Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

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III.10 Apokalyptische Voraussicht

Text

Viele Zeitgenossen fragen, wie sich ihr gegenwärtiges Dasein mit den absehbaren Entwicklungen der Weltgesellschaft in den kommenden Jahrzehnten vermitteln läßt. Lehrreich sind die Vorgaben von Seiten der Künstler. Sie wissen aus eigener Erfahrung, daß Biographien aller Art vor allem an Strategien des Scheiterns gebunden sind. Künstlern wie Samuel Beckett gelang es, aus dem Scheitern als Grundlage der Existenzerfahrung Formen der Vollendung hervorgehen zu lassen. Beckett formulierte die Aufforderung: Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better. (9)

Wenn Wirklichkeit nur das ist, was wir auf keine Weise dem eigenen Willen unterwerfen können, dann ist Scheitern der psychologisch wichtige Beweis, daß man sich in seiner Arbeit mit der Wirklichkeit konfrontiert hat. Demzufolge ist das psychoanalytische Konzept der Reifung einer Person an die Befähigung geknüpft, mit Enttäuschungen, Kränkungen und Versagensängsten, kurz, dem Scheitern, fertig zu werden – ohne Verdrehung ins Gegenteil, ohne Verdrängung aus dem Bewußtsein oder Schuldzuweisung an Dritte. An das Konzept der Reife durch Einüben des Scheiterns schließt der Status des Schicksalspatienten an. (10) Wer die Erfüllung seiner Wünsche nicht erzwingen kann, sei dankbar für die Erfahrung des Wirklichen. Schicksalspatienten können Geduld entwickeln, deren Logik darin liegt, den eigenen Wunschvorstellungen zu widerstehen. Zur Berufung des Menschen gehört es, sich zur Geduld gegenüber dem Verlangen nach Dauer, Unverletzlichkeit und dem großen Gegenüber auszubilden. Deswegen reicht es nicht, nur fromm zu glauben. Das Glauben-Können will erlernt sein, um dem Glauben-Müssen zu entgehen. Neben den Strategien des Scheiterns und der Geduld existiert eine Fülle weiterer Entwicklungsmöglichkeiten:

1. Fundamentalistische Variante:
Learning by Dying

Der evolutionär bewährte Fitnessvorteil durch Todesbereitschaft gibt jenen Gemeinschaften größere Chancen zu überleben und zu wachsen, deren Mitglieder bereit sind, für ihren Clan das Leben zu riskieren. In solchem Opferwillen gibt man bisweilen seinen Verstand zugunsten seiner genetischen Bindung auf. (11) Die Glaubensgewißheit des sich Opfernden, vom Clan zukünftig und nach dem eigenen Abtreten als Kulturheros verehrt zu werden, stellt einen egoistischen Altruismus dar. In der Passauer Schicksalspeitschung „Götter, Spötter und Gelehrte“ (2007) führte „learning by doing“ in diese scheinbare Aporie; „learning by dying“ ist tatsächlich als kulturelle Todesbereitschaft zur Erzielung eines Fitnessvorteils der eigenen Überlebenskampfgemeinschaft sinnvoll. (12)

2. Anthropologische Variante:
Learning by Crying

Das Kleinkind lernt, die gewünschten Reaktionen der Bezugspersonen durch gezielt eingesetztes Schreien in allen Modulationen, Lautstärken und Ausdrucksanmutungen wie Hunger, Verlassenheitsgefühl oder Unwohlsein herauszufordern. Die generationen-übergreifende verallgemeinerte Variante dieser erlernbaren Technik ist der Hilferuf in Not Geratener. Der Glaube an die mögliche Hilfeleistung befähigt zu solchen Lautäußerungen, der feste Glaube ruft entsprechend die geglaubte Leistung herbei.

3. Christlich-jüdische Variante:
Learning by Trying

Der jüdisch-christlichen Vorstellung vom Schöpfergott entsprach das Modell des schöpferischen Menschen, der als Mitarbeiter Gottes die primäre Schöpfung weitertreibt, zum Beispiel als Evolution der technischen Systeme. Bereits die Humanisten entdeckten, daß jeder Möglichkeit, schöpferisch zu sein, die Erkenntnis von Gesetzmäßigkeiten, zum Beispiel von Naturgesetzen, vorausgehen müsse. Sie etablierten die Tätigkeit des Entdeckens (inventio) des Gegebenen vor jeder Schöpfung des Neuen. Jüdisch-christliche Tradition in Wissenschaften und Künsten vereinheitlichte schließlich inventio und creatio zum Prinzip „trial and error“; das heißt, kreativ in Spekulation und Hypothesenbildung zu sein, um dann die Vermutungen und Behauptungen, Projektionen und Visionen ausschließlich an den Resultaten der Experimente zu messen.

Die kindliche Welterkundung mit Hilfe der Experimentalmethode „trial and error“ oder „Versuch und Irrtum“ gründet in der anthropologisch vermittelten Neophilie, die das Kind veranlaßt, die ihm bisher noch unbekannten Bestandteile seiner Lebensumgebung von Neugier getrieben zu erkunden. Gegenkräfte sind zum einen die ikonoklastische Zerstörungswut gegenüber dem Unbekannten wie zum anderen die Psychomechanik seiner Leugnung.

Jahrelang ließ sich solch notorisches Leugnen des bisher Fremden in den wöchentlichen „Spiegel“-Editionen nachverfolgen. Es war ein Vergnügen, derartige Feststellungen der Redakteure zu markieren, die schrieben, X sei ein längst bekanntes Phänomen, über das sich nun auch die dumme Konkurrenz geäußert habe. Regelmäßig stellte sich heraus, daß der „Spiegel“ seine Leser zuvor niemals über besagtes Phänomen informiert hatte, dieses Versäumnis mit dem Herabspielen der Neuigkeit und Relevanz des genannten Themas zu kaschieren hoffte.

4. Kapitalistische Variante:
Learning by Buying

Wer kennt sie nicht, die Qual der Wahl eines bestimmten Produkts unter dreißig konkurrierenden? (13) Auf Grund der Erfahrung dieser permanenten Display-Bedrängnisse und entsprechender Panikkäufe existiert das Rückgaberecht nach Besinnungspause außerhalb der Kaufhäuser. Nicht nur ist man durch die schiere Fülle der Angebote überfordert, sondern es wird auch durch Werbung und geschickte Präsentation eine Qualität vorgetäuscht, der die Produkte nicht entsprechen. Täuschbar ist, wer nicht ausreichend ästhetische Kompetenz besitzt, um zwischen Wesen und Erscheinung differenzieren zu können.

Seit Calvin ist die Anhäufung von Gütern die Bestätigung eines gottgefälligen Lebenswandels. Der so gepredigte Aneignungs- und Kaufzwang, oder – in der Steigerungsform – die Kleptomanie erweist sich in diesem Sinne als gerechtfertigter Versuch, seinen Gnadenstatus im Erreichen von Karrierezielen auszuweisen. Die dafür signifikante Kaufkraft macht uns zu Vertrauensgaranten der kreditgewährenden Bank. In den USA ist das Ansehen der Person, mehr als an allen anderen die Person ausweisenden Dokumenten, an der Kreditkartenstaffelung von „ordinär“ mit Beschränkung der Verfügungssumme bis hin zu „Platin“ mit unbeschränkter Verfügungssumme ablesbar. „Vivus sermo dei“ (Hebräer 4, 12) läßt sich im oben genannten Sinne weiterdenken: Das Leben ist eine einzige Krediteröffnung. In der Gegenwart seines Wortes gewährt der göttliche Schöpfer seiner Christenheit das Leben als einen Kredit zur Gewinnung des Heils (so auch Sloterdijk in „Zorn und Zeit“).

Johannes von Patmos schildert apokalyptische Verfahren als Methode der Zeitverkürzung. (14) Führte man den Gedanken zu Ende, so müßte von einem apokalyptischen Denken ausgegangen werden, das Anfang und Ende in Eins setzt, indem es jegliches Enden antizipiert und es als Zielpunkt des Beginnens bereits in das initium aufnimmt. Wenn Augustin sagt „initium ut esset, creatus est homo“, dann formuliert er die menschheitsgeschichtlich so bedeutsame Leistungsfähigkeit des Gehirns unserer Gattung, in einer für sie extrem gefährlichen Welt zu überleben. Die Kraft zum Anfangen hat nur, wer alles antizipiert, was tödlich schief gehen kann. Durch das Training der Kraft der Antizipation, des Vorwegnehmens und des Vorausleidens in Form der Empathie, wachsen die Chancen, die realen Gefahren aus dem Selbstlauf der Natur zu bestehen. Nur radikalster Pessimismus vermag den Optimismus zu begründen; alle anderen Argumente wären nur Umkleidungen phantasiearmer Naivität oder von Vogel-Strauß-Politik. Apokalyptisches Denken vermittelt die rücksichtslose Kritik aus der Gewißheit des Endens mit dem begründeten Optimismus, gerade durch die Antizipation von tödlicher Gefahr dem Unheil doch noch entgehen zu können. Nur wer radikal kritikfähig ist, vermag die vernünftige Begründung seines Lebensoptimismus zu entwickeln. So gilt die Dialektik des apokalyptischen Denkens: Wer anfangen will, muß das Ende schon hinter sich haben.

Folgenreichste Anleitung dazu bietet mit höchster theologischer Raffinesse der Kreuzestod des Gottessohnes, der mit der Ostersonntagsauferstehung ein für allemal bewies, daß wir nicht dem Gedanken eines definitiven Endes ausgeliefert bleiben, sondern uns auf die Möglichkeit des immerwährenden Beginnens verlassen dürfen.

Anmerkungen

(9) Siehe Bazon Brocks Beitrag „Zwei Wege zum Erfolg: Das heitere und das heroische Scheitern.“ Vortrag im Busch-Reisinger-Museum, Harvard University, 17. September 1996. Englische Kurzfassung in: Celant, Germano (Hg.): Katalog Biennale, Venedig 1997.

(10) Zum Aspekt des Patientendaseins, siehe das Kapitel „Uchronie – Ewigkeitsmanagement“.

(11) Brock, Bazon: „Mihilismus. Von der lustvoll-egoistischen Selbstverwirklichungsbohème zum Terror der Individualisierung als Zuschreibung der Folgen dessen, was man nie getan hat.“ In: ders., Barbar als Kulturheld, S. 79 ff., insbesondere mit Bezug auf Max Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“, S. 81; vgl. Bauer, Christian: Sacrificium intellectus: Das Opfer des Verstandes in der Kunst von Karlheinz Stockhausen, Botho Strauß und Anselm Kiefer. Paderborn, München 2008.

(12) Udo Lindenberg entwarf den anthropologischen Grundtypus des „Homo Panicus“, heute bestens repräsentiert durch die Weltpanikmusiker. Siehe Vortrag „Der Homo Panicus. Zur Apokalypse des Johannes als einzig unüberhörbarem Appell zum Anfangen in jedem Augenblick.“

(13) Falckenberg, Harald: „Selbstjustiz durch Fehleinkäufe. Überlegungen zur Bewertung von Kunstwerken.“ In: ders., Ziviler Ungehorsam. Kunst im Klartext. Regensburg 2002, S. 31 ff.

(14) Koselleck, Reinhart: Zeitschichten. Studien zur Historik. Mit einem Beitrag von Hans-Georg Gadamer. Frankfurt am Main 2003, S. 184 f.

Medien

Learning by Dying – tägliche Einübung in den großen Bruder des Schlafes, Bild: Bazon Brock, Thomas Schirren, Nadia J. Koch, Denkerei Berlin, 11.07.2017.

Learning by Dying – tägliche Einübung in den großen Bruder des Schlafes

Learning by Dying – tägliche Einübung in den großen Bruder des Schlafes

Quelle: www.youtube-nocookie.com

Learning by Dying – tägliche Einübung in den großen Bruder des Schlafes; Video: Mit Bazon Brock, Nadia J. Koch, Thomas Schirren. Denkerei Berlin, 11.07.2017
Learning by Crying: Manfred Schlapp – Klage über das Elend der Hermeneutiker, Bild: Lustmarsch, III.10, S. 295 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.

siehe auch: