Rundtisch mit gelb polierter Platte, auf der ein Adler eingebrannt ist, und eine Gipssäule mit Altardecke, auf der Brot und Wein präsentiert werden. An den Wänden, unter anderen Photographien, fällt bei einem Photographierten die zur Schau gestellte Pose und Mimik auf, die in unterschiedlichen Ausprägungen an berühmte Darstellungen Dantes, Goethes oder Wagners erinnern. Der Photographierte ist der Großdichter Stefan George, der seinen Bezugsgrößen entsprechend Wirkung zu erzielen versuchte. Sein geistiger Zögling, Ludwig Derleth, gestaltete am Karfreitag 1904 seine Dachkammer zu einem Versammlungsort um, an dem sich bei Kerzenlicht eine Schar von George-Jüngern und anderen persönlich eingeladenen Münchnern einfand. Auch der Schriftsteller Thomas Mann war unter den etwa zwölf extravaganten Geistesdienern, die zu Teilnehmern an einer feierlichen Séance wurden; heute würde man „Performance“ sagen. Mann schildert in seiner Novelle „Beim Propheten“ (1904) erinnerungsgenau, wie sich die effektvolle Einrichtung auf die Besucher auswirkte und was sich in der Bohèmebehausung des „Daniel Zur Höhe“ zutrug; so lautete karikaturhaft der Name Derleths später bei Thomas Mann. (3)
„Er liebte es, die Arme über der Brust zu kreuzen oder eine Hand napoleonisch im Busen zu bergen, und seine Dichterträume galten einer in blutigen Feldzügen dem reinen Geiste unterworfenen, von ihm in Schrecken und hohen Züchten gehaltenen Welt, wie er es in seinem, ich glaube, einzigen Werk, den schon vor dem Kriege auf Büttenpapier erschienenen ,Proklamationen̔, beschrieben hatte, einem lyrisch-rhetorischen Ausbruch schwelgerischen Terrorismus', dem man erhebliche Wortgewalt zugestehen mußte. Der Signatar dieser Proklamationen war eine Wesenheit namens christus imperator maximus, eine kommandierende Energie, die todbereite Truppen zur Unterwerfung des Erdballs warb, tagesbefehlartige Botschaften erließ, genießerisch-unerbittliche Bedingungen stipulierte, Armut und Keuschheit ausrief und sich nicht genugtun konnte in der hämmernden, mit der Faust aufgeschlagenen Forderung frag- und grenzenlosen Gehorsams. ,Soldaten!̔ schloß die Dichtung, ,ich überliefere euch zur Plünderung – die Welt!̔“ (4)
Das Ambiente dieser Wohnstätte eines Propheten schildert Thomas Mann wiederum im 34. Kapitel des „Doktor Faustus“. Meines Erachtens stellt dieser Roman die wichtigste und umfassendste Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der „Deutschen Ideologie“ dar. (5) Darin fungiert ein Komponist namens Adrian Leverkühn als Träger der deutschen Weltrettungsmission (à la Wagner und Schönberg). (6) Der Erzähler Serenus Zeitblom schreibt die Biographie Leverkühns während der Phase des Zweiten Weltkriegs, in der der Untergang Deutschascherns unabweislich sichtbar wird. Die Frage, die Thomas Mann dabei bewegt, lautete, ob mit der Zerstörung des deutschen Reiches auch jene bürgerliche Welt und die ihrer Künstler zwangsläufig mituntergehen wird, die das Schaffen Leverkühns bestimmte. Die Antworten versuchte Thomas Mann in Radioansprachen an die deutschen Hörer oder in Einflußnahmen auf amerikanische Politik wirksam werden zu lassen, das heißt auf die notwendig werdende Nachkriegspolitik der Alliierten, aber vor allem der USA auszurichten. So eindeutig er die Kontinuität der Entwicklung und Wirkung deutscher Ideologie aus dem Mittelalter über Luther, Grimmelshausen, die Faust-Mythologie, die schwarze Romantik eines E.T.A Hoffmann und Wagner bis zu den Konservativen Revolutionären bekannte, bestand er doch darauf, Lebensschicksal und künstlerische Arbeit Leverkühns nicht als bloße Illustration der Ideologiegeschichte zu präsentieren, sondern gleichzeitig als einen Versuch darzustellen, sich aus diesem weltanschaulichen Druck zu befreien. Kam er, so fragte man 1945, damit weiter als die Zeitgenossen der inneren Emigration, die sich einredeten, sie könnten den Teufel mit dem Beelzebub vertreiben?
Anmerkungen
(1) „Sein [Joseph Conrads] Werk ist wie ein möbliertes Zimmer, in dem sich Leser aus allen Zeiten zu Hause fühlen” in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Dezember 2007, Nr. 280, S. 36.
(2) Brock, Bazon: Bazon Brock, was machen Sie jetzt so? [Blaue Illustrierte]. Darmstadt 1968. Siehe auch Kapitel „Fininvest – Gott und Müll“.
(3) Mann, Thomas: „Beim Propheten.“ In: ders., Erzählungen. Frankfurt am Main 2005, S. 355 ff. Helmut Bauers Schwabing-Buch zeigt in einer Abbildung das Haus in der Destouchesstraße 1. Im Atelier im vierten Stock fanden die Treffen, Lesungen und Proklamationen der George-Schüler statt. In: Bauer, Helmut: Schwabing. Kunst und Leben um 1900. Münchner Stadtmuseum 1998, S. 66.
(4) Mann, Thomas: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde. 31. Aufl., Frankfurt am Main 1999, S. 483.
(5) Im 34. Kapitel des Romans wird die gesamte Ideologiegeschichte seit Albrecht Dürers Zeiten aufgerufen. Die Zahl 34 ist eine Anspielung auf das in Dürers „Melencholia“ dargestellte magische Zahlenquadrat: Ganz gleich, welche Zahlenreihe man in diesem Quadrat addiert, stets kommt 34 heraus. Das 34. Kapitel des Doktor Faustus weist im Kern eine außerordentlich beziehungsreiche Erschließung des Komplexes „Deutschaschern“ auf, wie Bazon Brock das Thomas Mann'sche „Kaisersaschern“ nennt, um mit dem Verlust jenes Kerngebiets des ottonischen Reiches auch den endgültigen Verlust der deutschen Reichsidee nach dem Zweiten Weltkrieg anzusprechen; Thomas Mann erschrieb den Doktor Faustus und dessen Heimatstadt Kaisersaschern in eben der Nachkriegszeit. Deutschaschern umreißt ungefähr die Zentrale des ottonischen Kernlandes, das sich um Magdeburg, Halle, Wernigerode und Quedlinburg bis ins thüringische Erfurt und Weimar erstreckte. In Erfurt steht rudimentär die älteste Synagoge des Kontinents, es ist also der Ort, an dem man Neu-Jerusalem gebaut hat was heute aktuell wird: Wenn die Juden in Palästina nicht mehr leben können sollten, weil sie durch die arabischen Kräfte überrannt werden, sind sie auf Europa zurückverwiesen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das neue Jerusalem wieder bei Erfurt liegen wird, wo die Synagoge schon einmal vor tausend Jahren Anlaß zur Spekulation über ein neues Zentrum der Heilsgeschichte als Weltgeschichte bot; siehe Brock, Barbar als Kulturheld, S. 342 ff.
(6) Arnold Schönberg hat den Antisemiten Wagner mit seinem Welterlösungsgetue, seinen Reichsgründer-, Eroberer- und Religionsstifterphantasien spiegelbildlich in seiner Kompositionslehre nachgebaut mit dem gravierenden Unterschied, ein derartiges Unternehmen als Jude zu wagen. Solange es um Musik, um die Bühne und das Theater geht, mag man das alles für interessant befinden. Sobald man es aber vom Theater auf den Königs- oder Heldenplatz überträgt, hört der Spaß der Kunst auf
Film · Erschienen: 01.01.2008
Ausstellung
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