Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Seite 110 im Original
Mit der Eröffnung des Ersten Weltkrieges erhielt das Nibelungenmotiv eine geradezu weltgeschichtliche Bedeutung. Der Entschluß der Deutschen (Kaiser, Militärführung, Regierung, Parlament und Bevölkerung), den Österreichern nach dem tödlichen serbischen Attentat auf ihren Kronprinzen in den Krieg gegen die Serben und deren Schutzmacht Rußland etc. etc. zu folgen, wurde mit der germanischen Beistandstugend, eben ihrer Nibelungentreue, begründet. Während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges beschwor man ununterbrochen die Realität des Nibelungenliedes, zum Beispiel mit der Kennzeichnung der Siegfriedlinie als der ultimativen Verteidigungsstellung. Weil auf Englisch „line“ sowohl Linie wie Leine heißt, verspotteten die britischen Soldaten die Siegfriedchoristen mit dem Küchengesang „We are hanging our washing on the Siegfried line“. Der Erste und der Zweite Weltkrieg waren die gewollten Konsequenzen des deutschen Experiments, Wagners Werk in die Realität umzusetzen, wie zuvor bereits Schliemann die „Ilias“, wie Disraeli die „Kaiserin von Indien“ und wie der Ingenieur die Phantasie eines Brückenbaus verwirklicht hatten.
Der Erste Weltkrieg war der erste große Umsetzungsversuch, der für ungültig erklärt wurde, weil dessen Leiter bereits 1918 mit der sogenannten Dolchstoß-Legende das Experiment für unvollendet erklärten. Die treibenden Herren und Generäle behaupteten, daß der Friede einer im Felde unbesiegten Armee von der konspirativen Verschwörung von Sozialisten und Juden aufgezwungen worden sei; in Wahrheit hatten sie selbst um Frieden gebeten. Die Dolchstoß-Legende der Generalstabschefs Hindenburg und Ludendorff diente dazu, einerseits die Nicht-Anerkennung der Bedingungen des Versailler Friedens den Deutschen plausibel zu machen, und andererseits der Absicht zu folgen, den Versuch tatsächlich noch ein weiteres Mal durchzuführen, wofür Hitler vom Kulturphilosophen und Rassetheoretiker Houston Stewart Chamberlain an dessen Krankenbett den Auftrag erhielt. Man traf sich bereits 1923 zum ersten Mal im inneren Wagner-Zirkel und verhandelte die Rassenfrage wie einen großen Inszenierungsauftrag. Just in Villa Wahnfried überwältigte Hitler mit seinem auratischen Charme den abgeschieden lebenden Chamberlain als Großideologen (Standardwerk: „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“), die greise Cosima (die dogmatisch streng über Richards Werk wachende „Gralshüterin“, die das ganze Programm protokolliert und die Festspiele nach Richards Tod fortgeführt hatte) und natürlich die junge Schwiegertochter Winifred Wagner als deren zukünftige Nachfolgerin.
Im Hause Wagner war man ja darauf geeicht zu beurteilen, wie sich jemand auf der Bühne ausnehmen würde. Sie sahen sofort, daß Hitler wie der neue Christus wirkte. Seine unglaubliche Ausstrahlung würde ihn zum besten Darsteller eines Politikers machen, den man für einen Heilsauftrag irgend finden konnte. Hitler führte bis 1945 vor, inwieweit man mit dem „Erlösung-dem-Erlöser“-Konzept, also der Stiftung einer neuen Religion, tatsächlich die Zukunft Europas in der Weltgeschichte erzwingen könne. Wir wissen um das Resultat. Rückblickend kann man sagen: Die nationalsozialistische Ideologie bestand in nichts anderem als in übersetzter Wagner-Weltanschauung. Adolf Hitler, der größte Wagner-Fanatiker aller Zeiten, adaptierte fast alle Programmpunkte des Wagner-Konzepts. (23) Es gehört zu den grandiosesten Regieeinfällen der Weltgeschichte, daß ein Standesbeamter mit dem Namen des Kunstreligionsstifters R. W. den größten Wagner-Propheten Adolf Hitler wenige Stunden vor dem Brand Walhalls mit Eva, der namentlichen Repräsentantin der Urfrau des Paradieses, traute.
Ende April 1945 gab Hitler seine persönliche Einschätzung vom Ausgang des welthistorischen Experiments bekannt. Er war davon überzeugt, daß die Deutschen der Evolution die Arbeit abgenommen hätten, indem sie sich (und anderen) den Untergang bereiteten. Die Deutschen seien deshalb untergegangen, weil ihr Glaube an die welthistorische Mission nicht stark genug gewesen sei. Als Beweis der mangelnden Erfülltheit mit unbedingtem Willen und Siegesfanatismus habe die Tatsache zu gelten, daß sie angesichts der Judenverfolgungen zu barmherzig und zu unentschlossen gewesen seien. Hitlers Fazit kurz vor Ende des Größten Wagnerianers aller Zeiten (GRÖWAZ) lautete also, daß nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa aus der Weltgeschichte ausscheiden werde. Frankreich und England verlören als Konsequenz des Krieges ihre Imperien, was außer Hitler damals niemand zu äußern wagte. Der große Triumph Rußlands sei nur eine vorläufige Eröffnung neuer politischer Räume, durch die in Zukunft die Horden aus der Steppe, Mongolen und Chinesen, zur Weltmacht stürmen würden. Das deutsche Volk gehe zu Recht unter, weil es sich als das schwächere erwiesen habe. Mit anderen Worten, Hitler beschrieb das, was sich gegenwärtig als neue Weltlage ankündigt. (24) Sein Abgesang korrespondiert im übrigen mit dem, was die vereinigten Wirtschaftsminister der Welt im Februar/März 2006 bei ihrem offiziellen Zusammentreffen in Rio de Janeiro feststellten, nämlich daß Europa nur noch die Chance verbleibe, als zukünftiges Open-Air-Museum der Welt zu überleben.
Die Zukunft der Welt sieht laut Wirtschaftsexperten folgendermaßen aus: China sei das Territorium, in dem künftig die Welt produziert. Indien sei das Steuerungszentrum, weil die gesamte Elektronik von Mathematikern abhänge und Indien das größte mathematische Potential besitze. Die spirituelle Lenkung der Welt übernehme der moslemische Gürtel zwischen Malaysia und Marokko. Amerika spiele keine Rolle mehr, sondern werde nach dem großen Bild der Neuen Welt in seinem Innern in den christlichen Bible Belt und Mormonenstaat, einen Sharia-Staat der Vereinigten Moslems, einen asiatischen Nordwesten und einen hispanischen Süden aufgeteilt. Von New York bis Boston biete sich das gute alte Amerika als Freizeitpark der toten Musen an. Und Europas Zukunft?
Europa kommt nach Meinung der Minister in dreißig Jahren bereits die Rolle des Weltmuseums der Zukunft zu. Touristen aus aller Welt werden sich millionenfach nach Europa aufmachen, um sich dort zu amüsieren. Sie werden nach Berlin, Rom, Paris und London kommen und es ungemein spannend finden, die Bevölkerung zu beobachten, die ernsthaft behauptet, es habe in Europa so etwas wie den Rechtsstaat gegeben. Chinesische Touristen treffen auf Europäer, die von der Individualisierung infolge der Unmittelbarkeit des christlichen Individuums zu Gott berichten. Sie begegnen kundigen Menschen, die erzählen, wie es einst das Prinzip Autorität durch Autorschaft gegeben habe. Die Chinesen werden sanft lächeln und peinlich berührt kichern. Manch einer wird vielleicht nach diesem komischen Konzept „Demokratie“ fragen und sich köstlich amüsieren, wenn er von einem historischen Entwicklungsprozeß hört, der die Säkularisierung hervorbrachte.
Anmerkungen
(23) Siehe Zelinsky, Hartmut: Sieg oder Untergang: Sieg und Untergang. Kaiser Wilhelm II., die Werk-Idee Richard Wagners und der 'Weltkampf'. München 1990.
(24) Siehe Kapitel „Eine schwere Entdeutschung – Widerruf des 20. Jahrhunderts“