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Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 81 im Original

I.2 Bilderverbot braucht Bilder

In zeitlicher Nachbarschaft zu Dada erläßt der Wissenschaftstheoretiker Rudolf Carnap, analog zum Bilderverbot der jüdischen und moslemischen Theologien, das Bilderverbot für die Wissenschaften. Wissenschaftler unterliegen dem strikten Verbot, sich zu irgendeiner begrifflichen Bestimmung eine Vorstellung zu bilden. Ein Astrophysiker, der sich zum Begriff „Schwarzes Loch“, das eindeutig mathematisch-physikalisch definiert werden kann, eine Vorstellung leistet, dürfte durchaus in Schwierigkeiten kommen, weil er entweder seine Vorstellungen mit den Begriffen nie zur Deckung bringen kann oder, wenn er Übereinstimmung erreicht, nicht mehr als Wissenschaftler vorankommen wird.

Die symbolische Repräsentation wird strikt als Tautologie bestimmt. Wer sich als Astrophysiker oder Mathematiker äußert, darf zur symbolischen Repräsentation nur dieselben Formeln benutzen, die er bereits in Gebrauch nimmt, um die Kognition zu gewährleisten; die geistige Arbeit wird also strikt auf den Aspekt der Kognition beschränkt. Sigmund Freud hat gezeigt, daß sich die inneren Antriebe (wie etwa die gefühlsmäßige Bewertung der Kognitionen oder das sogenannte Vorstellungs- oder Antizipationsvermögen) nur dann entfalten, wenn sie nicht in Deckung zu Begriffen gebracht werden. Auch entwickeln sich die psychischen Fähigkeiten erst, wenn man sich das Unvorstellbare nicht nur vorstellt, sondern die Unvorstellbarkeit selbst als Vorstellung symbolisch repräsentiert.

Angesichts des Unfaßlichen, des Undarstellbaren, des Undenkbaren und des Unvorstellbaren sich einfach bequem zurückzulehnen und intellektuell zu resignieren, ist ein typisches Verhalten der von religiösem Tiefsinn behauchten Menschen, die das Problem des Unfaßlichen schlichtweg mit einem Darstellungs- und Vorstellungsverbot bemänteln wollen. Zum Beispiel ist die theologisch hoch entwickelte jüdische Religion in dieser besonderen Hinsicht ziemlich unterbestimmt. Die Meinung, ein Bilderverbot sei dadurch durchzusetzen, daß man verfügt, sich kein Bildnis Gottes machen zu dürfen, ist nicht nur reichlich naiv, sondern geradezu absurd. Natürlich kann man Bildlichkeit verbieten, aber was geschieht mit der inneren Bildlichkeit, die entsteht, wenn der Begriff „Gott“ angesprochen wird? Kann man diese ebenso verbieten und zugleich die Kontrolle dieses Verbotes gewährleisten, wenn doch jeder Mensch, der das abstrakte Kognitionsschema „Gott“ aufruft, zwangsläufig sofort eine begleitende innere Vorstellung entwickelt?

In der Sphäre der kommunikativen Akte gilt es, das Undenkbare als Undenkbares zu denken, sich das Unvorstellbare als Unvorstellbares vorzustellen und das Undarstellbare als Undarstellbares darzustellen. Wird das Undarstellbare nicht dargestellt, ist es überhaupt nicht existent. Wird das Undenkbare nicht als undenkbar gedacht, hat man nicht nachgedacht. Kann man sich die Unvorstellbarkeit nicht als Unvorstellbarkeit vorstellen, ist die ganze Aussage gegenstandslos. (12)

Betrachtet man Dada als eine erkenntnistheoretische Methode und nicht als eine kurzfristige Demonstration von Ambitionen einiger Künstler, wird klar, welch immense Bedeutung Dada zukommt. Selbst die großen Meister des amerikanischen abstrakten Expressionismus, die Maler der Monochromie oder des Minimalismus zeigen sich noch von Gedanken inspiriert, wie sie im Ersten Weltkrieg in Zürich erstmalig Form annahmen. Ein Gemälde von Rothko ist die Erfüllung des jüdischen Bilderverbots als Bild auf höchstem Niveau. Seine Gemälde erfüllen den Anspruch auf die Entkoppelung der Kognition „Gott“ und der Imagination „Gott“ von der Repräsentation „Gott“. Rothko hat tatsächlich zum ersten Mal gezeigt, was es unter westlichen wissenschaftlichen, an der christlichen Theologie orientierten Bedingungen heißt, ein Bilderverbot einzuhalten, indem man es als Bild manifestiert. (13)

Die Dadaisten stehen modellhaft für die Beantwortung der Frage, wie sich unter den Bedingungen der Unangemessenheit, der Nichteinholbarkeit, der Nichtverfügbarkeit, der Nichtangemessenheit der Prozeß der Verständigung tatsächlich vorstellen läßt. Glaubte man zuvor noch, daß Gott gewußt habe, was er tat, als er die Welt erschuf, so war mit Dada ein für alle Mal bewiesen, daß selbst Gott ratlos vor seinem Arbeitsresultat stehen mußte. Die Dadaisten erwiesen als Künstler, was jedem Wirtschaftsunternehmer und Politiker als nietzscheanische Erfahrung ebenfalls zugemutet wird, daß nämlich der schöpferische Hersteller selbst nicht mehr versteht, was er bewerkstelligt. Stattdessen entsteht beim Urheber das ans Groteske grenzende Gefühl, bei der Entfaltung eines Werks permanent faszinierende und höchst attraktive Mißverständnisse zu produzieren, also Sachverhalte zu erzeugen, die das Uneinholbare, das Ambivalente, die Ambiguität, das Dunkle, den Hermetismus (Verschlossenheit) und die Enigmatik (Verrätselung) artikulieren.

Es wurde jedoch von den Dadasophen nicht etwas absichtsvoll verrätselt, wie etwa ein Tarnspezialist einen Klartext verschlüsselt, damit der Feind ihn nicht entziffern kann, sondern eine Verrätselung im Sinne prinzipieller Unerfaßbarkeit und Nicht-Antizipierbarkeit hervorgerufen. Etwas zu behaupten, was nicht antizipierbar ist, was also außerhalb der Erwartbarkeit liegt, ist gleichbedeutend mit dem Unsinn innerhalb seiner Gefügtheit als Unfug. Aber kann man mutwillig unsinnig sein, kann man etwas beabsichtigen, was sich jeder Art von Zuordnung in ein Handlungssystem oder in ein Entwurfssystem entzieht? Die Surrealisten haben mit dem cadavre exquis versucht, eine Logik zu entfalten, die man nicht antizipieren kann. Als Künstler haben sie symbolische Repräsentationen entwickelt, die nicht mehr per Ikonographiehandbuch in Kognitionen oder Imaginationen übersetzbar waren, sondern die ganz der Beschäftigung mit unlösbaren Problemen verpflichtet waren. Sie fanden heraus, daß gerade die Zumutung der Unlösbarkeit des Problems ungemein stimulierend auf den Betrachter wirkte. Plötzlich war klar, daß man sich nicht mehr mit Problemen auseinandersetzt, um sie loszuwerden, sondern um zum Kern der Sache vorzustoßen, der prinzipiellen Unlösbarkeit von Problemen.

Anmerkungen
(12) Auch bei der Debatte über das Holocaust-Denkmal in Berlin konnten wir den Aspekt der völligen Unangemessenheit in Form einer peinigenden Naivität, ja einer unglaublichen Stupidität verfolgen. Die Homosexuellen beabsichtigten, ein kleines Denkmal mit einem Guckloch aufzustellen, durch das man ein küssendes Männerpaar sehen könne; mittlerweile wurde dieser Plan auch in die Wirklichkeit umgesetzt. Dieser Hinweis auf die KZ-Opfer, die wegen ihrer Homosexualität eingesperrt worden waren, ist absurder Kitsch. Doch warum macht der Kitsch eine solche Karriere? Weil es keine andere Möglichkeit gibt, als in der Nichtangemessenheit dieser Erfahrung zu operieren. Wenn ich behaupte, daß meinem Erlebnis von Paris die Darstellung eines 12 cm hohen Türmchens entspricht, das in irgendeiner Weise auf den Eiffelturm bezogen ist, dann bin ich ein Kitschier. Jede Darstellung ist kitschig, die als Zeichen prätendiert, dem Bedeuteten zu entsprechen.
(13) Diese Überlegungen sind der einzig vernünftige Rahmen, in dem man die Frage des Ungegenständlichen und der Nicht-Figürlichkeit in der Kunst sinnvoll beschreiben kann; zur Ikonographie der Nicht-Darstellbarkeit, siehe Brock, Bazon: Zur Ikonographie der gegenstandslosen Kunst. In: ders., 2002, S. 726 ff. Siehe Kapitel „Faken – Erkenntnisstiftung durch wahre Falschheit“.