Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Seite 43 im Original
Es ist mehr als Kalauerei, wenn man in diesem Zusammenhang an die Erfahrung machtbewußter und stressresistenter Protagonisten unserer Gesellschaft erinnert. Einer von ihnen empfahl das Aussitzen als eine Form der Vermittlung von Aushalten und unbeirrter Initiativkraft gerade angesichts recht unschöner Aussicht auf ein zwangsläufiges Ende der Unternehmung. Verständlicherweise empörte diese Haltung viele Zeitgenossen, weil sie sie für das Zeichen gottgegebener Unbelehrbarkeit hielten. Das mochte durchaus so erscheinen, aber als Hinweis auf eine allgemeingültige Handlungsmaxime für Menschen, die sich zwischen Wissen und Hoffen heillos hin- und hergerissen fühlen, vermag das Aussitzen durchaus sowohl panikartige Flucht wie angstvolles Erstarren in einer Art Totstelleffekt zu verhindern. (12) Homer nannte seinen Helden Odysseus den großen Dulder, der durch seine Leidensfähigkeit (herkömmlich Toleranz genannt) in jeder noch so bedrohlichen Situation die Kraft zur Initiative bewahrte, um das ganz und gar Unwahrscheinliche, die Heimkehr, zu vollenden (natürlich mit der Erfahrung, daß Odysseus bei der Rückkehr nur noch von seinem Hund als der identifiziert wird, der einstmals aufbrach). Als solche Dulder angesichts der Zumutungen einer schweren Entdeutschung sehen wir die Teilnehmer am „Lustmarsch durch das Theoriegelände“, einem zunächst verwirrenden Parcours, den auf den ersten Blick kaum jemand unbeschadet absolvieren zu können glaubt, am wenigsten die anleitenden Beispielgeber selbst.
Um die Duldungsbereitschaft unserer Teilnehmer einerseits gegen die Verlockung zur tierischen Duldungsstarre und andererseits gegen hypnotischen Verfall in Museumsschlaf zu feien, bieten wir ihnen das im Politischen heikle Aussitzen als ein museal heiteres Spazierensitzen an. Sollten Spazierenstehen und Spazierensitzen je olympische Disziplin werden, darf ich mir Hoffnung auf einen Medaillenrang machen, weil ich sowohl Werksangestellte wie Studierende, Hauptstützen der Ökonomie wie Hausfrauen und Rentner, Wehrdienstleistende und Symposiarchen stundenlang zum durchhaltenden Erdulden von Trainingsanleitungen für Voraussehen und Vorausleiden motivieren konnte.
Abhängig von den jeweiligen Möglichkeiten vor Ort führen wir im Sitzen ein Training unserer Bereitschaft zur Empathie bis an die Grenzen der Hypochondrie durch, so wie es Rennfahrer, Abfahrtsskiläufer, Tennisasse praktizieren. Sie alle trainieren im Sitzen ihre Kraft, sich rasend schnelle Bewegungen vorzustellen, sie zu antizipieren, bevor sie ausgeführt werden. Gesichert ist die Annahme, daß durch spezifische Aktivitäten einiger Neuronencluster und Leistungszentren des Gehirns die Vorstellungskraft unmittelbar an die Impulsgebung für unsere Bewegungsausführung gekoppelt ist. Wer die Vorstellung trainiert, aktiviert gleichzeitig die körperlichen Bewegungsabläufe, auch wenn er sie nicht sichtbar ausführt. Training durch Entfaltung der Antizipationskraft ist nicht nur ökonomisch sinnvoller, weil billiger und risikoloser, sondern auch effektiver (fünf Stunden Antizipation einer Rennstrecke bringt Michael Schumacher mehr Vertrauen in die eigene Fähigkeit als fünf Stunden reales Training, von Unfallgefahren ganz abgesehen). Jean-Luc Godard hat 1964 in seinem Film „Bande à Part“ untersucht, ob umgekehrt schnelle Realbewegung von Besuchern durch den Louvre zu einer Beschleunigung von deren Wahrnehmungsfähigkeit führt. Mit neun Minuten und 46 Sekunden dürfte Godards Truppe aber in jedem Fall einen Besichtigungsrekord im Louvre aufgestellt haben.
Unser Theoriegelände bietet die Gelegenheit, solche interessanten Formen der intensiven Rezeption selbst auszuprobieren, auch wenn wir uns mit weniger Raum als einem Louvre-Saal begnügen mußten. Vielleicht bezeichnet man die jeweilige Herberge unseres Theoriegeländes besser als Labor (für Universalpoesie) (13), das man stundenweise so nutzt wie etwa den Physiksaal im Gymnasium. Als Schüler freute man sich, wenn der Unterricht endlich als Experiment im Physiksaal stattfinden konnte. Der Lehrer als Zaubermeister der Physik oder Goldmacher der Chemie hantierte mit Substanzen und Instrumenten in einer Weise, daß wir uns wie auf Jahrmärkte früherer Zeiten versetzt fühlten. Der Unterricht wurde spannend, weil wir mit aller Macht versuchten, hinter das Geheimnis der Handlungen und Reaktionsbildungen zu kommen. Der Lehrer beschrieb das Geheimnis als Naturgesetzlichkeit. Aber etwas ein Naturgesetz zu nennen, heißt keineswegs, seinen Wirkungen nicht mit ungläubigem Staunen folgen zu müssen. Wissen schützt vor Dummheit nicht und völlige Transparenz nicht vor der Magie der Klarheit. Schauen wir heute den Demonstrationen der Medienmagier wie David Copperfield im Fernsehen zu, dann betonen wir ausdrücklich unser Wissen, daß prinzipiell niemand zaubern kann. Dennoch fasziniert der Anschein des Wunderbaren. Die Differenz zwischen dem unmittelbaren Augenschein des Zuschauers und seinem Bemühen, den Eindruck von Zauberei durch sein Wissen zu entkräften, begründet das Vergnügen, das wir an solchen Demonstrationen finden.
Erkenntnis geht aus diesem Vergnügen hervor, sobald wir die Unvereinbarkeit von Evidenzerlebnis und Reflexion produktiv werden lassen, nämlich durch Kritik des Evidenzerlebens. Wir beginnen also sinnvollerweise mit der Aufforderung, daß man eine Ausstellung von Bildwerken, Skulpturen, Objektensembles in erster Linie besucht, um zu lernen, den eigenen Augen nicht zu trauen. Kunstwerke nennen wir diejenigen Exponate, denen es gelingt, die Kritik am Augenschein ihrerseits evident werden zu lassen. Denn Kunstwerke lehren so überzeugend wie kaum etwas anderes, daß die Kritik an der Überwältigung durch Evidenz ihrerseits wieder evident gemacht werden muß. Das gilt auch für die radikalste Form der Kritik nach dem frommen Gebot: Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen. Dem kann man nicht durch bloßen Verzicht aufs Bildermachen gerecht werden, man muß vielmehr das Bilderverbot im Bildermachen befolgen. Das hatte etwa eine ganze Generation jüdischstämmiger Künstler im Amerika der fünfziger Jahre sich zum Ziel gesetzt und sie haben tatsächlich Evidenzkritik durch Evidenzerzeugung geleistet. Ein Rothko-Gemälde zum Beispiel ist der gelungene Beweis für die Bildwerdung des Verbotes, sich von Gott ein Bildnis zu machen. Ähnliches gilt für die Vergegenwärtigung mythischer Erfahrungen oder von Kulten und Ritualen anderer als unserer gegenwärtigen Gesellschaften. Man kann deren Veraltetsein nicht einfach behaupten, sondern muß es in einer Art experimenteller Archäologie oder fiktiver Kulturgeschichte durchspielen, um die Leistungsfähigkeit dieser Vermittlung von aktuellem Erleben und uneinholbarer wahrer Bedeutung zu bewerten. Die Würde der Relikte ehemals fremder, nun vergangener Kulturen besteht gerade darin, daß wir prinzipiell niemals in der Lage sein werden, ihre Bedeutung in vollem Umfang zu rekonstruieren.
Also versuchen wir, mit unseren Führungen durchs Theoriegelände die schlußendlich uneinholbaren Leistungen der alten Seelenführer, Steuermänner und Seher dadurch zu würdigen, daß wir ihnen die Vorgehensweisen unserer Vorausseher, Vorausweiser und Vorausführer parallel setzen. Professionalisiert heißen diese Vorwitzigen Psychoanalytiker, Kunstpädagogen, Lebensberater und Unternehmungsphilosophen. Im Vergleich zu den Propheten, Weisen, Ältesten, Schamanen und Priestern historisch gewachsener Kulturen besitzen unsere Wirtschaftsweisen und Prognostiker nur eine kümmerliche Methode der Vermittlung von Diagnostik und Prognostik. Diese eine Methode heißt Hochrechnung gegebener Entwicklungen auf die Zukunft. Die Alten aber wußten, daß Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kein Zeitkontinuum bilden und deshalb Hochrechnungen äußerst bedenklich sind. Die Zeit macht Sprünge wie ein Wasserfall oder wird träge wie Wasser in einem Becken mit winzigen Zu- und Abflüssen. Noch bis ins Barockzeitalter hinein versinnbildlichte man die höchst unterschiedlichen Zeitcharaktere durch die Gestaltung von Fließprogrammen für Wasserführung in Parks. (14) Jedenfalls hielten es die Alten für dringend geboten, unsere allzu selbstverständliche, also naive Auffassung vom Charakter der Zeit zu kritisieren. Der schon angesprochene Kirchenvater Augustin meinte, einen klaren Begriff vom Wesen der Zeit zu besitzen, stellte dann aber fest, daß der Gedanke eines gleichmäßigen, kontinuierlichen Fließens der Zeit aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft angesichts historischer Erfahrungen wie der der Völkerwanderung sich als unbrauchbar erwies. Er mußte erleben, wie etwa das tausendjährige Bestehen der römischen Kultur und des römischen Imperiums in kürzester Zeit von sich immer verschnellenden Ereignisfolgen der Völkerwanderung fast vollständig aufgehoben wurde. Die Zeit schien sich punktuell zu gewaltiger Kraft stauen zu können, die in kürzester Frist die Welt grundlegend veränderte, um sich daraufhin erneut in langen Perioden quälender Entwicklungs-, ja Ereignislosigkeit richtungslos auszubreiten oder träge stillzustehen. Erst in solchen Zeiterfahrungen lassen sich Phänomene wie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen oder der Fortschritt als Führungsanspruch des zeitlich Ältesten klären. Augustin erlebte ja, daß hoch entwickelte römische Technologie, Verwaltung, Straßen- und Wasserbaukunst oder Chirurgie und Finanzwesen von den Einwanderern völlig unbeeindruckt als ihren Infrastrukturen bestenfalls gleichwertig betrachtet wurden, ja, daß sie das Fortschreiten der historischen Entwicklung gerade in der Ablösung des dekadenten römischen Systems durch die archaische Kraft der Hinterwäldler begrüßten und durchsetzen wollten.
Anmerkungen
(12) Zum Thema „Aussitzen“, den ostasiatischen „Za-Zen“ entspricht das „Sitzen in Versunkenheit“, siehe Wohlfahrt, Günter: Zhuangzi. Freiburg 2002, S. 105 ff.
(13) Bazon Brock hat sich des öfteren als Reinkarnation von Friedrich Schlegel ausgegeben, vrgl. Rezension des Lustmarschs, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 26.3.2006.
(14) Siehe Brock, Ästhetik als Vermittlung, S. 373 ff