Action Teaching 90. Geburtstag von Bazon Brock

Beginn: 18 Uhr
Einlass: ab 17:30 Uhr
Pause von 19:30 Uhr bis 20:15 Uhr mit im gesamten Hause gereichten kleinen Verköstigungen und Getränken.
Ende der Aufführung: etwa 22 Uhr

Geboten wird Berlin als historischer und mythischer Lebensraum. Angela Winkler, Fabian Hinrichs und Martin Wuttke tragen die Botschaft. Bazon ergänzt. Kieran Joel organisiert das Ganze. Justus Saretz zeichnet die Bühnenbilder.

Bazons 90. Geburtstag ist nur der Anlass. Es geht aber nicht um ihn, sondern um seine Berliner Visionen. Geburtstagsgeschenke sollte man sinnvoller Weise durch eine Gabe in die zentrale Spendenbox ersetzen.

Einen erkenntnisreichen Abend wünscht das Team.

Termin
02.06.2026, 18:00 Uhr

Veranstaltungsort
Berlin, Deutschland

Adresse
Renaissance-Theater Berlin Knesebeckstr. 100, 10623 Berlin

Veranstalter
Bazon Brock

Modernismus: Berlin – Troja unseres Lebens

Warte, warte noch ein Weilchen, dann kommt der Ernstfall auch zu Dir

Text

Bekenntnisse eines erwiesenen Zeitgenossen

Bazon Brock 90, erzählt aus dem kommenden Krieg und wie er ihn überlebte

Alles kommt, wie es kam.

Was für ein Theater!

mit Fabian Hinrichs, Angela Winkler, Martin Wuttke

Geschlossener Bühnenvorhang und abgedunkelter Zuschauerraum.

Angela (aus dem Off):

Dem Leben zum Gruße: Willkommen in der Renaissance als Theater.

Apropos Renaissance.

Renaissance wird am häufigsten übersetzt mit Wiedergeburt. Nach dem gescheiterten, in jeder Hinsicht vollständig und natürlich tragisch gescheiterten Versuch, in den zehn Jahren zwischen 1342 und 1352 tatsächlich die antik-römische Republik im papstfreien Rom wieder zu errichten, fragte man sich verständlicherweise: Wer oder was könnte nun überhaupt noch wieder geboren werden?

Was soll jetzt noch Renaissance heißen?

Bazon entdeckte vor Jahren die Antwort bei Meister Pisanello, der seit 1400 alle seine Gemälde mit der Selbstkennzeichnung „Pisanello Zoographos“ signierte. Wörtlich übersetzt heißt das: Er sah sich als Lebengebender.

Wiedergeburt meinte also zu lernen, sich selbst durch Arbeit, im Tun und Lassen, durch Tätigsein zu verlebendigen und vor allem auch diejenigen zu stimulieren, die dann die geschaffenen Werke nutzen. Die Arbeit am Werk und mit dem Werk verlebendigt Menschen: Sie werden freudig erregt oder zornig, geil oder erinnerungstrunken. Das heißt ab 1400: Der lohnendste Erfolg der Arbeit im Herstellen und Nutzen von gestalteten Dingen ist die Steigerung des Selbstwertgefühls, der Selbstoptimierung und des kraftsteigernden Enthusiasmus. Wir wünschen Ihnen demnach eine Selbststeigerung mit Sinnlichkeit und Verstand. Fühlen Sie sich nach drei Stunden wie neugeboren. Also entdecken Sie in sich den Renaissance-Menschen durch Selbsterregung, Selbstbemächtigung.

Und Achtung: nicht in der beliebten Egomanie der Orgasmussteigerung, sondern durch Augiasmus, also durch Anstrengungslust, Lust durch Pflichterfüllung, Lust durch Gelingen anstrengender Arbeit. Augiasmus statt Orgasmus: Augias war der Oberbürgermeister einer völlig verkommenen Stadt, chaotisch versifft, vermüllt bis unter die Decken.

Der OB rief Herkules zu Hilfe, der mit ungeheurer Anstrengung die Stadt ausmistete. Seine Belohnung war herrlich: augiastische Lust durch Kraftentfaltung, viel genussreicher als alle Orgasmen, Schöpfungslust und gleichzeitig Erschöpfungslust.

Aaaaaaaahhhhhh Anstrengungslust.

Gleich einmal eine Probe aufs Ensemble: Unter den zwanzig wichtigsten Theoremen, das heißt Denkpatenten, Prozeduren für Gedankenarbeit, hat Bazon das Theorem vom verbotenen Ernstfall stets besonders hervorgehoben. (Lesen Sie nach auf der Website.)

Hier arbeiten wir nun mit einer Konsequenz des verbotenen Ernstfalls: wir machen mit dem Theater nicht ernst, sondern spielen. Der Unterschied? Wenn zum Beispiel die Mondlandung von Menschen nur gewagt werden konnte und kann, soweit sie hier auf Erden in allen Einzelheiten komplett simulierbar war, wozu dann noch der Ernstfall? Es genügt die Simulation, das Theater. Und damit spart man Milliarden und Menschenleben: Schließlich sind inzwischen zig Astronauten / Kosmonauten geopfert worden. Solchen Unsinn des tödlichen Ernstfalls hilft das Theorem vom verbotenen Ernstfall des Bazon Brock zu vermeiden. Für unseren heutigen Abend bedeutet das: Wenn jede Theaterinszenierung nur gelingen kann nach wochenlangem Proben, dann kann eine gelungene Probe die angestrebte Optimalfassung ersetzen, das spart große Kosten und viel Nerven. Deshalb bieten wir heute als Befolgung von Geboten des verbotenen Ernstfalls eine gelungene Probe und keine Abschlusstheatralik. Die antike Lehrmethode der Diatribe, das epische Theater von Brecht und Piscator, Actionpainting, Actionmusic, Actionteaching – sie alle bestätigen das Erprobungstheater als beste Form zu enden ohne Beendigung, des Handelns ohne irreversible Folgen, opfervermeidendes Handeln gegen die tödliche Vollendung.

Maxime: so ist es richtig – Hamlet findet Kotelett statt Skelett.

Auf den immer noch geschlossenen Bühnenvorhang Projektion des Videos Bazon Brock in der Galerie René Block. Berlin 1965: „Die Augen des jungen Republikaners sind klar. Wenn Sie mich ansehen, erkennen Sie (er zeigt) hier eine Öffnung, die meine Mutter gemacht hat. Wenn Sie in mich hineinschauen, was sehen Sie (er reißt das Maul auf), dass ich ein Dichter bin innen und außen.“

Beide Akteure (Fabian Hinrichs, Martin Wuttke) vor dem Bühnenvorhang

H:
Dass er neunzig wird, ist nur der Anlass.

W:
Aber es geht nicht um noch soviel gewährte Lebensgnade, Leibkraft, Seelenenthusiasmus, sondern …

H:
Wenn ein Individuum eines in einer Million geteilt durch 1 Million ist, dann wollen wir alteuropäisch zeigen, wie ein Individuum es in diesen Zeiten vermeiden kann, zur Kalaschnikow zu greifen …

W:
Oder in die Klapse abzuhauen.

H:
Oder sich als Pensionär im datcheskem Gartengrün ruhig zu stellen und sich mit Lianen selbst zu fesseln.

W:
Ja, das habe ich gehört. Er feiert die Selbstfesselungskunst anstatt die Sau rauszulassen. Oder noch schlimmeres Getier, das in uns heult.

H:
Ich spiele hier den großen Schauspieler BB.

W:
Ich den großen Denker.

H:
Weil der Mann, den wir meinen.

W:
Meiden.

H:
Beneiden.

W:
Auf dessen fruchtigen Buchseiten wir weiden,

H:
Ein Performance-Philosoph ist, sagt Sloterdijk. Ein Schaudenker.

W:
Schaumschwenker. Ein Feuilletonisten-Kränker.

H:
Also Schauspieler?

W:
Denker?

H:
Ich spiele also hier den großen Schauspieler. Wie kann ich den großen Schauspieler spielen – wenn ich es doch tatsächlich bin? Ich spiele also, was ich bin? Und nicht den Mann, den wir meinen.

W:
Achtung! Risiko, mein Lieber. Damit sind schon manche hops gegangen, zum Beispiel der große Molière. Er spielte den eingebildeten Kranken, und starb als solcher auf der Bühne. Also war er, was er spielte, also spielte er gar nicht, sondern war. Ich spiele den großen Denker, der ich nicht bin, soll aber die Gedanken des Denkers denken. Also denke ich notwendig, dass ich ein Denker bin. Cogito, ergo cogito.

H:
Aber er sagte Cogito, ergo bum bum, dass erst gibt dem Erfinder Wumm. Und er meinte natürlich Coito, ergo sum sum. Immer gekonnte Simulation. Nichts Wirkliches – aber großes Theater!

W:
Siehste, jetzt versteh ich mich. Der Mann, den wir meiden.

H:
Meinen!

W:
Feiert die Simulation wie kein anderer als Medium der Wahrheit, des Guten und Schönen.

H:
Das könnte Dir so passen! Wüterich. Wir sind der Wahrheit, Schönheit und dem Guten verpflichtet. Dafür werden wir bezahlt im Staatstheater.

W:
Einfaltspinsel – hättest mehr Nietzsche lesen müssen oder den Mann, den wir meinen.

H:
Meiden.

W:
Niemand weiß, was gut, wahr und schön ist. Aber alle kennen das Hässliche, das Böse und die Lüge.

H:
Also doch das Gute, Wahre und Schöne!!!

W:
Dreifallspinsel. Das Gute, Wahre und Schöne gibt es nicht – weder beim Papst in Rom noch bei den Karlsruher Oberrichtern noch bei Berliner Akademie-Präsidenten.

H:
Dentinnen! Dentinnen: große Wunderbarigkeiten!

W:
Das Gute, Wahre und Schöne sind nur Denknotwendigkeiten, auf die wir uns auch ungewollt beziehen müssen, wenn wir etwas als betrogen, gelogen oder ins Hässliche verzogen empfinden.

H:
Also von der Lüge zur Wahrheit und nicht von der Wahrheit zur Lüge?

W:
Ganz richtig – der Lügner rettet die Wahrheit! Die Hässlichkeit erzeugt die Sehnsucht nach dem wahrhaft Schönen und die reale Bösartigkeit stimuliert die Sehnsucht nach dem Guten.

H:
Also sind Lügner die wahren Philosophen, weil einer, der sagt, er löge, lüge, lügte, ja tatsächlich der Wahrheit huldigt, die alle anderen gar nicht kennen können.

W:
Aha. Wenn alle sagen, dass ich wüte, lüge, tobe, Fratzen schneide, erkennen sie in mir den Kämpfer für das Gute, Wahre und Schöne? Das habe ich immer gewollt – so sollten mich alle verstehen.

H:
Genau. Und nicht nur auf der Bühne. Vertrauenswert ist nur, wer überall signalisiert „ich lüge“.

W:
Hhmm, also Trump klärt auf? Donnerwetter. So könnte ich mit ihm einverstanden sein, wenn er immer von vornherein zu erkennen gäbe; ich manipuliere, ich betrüge, ich lüge. Ich lüge stets und systematisch – betrüge und manipuliere, damit ihr endlich lernt, euch selbst auf das Gute, Wahre und Schöne zu verpflichten, anstatt es mir abzuverlangen.

H:
Also das Falsche als Agent der Wahrheit?

W:
Kapierste: das heißt Faken. Alles von vornherein als höchst problematisch zu erkennen zu geben, damit niemand sich davor drücken kann, sich selber und nicht die anderen auf das Gute, Wahre und Schöne zu vereidigen!

H:
Vereidigung auf das, was es gar nicht gibt? Wirklich sind nur die Denknotwendigkeiten?

Vor dem Vorhang erscheint die schöne, intelligente, musikalisch begabte Frau (Angela).

H:
Aber die ist doch wirklich schön – gut gebaut und wahrhaft eine Wonne.

W:
Der Blick macht aus der „Heide“ eine Landschaft. Dein Blick macht aus der Frau ein Bild, das dir gefällt. Das Bild wirkt, nicht sie selbst.

H:
Die Kunst ist wirksamer als das Leben, die Bühne wirklicher als die eigene Wohnung?

W:
Deshalb spielen wir alle Theater in unseren Wohnungen. Wir spielen Theater, wenn wir arbeiten, sind aber höchst ernsthaft bei der Sache, wenn wir im Theater lernen, mit einem Problem, einen Plan, einer Vorstellung ganz ernst zu machen.

H:
Der Mann, den wir zu meinen meinen, hat vor 60 Jahren die komplette Wohnung einer Schauspielerfamilie in Hannover auf die Bühne gestellt. Die Bewohner wechselten ins Publikum und die Schauspieler übernahmen die Rolle der Bewohner.

W:
Und?

H:
Was, und?

W:
Der Erfolg des Theaters?

H:
Eine freudig einvernehmliche Scheidung: Das Fest Ihres Lebens. Sie konnten endlich kapieren: Alle Hochzeiten sind nur gelungen, wenn sie schon von Anfang an eine erkenntnisreiche Scheidung mitfeiern.

W:
Sagte ich doch, gefakte Hochzeiten sind die wahrhaften, wahrhafte Scheidungen: Der europäische Humanismus lebt doch noch.

H:
Womit man Gutes tut, laut aufzulachen!

W:
Also seien wir gute Faker? Von vornherein immer falsch? Immer hässlich? Immer dreist?

H:
Der Mann, den wir meinen, lehrte also, zu sein, der man nicht ist, damit man ein anderer werden will. Üblicher Beschönigungsschwindel der Euphoriker.

W:
Na denn, sieh mal genau hin.

Auf dem geschlossenen Bühnenvorhang wird der Abklammer-Teil der Aufzeichnung Mission Possible, Den Haag 1995, projiziert.

A:
Der Anlass, liebe Freunde, ist zwar der Neunzigste, aber wir behübschen nicht BB, sondern bestärken Sie selbst in Ihren Rollen. Denn Bazon betonte sein Leben lang mit Nietzsche: Die Attraktionen im Weltanschauungstheater, im Lehrtheater, im Kriegstheater bieten nicht die Akteure auf der Szene, sondern die Reakteure als Publikum: Reakteure, eben nicht Reaktionäre, mit dieser Diskriminierung des Publikums als Reaktionäre wollen die Akteure ihre Attraktivität erhöhen.

Bazon war der erste Künstler, der die Hauptrolle des Publikums anerkannte und deswegen jedem Zuschauer seiner Action-Teachings ein Honorar zahlte, um darauf hinzuweisen, dass gekonnt zuzuhören und zuzusehen eine viel größere Anstrengung verlangt, als das Agieren auf der Bühne.

W:
Übrigens anerkennt auch die Kulturverwaltung die herausragende Rolle des Publikums. Sie zahlt seit Jahren jedem Theater- oder Opernbesucher im Durchschnitt 420 Euro für seine abendliche Rolle als Zuhörer und Zuschauer.

A:
Schon die ollen Griechen nannten die Teilnehmer an sozialen Riten, also auch die Zuschauer im Theater „Theoretiker“: Jawohl, jawohl, Theoros, also Theoretiker heißt der Zuschauer im griechischen Theater. Denn die Zuschauenden werden zu wahrhaften Theoretikern, weil sie durch geistige Anstrengungen es fertigbringen müssen, das Getue auf der Szena, den chorischen Singsang, den Schreckensschrei, das Laufen und Niederbrechen auf der Szene in den Sinnzusammenhang einer interessanten Erzählung zu überführen.

Sie also, verehrte Gäste, sind die tragenden Größen auch dieses Abends. Sie bekunden die fundamentale Erfindung der Demokratie, die nichts anderes meint, als die Verhandlung von Sachverhalten vor Publikum, d.h. römisch ausgedrückt, vor Vertretern der Res Publica, also den Repräsentanten der Republik.

W und H gemeinsam mit zynischem Unterton:
„Hurra, hurra, hurra!“

Der Vorhang geht auf.

W:
Wo stehen wir?

A:
Klare Ansage. Jedes Bühnenportal repräsentiert einen Triumphbogen, also auch die Wahrzeichen Berlins – Portal des Schlossbaus von Leander und Brandenburger Tor von Langhans.

W:
Aber ich sehe kein Brandenburger Tor.

A:
Das dreigliedrige Stadttor wird zum Triumphbogen, wenn durch die Öffnung der Stadtbefestigung die siegreichen Verteidiger ihrer Gesellschaft heimkehren und die Zuschauer einkehren auf die Tribünen. Aber Achtung, den Triumphator begleitet permanent, hinter ihm stehend, die erste Gestalt des Staatstheaters: Ein Herold, der den Sieger darauf hinweist, nicht Jupiter, kein Gott zu sein, sondern ein Sterbling, wie alle anderen Kämpfer seines Heeres und der Bürgerschaft.

W:
Aber ich sehe kein Brandenburger Tor!

A:
So also entsteht die Hauptaufgabe des Theaters im staatlichen Auftrag: Ständig wachzuhalten, dass auch die größten Akteure nichts anderes als Wahrgenommene der Bürger sind, vor denen und für die sie ihre Handlungen ausführen.

Kapierste: die Politiker machen Theater. Deswegen heißt es auch „Kriegstheater“ (“theater of war“), cum ex Theater vor Gericht, Parteientheater in der Presse. Das Bühnenportal zeigt an den Triumph des Theaterspielens über das Theatermachen, des Theaters über die soziale Realität, über das Schmierentheater der Macht.

W (mit kindlicher Überlegenheitsgeste):
Triumphbogen? Das Bühnenportal zeigt doch nur eine Öffnung.

A:
Langsam, langsam, Wüterich!
Die Seitenportale sind nach links und rechts in den Bühnenraum geklappt. Durch sie treten alle Akteure auf die Bühne.

W:
Aber ich sehe kein Brandenburger Tor.

A:
Du siehst viel mehr, wenn Du nicht wie üblich geradeaus siehst, sondern runter unter Deine Füße. Schicht für Schicht. Jede Schicht, mehr als ein Jahrhundert.

Du siehst Geschichte als geschichtetes Geschehen. Du stehst auf ihr, denn die Welt, in der etwas geschieht, bleibt immer die gleiche. Andere Zeiten heißt nicht in einer anderen Welt, sondern hier am selben Ort unter Deinen Füßen. Je tiefer Du schaust, desto mehr Geschichte erkennst Du.

Die Geschichte ist ein Brunnen, je tiefer man ihn gräbt, desto klarer das Wasser des Lebens, das man aus dem Brunnen schöpfen kann.

Bühnenanweisung: Die Bühne in aufgehendem Licht. Man erkennt frontal im Hintergrund eine Erdanhäufung bekrönt durch ein Firmenschild „Erdververwertung“. Rechts die Ruine des Reichssicherheitshauptamts, links der Gropiusbau und Ruine des Völkerkundemuseums, dazwischen DDR-Mauer. Mittelpunkt der Bühne ist die Linnésche Wegeführung ins Grüne über sechs Erderhöhungen hinweg. Davor einige Kettcars/Bobbicars. Im Zuschauerraum links hinten die seitlich angedeutete Ruine des Anhalterbahnhofs, rechts seitlich Blick auf den Askanischen Platz mit deutlich lesbarem Straßenschild „Askanischer Platz“.

Es beginnt moderat ein Violinspiel als Hintergrundmusik.

W:
Den Brunnen des Lebens graben! Aber wo graben wir?

H:
Im Troja deutschen Lebens, in Berlin. Im Troja unseres Lebens, erkannte Bazon. Zeigt mit imaginierender Kraft großer Zeigegesten: Niederkirchner Straße, Wilhelmstrasse, Anhalterstraße, Anhalterbahnhof, Askanischer Platz, Königsgrätzer Straße, Stresemann- Straße, Saarlandstraße, Göringstraße … Völkerkunde Museum, Gropiusbau (entlang der Niederkirchener Straße), Lipperheidesche Kostümsammlung, Reichssicherheitshauptamt, Linné-Lustwandel, Aha-Clou (in der Mitte der Bühne).

H:
Oase des Lebens in einer Einöde? Aber bis 1980 ein sprechendes Trümmerfeld der Träume, Gärten des Bösen. Eine Apotheose der von Menschen zugerichteten Welt. Ein Bruchstück als Ganzes, unvergleichlich jedem anderen so kleinen Territorium in unserer Welt.

W:
Forum Germanum, Territorium des Nirgendwo. Diaspora der Erinnerung, der Anklagen, der Flüche, der Vertreibung aus der Hölle verwirklichter Utopien. Ullrich Giersch, François Burkhardt und allen voran Bazon haben dieses Gelände von Juni bis September 1981 täglich nachmittags mit Publikum durchwandert. „Im Gehen Preußen verstehen“ hieß dieses Ereignis der Berliner Festwochen, auf ewig unvergessen sei deren jahrelanger Leiter Ullrich Eckhardt. Das war wahres wissenschaftliches Arbeiten durch Spazierengehen 1981 im Forum Germanum.

Wuttke setzt sich aufs eines der Kettcars und fährt einige Runden über die Erdhügel.

W:
Die tödlichste Verwirklichung von Träumereien der Deutschtumspathetiker lieferte auf diesem Forum Germanum das Reichssicherheitshauptamt, das als Ruine den Krieg überlebte. Aber die Ruinen der Schande sollten nach 1945 unbedingt verschwinden. Man transportierte sie zum Ausbau der Rollbahnen nach Tegel, weshalb bis vor kurzem jeder Berlinreisende seinen Besuch mit der Landung im Reichssicherheitshauptamt begann, dessen Chef Heydrich die Landung in Berlin auf alle Zeit orchesterreif mit seiner Violine begleitet: Künstlerische Sensibilität und Phantasie helfen immer bei der Erfüllung großer Ziele. Das lernten die Deutschen bei Richard Wagner.

H:
Auf den Wegen des Forum Germanum – früher ein von Linné mit Überraschungserlebnissen angelegter Gartenpark – begruben die Russen ihre frisch gefallenen Soldaten und lieferten so die Grundkonzeption eines Vergnügungsparks.

W:
Denn nach dem Kriege ging mit Juchhe über die Grabhügel der Russen hinweg das Fahren ohne Führerschein. Er fährt weiter seine Runden.

H:
Heydrichs Männer benutzten im Forum Germanum auch die Gebäude der Lipperheideschen Kostümsammlung und die künstlerischen Ausbildungsstätten. Das Ordnungssystem der Kostümverwaltung (Millionen von Einzeldaten) übernahm der Staatsschutz SS für die Gestapo-Suchmaschinen und in den Kellern der Bildhauer meißelten die Schergen nun am lebenden Fleisch der Naziopfer.

W:
Es gibt noch Zeitzeugen, die in der Ecke Wilhelmstraße/Niederkirchner Straße Richtung Reichsluftfahrtministerium einen riesigen Ruinenberg gesehen haben, dessen Spitze bekrönt war von einer weithin sichtbaren Werbung für die Nachkriegsaufräumarbeit mit dem brillanten Schriftzug „Erdverwertung“! Besser kann man es nicht sagen: Weltgeschichte ist Erdverwertung.

H:
Diesen Raum des Forum Germanum, mit wenigen Schritten zu durchmessen, kaum größer als eine barocke Freilichtbühne oder ein englischer Garten – und denen auch in seinen Kulissenaufbauten, ruinösen Architekturen und Ereignispodesten ähnlich – diesen deutschen Garten gilt es, kraft unserer im Theater trainierten historischen Imagination, in den geschichtlichen Zeiten zu verlebendigen, die hier ihren Ort hatten.

W:
Das sind lange Zeiten, aber eben auch nicht länger, als sie ein geschichtliches Bewusstsein zu fassen vermag: Das Bewusstsein von der Beständigkeit des Wechsels, von der Kontinuität der Brüche, vom Augenblick als Ewigkeit.

Er steigt aus dem Kettcar.

Wie lang ist der Augenblick, in dem sich die Geschichte vom Ende Trojas bis zu Schliemanns trojanischen Schatzfunden und der erneuten Verschüttung des Schatzes im Zweiten Weltkrieg zu jener Geschichte zusammenschließt, unter deren Trümmern wir lebenden Trojaner erneut drohen begraben zu werden?

(Hinrichs kostümiert sich mit Barett und Pelzschalkragen, wie Hegel bei Vorlesungen in historischen Darstellungen gezeigt wird, Wuttke analog zur Darstellung der Studierenden)

H:
Dass wir in diesem Gelände zu Trojanern werden, ist ganz und gar nicht feuilletonistische Phantasterei. Im Völkerkundemuseum – neben dem Gropiusbau – hatte Schliemann seinen Schatz des Priamos deponiert und den von Mykene, um dafür auf Betreiben Professor Kochs wenigstens einen Orden vom Kaiser zu erhalten; Ehrendoktorhut oder gar eine Professur wollte man dem Wilderer in den Altertumswissenschaften denn doch nicht zugestehen. Aber die goldgeile Einholung des Schatzes erwies sich als trojanisches Pferd für das Preußen-Deutschland: Denn Schliemann hatte mit seiner Methode, den homerischen Mythos wörtlich zu nehmen, genau jenes Verfahren als äußerst leistungsfähig bewiesen, dessen radikaler Anwendung Deutschland den größten Teil seines Elends und seiner selbstüberheblichen Geistesgrößen verdankt.

W:
Die Grünen als wahre Deutsche? Sie glauben buchstabentreu, Gesetze zu schreiben sei Politik. Es steht doch da – also ist es wirklich, beharren sie ganzdeutsch. Das galt schon vor Schliemanns beweiskräftiger Demonstration deutscher Begriffsgläubigkeit und Buchstabentreue. „Begriffi“ hießen Deutsche im zivilisierten Europa: Begriffi, Begriffi. Aber sie begriffen nichts.

Jeder gebildete Franzose, gar jeder Brite hätte sich geweigert, einen Roman, und Homers Epen sind tatsächlich Romane, als Geschichtsbuch zu lesen, wie Schliemann das tat: Eine Verirrung, eine gewollte, humanistisch gerechtfertigte Rebarbarisierung durch kindlichen Glauben an die Wahrheit der Märchen.

H:
Und, und, und noch viel doller: Die Trojaner waren ja nicht erst mit Schliemann nach Berlin gekommen. Im Zentrum des Forum Germanum liegt der Askanische Platz. Den Namen erhielt er von den Askaniern, die mit Albrecht dem Bären 1134 an Havel und Spree zu ,kolonialisieren' begannen – im Auftrag Kaiser Lothars.

W:
Den kennt keener. Von dem wollen Deutsche nichts wissen. Lothar ist der bedeutendste Kaiser des Mittelalters. Er ließ in Königslutter am Elm sein Regierungsprogramm in Stein meißeln. Es hieß und heißt Selbwala – also Selbstverantwortung der Menschen ohne das Walten Gottes. Bildhauerisch ließ der Kaiser überdeutlich zeigen, was die Maxime Selbwala meint: Die Hasen fesseln ihren Jäger, die Bürger die fürstliche Autorität. Diese als unchristlich geschmähte Politik musste der Kaiser mit seinem Tode bezahlen. Ideologen der Einheit von Glaube und Tat ermordeten Kaiser Lothar.

H:
Seit 1150 konnte sich der Askanier Albrecht auch Markgraf von Brandenburg nennen. Mit ihrem Namen wollten sie auf die anspruchsvolle, geschichtsträchtige Herkunft ihres Geschlechtes aus Troja verweisen, denn Askanius ist der latinisierte Name des jüngsten Sohnes des Trojanerkönigs Aeneas. Der Askanische Platz war also von vornherein, von Anfang an, immer schon trojanisches Gelände. Berlin war und ist tatsächlich ein zweites Troja, ganz offiziell und absichtsvoll; denn die Askanier waren die ersten ,Deutschen', die in dieser Weltgegend herrschten. Wenn das Heilige Römische Reich tatsächlich deutscher Nation war und wenn die Römer sich zu Recht von dem trojanischen Stammvater Aeneas ableiteten, waren damit auch deutsche Fürsten Abkömmlinge Trojas. Berliner sind und waren eben jeweils von der Zeitmode bloß getarnte Trojaner: Wandervogeltrojaner, HJ-Trojaner, FDJ-Trojaner, Kriegstrojaner, Bundeswehrtrojaner. Und seit Anfang der 1960er Jahre bestätigt die Welt dieses Urteil durch Zuzug der anatolischen Trojaner, sodass vor allem in Kreuzberg, Moabit und Neukölln bildungstouristisch Schliemannfestspiele stattfinden mit Originalbesetzung aus Troja in der heutigen Türkei.

Einspielung Abklammerung des Films „Radikatoren, Moderatoren“, 1996, Episode „Palinuros“

W:
Troja, das ist wohl nicht nur in der Vorstellung von Großgruppentouristen immer nur ein Haufen Trümmer. Ruinen sind die Lustziele touristischer Paradiesgärtlein. Was kaputt ist, erweckt mehr Interesse; man kann sich mehr dabei denken und wünschen als bei den Architekturen der heilen Welt, weshalb sich der sprichwörtliche deutsche Handwerksmeister (erstmals auf Cook-Reisen) stets nur fragte, mit wie viel Mann in welcher Zeit er alles verschwinden lassen könne.

Palazzo Ducale Venedig: fünfzig Mann, zwei Wochen – und weg ist er. Dom zu Florenz mit Baptisterium und Campanile, zweihundert Mann, vierzehn Tage, ex und hopp. Die deutsche Tatkraft als Cicerone wahrer Erlebnisreisen, Ha! Ha! Ha, ein Bestseller seit 1871. Heute besorgen Touristenhorden das Ruinieren als Geschäftsmodell des Wirtschaftswunders „Auferstanden aus Ruinen durch Ruinieren der Ruinen“.

H:
In Ost und West? In der Pfui-Diktatur wie in der Heil-Demokratie?

Auftritt Angela als Trümmerfrau.

A:
Wenn man Barbarei nicht nur geschäftlich, sondern auch politisch betreibt, versöhnt die Ruine Ost und West in herzlichem Einvernehmen. Nach dem großen Weltdesaster 1945 wurde sehr viel mehr historische Substanz durch Aufbaupolitik vernichtet, als im Kriege mit Trommelfeuern und Bombenteppichen. In Ost und West die gleichen Kulturgesten der politischen Korrektheit: In Ostberlin bewährte sich SED-Chef Ulbricht als deutscher Kulturheroe im Abriss des Berliner Schlosses, und die westdeutschen Nachkommen Heinrichs des Löwen, die immerhin den Österreicher Hitler zum deutschen Beamten und damit wählbar machten, rissen das Braunschweiger Schloss ab. Ost wie West, Kommunisten und Kapitalisten in schöner Harmonie. Sehen Sie, das ist wahrhaft KI, AI, kulturelle artifizielle Ignoranz, als Glorie der kollektiven Dummheit.

H:
Evolution heißt eben, trial and error. Versuch geglückt bei Insekten: Jedes Individuum höchst beschränkt, das Kollektiv superschlau. Versuch gescheitert bei Hominiden: Jeder einzelne Mensch unendlich begabt und potentiell fähig, die Gesellschaft, die Kollektive aber saudumm.

A:
Zerstörungsmacht verleiht eben den Männern das Bewusstsein, auch selbst historische Kraft zu besitzen. Kinder demonstrieren Schöpfungswillen vor allem im Kaputtmachen. Das zeigt mehr überwältigende Effekte, weil es plötzlich geht und alles auf einmal.

H:
Bemisst man nicht allgemein bis auf den heutigen Tag jede historische Macht nach ihrer Zerstörungskraft?

A:
Wer beweist was? Männer im Tun, Frauen im Unterlassen. Ich hörte große Männer Berlins, ich hörte Egon Eiermann: „Je mehr ich also in die Zukunft schreite, je mehr ich blind an sie glaube, desto besser wird die Zukunft sein. Wenn wir nun damit Heimatlosigkeit in Kauf nehmen müssen, so tu ich das gerne. Was haben wir Architekten damit zu tun, wenn die Bewohner sich nicht in dem heimisch fühlen, was wir für sie
hinsetzen können.“

H:
Hingebungsvoller Glaube, ja Fortschrittsfanatismus, Selbstergriffenheit durch die Größe der eigenen Mission – das waren und sind nicht Begriffe der Nazi-Barbaren, der Anti-Demokraten, Anti-Humanisten, Anti-Semiten. Diese Begriffe kennzeichnen seit Mitte des 19. Jahrhunderts das gigantische Projekt Modernität. Modernität ist eine erhabene und zu jedem Verbrechen befähigende Mission. Modernität in allen Feldern und nicht nur in der Kunst, wie Hitler meinte: Die Kunst ist eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission. Die Verpflichtung zu dieser Mission hat fast alle Genies, die das Leben der Zeitgenossen modernisieren wollten, zu Barbaren gemacht.

A:
Was hieß noch mal moderne Barbarei?

H:
„Wer stark ist zu schaffen, der darf auch zerstören!“ Das deklarierte Prof. Gundolf, höchst angesehener Professor der altehrwürdigen Universität Heidelberg und sein Schüler Joseph Goebbels stimmte dem ausdrücklich zu: „Unter den Trümmern unserer Städte sind die letzten sogenannten Errungenschaften des bürgerlichen 19. Jahrhunderts endgültig begraben worden. Zusammen mit diesen Kulturdenkmälern fallen auch die letzten Hindernisse zur Erfüllung unserer revolutionären Aufgabe.“

Und die Trümmer stimmten Goebbels, wie alle Modernisten, höchst optimistisch, weil er durch Max Stirner gelernt hatte, „dem Deutschen ist das Vernichten, das Schaffen und das Zermalmen des Zeitlichen seine Ewigkeit“.

A:
Heißt das, das Wirtschaftswunder ist umso größer, je schneller der Neubau zur Ruine wird, damit man neu bauen kann, um noch besser zu ruinieren?

H:
Der in Berlin goldglänzende Hans Scharoun bedankte sich ausdrücklich für ruinierende Gewalt: „Die Zerstörung unserer hoffnungslos veralteten Städte hatten schließlich die alliierten Flugzeuge erledigt und nichts stand mehr im Zentrum Berlins. Die Zeit für die Realisierung unserer modernen Konzepte des Bauens und der Stadtplanung war endlich gekommen“

A:
Soweit der männliche Heroismus des Machens, des Tuns. Wer das noch am eigenen Leib erlebt hat, interessiert sich mehr für das Unterlassen als das Tun: „Wir bitten Sie dringlich, alles in ihrer Macht stehende zu unterlassen“, ruft Bazon seit Jahrzehnten den Modernisten entgegen. Fachkräfte des Unterlassens sind durch ihre soziale Rolle immer schon die Frauen, Bazon schrieb mit an der „Herstory des Unterlassens gegen die History der Tätertypen“.

So wie man lange, lange, lange Zeit nicht erkennen wollte, dass jede Gesellschaft von der nie genannten stummen Arbeit der Frauen und Mütter, der Tanten und Großmütter, des gesamten Dorfes lebt, um Kinder zu erziehen, so ahnungslos waren die Historiker, die glaubten, Geschichte werde durch das bestimmt, was geschieht. Unser Mann machte sich als Professor höchst angreifbar, als er nachdrücklich immer wieder behauptete, die größte Leistung der Menschen sei das Unterlassen. Und er wurde sogar Österreicher, weil die Österreicher, von Volksabstimmung getragen, es unterließen, dass gerade völlig up-to date ausgebaute Atomkraftwerk Zwentendorf in Dienst zu stellen.

H:
Die Atomwaffen in der Kubakrise nicht zu zünden, war doch noch eine größere Leistung des Unterlassens, oder?

A:
Also, das heißt doch: Unterlassen ist die bedeutendste Form des Handelns! Aber die kommt in kein Geschichtsbuch. Da paradieren nur große Tätertypen.

H:
Woher wusste der Kerl das?

A:
Erstens von den christlichen Geboten, du sollst nicht töten, nicht begehren fremdes Gut, nicht verleugnen oder falsch Zeugnis geben. Alle moralischen Gebote gebieten das Unterlassen.

Zweitens lernte Bazon von den Künstlern. Die müssen zum Beispiel Figur und Grund unterscheiden, Ton und Stille, Aktion und Pause. Laien kleistern begeistert die Leinwand voll, Profis unterlassen das Vollschmieren. Je extremer die Reduktion, desto klarer das Bild. Große Künstler sind Meister des Unterlassens unseres natürlichen Gestaltungstriebes: „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“, das war die Grundlage
des Bildungsbürgertums.

H:
Aber die Täter sind doch viel interessanter als die Unterlasser. Die Zerstörer faszinieren, die Bastler amüsieren bestenfalls.

A:
Halten wir uns in den Trümmern der Vergangenheit so gruselnd gerne auf, weil wir glauben, allein auf diese Weise einen Blick in die Zukunft unserer Gegenwart werfen zu können? Ist das der Kern des Humanismus, dem sich jedes wahrhaft deutsche Gymnasium weihte? Kempowski zeigte „Alles im Dutt“, das ist die beste Summa.

H:
Offenbar. Deshalb scheinen wenigstens die historisch gebildeten unter den Berlin-Touristen das Forum Germanum, das Troja unseres Lebens, als den wahren Mittelpunkt Berlins zu erleben. Durch Bürgerproteste blieb in der Nachkriegszeit das Portal des vom unseligen Stadtplaner Werner Düttmann nach dem Kriege endgültig ruinierten Anhalterbahnhofs übrig.

A: ruft rein
Und im Osten die Ruine des Schlossportals.

H:
Die Anhalterportalruine zeigt namentlich noch heute, woher die Askanischen Trojaner nach Berlin kamen: aus Anhalt. Anhaltinische Trojaner – sich so zu nennen wäre heute für die Leute in Sachsen-Anhalt höchstmögliche Erhöhung zu historischer Bedeutung. Vergebliche Hoffnung, denn sie können sich nicht einmal an eines der größten Fürstengeschlechter aller Zeiten erinnern: an ihre Ernestiner und Albertiner.

W:
Während Speer ...

A:
Und Hitler ...

H:
… gigantische Ruinen hinterlassen wollten, schufen die kümmerlichen
Nachfolger wie Düttmann Tabula rasa.

Für Demokraten bleibt eben nur Aufräumen durch Abräumen, um so den Blick in die drohende Zukunft jeder Gegenwart ins Leere laufen zu lassen; denn nur dort, wo Ruinen stehen, denkt man an die Zukunft und beschwört Tausendjährigkeit.

H:
Es gibt nichts Humaneres als den Versuch, an Ruinen zu zeigen, was konstant bleibt. Ja, man kann sagen, dass nur die Trümmer sich selbst gleichbleiben und damit Zielpunkt derer sind, die ihre Heimat suchen. Deshalb kaufte ja nur ein (nicht ganz zurechnungsfähiges) Mitglied des preußischen Herrscherhauses zu seiner Zeit einige Arbeiten des Heimatmalers Caspar David Friedrich, der sich mit sprechenden Ruinen ganz ausdrücklich beschäftigte.

Caspar wusste, dass nicht Natur konstant, also Heimat sein kann, denn die wird ja ständig beackert, überbaut, planiert. Friedrich hat in seinen Ruinenbildern diese Art der Konstanz gemeint, diese Heimat in Trümmern formuliert; Ruinenbilder zeigen jede Gegenwart als Vergangenheit. Friedrich konnte sagen, dass es absolute Konstanz nur im sich selbst Gleichbleibenden, also in Ruinen gibt. So konnte er den Tod als wahre Heimat zeigen.

W:
Wir konsumieren ausdrücklich Waren, die so produziert sind, dass sie durch ihren Gebrauch zu Ruinen werden. Und wir haben ja auch schon ein Gespür für den Typ der monumentalen Landschaft unserer Abfallberge.

Unsere Wälder selbst sind nichts anderes als ruinierte Natur, das bedeuten uns die Blechbüchsen und Cola-Flaschen der Waldwanderer. Natürlich ist es verständlich, dass man seine Wohnstube von den Ruinen des Lebens reinigt, damit darin weitergelebt werden kann, was nichts anderes heißt, als weiterhin darin Ruinen zu erzeugen.

H:
Was hätten wohl Archäologen Großartiges über die Welt von gestern zu sagen, wenn unsere Vorfahren tatsächlich den Dreck aus dem Hause und nicht unter den Teppich gekehrt hätten?

W:
Verfall, die Unwiederholbarkeit des Gewesenen, Zerstörungen aller Art, das sind die wahren Größen des deutschen Lebens. Eiermann ließ deshalb den Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als Ruine stehen. Das war seine bedeutendste Leistung als Architekt.

H:
Sollte man nicht lernen, das eigene Leben so respektvoll anzugehen, wie Eiermann den Kulturmüll des Wilhelminismus? Wir sollten lernen, uns selbst schon als Gewesene zu betrachten, mit der Fähigkeit, alles Gegenwärtige als ein bereits Vergangenes zu sehen, denn nur das Vergangene vergeht ja nicht, weil es schon vergangen ist. Darin liegt die Möglichkeit, das Gegenwärtige nicht nur als eine unumstößliche Konsequenz des Gewesenen zu sehen, sondern …

A:
… das Gegenwärtige als Vergangenheit von Morgen sehen zu lernen, meint in erster Linie, sich Gegenwärtigem nicht ausliefern zu müssen, durch bewusste Reaktion.

W:
Bewusste Reaktion? Aha, also ausgraben, Troja ausgraben aus vierzehn Erdschichten und Pompeji aus der Lava des Vesuvs? Man gräbt sich aus dem Müll seines Lebens aus.

A:
Die Arbeit des zeitfesselnden Lavaspeiers Vesuv soll unser Bewusstsein übernehmen, das Bewusstsein, wir sind selbst Bestandteil der toten Welt, die als Gegenwart immer nur die Vergangenheit von Morgen ist.

H:
Wir graben also im Gelände uns selbst aus. Wie es das Theater seit Shakespeare immer schon zeigte, die Archäologen graben die Menschen aus als ewig lebende Trojaner.

W:
Aber die sollen nicht bloß wiedererstehen; nicht wiedergeboren werden, schon gar nicht als begriffshypnotisierte Fundamentalisten, sondern sie sollen als diejenigen lebendig werden …

H:
Vielmehr wir als sie!

Wir sollen durch sie lebendig werden als diejenigen …

W:
… die sie in ihrer Zeit nicht hatten sein können, wozu sie aber hätten werden können, wenn sie in den jeweiligen späteren Gegenwarten in Erscheinung getreten wären – anders gesagt, die historischen Gestalten verwirklichen sich erst in der Zukunft ihrer eigenen Geschichte. Und die Zukunft, alle Zukunft, jede Zukunft, ist ja die Vergangenheit von Morgen, Übermorgen, Überübermorgen.

H:
Die Zukunft jeder Gegenwart besteht in ihrer Vergangenheit als einzig bleibende Gegenwart.

W:
Aha, sehr gut. Wir sind also auf bestem Wege, denn in den letzten fünfzig Jahren entstanden weltweit aberhunderte neuer Museen, die Tempel ewig gegenwärtiger Vergangenheit.

H:
Da kennt unser Mann noch was Größeres. Die allgemeine Pflicht zum Dienst an der Ewigkeit.

W:
Wieso das denn?

H:
Es reicht nicht der bisherige Kultdienst an behaupteter Ewigkeit: fünftausend Jahre Alt-Ägypter, Griechen, Juden, Chinesen, Perser, Babylonier …

Das sind zwar immerhin ziemlich überzeugende kulturelle Größen, aber was sind schon fünftausend Jahre kultureller Kontinuität gegenüber fünfzigtausend Jahren Halbwertszeit, die wir bereits für mittelstark strahlenden Atommüll garantieren müssen?

W:
Das ist doch trotz allem Gerede und gesetzlicher Verpflichtung bisher nicht geschehen.

H:
Deshalb zeigt unser Mann seit langem den einzig realistischen Weg: Baut Endlagerungstempel für den Atommüll in jeder Stadt, neben die Kathedralen, Moscheen, Synagogen und verpflichtet jeden Bürger zum Dienst an der Bewahrung der Ewigkeit. Das ist mehr als Gottesdienste bisher boten, denn was schert den Gott der einen der Gott der anderen? Ist doch alles bloß Glaubenssache. Aber die kultische Bewahrung der Kraft des strahlenden Mülls führt über allen Glauben hinaus, das ist Pflicht, der sich niemand entziehen kann, wenn er überleben will.

A:
Dolles Konzept. Menschendienst statt Gottesdienst.

Wuttke und Hinrichs wühlen in einem Haufen von Büchern auf dem hinteren Bühnenboden rechts.

H:
Was für eine Barbarei. Niemand nimmt einem die Bücher ab. Die Leute werden mit Mieterhöhungen in noch kleinere Wohnstuben gezwungen. Da bleiben vor allem die Bücher zurück.

W:
Die holt die Müllabfuhr, werden verbrannt und damit nützlich als Fernwärme. Schön nicht? Bücher produzieren im Nahkontakt Fernwärme. Noch näher als beim Lesen kommt man den Worten und ihrem Sinn nie.

H:
Doch, doch, zum Beispiel beim Verbrennen der Bücher in eiskalten Zimmern. Höchst populär in Leningrad oder Berlin 1943ff.

A:
Bücher verbrennen? In Deutschland? Wo man Bücher verbrennt, da …

W:
Ja, ja, ja, schon gut. Deshalb hat unser Mann sich schon vor Jahren bemüht, in der Documenta-Stadt Kassel einen ersten internationalen und interkulturellen Bücherfriedhof zu eröffnen. In der Stadt gab es aufgelassene Friedhöfe genug und Buchhändler, Antiquare und Erben flehten um Entlastung von der Pietät, hunderttausende von Büchern bei irrsinnig gestiegenen Mieten in der eigenen Wohnung zu lagern. Kasper König, äh, äh, Walter König legte sich ins Zeug für den Bücherfriedhof. Aber dann erklärte irgend so ein grün-christlicher Hauswart, dass man in Deutschland Bücher nicht beerdigen dürfe, weil mit den alten Schinken Chemikalien in den Boden kommen könnten, die äh …

H:
Oh Gott, Schrumpfköpfte überall. Also doch Wiederkehr der totalitären Dummheit als Demokratie. Muss denn Adorno überall Recht behalten? Fabian greift ein Buch aus dem Bücherhaufen.

W:
Zeig mal. Junge, junge, junge, ausgerechnet Dr. Faustus. Wenn das der Führ ..., äh, Goethe wüsste. Hinrichs reist ihm das Buch aus den Händen und liest.

H:
Soll ich euren Hohn bewundern? Ich habe nie gezweifelt, dass ihr mir zu sagen wisst, was ich selber längst weiß.

Wuttke steckt seinen Kopf ebenfalls ins Buch und liest.

W (lachend):
Mein Lieber, Deinetwegen brauchen wir uns nicht mehr in dialektische Unkosten zu stürzen. Im Gegenteil: Ich leugne ja gar nicht meine Genugtuung über die Lage des Werkes ganz allgemein. Ich bin gegen die Werke im Großen und Ganzen.

H:
Wie, Du findest Vergnügen an den Zweifeln, von denen die Idee des Kunstwerkes befallen ist?

W:
Es ist aus damit. Die historische Bewegung des künstlerischen Materials hat sich gegen das geschlossene Werk gekehrt. Das Werk schrumpft in der Zeit, es verschmäht die Ausdehnung in der Zeit, nicht aus Unfähigkeit zur Formbildung, sondern ein unerbittlicher Imperativ der Dichtigkeit, der das überflüssige verpönt, die Phrase negiert, das Ornament zerschlägt, richtet sich gegen die zeitliche Ausbreitung, also die Lebensform des Werkes.

H:
Werk, Zeit und Schein, sind doch Eins. Zusammen verfallen sie der Kritik, weil die Kritik Schein und Spiel nicht mehr erträgt?

W:
Es ist aus mit dem großen Werk. Der Anspruch, das Allgemeine als im Besonderen harmonisch enthalten zu denken, dementiert sich selbst.

H:
Was heißt schon Werk? Ist nicht Werk, was wirkt? Und Wahrheit nicht Erlebnis und Gefühl?

W:
Was Dich erhöht, was Dein Gefühl von Kraft und Macht und Herrschaft vermehrt, zum Teufel, das ist die Wahrheit und wäre sie zehn Mal eine Lüge. Eine Unwahrheit von kraftsteigernder Beschaffenheit nimmt es mit jeder unersprießlich tugendhaften Wahrheit auf.

H:
Du meinst, dass der schöpferische, geniespendende Irrsinn, der hoch zu Ross alle Hindernisse der Logik nimmt, tausend Mal dem Leben lieber ist als jede zu Fuß latschende Vernünftigkeit?

Hinrichs windet sich im Versuch, seine Zweifel und Widerwillen und künstlerische Aufrichtigkeit nicht untergehen zu lassen

H:
Ja, ja, was Du sagst, das ist nur die subjektive Seite der Sache.

W:
Ich weiß, ich weiß, es erscheint Dir unsolide. Deshalb sage ich Dir: Wir stehen für etwas ganz anderes ein. Für die Lebenswirksamkeit dessen, was Du mit unserer Hilfe vollbringen wirst. Du wirst führen, Du wirst der Zukunft den Marsch blasen, auf Deinen Namen werden die Wähler schwören, die, die dank Deiner Tollheit es nicht mehr nötig haben, selber toll zu toben. Verstehst Du? Du wirst nicht nur die lähmenden Schwierigkeiten der Zeit durchbrechen – die Zeit selber, die ganze Kulturepoche, will sagen, die Epoche der Kultur und ihres Kultus wirst Du durchbrechen und Dich der Barbarei erdreisten, die zweimal wirkt, weil sie nach der Humanität und bürgerlichen Verfeinerung kommt. Glaube mir: Sogar auf Theologie versteht sich die Barbarei besser als eine vom Kultus abgefallene Kultur, die auch im Religiösen nur eben Kultur sieht, nur Humanität und nicht den Exzess, das Paradox, die mystische Leidenschaft, die völlig unbürgerliche Aventure.

Hinrichs im Ausdruck intellektueller Abwehr gegen die Forderung nach Barbarei.

W:
Ich hoffe doch, Du wunderst Dich nicht, dass der Teufel vom Religiösen spricht. Potz, Stern und Fickament! Wer anders als der Teufel, möcht ich wissen, soll Dir heute noch vom Religiösen sprechen? Der liberale Theologe doch nicht?

H:
Die Teufelei sollte das Einzige sein, das den Gedanken an die Güte, an die Wahrheit und Schönheit erhellt?

W:
Wem willst Du theologische Existenz zuerkennen, wenn nicht dem Teufel, dem Lügner, dem Betrüger? Und wer will eine theologische Existenz ohne ihn führen? Das Religiöse ist so gewiss sein Fach, wie es kein Fach der bürgerlichen Kultur ist. Seit die Kultur vom Kultus abfiel und aus sich selber einen Kult gemacht hat, ist sie denn auch nichts anderes mehr als ein Abfall und alle Welt ist ihrer nach bloßen 500 Jahren so müde und satt, als wenn sie's, salva venia, aus eisernen Kochkesseln gefressen hätte.

H:
Wie lebt es sich mit solchen Parolen, mit diesem schrecklichen Gerede? Was erwartet die, die Euch folgen in die Spelunken? In die Parlamente?

W:
Es ist nicht leicht davon zu reden. Eigentlich kann man überhaupt und ganz und gar nicht davon reden, weil sich das Eigentliche mit den Worten nicht deckt. Man mag viele Worte brauchen. Aber allesamt sind sie nur stellvertretend, stehen für Namen, die keiner mehr kennt, können nicht den Anspruch erheben, das zu bezeichnen, was nicht bezeichenbar ist und in Worten nicht denunzierbar ist.

H:
Ist es die geheime Lust und Sicherheit des Bösen, dass es vor der Sprache geborgen ist, dass es eben nur ist?

W:
Dass es nicht publik wird, durch kein Wort erfasst werden kann. Da muss man sich, mein Guter, mit Symbolen begnügen, wenn man von dem Bösen spricht, denn dort hört alles auf, nicht nur das anzeigende Wort, sondern überhaupt alles und das ist sogar ein hauptsächliches Charakteristikum dessen, was nicht gesagt werden kann, was mit einem gesunden Sinn nicht zu fassen ist, weil die Vernunft, oder welche andere Beschränktheit des Verstehens, uns daran hindert. Kurz: weil es unglaublich ist, unglaublich zum kreideweiß werden, unglaublich, obwohl es einem ja schon in nachdrücklichster Form elektronisch eröffnet wird.

H:
Dass also jedes Erbarmen, jede Gnade, jede Schonung, jede letzte Spur von Rücksicht verboten ist? Aber das kann man doch mit Menschen nicht machen!

W:
Es geschieht, ohne vom Worte zur Rechenschaft gezogen zu werden, in schalldichten Kellern. Nein, es ist schlecht davon reden, es liegt abseits und außerhalb der Sprache, die nichts dagegen erreichen kann.

H:
Weshalb man nie recht weiß, in welcher Zeit man damit rechnen muss?

W:
Man behilft sich aus Not mit dem Futurum, wie es ja heißt: ,,Da wird sein Heulen und Zähne klappern." Aber das sind ein paar Wortlaute, aus ziemlich extremer Sphäre der Sprache gewählt, aber eben doch nur schwache Symbole und ohne rechte Beziehung zu dem, was da sein wird – rechenschaftslos und in Vergessenheit.

H:
Unverantwortlich. Und dann auch der Hohn und die Schmach dazu, die sich mit der Marter verbinden?

W:
Das Extreme daran muss Dir als Künstler doch gefallen?

H: (zögernd, peinlich berührt)
Ja, das hat Künstlern wohl gefallen. Ja doch, vielen sehr. Es ging auch bei mir durch.

W:
Nicht schlecht. Und nun will ich Dir sagen, dass genau Köpfe von Deiner Art die Population der Folterkeller bilden. Dein theologischer Typ, der auf die Macht des Fantastischen setzt und alles Nachdenken bloß für Theater der Versager hält – der ist des Teufels.

PAUSE

Bühnenbild verändert.

In der Bühnenmitte dreimal zwei Säulen auf beweglichen Rollen. Es sind die Säulen des Herkules nach beiliegender bildlicher Darstellung.

Hintere Reihe: die Twin Tower New York wie vor dem 11.9.2001,
mittlere Reihe: Plus Ultra aus dem Staatswappen Karls des Fünften,
Vordere Reihe: die antiken Säulen mit Non Plus Ultra

Beide Akteure kommen durch die Seitenportale.

H:
Ganz ordentlich, auf einer Bühne die gesamte Geschichtsphilosophie Europas: Von den ollen Griechen bis heute, dreitausend Jahre auf einen Blick.

W:
Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen der Welt.

H:
Meine Darstellung der Grenzen der Welt ist die Welt.

W:
Was ist eine Grenze?

H:
Eine Linie: In frühen Zeiten mit dem Pflug in die Erde geschnitten, heißt sie Templum, heiliger Tempelbezirk. Die Linie mit dem Auge fixiert, heißt Horizont, die Grenze meiner Weltsicht.

W:
Die älteste Grenze Europas war die Meerenge von Gibraltar. Links Afrika, rechts Spanien, dahinter das Grauen des Unbekannten oder vielmehr das Schrecken verbreitende Nichts.

Gewollt oder blöde Grenzen zu verletzen, ist höchst riskant. Deshalb werden Grenzen so auffällig markiert. Die Grenzen Europas markiert das fantastische Bild von Gibraltar als Tor vor dem Abgrund, bewacht von dem Giganten Herkules. Die Beine seines gottgroßen Stands über der Meerenge wurden als Herkules-Säulen repräsentiert mit dem Verdikt: Halt, Non Plus Utra. Wer nicht Halt macht, kippt in den Chorismos, verschwindet im Chaos, im Nichts.

H:
Non Plus Ultra: Es gibt sowieso nichts jenseits unserer Welt. Alles, was es in der Welt gibt, ist innerweltlich. Non Plus Ultra. Sogar Gott und die Götter wurden eingemeindet. Der gesamte Kosmos eine innerweltliche Seelenregion, ein Geisterreich.

W:
Dann aber befahl der große Kaiser Karl mit katholischem Furor gegen Luthers Verweltlichungstendenz: Plus Ultra. Ich anerkenne keine Grenzen mehr. In meinem Reiche darf die Sonne niemals untergehen, und er setzte die Säulen des Herkules mit der neuen Inschrift Plus Ultra ins Staatswappen des größten Reiches, dass es bis dahin auf Erden gegeben hatte. Es heißt heute das Weltreich des Kapitals. Er wusste, gerade mit dem Bekannten bestimmt man auch das Unbekannte als etwas Gegebenes und nicht bloß als ein Nichts.

H:
So kamen die Säulen des Herkules nach New York als Plus Ultra Programm der Moderne. Aber, und das ist teuflischer Witz, gleichzeitig signalisierten sie der Welt Non Plus Ultra. Es gibt nichts über die Macht des Kapitalismus hinaus, keinen Sozialismus, keinen Kommunismus, keine Spiritualität, keinen Anderwahn: Selbst den größten Wahnsinn beherrschen wir, wir vermarkten sogar den Weltuntergang.

W:
Aber dann, aber dann zeigten die Nein-Eleven, die Nein-Sager, ihre vermeintliche Gegenmacht in der Zerstörung der Säulen: Es gibt, schrieben sie mit Flammenschrift in den Himmel, doch ein Plus Ultra zum westlichen Absoluten. Der östliche Absolutismus feierte das Plus Ultra des Non Plus Ultra in der Zerstörung. Welch ein Sieg. 9/11!

H:
Seitdem gibt es kein Halten mehr.

W:
Großen Künstlern gefiel das sehr. Immer schon hatten sie den Weltuntergang als jüngstes Gericht bebildert. Am mächtigsten Michelangelo in der Sixtina. Mehr als das schien für Christenleut überhaupt nicht denkbar. Aber dann Nine-Eleven im Jahr eins des neuen Jahrtausends. Und Stockhausen war tatsächlich glaubenstreu in seiner Begeisterung für die Nein-Eleven des Nine-Eleven, denn alle treuen Christen glaubten ja immer schon, dass erst die totale Katastrophe, die Apokalypse, das Tor ins Reich Gottes eröffnet.

H:
Und das neue Plus Ultra? Was wird, wenn die Zerstörung nicht total ist? Denn Ruinen, die immer übrigbleiben, stehen doch dem Weltende, der totalen Tabula rasa entgegen.

W:
Auf jeden Fall kein Gottesreich. Kein Trost nirgends. Aber Trotz, frommer Trotz: lügen, betrügen, erwürgen, zerreißen – je erschreckender, desto wirksamer zwingt uns das, das Wahre, Gute und Schöne als Denknotwendigkeiten anzuerkennen.

H:
Denknotwendigkeiten: Wortglauberei, Begriffszauber?

A:
Eine schöne Bescherung, üben, üben, einüben in die Transzendental- Akrobatik unter Anleitung von Bazon Brock.

H:
Doch, Doch, Doch, Jeder Mensch erfährt täglich brutal, was hässlich, gelogen, bösartig ist. Jeden Tag auf allen Programmen rauf und runter. Um damit fertig zu werden, um das zu ertragen, wandert man begeistert aus ins Wahre, Gute und Schöne.

W:
Das Wahre, Gute und Schöne muss es doch geben, sonst wüsste ich ja nicht, was gelogen, betrogen, deformiert heißen soll.

H:
Eine schöne Maxime für die Erziehung von Enthusiasten, Du wahrhaft guter Mensch. Immerhin eine rhetorische Oper zur Erzwingung der Gefühle fürs Gute, Wahre und Schöne. Meinst Du nicht?

W:
Ich meine nicht, ich bin. Aber ich vermeine nicht zu sein, was ich sein könnte. Ich weiß, wer ich nicht bin und wie man wird, der man nicht ist.

H:
Das ist ja einer der großartigsten Brock-Texte: wie man wird, der man nicht ist, weil man versucht, der zu sein, der man sein möchte! Verstanden?

W:
Unser Mann war Professor, Dichter, Gatte, vaterlos, heimatlos, haltlos – was für ein Los!

H:
Los, wie in lose, gar loser Looser? Öfter loses Maul, Mundwerker, munter, munter.

A:
Na, na. Zeigen wir ihm lieber, wie er sich selbst sieht: seinen Heimatfilm.

Projektion Heimatfilm WDR 1990 – Pommernreise, diverse Titel aus „Musik der Stunde Null“.

Während des Films werden die Herkules-Säulen zur Seite gestellt und mit Hängestangen verbunden, an denen die Lieblingswerke Bazon’s als Reproduktion hängen.

Merret Openheimer „Nymphe mit Luftblasen spielend“, „Das Gondelruderholm“ als Brancusi-Skulptur, Büttner „Rokoko“, Duchamp „Schneeschaufel“, Blume „Geist“, Kippenberger „Kravatte“, Vera Leutloff „Absolute Malerei“, Daniel Spörri „Fallenbild“, „Tafel des Doppelspaltexperiment“, Joseph Beuys „Ich trete aus der Kunst aus“, Neo Rauch „8,8“, Immendorf „Café Deutschland“.

Auftritt Fabian Hinrichs als Bazon Brock (als immer für ihn sprechende Gestalt) und Angela.

H:
Ich zeige Ihnen mal einige meiner Gegner als Lieblinge. Das heißt, sie fesseln mich. Alles ist nur meins, wenn es mich verpflichtet.

A:
Genau wie Geld – es ist zwar meins, aber ich kann gerade deshalb nicht damit machen, was ich will. Ich darf es zum Beispiel nicht verbrennen oder in seinem Namen töten.

H:
Das eben heißt Besitz der Bilder: deren völlige Eigenständigkeit und Eigensinn anzuerkennen, zu würdigen, denn nur Würdigung gibt dem Menschen Würde.

A:
Ja, schön. Also das Fremde im Eigenen? Der schöne Eigensinn der Werke und der anderen! Wunderbar. Vor allem Selbstwürdigung als der generalisierte Andere. Ich bin alle, denn alle sind wie ich.

H:
Anerkennen wir die Wirklichkeit der Werke. Wirklichkeit ist die Instanz, die Nein sagt zu meinem Mutwillen. Ohne das Nein der Welt blieben wir Wellness-Genießer unserer Einbildungskraft. Die Werke erheben Einspruch gegen ihre Besitzer.

A:
Aber man kann doch nicht gegen alles stimmen, nicht gegen sich selbst, nicht gegen die Gravitation.

H:
Wir müssen üben, üben, üben, uns einüben in die Wirklichkeit des Geistes. Denn aller Geist wirkt nur durch seine Verkörperung, zum Beispiel in der Verkörperung des Denkens im Bildermachen. Die sind kein Nirvana der Beliebigkeit in bloß gedachter Realität, sondern die Verkörperung des Denkens im Schneiden, Malen, Bauen.

A: zeigt auf die Bilder
Die hier realisieren das, was zuvor nur unverkörperte Gedanken waren? Also Gebot: Verkörpere deine Gedanken, Gefühle, Gesinnungen als Formel, Partitur, Protokoll in Wort und Bild, in Gesten und Mimik und im Zeigen, im Halten, im Drehen und Wenden.

H:
Und wenn du das Werkzeug ablegst, erahnt man das Gedankenwerk. Es gibt keinen unverkörperten Geist, erst ganz gegenständlich taugt das Denken zum Widerspruch gegen die Welt.

Auch der eigene Körper erschließt die Wirklichkeit. Schmerzen, Kälte, Hunger, Hitze behaupten Wirklichkeit von jenseits meines Willens – ja, Leber, Nieren, Milz und Därme enteignen mich. Mein Körper ist eben nicht meiner, sondern Beweis der Wirklichkeit jenseits meines Beliebens.

A:
Und die Werke da sind nur als Verkörperung des Geistes Wirklichkeit, nicht durch die Werkkörper aus Holz, Leim und Farben? Die sind doch auch real!

H:
Real für Dich, für Deine ganz eigene Weltwahrnehmung, sind aber erst wirklich und nicht bloß real, wenn sie niemand mehr durch Besitz kontrollieren kann. Wer Bilder macht, erzeugt Widerstand gegen unser haltloses Wünschen. Das trainiert unseren Wirklichkeitssinn gegen das Bloß-Mögliche. Mir waren die Werke immer wichtig, wenn sie die Kraft zeigten, übers bloße Wünschen hinweg zu gehen.

A:
Wohin hinweg? Was ist das Jenseits meiner Wünsche?

H:
Das eben bleibt die Frage, die das Interesse an den Werken lebendig hält. Jedenfalls ist das Jenseits der Wünsche nicht ihre Erfüllung, denn die Erfüllung ist der Tod der Wünsche.

Beide gehen die Front der präsentierten Werke ab.

Angela sagt, als lese sie die Titel der Bilder unter den Präsentationen ab:

Merret Oppenheim „Spiel der Nymphe mit Atemblasen“,
Marcel Duchamp „In Erwartung eines schmerzlichen Hexenschuss“
(vor real hängender amerikanischer Schneeschaufel),
Büttner „Alles Unflat, diese moderne Kunst“,
Bernhard-Johannes Blume „Sinn“,
Daniel Spörri „Fallenbild“.

A:
Die hast Du alle gekannt? Mit denen hattest Du richtig zu tun?

H nickend:
Ich wollte, dass sie sagen: Du siehst das viel besser, als ich. Sie sollten verstehen, dass es mit der Selbstherrlichkeit ihrer Macherkraft nicht getan ist. Denn sie schaffen die Werke, um Wirkung zu haben. Auf die Wirkung kommt es ihnen an, und bei allen leistungsfähigen Werken ist die Wirkung bedeutender als das Werk.

A:
Wie denn das?

H:
Duchamp sagte, das Werk entstehe nicht in der Werkstatt, sondern in der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit. Er meinte noch fifty-fifty. Halb Werkstatt, halb Publikum schaffen das Werk. Inzwischen sind Werke nur noch Initiativen gegen die sich völlig verselbständigende Wirkung, verselbstständigt zum Beispiel in Marktpreisen.

A:
Klar, von den Werken spricht man doch nur noch als Marktwert, als Gerede unter seinesgleichen, als Wohnungspracht, als auffallende Tragebücher, die man mit sich herumträgt, dicke große Kataloge, die keiner mehr liest.

Leibhaftiger Auftritt von Bazon Brock, sollte er fit sein. Kleine Besucherschule vor den Werken. Dann verschwindet Bazon Brock wieder.

A:
Er hat gut reden zur Kunst. Aber was sagt Bazon zur harten Politik? Putin meint, Ukrainer und Russen seien ein Volk. Das ist doch eine vertretbare, glaubwürdige Erzählung!!

H:
Wenn also Ukrainer und Russen ein Volk sind, bombardiert Putin seit vier Jahren sein eigenes Volk! Das muss man seinem Russenpathos entgegenhalten und ständig in aller Welt wiederholen. Achtung AfD-ler, wenn ihr ganz glaubwürdig Russen unter Putin werdet, wird Putin euch bombardieren, gerade weil ihr mit ihm übereinstimmt.

A:
Aha, sehr gut. Gut gebrüllt. Als ausgestopftes Wuscheltier. Alle Welt ruft skandalisiert: „Die Alten leben auf Kosten der Jungen: Juvizit.“

H:
Bazon hält dagegen: Das ist breitgetretener Quark. Jedes Jahr, jedes Jahr wird eine halbe Billion, 500 Milliarden Euro von den Alten den Jungen, den Erben übergeben. Und nicht nur Geld, auch soziale Infrastruktur, Museen, Universitäten, öffentliche Medien, Kindergärten, BAFÖG, die die Alten schufen und unterhielten. So gesehen sind die Erben verdienstlose Schmarotzer, die wahren Saboteure der Maxime „Arbeit muss sich wieder lohnen“. Unser Erbrecht zerstört die Demokratie. Wer erbt, erhebt für sich einen Sonderstatus als Ungleicher, Bevorrechtigter. Erbrecht zerstört die Demokratie wie nichts anderes. Erben sind der heutige Feudaladel.

A:
Gibt es keine Rechtfertigung, überhaupt keine für sinnvolles Erben?

H:
Gerechtfertigtes Erben, sinnvolles Erben heißt nicht zu schmarotzen, sondern sich zum Dienst verpflichten, zur Nachfolge in Generationen übergreifender Arbeit.

A:
Verstanden. Weiter, weiter, weiter…

Man hört, dass kalte, technische Rationalität die Welt entzaubere – das hört man aus höchsten wissenschaftlichen Kreisen. Was setzt Bazon dem entgegen?

H:
Bazon sagt, nie war die Welt verzauberter als in Erzählungen der Kleinteilchen-Physiker und der Kosmologen. Die von Physikern erzeugte „gespenstische Fernwirkung“ übertrifft jede Mystik und Spiritualität aller Zeiten. Die Blaue Romantik lebt heute im Geisterreich der Physik, in der Poesie der Quarks, des Glues ...

A:
Geschenkt, geschenkt. Aber die Machtpolitik sieht anders aus: Polen verlangt Billionen Euro Entschädigung für deutsche Verbrechen im zweiten Weltkrieg. Woher nehmen?

H:
Bazon sagt: Die Forderung besteht völlig zu Recht. Wir müssen sie auf Heller und Pfennig begleichen. Also rechnen wir mal aus, was die Polen bereits mit Ostpreußen, Schlesien und Pommern als Entschädigung erhalten haben. Wie das wohl ausgeht?

A:
Noch ein frommes Märchen für feine Leute: Den Demokraten gelten alle Menschen als völlig gleich, aber gilt das in der Realität? Wir sind nicht genetisch gleich, nicht nach Herkunft, Lebensraum, Erziehung und Ausbildung.

H:
Bazon beweist die völlige Gleichheit dennoch. Alle Menschen sind gleich mit Blick auf das, was sie nicht wissen, nicht können und nicht haben. Was der Professor mehr weiß als der ungelernte Straßenfeger, fällt kaum ins Gewicht angesichts dessen, was es zu wissen gebe. Und jede Forschung vergrößert in erster Linie unser Wissen von dem, was wir nicht wissen.

A:
Ist das nicht bloß Sokrates noch einmal?

H:
Aber man muss ungeheuer viel wissen, um zu wissen, dass man nichts weiß.

A:
Die Rechte ist auf dem Vormarsch in ganz Europa, in der ganzen Welt. Sie behaupten ihre starken Identitäten zu Lasten aller anderen. Was sagt der sophistische Schwätzer Bazon dazu?

H:
Er definiert: Identität ist Abgrenzung von anderen. Aber Abgrenzung verlangt ja Anerkennung derer, von denen ich mich abgrenze. Sich von primitivem Versagen, von Ahnungslosigkeit zu unterscheiden verlangt ja wohl keine große Ambitionen, aber sich von mächtigen Rivalen, von Könnern unterscheiden zu wollen schafft erst anerkennbare
Andersartigkeit.

Solche Identität durch Unterscheiden als in Beziehung setzen zum Besseren erhöht mich über alle Maßen. Wenn ich die, von denen ich mich unterscheiden will, nicht anerkenne, habe ich keine Identität, sondern bin nur Spielball des ununterscheidbaren Macht-Gemansches und Gewalt-Gepansches.

A:
Aber nun, aber jetzt – da bin ich gespannt. Es heißt, wir brauchen wieder eine starke Bundeswehr. Jahrzehntelang galt das Gegenteil. Deswegen wollen auch jetzt nur wenige dienen. Wie will Bazon dem entgegnen?

H:
In einem kommenden großen ABC-Krieg haben nur die eine Chance zu überleben, die das Überleben als Soldaten geübt haben. Aber Männer können nicht alleine die Zukunft sichern, also müssen auch Frauen in die Bundeswehr. Nicht wegen schöner Gleichberechtigung. Sondern weil sie als Überlebende gebraucht werden, wenn sie überleben, wenn sie in der Bundeswehr lernten, wie man einen Krieg überlebt. Also Parole (summt Parole - Parole - Parole) „Geht zur Bundeswehr, denn das ist das größte Überlebensprivileg für heutige Menschen“: So hieß Bazons Beitrag für die Hamburger Ausstellung „Wir wollen unsere Mütter wiederhaben“ mit Kippenberger, Büttner und Oehlen 1985.

A:
Gute Ratschläge. Die sollten gehört werden. Warum hat denn bisher keine Regierung Bazon zum beratenden Staatsrat ernannt?

H:
Weil gerade technische Hochspezialisierung zur allgemeinen Verkümmerung führt. Wenn ich etwas Bedeutendes leisten will, muss ich mich spezialisieren mit mindestens sechzehn Stunden Arbeit täglich. Da bleibt keine Zeit, noch etwas anderes zu lernen, gar zu bedenken. So wird gerade die Hochleistergesellschaft immer dümmer und sich dadurch langsam liquidieren. Dafür gibt es schon reichlich Anzeichen.

A:
Welche?

H:
Zum einen rein intellektuell: Heute akzeptiert bereits widerstandslos die gesamte Elite der deutschen Gesellschafft die Erklärung, „der Grund für die Verspätung ihres Fluges, ihres Zuges, ist die Verspätung des Vorflugs und des Vorzugs“.

Also: Die Verspätung ist der Grund der Verspätung. Solche nichtssagenden Tautologien beherrschen bereits die Politik unserer Republik und lassen sie ins Leere laufen.

A:
Und zum anderen? Neben dem intellektuellen Versagen?

H:
Adorno hat schon 1959 zum Schrecken seiner Studenten verkündet: „Ich fürchte nicht die Wiederkehr des Faschismus durch stuhlbeinschwingende Neofaschisten, ich fürchte die Wiederkehr des Faschismus als Demokratie. Wenn Sie mir nicht glauben, fahren Sie doch zu Leibowitz nach Tel Aviv.“

A:
Was konnte Leibowitz dem Adorno-Studenten Brock sagen?

H:
Der große Professor, Chemiker, Physiker, Ingenieur Leibowitz sprach von Judo-Faschismus, also von der Möglichkeit, dass Juden selbst eines Tages, um ihren Staat zu verteidigen, zu Maßnahmen greifen müssten, unter denen die Juden mehr als alle anderen Völker gelitten haben.

A:
Und, was wurde dann aus Bazon Brock?

H:
Er verbot sich jede tiefere Beziehung zu Amerika, Russland und Arabien. Sein Fachbereich an der Uni Wuppertal konzentrierte sich aufs Post- Chang-China in Taipeh und das Post-Mao-China in Peking. Er enträtselte in Taipeh das Geheimnis eines der ältesten chinesischen Kultobjekte, der Phidisk, und erklärte, warum Koreaner den japanischen Invasoren „Welcome Home“, zugerufen haben. Dafür sollte die Paik- Familie schwer büßen. Der Sohn Nam Jun Paik floh nach Deutschland und erhielt wissenschaftliche Bestätigung, dass tatsächlich die Japanische Kultur von Koreanern gestiftet worden ist. Also konnte man, wie die Paik-Familie es getan hatte, die Japaner bei ihrem Überfall auf Korea mit „Welcome Home“ begrüßen. Bei der Eröffnung des Paik- Museums in Seoul durfte Bazon den Sachverhalt öffentlich vortragen.

A:
Europäer, Inder, Chinesen – alle in einer Reihe?

H:
Jawohl, das hatte Jaspers schon tituliert mit dem Konzept der „Achsenzeit“ 500 Jahre vor Christus. Alles Kulturen ohne Gott als Weltenschöpfer! Alle arbeiteten nur aus der Kraft des Logos, der Grammatiken, der Algorithmen. Alle wussten, seine geistige Haltung wird dem Menschen zum Schicksal: Bewahre Haltung, lass dich nicht ins Bockshorn jagen, von oder gegen Erfolgsversprechen, denn das Schicksal aller absolut erfolgreichen, aller Großreiche sagt, absoluter Erfolg zerstört sich absolut. Die Verlierer gewinnen am Ende. Putin und Trump werden an Ihrem absoluten Erfolg zugrunde gehen. Merke: vom Erfolg zerstört.

A:
Und was soll Bazon’s ausdauerndes Bekenntnis zur Arbeit von Künstlern heißen?

H:
Er sah in ihnen das großartigste Bild des wahrhaft menschlichen Menschen, nicht des biologischen Menschen: Das Bild der Seiltänzer in den Arenen der Moderne, die unmissverständlich beweisen, dass wir uns tatsächlich an etwas festhalten können, was wir selber in Händen tragen.

A:
Wie heißt die leistungsfähigste Balancierstange?

H:
Erkennen und Anerkennen der Naturgesetze.

Großer Lichtwechsel.

Einspielung Filmsequenz: Heilung der Erde. Bazon salbt den Globus entsprechend Nivea Reklame. 1968

A (aus dem Off):
Also wir sahen, was Du siehst, was Du weißt, was Du willst.
Wem gilt Dein Gehörsam?

Einspielung von
Bachs Motette „Nicht im Fleische, doch im Geist“
Schuberts Winterreise „Der greise Kopf“
Evelyn Künneke „Sing, Nachtigall, sing“
Fräulein Menke „Hohe Berge“
Trio „Da, Da, Da“