Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 201 im Original — direkt zum Text ↓

II.6 „Vergleiche Dich! Erkenne, was Du bist!“ (10)

Text

Unsere Vitrine konfrontiert eine Skulptur des hellenistischen Künstlers Skopas (die Göttin der Medizin Hygieia, ca. 320 v. Chr.) mit einer kubo-expressionistischen Bronzeskulptur von William Wauer, die den Rezitator Rudolf Blümner darstellt (1918); diese wiederum wird mit einer afrikanischen Ritualmaske in Beziehung gesetzt. Solche Modelle der Konstellationsbildung sind weltweit gängiger Standard in Museen, seitdem sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß der Wert der Artefakte tatsächlich ausschließlich durch den wechselseitigen Vergleich festzustellen ist. Alle Kulturgüter werden nach Kriterien beurteilt, die auf ihrer Verschiedenheit beruhen. Will man eine Kultur kennenlernen, so ist man gezwungen, aus dem Vergleich mit anderen Kulturen die entsprechenden Kriterien der Bewertung zu entwickeln. Wenn der Louvre in unmittelbarer räumlicher Nähe griechische und afrikanische Plastiken präsentiert und parallel dazu an die römischen, die etruskischen, die ägyptischen Leistungen der Skulptur erinnert, wird ganz auf Erkenntnis durch Vergleich abgehoben. Denn gerade die Verschiedenheit der Kulturen macht ihren je spezifischen Wert aus. Um unterschiedliche Kulturen durch Vergleich beurteilen zu können, muß das Verständnis von kultureller Produktion insgesamt zu einer Art von Konstellation werden, die vergegenwärtigt, was Menschen als Produzenten von Artefakten und Sozialkörpern geistig wie materiell leisten können. Das Denken in Konstellationen macht also Kriterien der Unterscheidung als Kriterien des Vergleichs anschaulich. Das entspricht einem alten Grundsatz der Philosophie, demzufolge die Dinge sich im Blick auf ihre Gleichheit unterscheiden lassen und durch ihre Unterschiedenheit vergleichbar sind. Wie nötig wir auch heute noch die Erinnerung an diesen Grundsatz haben, beweist die tägliche Ermahnung, man könne doch nicht Äpfel und Birnen oder die Wirkungsfolgen Hitlers mit denen von Stalin und Mao vergleichen. Erst durch den Vergleich ließe sich ja gewährleisten, zwischen den angeblich unvergleichlichen Dingen zu unterscheiden; offenbar fürchtet man den Vergleich als Gleichsetzung. Aber jeder Vergleich erfüllt sich ja erst in der Unterscheidung, wenn auch jede Unterscheidung Gleichheit, nämlich der Fragen an die in Beziehung gesetzten Sachverhalte, voraussetzt.

Indem man Konstellationen aufbaut, die mit einem bestimmten Übersetzungsmechanismus (z.B. der Gestaltanalogie) verbunden sind, nähert man sich dem an, was gewöhnlich Metapher genannt wird. Metaphorisierung ist eine Übertragung aus einem geistigen in einen anschaulichen Bereich, aus einer Anschauung in einen Verhaltensbereich und aus diesem wiederum in einen psychischen Bereich. Metaphorisierung bezeichnet also das ständige Wechseln der Bezugsebenen. (11) Die wichtigste aller sprachlich-gedanklichen Operationen ist die Übertragung aus einem Status in einen anderen, aus einer Zeitform in eine andere, aus der Mikrosphäre in die Makrosphäre oder eben aus einer Kultur in die andere. Metaphorisierung ermöglicht uns, die strukturellen Analogien und funktionalen Äquivalenzen zwischen beiden Sphären zu erkennen (Niklas Luhmann).

Eine der in unserer Museumsvitrine angesprochenen Konstellationen lesen wir als Metapher für eine Reihe historischer Entwicklungen oder, wie es im Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts heißt, von „Bewegungen“. Mögen die präsentierten Gegenstände auf den ersten Blick noch so banal aussehen und zum Teil in jedem Kaufhaus erhältlich sein, sie evozieren doch in ihrer Zuordnung große historische Zusammenhänge. In einem Kompartment der Vitrine bilden drei banale Objekte aus bemaltem Ton oder Gips eine Konstellation zur Musealisierung von Kulturkämpfen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: ein Elefant, eine geballte Faust und eine Figurengruppe „Herr und Hund“. Bei hinreichendem Interesse lassen sich die Objekte anhand von Lexika der Ikonographie zum einen als Bismarck mit seiner Dogge identifizieren, zum anderen als die geballte Faust der seit der Bismarck-Zeit wirksamen Arbeiterbewegung und der Elefant als Schauattraktion in den zur selben Zeit entwickelten neuen Konzepten von Zoologischen Gärten, deren bedeutendstes vom legendären Karl Hagenbeck stammt.

Als Konstellation verstanden, heißt das also: Hagenbeck musealisierte die Natur durch den Aufbau seines Zookonzepts. August Bebel musealisierte zur gleichen Zeit die aggressive soziale Bewegung der Arbeiter durch Anschluß an die Partei der Sozialdemokraten. Und Bismarck musealisierte den Kulturkampf mit Rom wie die Machtkämpfe der europäischen Staaten durch Aufbau von komplexen Rückversicherungsverträgen. Er vergaß allerdings, der Öffentlichkeit mitzuteilen, wie die Verknüpfungskriterien lauteten – wozu jedes Museum seiner Bestimmung nach verpflichtet ist –, weshalb nach seiner Entlassung durch den Autokraten Wilhelm II. kaum jemand die von ihm geschaffene Konstellation durchschaute. Der Gründer des Zweiten Deutschen Reiches setzte in Reaktion auf die reformerische Bedrohung durch die Sozialdemokratie die Sozialgesetzgebung als innenpolitische Pazifizierungsstrategie durch. So gesehen, vertrat Bismarck die Musealisierung und damit die Zivilisierung der Politik, was sich ebenfalls im Verhältnis zu den europäischen Großmächten durch die Begünstigung einer „balance of powers“ ablesen läßt. In einem engmaschig gezogenen Netz vertraglicher Bindungen und Allianzen unter den auf imperialistische Durchsetzung drängenden Nationalstaaten sah er eine grundsätzliche Chance, wenn nicht zur Vermeidung, dann zumindest zur Zivilisierung kriegerischer Konflikte, die sich im Inneren der deutschen Nation als Kulturkampf abzeichneten. (12)

Auf die Bismarck-Zeit als kulturhistorisch wie zivilisationstheoretisch bedeutsame Zeit beziehen sich die drei Objekte der Konstellation in einer Art experimenteller Geschichtsschreibung. (13) Was Hagenbeck anbelangt, habe ich ein solches Experiment persönlich angestellt, indem ich 1963 den Frankfurter Zooleiter Grzimek, den ersten „Fernseh-Noah“, Naturschützer des TV-Zeitalters, aufforderte, mich als Angehörigen einer gefährdeten Art in die Gruppe der Primaten in seinem Zoo aufzunehmen. Grzimek hat die Rote Liste der Gefährdung von Tierarten und Spezies in Attraktionshierarchien für seinen Zoo übersetzt. Damals entstand der Gedanke, daß man gewisse Arten von Tieren nur noch im Zoo vor dem Aussterben bewahren könne, um sie günstigstenfalls nach erfolgter Vermehrung auszuwildern. Durch meine Aufnahme unter die Primaten der Schauanlage des Frankfurter Zoos wollte ich dessen Besucher anregen, sich selbst nach den Wertigkeitskriterien zu beurteilen, die Grzimek aufgestellt hatte. Mir verweigerte er ein Leben als Schausteller des Menschen im Bewußtsein seines Endes – ich wurde trotz bescheidenster Ansprüche nicht in den Zoo aufgenommen. Aber vierzig Jahre nach meinem gescheiterten Antrag beschloß der Londoner Zoo, einer Gruppe von Homoniden der Art homo sapiens sapiens neben den Menschenaffen Asyl zu bieten (wahrscheinlich hatten die Zuständigen Sloterdijks „Regeln für den Menschenpark“ von 1999 gelesen und verstanden, daß Konzepte des Humanismus immer schon an die Erkenntnis gebunden waren, die Menschen wie alle Lebewesen als Entfaltungen ein und derselben Naturevolution zu verstehen).

Unter den Verweisen auf experimentelle Geschichtsschreibung, die unsere Vitrinenkonstellation bietet, heben wir einen weiteren hervor, wozu die in einem anderen Kompartment gezeigte Versammlung von Hunden als ersten Domestikationsfolgen anhält. Denn Bismarck wird ja vor allem auch durch sein Assistenztier identifiziert, wie man etwa Zeus am Adler erkennt, der in seinen Fängen die Blitze des zürnenden Gottes bereithält. Anfang der 1980er Jahre entwickelten die Redakteure der Wilden Akademie Berlin und der Zeitschrift für Verkehrswissenschaft „Tumult“, Ulrich Raulff und Ulrich Giersch, mit einigen Experimentatoren eine kynologische Versuchsreihe. Nach den bekannten Zuordnungen von Politikern und Denkern zu den Eigenschaften ihrer Hunde (Hitler und Schäferhund Blondie, Mephistopheles / Schopenhauer und Pudel, Kaiser Wilhelm II. und Dackel, Thomas Mann und Mischrassen, Königin Elizabeth und Corgies, Blinde und Golden Retriever, Bergführer und Bernhardiner ...) sollten entsprechende tierische Naturen als Assistenztiere für Chruschtschow, Chomeini, Heidegger, Celan, Kanzler Schmidt, Carl Schmitt, Goebbels und ähnliche Kaliber gezüchtet werden. Über die historische Formel der Funktionstüchtigkeit „domini canes“, also der Dominikaner, sind wir nicht hinausgekommen. Herr und Hund, Hund und Heil, Hüten und Hegen sind so großartig bereits historisch ausgeprägt, daß keine Phantasie selbst eines wildgewordenen Zuchtmeisters dagegen ankommt. Schon gar nicht gegen den Eisernen Kanzler mit seinem Respekt einfordernden butcher’s dog.

Die drei mit einfachen Zeichengebungen in unserer Museumsvitrine repräsentierten Bewegungen haben sich als beispielhaft und richtungweisend für die Bemühungen um eine Zivilisierung der Kulturen erwiesen. Zugleich sieht man, daß stimmige Konstellationen die Entwicklung von Gedanken durch Metaphorisierungen ermöglichen, die von der Geschichte der Zivilisierung der Kulturen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzählen: mit Hagenbeck von der Naturbeherrschung und dem Imperialismus, mit Bebel von der Arbeiter- und Sozialbewegung und dem Kampf um soziale Standards, mit Bismarck von dem herrschenden System diplomatischer, bürokratischer und letztlich auch militärischer Macht und der Durchsetzung des Verhältnisses von Idee und Wirklichkeit in der Regierungskunst. Regierung heißt stets, zwischen den Wünschen der Menschen und den politischen, sozialen und ökonomischen Realitäten zu vermitteln. Sich selbst regieren ist auf die gleiche Weise ein Weltregieren, stellt Thomas Manns Held Hans Castorp auf dem „Zauberberg“ fest. In diesem Begriff sind Formen des Abseits-Sitzens und des stillen Überdenkens, also des Museumsverhaltens angelegt. Sich selbst regieren ist der Versuch, einen entscheidenden Einfluß auf das eigene Verhalten zu entwickeln, bis hin zur Rückübertragung dieses Modells auf die Gesellschaft.

Die in der Museumsvitrine platzierten Konstellationen verweisen auf die wichtige Aufgabe, die Gewalttätigkeiten des kulturellen Identitätswahns durch die Kraft der Metapher aufzubrechen. Wer Fundamentalisten zivilisieren will, muß ihnen einen metaphorischen Sprachgebrauch nahelegen. Sie müssen in die Lage versetzt werden, Übertragungsleistungen zwischen verschiedenen Ebenen zu akzeptieren, damit an die Stelle der gotteseifrigen Kulturmissionen das Konzept zivilisierender Transmissionen treten kann.

Anmerkungen

(10) Siehe Torquato Tasso von J. W. v. Goethe, Fünfter Aufzug, Fünfter Auftritt.
(11) Siehe die „Süddeutsche Zeitung“ vom 8. Januar 2008, Beitrag von Joseph Weizenbaum (MIT) u.a. zur Metaphorisierung in den Wissenschaften: „Metaphern und Analogien bringen, indem sie disparate Kontexte zusammenfügen, neue Einsichten hervor. Fast all unser Wissen, einschließlich des wissenschaftlichen, ist metaphorisch. Deswegen auch nicht absolut.“
(12) Brock, Barbar als Kulturheld, S. 287 f.
(13) Zur Musealisierung als einer Form der experimentellen Geschichtsschreibung siehe Brock, Bazon: „Das Zeughaus. Diesseits – Jenseits – Abseits. Die Sammlung als Basislager für Expeditionen in die Zeitgenossenschaft.“ In: ders., ebd., S. 721 ff.

Medien

Skopas und El Lissitzky – Gesundheit, soziale Fürsorge, Leibesübungen – GeSoLei, Düsseldorf 1926., Bild: Lustmarsch, II.6, S. 201 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Rudolf Blümner von William Wauer (1918): Lieutnantskasinoton rettete er in die expressionistische Lyrik, Bild: Lustmarsch, II.6, S. 201 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Afrikanische Ritualmaske: Bild im Kult keine Kunst, Bild: Lustmarsch, II.6, S. 201 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Objekte aus der Museumsvitrine I, Bild: Lustmarsch, II.6, S. 202 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Objekte aus der Museumsvitrine II, Bild: Lustmarsch, II.6, S. 202 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Objekte aus der Museumsvitrine III, Bild: Lustmarsch, II.6, S. 202 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Hagenbeck, Bebel, Bismarck, Bild: Lustmarsch, II.6, S. 203 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Angewandtes Konstellationsdenken: Assistenztiere deutscher Führergestalten, Bild: Lustmarsch, II.6, S. 204 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Musealisierung der Natur, der Arbeiterbewegung und der Politik, Bild: Lustmarsch, II.6, S. 207; Illustration: Stefan Reimering.