Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Seite 336 im Original
Das über dem Laufstall in demonstrativer Deutlichkeit angebrachte Fischernetz mit dem gekippten Kinderwagen und der herausfallenden Babydecke spielt darauf an, daß heutzutage zwischenmenschliche Beziehungen bald als Vernetzungen, bald als Netzwerke dargestellt werden. Gerade durch seine Enge garantiert das Netz Funktionsstabilität. Keineswegs unüblich ist es, Menschen in Netzen zu fangen. So haben sich in Roms Circus Maximus die bewaffneten Gladiatoren mit Fangnetzen zum Kampf auf Leben und Tod gegenübergestanden. Der Fischer Petrus sollte seine Netze auswerfen, damit sich potentielle Christen darin verfangen möchten, wie er das zuvor von Berufs wegen getan hatte, um die Tiere des Sees Genezareth zu fangen. Wegen dieser Parallelisierung vom Fischen der Menschen und Tiere wurde die Zweilinienkontur des Fisches zum Symbol der Christen. Darüber hinaus läßt sich das griechische Wort für Fisch „Ichthys“ als Kryptogramm lesen, nämlich
I für Iesos
ch für christos
th für theou
y für yios
s für soter, das heißt
Jesus Christus, Gottes Sohn und Heiland.
Im Überlebenskampf, in den meine Generation in der Kindheit zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges geriet, kam das Netz in einer anderen Weise zur Geltung: Auf Flüchtlinge wie uns, die mit kleinen Schnellbooten auf hohe See entkommen mußten, warteten draußen Evakuierungsdampfer, die, während sie sich durch die von russischen U-Booten und Kampfflugzeugen bedrohte See bewegten, bei hoher Fahrgeschwindigkeit große Ladenetze zu den kleinen Kähnen hinunterließen, damit die Flüchtlinge hineinspringen und an Bord gezogen würden. Die Kinder wurden von ihren Angehörigen oder Soldaten hineingesetzt, bzw. in der Eile mehr oder weniger hineingeworfen. Wer nicht groß genug war, um die Maschen des Netzes auszufüllen, fiel aus tödlicher Höhe in die Ostsee und ertrank. Diese Bilder sind traumatische Erlebnisse, als deren Träger man geneigt ist, sich fortan überall nur noch in ein Netz geworfen zu sehen und folglich zu versuchen, nicht „durch die Maschen zu fallen“. Trotz der peinigenden Nachbilder jener Erlebnisse haben weder ich noch meine Generationsgenossen uns zu Opfern stilisiert. Im Gegenteil kultivierten wir all unsere Widerstandskraft oder Kämpfermoral gegen die Versuche, uns zu armen, bedauerlichen Objekten fremder Fürsorge machen zu lassen.
Inzwischen hat sich die Metapher „durch die Maschen fallen“, wenn von der Abfischung der Weltmeere durch Schleppnetze die Rede ist, wieder umgekehrt und indiziert in ihrem ursprünglichen Zusammenhang die zur Fortführung der massenkonsumeristischen Praktiken notwendige vorläufige Rettung. Durch überstaatliche Vereinbarungen wird eine gewisse Netzmaschenweite garantiert, damit die für den Fortgang des Ganzen wichtigen Kleinfische durchkommen. Wissend, daß kleine Fische groß werden, könnte das entsprechende neue Motto lauten: „Die Großen fangen und die Kleinen schwimmen lassen.“ (9)
Anmerkungen
(9) In Platons Spätdialog „Der Sophist“ handeln „Seelengroßhändler“ anstatt mit Fischen mit „Wissensstoff“ [224 a ff].