Eine Essenz

Die Wahrheit ist, daß es in unserer Gesellschaft kein Bedürfnis nach einer solchen Institution gibt, aber nach der Universität, wie sie jetzt besteht, erst recht nicht; denn deren Aufgaben würde längst eine IBM-, eine Mercedes-, eine Henkel-Universität weit besser erfüllen und auch noch unter humaneren und geist- und seelenstimulierenderen Bedingungen. Wir müssen die Möglichkeit kritisch in Betracht ziehen, daß sich die Universität, ähnlich wie die mönchische Klostergemeinschaft, als nicht mehr zeitgemäße soziale Institution erweist, daß die Universitäten zu öffentlich finanzierten Außenstellen der Konzerne werden, daß die Professoren die Ateliers, Labors und Seminare als bloße Erweiterungen ihrer Privatwohnungen betrachten. Wer diese Gegebenheiten nicht zu akzeptieren bereit ist, weil er ahnt, daß den außeruniversitären Gemeinschaften schlußendlich die gleichen Problemkonstellationen wieder erwachsen werden, muß bis auf weiteres das Stigma ertragen, eine atavistische Kuriosität, ein Störenfried, ein Besserwisser, ein Unnahbarer zu sein. Aber niemand ist für Gemeinschaftsbildungen derart geeignet wie kuriose Abweichungspersönlichkeiten, herausragende Positionsbekenner und kreative Sonderlinge; denn solche Persönlichkeiten fürchten sich nicht vor ihresgleichen, anerkennen überlegen „Witz“. Den, genau den, brauchen wir, um als Mitglieder einer kraftvollen universitären Gemeinschaft zu überleben und ein Beispiel zu geben, das für andere erst die Zukunft ausmacht.
Quelle

Studio Line – die Universität als kulturferner Ort – Abschnitt in:

Die Re-Dekade – Kunst und Kultur der 80er Jahre

Die Re-Dekade

Buch · Erschienen: 1990 · Autor: Brock, Bazon

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