Buch Summa summarum: Sammeln heute

Summa summarum: Sammeln heute, 2002, Bild: Titelblatt.
Summa summarum: Sammeln heute, 2002, Bild: Titelblatt.

Erschienen
2002

Autor
Brock, Bazon

Herausgeber
Breuer, Gerda

Verlag
Stroemfeld

Erscheinungsort
Frankfurt am Main, Deutschland

Umfang
3-87877-755-8

Einband
156 Seiten

Einband
engl. brosch. : EUR 19.00

Schrei, 0 Mensch

Eine andere Ikone der Moderne, nämlich den existentiell erschÜtterten Menschen, hatte Edvard Munch mit einer Frau dargestellt, die auf einer Brücke steht und ihr ganzes kosmisches VerlorenheitsgefÜhl in die Welt hinausschreit. Diese gemalte Gestalt wurde in eine aufblasbare Gummipuppe übersetzt und im Museumsshop zur Nutzung angeboten. Welche Nutzung kann man davon machen? Wir haben das vorgefÜhrt, indem wir diese Gummipuppe einer anderen Umwandlung künstlerischer Arbeit entgegengesetzt haben. Jahrhundertelang verfÜgten die Künstler Über das Monopol auf die Darstellung des nackten Menschen. Auch aus diesen Aktdarstellungen wurden Gummipuppen, feilgeboten in Sexshops. Eine solche Sexpuppe stellten wir der Gummifigur, die dem Munchschen Gemälde "Der Schrei" nachempfunden wurde, gegenüber. Und was geschah? Die Puppe aus der Lustbarkeitsbranche wurde nun plötzlich zum Ausdruck heutiger Verlorenheitsgefühle, Nötigungserfahrungen, peinlicher Opferdienste von Frauen, die so benutzt werden, wie Männer Puppen gebrauchen.
Und umgekehrt gewinnen durch die Konfrontation mit der Sexpuppe der Gesichtsausdruck und die Haltung der Munchschen Attrappe etwas von der historischen Wahrheit, die Munch und Ibsen und Strindberg ansprachen, daß nämlich das existentielle Verlorenheitsgefühl am Ende des vorigen Jahrhunderts durchaus von ganz bürgerlichen Lebensformen, von unterdrückter Sexualität und dergleichen eingefärbt war. Auf diese Weise schult man einen Blick für Wechselverhältnisse. Das eigentlich ist angewandte Kunst: ein Herausnehmen, Deutlichmachen, Übertreiben dessen, was in Werken wahrnehmbar wird, indem man nur noch die Wirkungen, die die Werke haben, gegeneinander in Beziehung setzt und dabei eine neue Ebene erreicht, die in den Einzelwerken nicht vorhanden war.