Buch Österreichischer Kunstpreis 2017 | Hans-Hollein-Kunstpreis 2017

Österreichischer Kunstpreis 2017 | Hans-Hollein-Kunstpreis 2017
Österreichischer Kunstpreis 2017 | Hans-Hollein-Kunstpreis 2017

Erschienen
2018

Herausgeber
Bundeskanzleramt – Sektion II, 1010 Wien, Concordiaplatz 2

Erscheinungsort
Wien, Österreich

Umfang


112 S.

Einband
Broschur

Seite 76 im Original

Ein Künstlerbeweis – Peter Weibel, dem bekanntesten Unbekannten

Österreichischer Kunstpreis – Medienkunst Peter Weibel

Wie legitimiere ich mich in meinem Urteil, Peter Weibel sei der einzige Nachfolger Marcel Duchamps, der ihn übertroffen hat? Zum einen durch den Hinweis, dass ich nach Gott, Beuys und Duchamp kaum jemanden so häufig in mein Nachdenken einbezogen habe wie Weibel. Dafür steht mein Text „ex opere operato – der werktätige Aktivist und Freund der Analyse setzt auf Invention statt Kreation, auf Falsifikation statt Wahrheitsbeweis, auf Erfinden durch Finden statt auf anmaßliche Kunstschöpfung“. Zum anderen gilt: selbst wenn man allein die unstrittig erstrangigen Weibel-Arbeiten gelten lässt, bietet er etwa das Zehnfache der Duchampschen Werke von Rang.

Zum Maßstab für diese Qualifizierung setze ich den Erkenntnisgewinn durch Evidenzkritik, also durch Widerlegung der Volksweisheit, dass ein Bild mehr sage als tausend Worte. Über Weibels Produktivität kann man sich anhand der Großpublikation peter weibel. das offene werk 1964-1979 und des dazugehörigen Protokollbandes aus dem Hatje Cantz-Verlag orientieren (darin erschien mein oben erwähnter Beitrag).

Aber mit Blick auf die Wirkung der beiden Repräsentanten von absoluter Modernität übertrifft Weibel Duchamp. Der Maßstab für dieses Urteil ist die Kraft zur Staatengründung – auch wenn nur der Aufbau und die Führung von größeren Institutionen damit gemeint sind. Duchamp hat sich nie dieser Herausforderung gestellt, es sei denn, man bewertete seine Beratertätigkeit für zwei Museumsgründer unangemessen hoch.

Zwar ist das ZKM in legendärer Aktivität von Heinrich Klotz gegründet worden, aber erst der von ihm vorgeschlagene Nachfolger Peter Weibel hat es zu der Institution gemacht, die Klotz vorschwebte. Wie war das möglich? Wenn ich leichtfertig von äußeren Bedingungen absehe, dann verdanken wir die Entwicklung des ZKM gerade dem genialen Künstler Peter Weibel. Die weltweit wohl einmalige Dichte und Qualität der ZKM-Produktionen unter seiner Verantwortung ist auf seine künstlerische Qualifikation zurückzuführen. Üblicherweise würde man einen Widerspruch zwischen Institutionalisierung und Individualisierung künstlerischer Expression erwarten, doch Weibel hat wie kein Zweiter gezeigt, dass die höchste Ausprägung von künstlerischer Individualität die Kraft von Institutionen vervielfacht, statt sie zu schwächen. Die Sterilität des Institutionenalltags im Kunstbetrieb resultiert oft aus der Tatsache, dass die Leiter eben keine Künstler sind und sich vorwiegend allgemein akzeptierten Trends anschließen, sodass wir in fast allen Häusern die gleichen Programme sehen – wie z.B. das der Malereientwicklung im 20. Jahrhundert. Der Fall Weibel beweist, dass die Berufungspolitik für die Leitung von Institutionen geändert werden sollte: Nur ausgeprägte Persönlichkeiten sind als leitende Figuren kompetent, weil sie anders als schwache Charaktere Konkurrenten, die besser sind als sie nicht meiden, sondern suchen. Denn wer aus eigner Kraft etwas zu bieten hat, anerkennt mit Gewinn für sich selbst die Orientierung auf noch fähigere Kolleginnen und Kollegen.

Das von Klotz gelegte Fundament des heute Weibelschen ZKM lässt sich knapp formulieren: Die Bewegung der Moderne ist keine Zertrümmerung oder gar Schändung der Tradition – solch eine Auffassung legte der Begriff der „Entartung“ nahe –, sondern im Gegenteil: das jeweils avantgardistisch Neue gewinnt an Bedeutung aus der Kraft zur Veränderung unseres Blicks auf die Traditionen. Diese Erkenntnis machte das ZKM in spezifischer Weise produktiv, indem es zeigte, dass gerade die neuen Technologien, derer sich Künstler für ihre Expression bedienen, die Spezifik der traditionellen Ausdrucksmedien, Malerei, Skulptur etc., erkennen und glänzend präsentieren ließen. Das entspricht der seit den 1960er Jahren vorgetragenen Medientheorie von Marshall McLuhan, derzufolge die jeweils neuen Medien uns erst befähigen, die vermeintlich überwundenen alten Medien zu würdigen. So hat die Entwicklung der Fotografie die Leistungen der Malerei gerade dadurch demonstriert, dass die frühen Fotografen als Lichtbildner versuchten, der tradierten Porträtmalerei konkurrenzfähig gegenüberzutreten. Bevor sie die Eigenständigkeit ihres neuen Mediums erkannten und zu nutzen vermochten, leisteten sie also einen entscheidenden Beitrag zur Anerkennung der uneinholbaren Qualität der Malerei. Deswegen steht der Name ZKM für die Einheit von „Kunst und Medien“ durch ihre Differenz. Das heißt, die Charakterisierung der jeweils neuesten Technologie ist nur mit Blick auf diejenigen Medien zu leisten, von denen sie sich unterscheiden will und kann.

Unpolitischer Medienformalismus?

Immer wieder wird der Vorwurf spürbar, im ZKM würden die neuen Medien als Spielzeug für Künstler angeboten, obwohl es doch gerade darauf ankomme, die durch Ästhetik verstärkte soziale und politische Wirkung der Arbeitsresultate von Künstlern und Wissenschaftlern zu zeigen. Im oben zitierten Werkbeweis für Weibels Künstlertum findet man beliebig viele Belege für die gegenteilige Auffassung, dass nämlich gerade radikale Forminnovationen aus sich selbst ihre sozialen und politischen Bezugsebenen sichtbar werden lassen. Man muss nur hinschauen auf die schlagenden Beweise, die sich aus Weibels radikalen Konzepten für das Gestalten als Erkenntnisform ergeben.

Als die Folterbilder aus Abu Ghraib millionenfach durch alle Medien weltweit verbreitet wurden, konnten sich die halbwegs Bewanderten z. B. daran erinnern, dass Peter Weibel in der Arbeit Das magische Auge von 1969 (im zitierten Protokollband auf Seite 86 ausführlich präsentiert) formal analog – ein Mensch wird durch Anschließung an Technologie manipuliert – die sozialen, psychologischen und politischen Wirkungen eben dieser Technologien thematisierte, indem er seinerseits die sozialpsychologischen Studien des amerikanischen Psychologieprofessors Stanley Milgram analysierte.

Gegenwärtig sind wir alle solche „Muselmanen“ (so nannte man die Opfer totaler Herrschaft zu KZ-Zeiten) in den Fängen der elektronischen Netzwerke und ihrer Herrscher, die sich nach Belieben Personaldaten zur ökonomischen Nutzung und sozialen
Kontrolle so offen, d. h. schamlos programmatisch zusammenstellen können, dass heute endlich auch eine größere Zahl von Zeitgenossen solche Zusammenhänge einzusehen wagt, um sich gegen Ausbeutung und Kontrolle zu wehren. Zahlreich sind die Beweise, dass der Medienavantgardismus des ZKM eben nicht formalistisch steril bleibt, sondern weit über bloße Medienkritik hinausgeht. Denn das ZKM hat sich nicht der allgemeinen Maschinenstürmerei nach Art der englischen Ludditen im 19. Jahrhundert angeschlossen, sondern gerade durch die intensive Nutzung der jeweils neuesten Medien deren soziale und politische Implikationen lange vor anderen Institutionen sichtbar werden lassen.

Weibel mit Wagner-Barett? ZKM als Bayreuth der Medienkunst

Richard Wagner verstand als erster Großmeister die Bedeutung des Hegelschen Begriffs „Kunstreligion“ und stiftete mit seiner Aufführungspraxis des Gesamtkunstwerks die wirkmächtigsten Liturgien der Moderne. Glaubenspraxis wurde zu Kunstpraxis. Die gut durch katholische Erziehung trainierten Künstler wussten Kunst als jene zivile Religion anzubieten, nach der die Gesellschaft seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts gesucht hatte.

Anders verfuhren Weibel und Kollegen wie John Cage, Laurie Anderson, Philip Glass und Bob Wilson, oder die Träger der Gruppen „Art and Language“ und „Kultur und Strategie“, die nach dem Horazschen Prinzip „ut scientia pictura“ theoretische Kunst erarbeiteten. Als Nachfahren Schellings haben diese Zwittergestalten – ob wissenschaftliche Fantasten, philosophische Poeten, Kunstpriester oder Polemosophen – die 1962 vom Zweiten Vatikanischen Konzil aufgegebenen Liturgien nicht bloß in die Praxis der Performance, des Action Teaching, der Happenings, der Agitation und aktionistischen Demonstration übernommen, um den sozialen Impetus von Glaubensgemeinschaften auf die Kunstgläubigen zu übertragen. Im Gegenteil, heute ist gerade die Kunstgläubigkeit der Publikumsmassen das größte Hindernis bei der sachgemäßen Rezeption von Gestaltung als Erkenntnisform.

Es galt also für Weibel, nicht als Stifter einer neuen Religion aufzutreten, obwohl ihm das durch den unbeschränkten Zugang zu den neuesten Technologien möglich gewesen wäre, schließlich hatte er schon Ende der 1970er Jahre mit seiner Nietzsche-Rockband „Hotel Morphila Orchester" das auch in der Kunstreligion wirkmächtigste Medium Musik in sein Werkschaffen einbezogen. Auch die von ihm wesentlich mitgestaltete Ars Electronica in Linz bot häufig Anlass zu Befürchtungen, sie könnte zu einer spiritistischen Sektierergemeinschaft werden, in der die Totalsimulation virtueller Welten als neuer Gottesbeweis verstanden werden könnte. Die antike Formel „ut pictura poesis", die seit der europäischen Renaissance so fruchtbar ist, besagt ja, dass „pictura", also die bildliche Darstellung, bereits Erkenntnis ist. Am Beispiel der Bildgebung für die Diagnostik und Therapie mit CT, PET, MRT, fMRT kann jeder Patient nachvollziehen, was es heißt, dass die bildliche Darstellung schon einen erheblichen Teil der Erkenntnismöglichkeiten ausmacht.

Ähnlich wie ein diagnostizierender Arzt erkennt Dr. Weibel an den Bildgebungen der von ihm im ZKM aktivierten Künstler der Gegenwart, dass unsere Bildgläubigkeit uns entscheidend daran hindert, aus der Gestaltung Erkenntnis zu ziehen. Also besteht die Therapie aus programmatisch verordneter und praktisch vorgeführter Kritik der neuen Medien als entscheidende Form ihrer Anerkennung. Die neuen Medien wirken so fruchtbar, weil sie auf allen Ebenen derart kritikwürdig sind. In dieser Weise fördern sie Aufklärung als Befreiung von naiver Gutgläubigkeit. Ich wage anzunehmen, dass die radikalste Form des Widerstands gegen big data, also das allsehende Auge und die nichts vergessende Anrechnung unserer Taten, von Weibel und dem ZKM ausgehen wird. Um diese Hoffnung auf und diese Erwartung an den ZKM-Aktionismus zu bestärken, sollte Weibel öffentlich gerühmt und gepriesen werden. Da kommt die Verleihung des Österreichischen Kunstpreises für Medienkunst gerade recht.