Historiker als Lobbyisten der Toten
Im Mai 1987 teilte die UNESCO mit, dass von nun an mehr Menschen gleichzeitig auf Erden leben, als je bisher gelebt haben. An der Universität Wuppertal begingen wir in meinen Montagslesungen feierlich diesen wahrhaften Evolutionsbruch durch den Fortschritt der Medizin und der Insektizid- und Pestizidchemie.
Nur hundert Jahre zuvor hatte Conrad Ferdinand Meyer in seinem „Chor der Toten“ noch sagen können: „Wir Toten, wir Toten sind größere Heere als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere! Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten, ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten, und was wir vollendet und was wir begonnen, das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen …“
Die Toten sind also zur Minderheit geworden. Wie alle Minderheiten bedürfen sie der Fürsprecher, der Lobbyisten! Historiker sollten die Lobby der Toten sein!
Damit ist es jetzt ein für alle Mal vorbei. Der Triumphalismus der Lebenden fegt alles hinweg, was sie veranlassen könnte, ihren Egoismus einzuschränken – etwa in dem Gedanken, dass sie jetzt die Toten von morgen sind. Gegen diese Selbstauslöschung mit pseudohumanen Begründungen kommen auch die wenigen rechtschaffenen Historiker als Lobbyisten der Toten nicht an. Denn auch für diese Professoren sind die Toten im wesentlichen Karriereargument, also schiere Begründung der tendenziell alles Geschichtliche auslöschenden Macht der Lebenden. Ob die mit der Vertretung der Minderheit der Toten beauftragten Institutionen der Kunst- und Kulturgeschichten, die das Bürgertum einst etablierte, noch lange standhalten können, ist ungewiss.
Totenhochhäuser
Konzept, 1973
Der Nutzungswandel der Friedhöfe und die in der herkömmlichen Weise nicht mehr bewältigbare Anzahl von Toten sollte nicht nur dazu führen, neue Friedhofsformen zu finden, die den Gegebenheiten einer Massengesellschaft Rechnung tragen. Vielmehr muß die Totenkultur insgesamt eine neue Funktion gewinnen. Ansätze zu neuen Friedhofsformen wurden beispielsweise so geboten, wie Nanda Vigo sie beschrieb: Als Friedhofshochhäuser inmitten der Metropolen.
Mein Vorschlag wäre, Nandas Totenhochhäuser in den Metropolen zu bauen, aber mit einer entscheidenden Erweiterung zu versehen. Unter Verwendung der zeitgemäßen Datenverarbeitungsanlagen und der an sie anschließbaren Medien sollte den einzelnen Bürgern Gelegenheit geboten werden, das eigene Leben fortgesetzt zu dokumentieren und zu interpretieren, das heißt, langsam seine eigene Biographie im Hinblick darauf, wie ihn andere sehen sollten, zu entwickeln. Das hätte unter der Voraussetzung zu geschehen, daß diese audiovisuellen Denkmäler von jedermann einsehbar wären und demzufolge auch von jedermann als beispielhafte Vorlagen für die eigene Monumentalisierung genutzt werden könnten. Die Folge dieser Transzendierung des eigenen Lebens wäre eben die Veränderung der Lebensführung und der Nutzung des Lebens.
Zudem könnte in dieser Totenheimat wieder eine Vielzahl von Künstlern eine neue Berufsrolle finden, indem sie als Trainer für den Aufbau bzw. die Rekonstruktion und die beispielhafte Nutzung von Biographien sich den ungeübten Bürgern anbieten.
Aus: Ein Friedhof senkrecht in den Himmel (1973). In: ÄV, S. 785.
Veröffentlichung der Abwesenden
Aktion, Bologna 1966
Vergegenwärtigung der Abwesenden am Rathaus zu Bologna. Nicht Namen in goldenen Lettern, sondern die zugewandten Gesichter der Lebenden, die versichern, noch immer da zu sein.
1966 in Frankfurt, 1967 in Bern habe ich meinem Theaterpublikum diejenigen Menschen in ähnlicher Weise vorgestellt, die in meinem Gedächtnis leben.
Aus: ÄV, 1977, S. 782.
Ein anderes Beispiel für ein Gegenwärtig halten der Toten bot ein japanischer Admiral, der über Jahrzehnte täglich acht Stunden lang öffentlich die Namen der unter seinem Kommando gefallenen Soldaten repetierte.
Siehe: Ein Friedhof senkrecht in den Himmel (1973). In: ÄV, S. 782.
Wir warten auf den Tod von
„Wir warten auf den Tod von“, Donnerstagsmanifest & Aktion mit Hermann Goepfert auf der Frankfurter Hauptwache, 1962
Solange ich hier bin, stirbt keiner
Aktion „Theater der Position – eine dramatisierte Illustrierte“ auf der Experimenta 1, Frankfurt a. M. 1966
Das Foto dokumentiert einen Vorgang im Publikum während der Aufführung der ‚Dramatisierten Illustrierten’. Der Zuschauer Claus Bremer testet die Aussagenangebote des Autors Bazon Brock, indem er eine wahrscheinlich durch die Vorführung hervor gerufene Kreislaufschwäche von dem im Stück agierenden Arzt kontrollieren läßt. Der Doktor nämlich hatte dem Publikum im Vorführungsverlauf den vom Autor vorgeschriebenen Satz „Solange ich hier bin, stirbt keiner“ offeriert.
Eine solche Autorenaussage ist im üblichen Theatergeschehen wenig wirklichkeitshaltig, wenn die Arztrolle von einem Schauspieler präsentiert wird. Dieser Arzt indes war ‚echt‘.
Ohne Frage ist die jüngere Entwicklung davon bestimmt, den Wirklichkeitsanspruch von Theater auszuweiten. Aber die bisherigen Versuche in dieser Absicht bleiben halbherzig, solange nicht die Rollenträger des Alltagslebens Theater spielen. Ich habe deshalb für mich entschieden, im und durch das Theater nur noch abzuhandeln, was ich als Einzelner nach Interesse, Kenntnis und Mitteilungsvermögen selber voll und ganz zu repräsentieren vermag.
Ein Shakespeare der Gegenwart zu werden, hieße, anstelle literarischer Fiktionen das Alltagsleben auf die Bühne zu bringen, allerdings nicht, um vom Dichter vorgegebene Rollen ausfüllen zu lassen. Jeder Aktivist hätte sich seine Rolle selber zu schreiben – wie er das im realen Leben auch tun muß. Wo wäre da der Unterschied von Theater und Alltagsleben? Er läge im Grad der Öffentlichkeit. Eine Vorstandssitzung, vor den Augen des Publikums absolviert, hätte garantiert andere Resultate als die heute von solchen Gremien verlautbarten.
Aus: ÄV, 1977, S. 675 ff.
Der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.
Literaturblech, theoretisches Objekt, 1967
Ein 18jähriger ist subjektiv so wenig bereit zu sterben wie ein 80jähriger – es geht nicht um den Tod durch Tötung. Es geht um die scheinbare Naturnotwendigkeit, daß wir alle sterben müssen.
Müssen wir sterben? Wer einen Arm gebrochen hat, eilt zum Arzt, der die durch Anwendung des „Kraft mal Kraftarm = Last mal Lastarm“-Gesetzes produzierte Kalamität repariert. Der Arzt, der einen gebrochenen Arm heilt, hebt ein Naturgesetz auf. Er schafft es nicht ab, es gilt weiter; aber er hebt es auf durch die Kenntnis der Resultate gesellschaftlicher Arbeit, der Medizin. Alle Naturdeterminationen sind von der gleichen Qualität. Das den Leuten beizubringen, ist unser Ziel. Denn dann werden die endlich darauf dringen, daß der Tod nicht mehr als eine unumgängliche Notwendigkeit angesehen werden darf. Und sie werden sich
dafür einsetzen, daß endlich die gesellschaftlichen Arbeitsanstrengungen zur Abschaffung des Todes verwandt werden.
Aus: ÄV, 1977, S. 799.
Einübung ins Kommende
Frankfurt a. M. 1966 (mit Rochus Kowallek)
Meine Tante liest jeden Tag zuerst die Todesanzeigen in den Zeitungen, weil sie sich so die Vergewisserung beschafft, selber noch am Leben zu sein. Daran ist Richtigkeit, sagt Canetti. Den anderen tot zu sehen, verschafft Triumphrausch den Überlebenden.
Das Sterbehaus
Konzept, 1982
Wie jeder zitternde Zeitgenosse verfalle auch ich von Zeit zu Zeit dem Wunsche, meinem irdischen Dasein in einem selbst aufgeschütteten Haufen Ziegelsteine verbindlichen Halt zu geben. Als Intellektueller ist man sich für derartig haltlose Wünsche Rechenschaft schuldig. Zwei Möglichkeiten scheinen mir vertretbar:
I.
Eine für den Nutzer leistungsfähige Architektur hat uns jederzeit der Tatsache zu vergewissern, daß Anschauung und Begriff, Zeichen und Bezeichnetes, Konzept und Vergegenständlichung niemals als Verhältnis von Plan und Ausführung verstanden werden dürfen. Alles Menschenwerk ist nur im Hinblick auf die Differenz von Anschauung und Begriff rechtfertigbar; sie wurde seit der Antike im Architekturcharakter der Ruine ausgedrückt.
Also sollte mein Traumhaus, damit es den Charakter eines Traumes bewahren kann, eine Ruine sein.
Mein lebensgeschichtlicher Hintergrund zwingt mir zwei entscheidende Elemente dieser ruinösen Architektur eines richtig verstandenen Traumes auf:
- die Baracke als Behelfsbau auf Widerruf, ständige Eingriffe und Veränderungen herausfordernd;
- den antiken Tempel als Beispiel für die ohnmächtigen, aber dennoch unabweisbaren Versuche, dem Chaos des Lebens geschlossene Gedankensysteme entgegenzusetzen; also den Zufälligkeiten und Beliebigkeiten der Historie dadurch zu entgehen, daß man sie unter dem Gesichtspunkt betrachtet, was im Wechsel der Zeiten konstant blieb.
Also wäre mein Traumhaus eine Baracke mit Säulen, natürlich der dorischen Ordnung. Sollten meine künstlerische Begabung und meine philosophische Befähigung zur Systematisierung nicht ausreichen, um diese Ruine als Baracke mit Säulen in irgendeiner Form dingfest zu machen, dann will ich mich mit dem Traum bescheiden, den ich von meinem Hause hege.
II.
Ich würde mich allenfalls, das ist die zweite Möglichkeit für mein Traumhaus, einer historischen Rekonstruktion meiner Probleme unterwerfen – soweit ich sie als die Probleme anderer, historisch Früherer zu erkennen glaube. Beispielsweise als die Probleme von Domitian oder Hadrian.
Mein Traumhaus entstünde in einem strengen Exerzitium der historischen Differenz, der prinzipiellen Uneinholbarkeit der Geschichte; ein Exerzitium, zu dem der durchschnittspostmoderne Architekt nicht fähig ist, soweit er die Polyvalenz historischer Architektursprachen behauptet und über sie frei verfügen zu können glaubt.
Mein Traumhaus bestünde dann in der Rekonstruktion einer jener Villen auf dem Palatin, die Domitian als Vergegenständlichungen des 3. und 4. pompejanischen Stils verstand. Was vor allem der 3. Stil an den Innenwänden der Villen in Pompeji als bloße bildliche Vorstellung der Phantasie ihrer Bewohner anheim stellte, ließ Domitian mit einer heute ganz gut verstehbaren Radikalität als Bauten in römischen Ziegeln und griechischem Marmor aufrichten und verwandelte so die Bewohner dieser Bauten in Mitglieder jenes Geisterreiches, das seit Hadrian den Namen Tivoli (zeitgenössisch Disneyland) trägt.
Dieses Traumhaus wäre eine Verwandlungsmaschine aus unbewegten, aber den Bewohner unablässig bewegenden Versatzstücken der historischen Imagination; eine Ewigkeitsmaschine, die es mir ermöglichen könnte, die Omnipotenzphantasien der Kindheit nun auszu leben: Auch Steine und Marmor seien nur Geist.
Wenn es auch zu dieser Unterwerfung unter die eigenen Träume nicht kommt (und ich weiß nicht, ob ich das wünschen oder fürchten sollte), dann bliebe mir eine Perspektive, deren Verbindlichkeit allerdings kaum von mir abhängen dürfte.
Ich wünsche mir, in mein Traumhaus erst in den Tagen des Sterbens einzuziehen und mich bis dahin nicht mehr mit der Frage zu beschäftigen, ob ich mein Traumhaus bauen sollte.
In jenen Tagen des erwartbaren Todes wünsche ich, aus meiner Mitgliedschaft beim ADAC zum ersten Mal Nutzen zu ziehen; also mit den unbewegten Bewegern des Flugrettungsdienstes nach Pisa gebracht zu werden; in der Kathedrale, im Mittelschiff, auf der Höhe des vierten Jochs, mit Blickrichtung auf die Apsis sterben zu dürfen.
Das Haus steht, aber der Traum bleibt, das ist eine für mich akzeptable Auffassung von Architektur.
Aus: ÄU, S. 286 f.