Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Seite 265 im Original
Unter den Zivilisationsagenten der westlichen Welt sind in besonderer Weise, nicht zuletzt durch die großartige Schilderung Klaus Theweleits in „Männerphantasien“, gerade die Krankenschwestern hervorzuheben, die nach der Schlacht von Solferino 1859 zum ersten Mal geschichtlich werden. Wie seit tausenden von Jahren akzeptiert, weil unvermeidbar, lagen tagelang Verwundete beider Seiten hilflos auf dem Schlachtfelde. Florence Nightingale kam wie Henri Dunant auf den Schlachtfeldern zum Schluß, man müsse die Menschen allesamt als gleich betrachten. Sie beschlossen, sie alle gleich zu behandeln – „tutti fratelli“ – jenseits ihrer Uniform, Nationalität oder kulturellen Zugehörigkeit. Da die von Henri Dunant bei Solferino herbeigerufenen Frauen alle auf dem Schlachtfeld Liegenden als „Brüder“ ansprachen, sahen die Verwundeten in all den Frauen „Schwestern“. Bis zum heutigen Tag werden helfende Frauen als Schwestern angesprochen. Dieser Begriffsgebrauch wurde umso schneller populär, als es eine mönchische und eine politische Tradition der Entwicklung von „Brüderlichkeit“ gab, in die selbstverständlich die „Schwesterlichkeit“ einbezogen war, zumal die Gründung des ersten Ordens der in Gemeinschaft lebenden Mönche von einem Geschwisterpaar um 520 in Süditalien auf dem Monte Cassino ins Leben gerufen wurde: von Benedikt von Nursia und seiner Schwester Scholastika. Die Geschichte der Schwesterlichkeit mit dem Höhepunkt der ersten Organisation von Hilfskräften durch Florence Nightingale sollte als Datum in der Geschichte des Feminismus besonders gewürdigt werden. Aus dem Beispiel der Schwestern von Solferino entwickelte Henri Dunant den Gedanken an eine internationale Organisation der Hilfe und des Beistands für Kriegsopfer wie generell für Menschen in Notfallsituationen – das Rote Kreuz.
Nach den Krankenschwestern sollten in der Reihe herausragender Agenten der Zivilisierung die Hoteliers herausgehoben werden. Sie traten höflich den wilden Rabauken und herumrotzenden Lümmeln entgegen und baten, im Hotel nicht auf den Boden zu spucken, nicht die Finger in die Soße zu stecken und nicht in die Ecke zu urinieren. Die Hoteliers waren Zivilisationsheroen, die den Naturburschen in ihren wilden Antrieben der Entäußerungskraft beizubringen hatten, daß ein zivilisierter Mensch nur derjenige sei, der derartige Machtgesten unterläßt. (5) Was besagt schon eine Machtdemonstration, bei der jemand mit einer Kalaschnikow Dutzende von Menschen in ein paar Sekunden niedermäht, gegenüber dem Bemühen, deren Lebensführung zu erleichtern?
Feuerwehr und medizinische Helfer nehmen zwar bei uns an nahezu jeder Kulturveranstaltung teil, werden aber nicht in ihrer objektiven Bedeutung gewürdigt, weil man die für völlig selbstverständlich erachtet. Seit sich Terroristen weltweit zu Herren der Lage aufgeschwungen haben, ist das aber leider nicht gewährleistet. Es bleibt zu hoffen, daß die Stille der Ereignislosigkeit, die Souveränität des Unterlassens, des Nichttuns doch noch als höchste Erfüllung eines ethischen Anspruchs geschätzt und belohnt wird. Immer noch empfindet es die Mehrheit nicht nur als tolerierbar, sondern als wünschenswert, mit allem Nachdruck Dauerspektakeln ausgesetzt zu werden. Bei Protest gegen derart grundgesetzwidrige Verletzung der Integrität und damit der Würde des Menschen wird man vom Personal der Restaurants, Boutiquen, Arztpraxen mit schöner Regelmäßigkeit beschieden, man nehme den Musikterror nicht mehr wahr; auf den Hinweis, wenn das Personal den Terror gar nicht wahrnehme, könne man ihn unterlassen, heißt es ausnahmslos, der Lärm sei im Interesse der Kunden von der Direktion angeordnet. Auf den weiteren Hinweis, man sei selber Kunde und wünsche, verschont zu werden, lautet die Antwort: Sie können ja woanders hingehen – was aber unmöglich ist, da man inzwischen überall gezwungen wird, bei rabiatester Beatmusik zu essen, ohne Rücksicht auf die Physiologie. Beschwerden sind sinnlos, weil der Terror systemimmanent ist, was man spätestens feststellt, wenn man den angeblichen Kundenservice als Dauerverweis von einer Warteschleife des Call Centers auf die nächste erfährt.
Anmerkungen
(5) Gerade Appelle an humanitäre Tugenden pflegen von der dringlichen Bitte begleitet zu werden, man möge alles in seiner Macht Stehende unternehmen, um…; an den Appell „Wir bitten Sie, alles in Ihrer Macht Stehende zu unterlassen“ konnte man sich noch nicht gewöhnen, denn er wurde selten gehört.