Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Abschnitt, beginnend auf Seite 139 im Original
Alle Mitglieder einer Überlebenskampfgemeinschaft genannt Kultur folgen der Psychologie des Märtyrertums. Zum einen gilt, daß die eigene kulturell-religiöse Überzeugung umso bedeutender sein muß, je mehr Anstrengung darauf verwendet wird, sie zu relativieren: „viel Feind, viel Ehr‘!“. Zum anderen nimmt der Märtyrer an, daß seine Kraft zum Leiden eine Bestätigung für seine besondere Rolle bei der Durchsetzung des eigenen kulturell-religiösen Anspruchs ist. Wer sein Leben für seine Sache einsetzt, muß unbezweifelbare Rechtfertigungsgründe haben. Je stärker man zu leiden gezwungen ist und dieses Leiden dankbar erträgt, desto größer die Bestätigung der individuellen wie der kulturell-religiösen Auserwähltheit.
In besonderer Weise ist durch das Beispiel von Jesus Leiden als Beweis der Erfüllung des höheren Willens demonstriert worden. Wer ihm nachfolgte, wurde zum Märtyrer, zum Zeugen (griech. martys) als Bekenner. In der europäischen Geschichte sind drei Menschen unter den Millionen Männern und Frauen in der ausdrücklichen Nachfolge Christi hervorzuheben (mit dem Originalbegriff imitatio wird heute wohl ein look-alike-by-suffering-like-Christ-Verständnis verbunden): Dürer, Ludwig XIV. und Jagoda, also ein Künstler, ein König und ein Kerkermeister.
Dürer verfertigte von sich ein Porträt in der Anmutung von Jesus-Darstellungen; eine Anmaßung, so schien es den einen, die Eröffnung eines völlig neuen Künstlerverständnisses, glaubten die anderen. Denn Dürer zielte auf die übergeordnete Frage, ob ein Künstler selber gelitten haben muß, um authentisch oder mindestens eindrucksvoll das Leiden Christi oder generell das Leiden der Menschen darstellen zu können. Lag die Wirkungskraft der Bilder in den Fähigkeiten und Erfahrungen derer, die sie schufen, oder genügte es, „akadämlich“ Formen und Farben zu manipulieren, nach Ausdrucksschemata, die keines Rückbezugs auf den Künstler bedürfen? Dürer wie zeitgleich Luther unterschieden mit Verweis auf Christus zwischen Werk und Wirkung. Jesus hatte keine Werke geschaffen und doch eine ungeheuere Wirkung erzielt. Sollte das nicht Künstlern zu denken geben, zumal Luther verkündete, daß man nicht durch noch so prächtiges Werkschaffen der Gnade Gottes teilhaftig werden könne (heute heißt das, in die Hall of Fame einzuziehen), sondern ausschließlich durch den Glauben, also durch eine Haltung, durch Grundsätze und kulturell-religiöse Standfestigkeit? Luther und Dürer vertreten bereits die Position des Konzeptkünstlers, obwohl es in ihrer Zeit noch um eine Balance zwischen maniera und concetto einerseits und den Materialien der Realisierung von Werken andererseits ging. Dürers Nachfolger betrieben dann die imitatio Düreri und nicht mehr die Christi.
Ludwig XIV., König von Frankreich, entfaltete sein Weltmodell zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und der Etablierung des „Zeitalters der Vernunft“. War es Echnaton rund tausendfünfhundert Jahre vor Christus bestenfalls indirekt gelungen, die Sonne als Begründerin und Erhalterin allen Lebens auf Erden zu etablieren und damit als höchste Gottheit zu verehren, so gelang das Ludwig XIV. tausendsiebenhundert Jahre nach Christus, indem er sich selbst, sein Königreich und seine Macht zu Repräsentanten der Sonne erhob. Um den Sonnenkönig drehte sich das tägliche Leben in all seinen Ausprägungen, wie die Himmelskörper sich um die Sonne drehen. Diese Konstellationen haben absolute Gültigkeit, weswegen sich diesem Absolutismus alle europäischen Fürsten, auch wenn sie nur kleinste Territorien regierten, einzufügen suchten.
In Versailles, dem Mittelpunkt des Ludwig’schen Weltmodells, glänzten sogar die Gitter des Schloßhofes noch gülden. Den Kern dieses absolutistischen Sonnensystems bildete die Tatsache, daß Ludwig XIV. seinen Anspruch wie Christus durch Leiden rechtfertigte; Christus dürfte alles in allem sechs Stunden schwer gelitten haben, vor allem durch Geißelung, Schmähung, Folter. Ludwig XIV. hingegen ertrug dreißig Jahre lang ein Leiden, das Christus würdig gewesen wäre. Die Ärzte schnitten ihm erst eine Fistel aus dem After, wobei sie den Dickdarm verletzten. Die Folge war eine riesige eiternde Wunde, die jeden Stuhlgang zu einer horriblen Erfahrung machte. Beim prophylaktischen Ziehen aller Zähne brachen die Ärzte Teile des Kiefers heraus. Aus der unstillbaren Wunde stank er so entsetzlich, daß vier Meter Distanz vom König eingehalten werden mußten, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Die Christus-Analogie führt für Ludwig XIV. weiter als für jeden anderen Menschen in der imitatio Christi, denn Ludwig genoß göttlichen Rang als König im System des Absolutismus. Man kann mit vielen Ärzten und Medizinhistorikern gut begründet annehmen, daß die Passion des Sonnenkönigs die bis dato in der Menschheitsgeschichte zweifellos größte Leidensbiographie eines Prätendenten auf Außerordentlichkeit gewesen ist.
In einer Hinsicht kann aber unser dritter Akteur in der imitatio Christi nach Dürer und Ludwig es mit beiden aufnehmen und zwar im Hinblick auf die Beweiskraft seines Beispiels. Er hieß Genrich Grigorjewitsch Jagoda, ein kleines, bis 1937 Stalin blind ergebenes Männchen, ein „Alberich“ der sozialistischen Unterwelt, der als Chef des NKWD, später KGB, im Reiche des GULAG so mächtig war wie Dürer im Reich der Kunst und Ludwig im Sonnenstaat. Auf Jagodas Fingerschnipsen hin wurden über achtzigtausend Menschen verhaftet, in die Moskauer Lubjanka verfrachtet, um in den Folterkammern im Durchschnitt neun Monate lang zu leiden und für ihre Aussagen in den Moskauer Prozessen zugerichtet zu werden. Auf dem Weg ins anonyme Grab durften sich die geschundenen Inhaftierten noch einmal umdrehen, um vor Oberrichter Ulrich und Oberstaatsanwalt Wyschinski ein letztes Wort abzugeben. Jagoda – von Haus aus Apotheker, Giftmischer, politkrimineller Karrierist – konnte sich auf Grund eines zufälligen Verdachtmoments oder aus einer bloßen Laune heraus zur schicksalsmächtigen Gewalt über so gut wie jedermann in seinem Herrschaftsbereich aufschwingen. Erst recht folgte Jagoda jedem kleinsten Anzeichen dafür, daß Stalin über Menschen ein Urteil gesprochen haben wollte.
Als Jagoda mehr oder minder eigenhändig abertausende Individuen umgebracht hatte, rief ihn Stalin im Frühjahr 1937 zu sich: „Jagoda, es ist großartig, was du, im Namen des Aufbaus des universalen Sozialismus, geleistet hast. Du hast die Feinde Lenins bekämpft. Du hast die Trotzkisten, Kamenjew, Bucharin und die Sinowjewisten vernichtet. Das alles ist ungemein lobenswert. Ich bin allerdings verpflichtet, als derjenige, der für diese Entwicklung die Verantwortung trägt, zu überprüfen, ob das auch alles seine Richtigkeit hat, was, und vor allem, wie du das vollziehst. Deswegen mußt du dich selbst nunmehr den Methoden unterwerfen, die du gegen andere angewendet hast. Denn du weißt ja sicherlich, daß die einzig logische Begründung von Ethik ist: Was du nicht willst, daß man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu! Lieber Jagoda, vom heutigen Tag an wirst du also elf Monate Folter auf dich nehmen. Hier ist dein Nachfolger Nikolai Jeschow, – ihr seht euch sehr ähnlich. Den nenne ich nicht Zwerg wie dich, sondern Brombeere, weil er so viele Narben und eine so komische Haut hat. Aber er ist ebenfalls nur ein Hänfling von knapp 1,60 m und hat sich schon seine Sporen in der Verfolgung der Mörder von Kirow in Leningrad verdient. Also, du bist verhaftet und wirst nun im Selbstbezüglichkeitsverfahren überprüft. Es dürfte dir ja bekannt sein, daß wir die Speerspitze des Avantgardismus bilden, d.h. wir sind in dem Maße Vertreter der Moderne, wie wir die angewendeten Verfahren auf uns selbst beziehen. In deinem Falle besteht die Prüfmethode darin, den Folterer der Folter zu unterwerfen.“ (5)
Daraufhin wurde „das Genie der Folterkunst“ (R. Payne) bearbeitet, bis er nur noch aus Haut und Knochen bestand und kaum mehr atmen konnte. Nach elf Monaten wurde er im März 1938 vor den obersten Richter Ulrich und den Generalstaatsanwalt Wyschinski geführt. Sie gestanden dem zitternden und in Schmerzenskrämpfen sich nicht mehr selbständig auf den Beinen haltenden Jagoda, der kaum mehr sprechen konnte, ein Schlußwort als letzter Chance zur Erklärung seines Einverständnisses mit dem Verfahren zu. Jagoda sagte:
„Für das, was ich für den Aufbau des universalen Sozialismus getan habe, hätte ich vom Genossen Stalin nichts als Ruhm und Ehre verdient. Man hätte mir wegen meiner Verdienste um den Sieg des Sozialismus und die Bekämpfung seiner Feinde Dankbarkeit erweisen und mir ein großartiges Leben bis zu meinem Ende gestatten müssen. Allerdings muß ich gestehen, daß ich für die Methoden, die ich dabei angewendet habe, von Gott die schlimmsten und grausamsten Foltern verdient habe, die man sich nur denken kann. Jetzt sehen Sie mich an, verehrte Genossen, und urteilen Sie selbst: Gott oder Stalin?“
Insofern Jagoda selbst der lebendige Beweis für die Foltern war, die er von Gott verdient hatte, hat er den Jagoda’schen Gottesbeweis erbracht. Dürer – Ludwig XIV. – Jagoda, das ist eine einzigartige Beweiskette von gesamteuropäischer Dimension. (6)
So folgenreich auch diese Beispielgeber zur imitatio Christi gewesen sind, so werden sie doch übertroffen von den unzähligen Mitgliedern der Gottsucherbanden. Heutigentags sind das vor allem junge Männer, die unter dem Druck des Testosterons und in dem Verlangen danach, daß Blut fließen möge, sich zu Märtyrerkampfverbänden zusammenschließen. Sie sind, wie der Bremer Soziologe Gunnar Heinsohn meint, nicht mehr in die Sozialsysteme ihrer Geburtsländer integrierbar Überschüssige. Sie werden zu Beispielen für rücksichtslose Machtpolitik als lebende Waffen aus der staatlich geförderten, weil gewollten Erzeugung von Überbevölkerung. Niemand wird sich freiwillig als überflüssig akzeptieren wollen. Der Zusammenschluß zu Gottsucherbanden ermöglicht es diesen Machtmassen, den Spieß umzudrehen und sich zum Träger einer gottgewollten Neuordnung aller Verhältnisse zu erklären. Deus vult, Gott will es, lautete immer schon die Parole für derartige Umwälzungen; das Niedrigste wird zum Höchsten, die Herren der alten Welt stürzen in den Staub.
Wer da nicht mitmacht, wird zum ungläubigen Beleidiger des göttlichen Willens und damit zu Ungeziefer, das man zu vernichten hat. Den Beweis für das, was Gott will, liefert eine genaue, verbindliche Lesart der Texte, für die niemand wagen wird, einen anderen Autoren als Gott zu benennen. Die Bandenstruktur ist bewährt als effektivste Gruppenbildung überhaupt, weil sie durch strikte Exklusivität für Außenstehende entweder so furchterregend oder so vorbildlich erscheint. Die Mafia oder die hooligans oder die auf ethnische, sprachliche, religiöse Homogenität getrimmten Kulturen aller Regionen der Welt sind dafür bestes Beispiel. Zur Bewahrung derartiger kultureller Strukturen darf jeder so gut wie jedes Mittel anwenden, sei er nun europäisches ETA-Mitglied oder afrikanischer Hutu oder südindischer Tamil-Tiger oder Bewohner Osttimors oder des Balkans.
Von allen Seiten wird Separatismus als Ausprägung kultureller Identität zum Grundrecht schlechthin erhoben. Wer es einfordert, darf mit reichlicher Belohnung rechnen, denn das lohnt sich gerade für diejenigen Geldgeber des blühenden Kulturwahnsinns, die den Globalismus befördern wollen, um jeglicher Reglementierung für ihr Tun und Lassen zu entgehen. Wenn man die Weltbevölkerung in lauter kleinste Kulturgemeinschaften zerlegt, hat man jedenfalls nicht damit zu rechnen, daß die Verlierer der Globalisierung sich zu unübersehbarem Widerstand zusammenrotten könnten.
Anmerkungen
(5) Zur Selbstbezüglichkeitsmethode in der Moderne, Richard Wagners Konzept „Erlösung dem Erlöser“, Lenins „Erziehung der Erzieher“ und Heideggers „Führung des Führers“, siehe Kapitel „Selbstfesselungskünstler gegen Selbstverwirklichungsbohème“.
(6) „So fügt sich eines zum anderen: Der wirkliche Wert, die Aufgabe und der Lebenssinn des Menschen, wie alle sein Kulturleistungen, bestehen darin, daß er sich im Dienste herrscherlicher und geheiligter Institutionen opfert, sich ‚konsumieren’ läßt. Jede Ablösung von den Institutionen setzt die libertären, egalitären und humanitären Tendenzen in Gang, die unaufhaltsam der Entartung und dem Verfall, dem Untergang der Kultur zutreiben. [...] Und Rettung bietet nur noch eine die Zerstörung zerstörende Gewalt. Punkt um Punkt zeigt sich damit Gehlens Theorie als Bestätigung jener Entscheidungs- und Entschlossenheits-Ideologie der zwanziger Jahre, die wir in Beispielen dargestellt haben – auch oder gerade in der Form, die sie in Hitlers ‚Mein Kampf‘ annimmt. Es liegt wenig an Etikettierungen, aber wenn man in diesem Zusammenhang vom Faschismus spricht, dann hat Arnold Gehlen in seinem Werk eine, nein: die faschistische Theorie entworfen und vollendet, auf dem allerhöchsten Reflexionsniveau, das sie überhaupt zu erreichen vermag. Ihr Verdienst ist es, daß sie aus der conditio humana, aus den Bedingungen des Menschseins, Möglichkeiten des Unmenschlichen, die Antriebe zur Vernichtung der europäischen Vernunft erklärbar macht. Der Wahn aber, dem sie zugleich verfällt, hat mit einer historischen Verblendung zu tun: Die Chance zu freiheitlichen Institutionen, wie sie in westlichen Demokratien entstanden, bleibt völlig außer Betracht. Damit enthüllt sich diese Theorie als eine Sonderform der Ideologie, die das deutsche Drama gleichsam nachinszeniert.“ Krockow, Christian Graf von 1990, S. 340.