Aktion Pfingstpredigt
Aktionstheater, aufgeführt im Rahmen der Experimenta 4
Die 'Pfingstpredigt' war Kern eines Action-Teaching des pfingstgrünen Philosophen Bazon Brock anlässlich der EXPERIMENTA 4, im Sommer 1971, vor dem Hintergrund eines fahrbaren Landschaftswagens (locus amoenus) auf der Hauptwache in Frankfurt am Main. Das genaue Datum konnte nicht ermittelt werden.
Der Text wurde aufgenommen in den Band von Karlheinz BRAUN und Peter IDEN (Hrsg.): 'Neues Deutsches Theater', Diogenes-Verlag, 1971.
An diesen Gedanken schließt der Essay 'Karfreitag – Freudentag der Philosophen', seit 1973 in mehreren Fassungen vorliegend, an.
Über das Action-Teaching schreibt Timo Frasch am 12.6.2021 im Magazin der FAZ (Frankfurter Allegmeine Zeitung):
„Das Wetter an Pfingsten 1971 soll herrlich gewesen sein, als Bazon Brock, Philosoph und eine zentrale Figur der deutschen Avantgarde-Kunst, einen Wagen, auf dem ein arkadisches Idyll samt deutscher Eiche montiert war, zu Fuß durch die Frankfurter Innenstadt zog. Stundenlang ging das so. bis der Philosoph am Steinweg zum Stehen kam und sodann, im Rahmen des Theaterfestivals Experimenta, eine „Pfingstpredigt“ hielt. Was hat er sich dabei gedacht?
Am Telefon erklärt er es so. Es habe sich um eine Mischung gehandelt aus theatralischer Praxis, Alltags-Ästhetik – gemeint sind hier etwa die Marktschreier, die den neuesten Kartoffelschäler anpreisen – und Achtundsechziger-Protestformen. Von diesen stammten viele aus der Kunst. Die Künstler wiederum waren die Erben von Ritualen, von denen sich die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgewandt hatte – über Jahrhunderte bewahrte Formen der Zusammenhänge von Monstranz und Demonstranz. Monstranz. Ich mache etwas mir Wichtiges sichtbar, obwohl es selbst unsichtbar ist. Demonstranz: Ich gehe hinter der Monstranz her und bezeuge so, dass das, was da als angeblich Allerheiligstes hochgehalten wird, tatsächlich allerheiligst ist.
Im Motiv der Pfingstpredigt kommt beides zusammen. Eine Menge bezeugt durch ihre Ergriffenheit, dass der Heilige Geist mit der ihm zugeschriebenen Kraft wirklich existiert. In der Geschichte gab es derlei unzählige Male. Eine kollektive Hingabe an eine Botschaft wird erst provoziert und dann als Beweis für die Richtigkeit oder Bedeutsamkeit der Botschaft interpretiert. Das ist Massenpsychologie – und mithin gerade kein Beweis für Richtigkeit oder Bedeutsamkeit.
Bazon Brock übersetzte 1971 die Pfingstpredigt, die einst Paulus gegen das ekstatische, aber bewusstlose Zungenreden gehalten hatte, ins zwanzigste Jahrhundert, das Jahrhundert der totalitären Verführungen. In einem ersten Schritt ging es ihm darum, aus den gleichgültigen oder ungläubigen Umstehenden Interessierte zu machen, die sich für das, was er zu sagen haue, begeistern lassen Oder, wie Brock sagt: aus Saulussen Paulusse zu machen. Aber dabei durfte es eben nicht bleiben. Aufklärung über die Verführbarkeit von Menschen bedeutet nämlich, die begeisterten Paulusse wieder in Saulusse zurück zu verwandeln. Denn, so sagt der Philosoph Brock, erst wenn ich hinreichend in der Lage bin zu zweifeln, weiß ich, was Glaube bedeutet. Erst wenn ich fähig bin zu kritisieren, anzuerkennen, dass eine Aussage kritikwürdig ist, weiß ich überhaupt, was an der Aussage dran ist. Alles andere sei bestellte Lobhudelei. Pathos, das nichts kostet.
Brock warf auf seinem Wagen unter der deutschen Eiche und unter den Augen von Jürgen Habermas also die Frage auf, wie man nach Nationalsozialismus und Stalinismus, nach den Erfahrungen von totalitären Indoktrinationen, überhaupt noch auf einer Bühne etwas vertreten könne. Er machte auf eine Gefahr aufmerksam, der jeder Rhetor sich aussetzt: dass er bei den Zuhörern etwas bewirkt, was gegen seine Absicht ist. Der Rhetor will zum Beispiel eine Lanze für die Freiheit brechen durch einen flammenden Appell und fördert gerade durch das Flammende des Appells die Bereitschaft zum Enthusiasmus des Kollektivs und zur Unterwerfung: dem Gegenteil von Freiheit. Die von der Pfingstpredigt aufgeworfenen Fragen sind auch die Fragen der Künstler. Diese wollen überzeugen, ja sie wollen sogar Applaus, aber sie merken, in dem Maße, wie sie ihn bekommen, dass sie eigentlich alles verlieren, was ihnen wichtig war.
Bazon Brock war seinerzeit mit seinem Publikum zufrieden. Die Leute hätten angemessen reagiert, erinnert er sich. Sie hätten nicht nur gesagt, oh, diese Performer, diese Künstler, diese Action-Teacher, das ist ja ganz interessant, was die da so rummachen und rumtanzen. Die Leute hatten vielmehr ernsthaft zugestanden, dass man mit seiner Methode ein Thema vorführen könne. Selbst Habermas habe gesagt: Zuhören muss man ihnen ja.“ Timo Frasch