Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

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II.7 Mehr Scheinen als Seinen

Text

Friedrich Nietzsche entdeckte, daß dem preußischen Wahlspruch „Mehr Seyn als Scheinen“ erst entsprochen werden kann, wenn man mehr zu sein scheint, als man ist. Logo! Unsere Schinkel’sche Wand verweist auf das Prinzip der Entwicklung ästhetischen Scheins als Kompensation von Defiziten. Preußen war anfänglich ein äußerst ärmliches Land, das sich für seine repräsentativen Bauten kein teures Baumaterial leisten konnte. Preußen, besser gesagt, die Streusandbüchse Brandenburg, war eine Wüste, die Sumpfinseln umschloß. Man lebte wie die Wüstenvölker in realer Konfrontation mit dem Nichts und mußte seinen Gott mit ähnlich radikaler Strenge behaupten wie das Volk Mose. Trotz allen rigiden Vorgehens gegen Gemütsweichheit, katholische Bilderseligkeit und das Blendwerk der Verzierungen offenbarte sich Gott nicht. Kein Wunder, daß man deshalb Gott als Preußen imaginieren mußte, weswegen es selbst den Intelligentesten nicht schwerfiel, die Könige als von Gottes Gnaden eingesetzt zu akzeptieren. Der vom König eingesetzte Generalbaumeister Schinkel entwickelte ein bis heute beispielhaftes Verfahren des Fakens, um den Mangel an Geld und damit an kostbarem Baumaterial zu kompensieren. Schinkel leistete Unglaubliches, nicht durch Vorspiegelung von Echtheit, sondern durch Ausstellung des Echten im Falschen, nämlich der Form- und Gestaltprägnanz noch im billigsten Material, das dadurch eine andere Anmutung erhält. Allein durch geschickte Setzen von Fugen und die Proportion der durch die Fugungen vermeintlich sichtbar gemachten Steinplatten vermag Schinkel den Anschein zu erwecken, als ob sie, wie bei den reichsten Bauherren der Welt, aus den angesehensten Steinbrüchen angeliefert worden seien.

Wir verbinden unsere Schinkel-Wand mit der Ikonographie des Mars-Tempels, die besagt, daß die römischen Bürger Krieg zu erwarten hatten, wenn sich die Tempeltür öffnete, hingegen Frieden herrschte, wenn sie geschlossen war. Unsere gemalte Türsimulation entwickelt insofern den Trompe-l’œil-Effekt, als keinesfalls eindeutig zu entscheiden ist, ob die Tür geschlossen oder geöffnet wird. Ist das nicht eine sinnfällige und deshalb kritikwürdige Darstellung der erzpreußischen Philosophie des geradezu vergötterten Strategen Clausewitz, der ein für allemal feststellte, Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln und damit Politik zu treiben eine Kriegshandlung? Weshalb vornehmlich militärisch ausgebildete Herren in Preußen für die Politik prädestiniert erschienen. Selbst ein Bismarck trat am liebsten in Militäruniform auf, obwohl er weiß Gott höhere und andere Qualifikationen unter Beweis gestellt hatte als seine Bewährung im Militärwesen.

Medien

Um mehr zu sein, als man scheint, muß man mehr scheinen., Bild: Ausstellung "Lustmarsch durchs Theoriegelände - Musealisiert Euch!", ZKM Karlsruhe 2006; Lustmarsch, II.7, S. 226 (ähnliches Bild) © Jürg Steiner.