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Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Seite 258 im Original

III.9 Rettungskomplett – Gorgonisiert Euch! – Ewigkeitskosten

Die Richtung weist der Sturm aus der Zukunft, den wir Alter nennen. Unsere Optionen: eingraben, panzern, rückwärts gehen mit verstärkter Körpermasse (Fettleibigkeit weist auf Lebensängste, man expandiert zum Hindernis). Das sind schöne Bilder von Rettungskompletts wie Notquartieren, technischen Hilfswerken, Suchhundetrupps und blütenweißen Rot-Kreuz-Schwestern. Aber die stärkste Kraft des Widerstands ist das Ja-Sagen – gerade zu den schwersten Herausforderungen Ja sagen (meinte Nietzsche). Den offensichtlichen Widerstand vereinnahmt das Regime mit Toleranzpathetik – aber totale Zustimmung überwältigt. „Dienst nach Vorschrift“ ist der erfolgreichste Widerstand. Die grauenerregende Gorgo wird nur durch ihre eigene Zerstörungskraft bezwungen.

Das nennt man negative Affirmation oder die Revolution des Ja. In historischer Sprache: Der Charme der Österreicher ist purer Widerstand.

Die Opportunisten der politischen Korrektheit gehen gegenwärtig so weit, das „Rote Kreuz“ als Logo verabscheuenswürdiger Tarnung westlicher Imperialisten mit Hilfsbereitschaft in zerstörerischer Absicht zu schmähen. Umso aktueller wird das Konzept des Rettungskompletts, in erster Linie als Rettung vor fundamentalistischer Verbohrtheit, die zum Beispiel das Logo „Rotes Kreuz“ als christliches Kampfsymbol gegen den Islam auffaßt. Eine derartige politisch korrekte Erfüllung der Forderung nach dem sacrificium intellectus war in Europa zuletzt in Hochblüte, als man ein Gebäckstück namens „Amerikaner“ verbieten zu müssen glaubte, nicht zu denken an „Negerküsse“ und „Mohrenköpfe“ oder an das Halbmond-Kipferl. Man kann sich den Kulturkampf um das Croissant nach dem Muster des Kulturkampfs um das Rote Kreuz lebhaft vorstellen: Das Croissant wird zum Quadrat werden müssen, wie das Rote Kreuz am 21. Juni 2006 in Genf als Roter Kristall zum Rhomboid gewandelt wurde, eine Form, wie wir sie als Raute aus der bayrischen Fahne und aus der Wybert-Pastillen-Reklame kennen. Das rote Kreuz auf weißem Grund soll in ein weißes Quadrat in rotem Feld überführt und als ein auf der Spitze stehender Kristall identifiziert werden. In hoc signo Vorfahrt!

Das Rote Kreuz, das die Bewegung der Zivilisierung während der Kriege symbolisiert, finden die Besucher unserer Ausstellung auf einem Rettungskasten für Erste-Hilfe-Maßnahmen, der neben anderen Rettungswerkzeugen wie Gasmasken, Feuerpatschen, Strickleiter und Rettungsbombe zu erkennen ist. (1) Diese Abteilung des Ausstellungsgeländes versammelt Rettungskompletts, die die Frage aufwerfen:

Was würde wohl jemand machen, dem in seiner brennenden Wohnung im 6. Stock eines Hauses die harte Entscheidung abverlangt wird, er könne zwar in der kurzen verbleibenden Zeit seine Lebensdokumente, Memorabilien, Kunstwerke und die Bibliothek retten lassen, aber um den Preis, ihn selbst nicht aus dem Inferno herausholen zu können. Umgekehrt gefragt: Was sind wir den Leuten schuldig, die den Normalfall garantieren, daß morgens die Milch im Kaufladen steht und das Brot beim Bäcker zu holen ist, daß man gefahrlos über die Straße gehen und ankommen kann, wo man will, ohne daß sich jemand im Auftrag großer theologischer oder sonstiger Rechtfertigungssysteme berechtigt fühlte, eine andere Person umzubringen oder zumindest zu beschädigen?

Wir haben bei unserem „Festival der Zivilisationsheroen“ auf dem Radlpaß an der Grenzstation zwischen Österreich und Slowenien auf eine grundlegende Umorientierung in der Bewertung von Handelnden und Aktivisten im Bereich des gesellschaftlichen Lebens hingewiesen. Wir wollten wissen, wie weit wir von dieser Umorientierung, von der Feier der Glorie des Außerordentlichen hin zur Würdigung der Sensation des Normalen, noch entfernt sind. Auf dem Radlpaß versuchten wir, eine Würdigung derjenigen zu entwickeln, die nach allgemeinem Verständnis mit der Bewahrung der zivilisatorischen Grundsicherung von Alltagsleben beauftragt sind, also der Feuerwehrleute, der Notfalldienste, der Polizei, des Technisches Hilfswerks und des Roten Kreuzes, derjenigen also, denen die Pflicht zur Rettung in ihren Tätigkeitsfeldern vertraut ist.

Nach Meinung der höchsten wissenschaftlichen Autoritäten rangieren immer noch Personen und Personengruppen als Souveräne an erster Stelle, denen es gelingt, wie der Staatsrechtler Carl Schmitt es formulierte, über den Ausnahmefall, über die Außerordentlichkeit, über das große Ereignis zu bestimmen. Wir wissen aber, daß inzwischen jeder mit ein bißchen Dynamit sofort in jeder Großstadt, in jedem U-Bahnschacht etwas Außerordentliches inszenieren kann. Es gilt also längst, daß nicht mehr derjenige souverän ist, der den Ausnahmezustand erzwingt. Souverän ist nur noch, wer den Normalzustand garantiert. Die Zivilisationsagenten, Feuerwehrmänner, Rettungseinsatzkräfte, Ärzte im fliegenden und rollenden Verkehr sind für eine Gesellschaft die Garanten, daß überhaupt das Normal-Null der Ereignislosigkeit gewährleistet werden kann.

Wir als Künstler und Wissenschaftler werden normalerweise danach eingeschätzt, inwiefern es uns gelingt, etwas Außerordentliches als Ereignishaftigkeit zustande zu bringen. Heroen der Zivilisation gelingt es, dafür zu sorgen, daß nichts Entscheidendes geschieht. Was wir retten sollten, ist die Rettung der Ereignislosigkeit in einer Zeit, wo jeden Tag rund um die Uhr jeder Fernsehsender, jede Hochschule, jedes Theater das gesamte lebendige Dasein der Menschen als ereignishaft vermarktet. Allmählich wird es unlogisch, sich auf diese Ereignisse überhaupt noch einzulassen, da sich ihnen gegenüber ohnehin nichts mehr absetzen läßt. Handelt es sich um ein Großereignis, daß ein Flugzeug abstürzt oder ein Brand ausbricht? Ist es nur deswegen eine Einmaligkeit, weil es sehr selten auftritt? Es tritt nur deswegen als Ereignis mit Seltenheitswert auf, weil es Menschen gibt, die das normale Auftreten dieser Außerordentlichkeit von Abstürzen, Bränden und Unfällen verhindern. Unter den Entwicklungen der modernen Zivilisation gilt nicht mehr als die Aufmerksamkeit fesselnd, was spektakulär, großartig, noch nie dagewesen ist, weil derartiges täglich berichtet wird. Eine Einmaligkeit jagt die andere, die Überbietungskonkurrenz hat sich schon so weit erschöpft, daß man es nur noch als sensationell empfindet, wenn es nichts Außerordentliches zu behaupten gibt. Zur Größe eines zivilisatorischen Ausdrucks gehört die Fähigkeit, das Nicht-Ereignis zu schätzen.

Wir möchten zum Bewußtsein bringen, inwieweit und auf welche Weise uns diese Umkehr in der Wertigkeit bereits beeinflußt. Als wir im Frühjahr 2006 im Karlsruher ZKM mit unserem Theoriemarsch anfingen, streikte dort die Müllabfuhr. Obwohl deren Tätigkeit in der Hierarchie der Kulturschöpfer so niedrig rangiert, daß sich für eine derartige Arbeit niemand mit ausgewiesener Berufsqualifikation zur Verfügung stellt, macht sich der Ausfall der Müllabfuhr sofort lähmend auf das gesamtgesellschaftliche Geschehen bemerkbar: ein krasses Mißverhältnis von Bedeutung der Arbeit zu ihrer öffentlichen Anerkennung. Würde der Regierungspräsident, der Oberbürgermeister oder ähnlich hochrangiges Personal streiken, berührte diese Tatsache das Leben einer Großstadt in keiner Weise. Wenn aber die Müllabfuhr oder die Feuerwehr streiken, dann zerfällt das Zusammenleben der Menschen unter halbwegs antizipierbaren Bedingungen. (2) Es ist offensichtlich, daß die faktische Bedeutung den hierarchischen Klassifikationen nicht entspricht. Die Bedeutung dieses Verständnisses von Zivilisierung wird dadurch verstärkt, daß auch die christliche Ethik mit dieser Handlungsform übereinstimmt. Es ist klar, daß die Zehn Gebote im Grunde Gebote des Unterlassens sind. Die Aufforderungen zum Unterlassen lauten: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten usw. Wenn uns allen gleichermaßen bewußt wäre, daß die Ethiken aller Zivilisationen auf Unterlassungsgeboten beruhen, dann sollte das in der Wertschätzung historischen Geschehens dazu führen, statt Religionsstifter und Kriegsherren diejenigen zu ehren, die nicht Schlachten schlagen.

In der Diskussion über die Durchsetzung eines generellen Rauchverbots spielte die Überlegung eine Rolle, daß es, wie jeder Raucher weiß, sehr viel mehr Anstrengung, mehr Aktivität, mehr Selbstbeherrschung, also generell mehr erfolgreichen Verzichts bedarf, nicht zu rauchen, als zu rauchen. Zu rauchen ist eine nachgerade lachhafte Selbstverständlichkeit geworden, der wir keine Beachtung mehr schenken. Aber nicht zu rauchen, verdient unsere Aufmerksamkeit. Durch die Mithilfe der Krankenkassen, die mit einer Erhöhung der Beiträge für Raucher wegen Selbstschädigung drohten, ist das Rauchverbot ja mittlerweile durchgesetzt. Zusätzlich zu dem bereits eingeführten Rauchverbot müßte jedoch noch ein Kult der Verehrung von ehemaligen Rauchern etabliert werden. (3)

In der modernen Kunst begegnen wir in Marcel Duchamp demjenigen Künstler, der durch den Übergang von der Bewertung großartiger einmaliger Leistungen auf Leinwand oder Bühne hin zur Würdigung des Unterlassens herausragende Einsichten gewährte. Duchamp ermöglichte die Anerkennung des Verzichts auf künstlerische Werktätigkeit. Dennoch will heute jedermann seine künstlerische Selbstentäußerung als Maler oder Bildhauer einer Öffentlichkeit präsentieren. Allein in der BRD gibt es zehntausende eingetragene, nämlich bei Finanzämtern registrierte Künstler. Was soll es da noch bedeuten, auch zu pinseln, auch zu bildhauern und auch zu schauspielern? Wir rühmen daher all diejenigen, die soweit zivilisiert sind, daß sie den Wert des Unterlassens im Bereich der Wissenschaft und der Künste zugunsten einer neuen Orientierung auf die Bedeutung des menschlichen Handelns als Unterlassen darstellen. Niemand weiß, was im absoluten Sinne gut, wahr oder schön ist. Wir wissen aber alle genau, was es zu unterlassen gilt an unguten, unwahren und unschönen Handlungen.

Inzwischen haben wir angesichts weltweiter permanenter Kulturkämpfe allen Anlaß, uns daran zu gewöhnen, daß die höchstrangigen Leistungen einer Zivilisation in der Sicherung des Friedens bestehen. Frieden heißt die Feier des Nicht-Ereignisses. Frieden existiert nur, wo es niemand nötig hat, sich in irgendeiner Weise hervorzutun, etwas Beliebiges in auffälliger Weise so zu behaupten, daß aus der Entgegnung ein Konflikt entsteht. Frieden ist die Souveränität der Möglichkeit, still in einem Zimmer zu sitzen, wie es bei Pascal heißt. (4) Nur derjenige ist souverän und normal ethisch funktionstüchtig, der es versteht, ohne den ständigen Drang zum Außerordentlichen zu leben, weil er Phantasie genug besitzt, die aufgeilenden Attraktionen gedanklich zu produzieren, für seinen Gefühlshaushalt zu nutzen und sie dann auf sich beruhen zu lassen.

Anmerkungen
(1) „Thomas Mann sah in Gott, der schließlich auch nicht immer gewesen, der er war, einen Gott des Verschonens und des Vorübergehens, der nicht einmal im Falle der Flut bis zum Letzten und an die Wurzel der Menschheit gegangen war, sondern in einem Gescheiten den Gedanken des Rettungskastens erweckt hatte.“ In: Assmann, Thomas Mann und Ägypten, S. 200.
(2) Siehe Kapitel „Fininvest – Gott und Müll“.
(3) Für derartige Kulte gilt das Grundmuster einer Würdigung des Verlorenen Sohnes. Aber die Bereitschaft, den reuigen Sünder höher zu schätzen als den braven Haus- und Feldbesorger, verführt nicht wenige dazu, nach Rückkehr in die Gloriole der Normalität sich ihrer einstmaligen Vergehen zu rühmen. Solchen Sündenstolz zu vermeiden, ist der tiefere Sinn des Gebots, den Verurteilten nach Verbüßung der Strafe jemals ihre Straftaten wieder vorzuhalten oder ihnen andererseits zu erlauben, ihre Verbrechen auch noch zu vermarkten. Gegen dieses Verbot wird von den Medien systematisch verstoßen: je größer und blutrünstiger ein Verbrechen, desto höher die Honorare für die rückhaltlose Präsentation der Kraft zum Frevel.
(4) „Wenn ich mir mitunter vornahm, die vielfältigen Aufregungen der Menschen zu betrachten [...] so fand ich, daß alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich daß sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer zu bleiben [...] Die Unterhaltung und die Zerstreuung des Spiels sucht man nur, weil man nicht fähig ist, [...] zu Hause zu sein.“ (Blaise Pascal) Siehe Kapitel „Musealisiert euch! Eröffnungsspiel: Preußische Partie“

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Seite 258-259: Rettungskomplett – Gorgonisiert Euch! Ewigkeitskosten +. Gestaltung: Gertrud Nolte..
Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Seite 258-259: Rettungskomplett – Gorgonisiert Euch! Ewigkeitskosten +. Gestaltung: Gertrud Nolte..
Rettungskompletts: Vom Floß der Medusa bis zu Patschen und Pickel zum häuslichen Einsatz, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 259 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Rettungskompletts: Vom Floß der Medusa bis zu Patschen und Pickel zum häuslichen Einsatz, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 259 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Wir fordern Sie auf, alles in Ihrer Macht stehende zu unterlassen. Fahne vom Festival der Zivilisationsheroen, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 261 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Wir fordern Sie auf, alles in Ihrer Macht stehende zu unterlassen. Fahne vom Festival der Zivilisationsheroen, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 261 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Grenzübergang am Radlpass zwischen Österreich und Slowenien, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 261 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Grenzübergang am Radlpass zwischen Österreich und Slowenien, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 261 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Fast am Ziel: Das Festival der Ereignislosigkeit erfüllt sein Programm., Bild: Lustmarsch, III.9, S. 264 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Fast am Ziel: Das Festival der Ereignislosigkeit erfüllt sein Programm., Bild: Lustmarsch, III.9, S. 264 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.

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