Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Seite 113 im Original
Um noch einmal zurückzukommen auf die Verhältnisse in Deutschland nach Beendigung der Selbstentfesselungen, nach dem Zählen von über fünfzig Millionen Toten auf allen Seiten, nach der größten Wagner-Inszenierung aller Zeiten: Haben die Deutschen doch tatsächlich gelernt, sich anders zu verhalten? Nach der Währungsreform 1948 und der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 hat man von der fundamentalistischen Selbstverwirklichung abgesehen und ist dazu übergegangen, Selbstfesselung zu betreiben. Die Deutschen lernten, sich als zivilisierte Menschen zu gebärden, das heißt vor allem Selbstbeherrschung, also geglückte Sublimierung zerstörerischer Triebe an den Tag zu legen, um somit die Wiederkehr des Wahnsinns für alle Zeit zu vermeiden.
Wie sich dieses Bekenntnis zur Selbstbeherrschung architektonisch-gestalterisch in den Wohnräumen der Deutschen ausdrückte, kann man auf der Rückseite der „Selbstverwirklichungsbohème“ betrachten. Es eröffnet sich in den einzelnen Elementen dieser Rekonstruktion eines deutschen Wohnzimmers der 50er Jahre die für die damalige Zeit neuartige Lebensform des deutschen Bundesbürgers, für den es im Zuge des sozialen Wandels nun allmählich aufwärts ging. Zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders wurde es für viele Bürger möglich, sich eine standesgemäße Wohnung in Modernität verheißendem Stil und behaglichem Geschmack einzurichten. Die deutsche Familie traf sich zum Abendbrot zwischen den die Modernitätsikonographie des Bauhauses repräsentierenden Tapeten der Firma Rasch, zu Füßen Modernitätsbewußtsein, geschmacklich-stilistisches Unterscheidungsvermögen demonstrierende Teppiche, die die Zeichen des gestalterischen Formalismus trugen. Statt den verflossenen Größen Wagners, Nietzsches oder Georges an der Wand zu huldigen, hängte man sich die Reproduktion eines Kunstwerks an die Wand, signierte selbst kurzerhand und schon besaß man Kunst. In der Zimmerecke aufgepflanzte Tütenlampen spendeten Licht für die Bildnisse Wim Thoelkes, Hänschen Rosenthals, Rudi Carells oder Peter Frankenfelds. Sie ersetzen als Stars der Nachkriegszeit die schauerlichen Ikonen der Nazizeit.
Das gesamte Ambiente des bundesdeutschen Wohnzimmers ist als Ausdruck der historischen Einsicht bewertbar, daß die Entfesselung der Ideen und des Idealismus zur Weltkriegskatastrophe geführt habe und folglich die Deutschen es sich für alle Zeit im Fernsehsessel bequem machen müßten. Also fesselten die Deutschen sich selbst und sagten: Nie wieder! Nie wieder soll uns eine Idee, ein Gedicht, ein Roman, eine Religion aus dem Sessel holen. Die Welt soll ausschließlich im virtuellen Bereich der Fernsehprojektion bleiben. Die Fernsehzuschauer der 50er Jahre nutzten die ihnen von den amerikanischen, britischen und französischen Besatzern nahegelegte Möglichkeit, sich zu den verführerischen ideologischen Vorlagen auf Distanz zu bringen, hatten doch die Alliierten ihnen im Zuge ihrer Besatzungspolitik beigebracht, daß alle geistigen Produkte Werke der Ideologie seien. Dieser anempfohlenen Einsicht folgend, beschied man sich nunmehr mit einem Platz im Fernsehsessel anstatt einem Platz an der Sonne: Käsehäppchen futternd, Salzstangen knabbernd und im Genuß von Coca-Cola versank man in einen vierzig Jahre währenden (außenpolitischen) Dornröschenschlaf von geheilten Zauberlehrlingen.
Diese gern als allzu bürgerlich verunglimpfte Einstellung eines schlafmützigen Biedermanns entsprang einem durchweg zivilisierten Verhalten, das die Deutschen wirklich bis 1989 brav aufrechterhalten haben. In dieser Zeit haben sie niemandem ein Haar gekrümmt, sind nirgends eingerückt, haben in keiner Weise versucht, jemanden unter die Knute von Reinrassigkeitsvorstellungen zu zwingen. Stattdessen etablierte sich ein geradezu vorbildlicher Sozialstaat, in dem jedermann die Chance zur Integration bekam, selbst wenn er sich als verlorener Sohn mit noch so viel schicksalhaftem Versagen zu erkennen gab. Es war eine wahrlich zivilisierte Gesellschaft, allerdings um den Preis, daß die schiere Gegenwart auf Dauer gestellt werden mußte, solange keine andere Kraft/Macht dieses „Ödyll“ bedrohte.
1989 kam die Wende, 1990 die Deutsche Einheit, 1991 brach die Sowjetunion auseinander. Seitdem erleben wir die Karriere der Fundamentalismen: des Islam, der Ökologie, der Ökonomie und schließlich der Bush-Politik. Plötzlich sind die alten entfesselungsbereiten Deutschen wieder gefragt. Sie sehen sich gezwungen, Stellung zu beziehen in der Welt. Sie müssen raus aus der gemütlichen Stube!
In den 90er Jahren (und vollends unter dem Eindruck der Geschehnisse des Porsche-Logos 911) lernten die Deutschen, was sie für ihr paradiesisches Leben zu zahlen hatten. Durch die terroristischen Ereignisse in der Welt wurden sie dazu verpflichtet, Gedanken, Ideologien, Philosophien der Macht neu zu bewerten. Sollte man etwa im Namen der eigenen Religiosität gegen die Ansprüche fremder Götter angehen? Als ein in diesen Fragen besonders erfahrenes und geprüftes Volk hatten die Deutschen wieder auf die Weltbühne zu treten, wenn es um Religion als Ressource für fundamentalistische Entfesselungsdynamik ging. Im Kern ist es stets die Religion, die in Entfesselungsprogramme investiert, indem sie beispielsweise permanente Selbstmordbereitschaft predigt. Die religiös inspirierten Märtyrer, Virilbluter und Testosteronkrieger wissen, je größer der Widerstand, der sich gegen sie formiert, desto bedeutender sind ihre Ideen; je stärker man sie bekämpft, desto größer scheint die Gewißheit zu sein, daß der vertretene Anspruch absolut einmalig, großartig und durchsetzungswürdig sei. Deshalb wird in Zukunft die fundamentalistische Logik aller radikalen Kräfte weiterhin lauten: Wenn wir nur stark genug glauben, unterwerfen wir tatsächlich die Welt unseren Ideen. So denken nicht nur Islamisten, sondern auch die ökonomischen Chefdenker, die im Geiste der Globalisierungsstrategie den Ton angeben. Die Globalisierung entspricht strukturell dem unseligen Geist von 1914; sie verläuft nach genau demselben Schema. Wie mag diese Geschichte enden, wenn die westlichen Unternehmer sich so stark fühlen, daß sie glauben, die ganze Welt ihrem liberalistischen Konzept unterwerfen zu können? Haben sie jemals daran gedacht, daß sie selbst die ersten Opfer der Durchsetzung dieses Konzepts sein könnten
Aber ihnen bleibt ja der Trost, daß im Scheitern die Bestätigung der eigenen Größe gegeben ist. Auch unsere Herren der Globalisierung können ihr Scheitern zum Beweis dafür umwerten, daß sie eine Wahrheit vertreten wollten, die alle anderen partout leugneten: Alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht, lautete seit eh und je die heilige Missionsbotschaft des Kapitalismus. Wo bleibt das Schöpferische in diesem Untergang?