Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Abschnitt, beginnend auf Seite 152 im Original — direkt zum Text ↓
In zahlreichen Ausstellungen, Büchern, Filmen und action teachings hat Bazon Brock das Forum Germanum – „das Troja unseres Lebens zwischen Landwehrkanal, Anhalter Bahnhof, Kochstraße, Wilhelmstraße, Askanischem Platz“ – durchforscht, Quadratmeter für Quadratmeter. (1) Zunächst anhand Nietzsches Anleitung: „Ehrwürdig und heilbringend wird der Deutsche erst dann den Nationen erscheinen, wenn er gezeigt hat, daß er furchtbar ist und es doch durch Anspannung seiner höchsten und edelsten Kunst und Kulturkräfte vergessen machen will, daß er furchtbar war.“ Diese Ehrwürde und Heilsbringung können wir nicht mehr reklamieren. Dann fordern wir doch besser mit Axel Springer, der sein Direktorenzimmer über dem Grundriss der Apsis der schwer zerbombten Jerusalem-Kirche errichtete, man sollte einen Post-Zionismus doch einmal mit Mendelssohn versuchen, nachdem der Prä-Zionismus mit Wagner und Herzl zur problematischen Form geworden sei.
Im Anschluß an meinen 1981 in Berlin ausgesteckten Lehrpfad der historischen Imagination, auf dem die Karrieren von Architekturen, Plätzen und Straßenzügen des „Forum Germanum“ die Beständigkeit des Wechsels unter Beweis stellten, trainieren wir in der Erlebnislandschaft des „Theoriegeländes“ das kollektive Gedächtnis der Deutschen und zwar im Hinblick auf eine Möglichkeit, das 20. Jahrhundert zu widerrufen. Wir folgen damit einer weitentwickelten Fähigkeit von Historikern, die tatsächlich abgelaufene Geschichte danach zu bewerten, welche anderen Verläufe sie hätte nehmen können. Diese Art des Gedächtnistheaters soll die Vorstellung davon befördern, was eigentlich zur Diskussion steht, wenn wir auf vielfältige Weise, von verschiedenen Gesichtspunkten aus und mit unterschiedlichen Zielsetzungen etwa die Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert anzusprechen behaupten.
Die Deutschen sind nach allgemeiner Auffassung nicht eben bekannt dafür, daß sie einen besonders sicheren Umgang mit dem besäßen, was Engländer, Franzosen, Amerikaner und Russen für die Wirklichkeit halten und worüber sich die Deutschen oft genug erhaben fühlen. Als Merk- und Denkmal für die „Balken im eignen Auge“ (Matthäus 7,3), für die Blindheit bei der Sicht auf die Chimäre der „deutschen Identität“ in Abgrenzung von American way of life, von Britishness, von latinità und la douce France sind in unserem Memorialtheater Pfähle errichtet worden. Sie assoziieren Stammestotems, den Mast der Selbstfesselung, an dem sich Odysseus den Lockungen der Sirenen aussetzte; (2) man kann sie als die Marterpfähle seliger Jugendlektüre der Werke des deutschen Nationaldichters Karl May ansprechen oder man sieht sie als Exekutionspfähle, als Ortsmarkierung zum Beispiel für den Zielpunkt oder für Grenzen. Diese verschiedenen Assoziationen zur Gestalt des Pfahls vereinigen wir zu sogenannten Thementotems, in diesem Fall Thementotems der Entdeutschung. Dem Publikum zeigen wir – wie mit einem zum Ausstellungsobjekt gewordenen Inhaltsverzeichnis – welche Aspekte des Themas vom Gestor abgearbeitet werden sollen.
Anmerkungen
(1) Brock, Bazon; Giersch, Ulrich; Burkhardt, François: Im Gehen Preußen verstehen. Ein Kulturlehrpfad der historischen Imagination, Berlin 1981.
(2) Siehe Kapitel „Rettungskomplett – Gorgonisiert Euch!“.
Action Teaching · Termin: 01.01.1981 · Veranstaltungsort: Berlin, Deutschland · Veranstalter: Internationales Designzentrum IDZ
Buch · Erschienen: 10.10.2008 · Autor: Brock, Bazon