Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 198 im Original

II.6 Konstellationen bilden auf Fuge und Unfug

Text

Bereits antike Philosophen fragten sich, wie auf das Abwesende verwiesen werden könne und wie man zu klären vermöchte, ob das begrifflich Faßbare auch tatsächlich irgendwo auf Erden anzutreffen sei. Diese Frage wird mit Leidenschaft im mittelalterlichen Universalienstreit erörtert: Ist der Begriff der Röte auf gleiche Weise real gegeben wie die Eigenschaft „rot-sein“ von verschiedenen Dingen, beispielsweise (rubin-)roten Gläsern, rotgefärbter Wolle und rot gestrichenen Wänden? Wer behauptete, daß die durch Substantivierung von Eigenschaften gebildeten Begriffe (Universalia) genauso real gegeben seien wie die Dinge mit ihren Eigenschaften, wurde Realist genannt. Wer hingegen sich gezwungen sah anzunehmen, daß derartige Begriffe nur Namen für jeweils eine Klasse von Eigenschaften zu deren Unterscheidung seien, galt als Nominalist. Also: Sind Universalia Realia oder bloße Nomina? Die Antwort lautet: teils teils.

Es ging ja nicht um einen abgehobenen Budenzauber von Philosophen und Theologen, sondern um handfeste Alltagsfragen oder um das noch bedeutendere menschliche Streben nach ewiger Seligkeit – heute geht es wohl eher um die Verpflichtung auf Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit oder die Unantastbarkeit menschlicher Würde im Lebensalltag wie im Verfassungssonntag. Bei aller zugestandenen Begriffsgläubigkeit wird selbst jeder Deutsche darauf bestehen, daß das politische Bemühen um gerechte Verteilung von Gütern, um Gleichbehandlung aller vor dem Gesetz und um die Chance, sein Leben selbst zu bestimmen, auf jeweils konkrete Menschen in konkreten Lebenssituationen gerichtet sein muß und nicht etwa mit dem Verfassen noch so großartiger Texte über Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit erledigt werden kann. Insofern ist der Nominalismus verpflichtend. Andererseits können wir die konkreten Gegebenheiten, etwa als Dinge und ihre Eigenschaften, Tiere und ihre Bedürfnisse, Pflanzen und ihre Lebensbedingungen oder Menschen und ihr Vermögen, Sinn zu stiften, nicht ohne Rückgriff auf Universalien beurteilen – nicht ohne begriffliche Differenzierung zwischen Wesen und Erscheinung oder Attribut und Substanz oder Potentialität und Aktualität, das heißt ohne die Genese des aktuell vor Augen Stehenden.

Dazu werden wir durch die spezifische Bereitstellung unserer geistigen Fähigkeiten in der Evolution des Gehirns genötigt. Seine phantastischen Leistungen erwarb unser „Weltbildorgan“ (Konrad Lorenz) zu einem Teil durch die Herausforderung, im Laufe der Stammesgeschichte die Überlebensfähigkeit seines Trägerorganismus‘ immer besser zu sichern. Es galt, die konkreten Probleme der Umwelt zu bewältigen. Insofern operieren wir mit unseren geistigen Fähigkeiten als Nominalisten. Zum anderen Teil entstanden die phantastischen Leistungen unseres Weltbildapparats durch Rückbeziehung seiner erworbenen Optimierungsstrategien auf sich selbst. Das gelang vornehmlich durch die Fähigkeit, den Umgang mit der Virtualität, mit der Abwesenheit, mit der Unsichtbarkeit genauso zu entwickeln wie in der bewährten Konfrontation mit dem Realen, Anwesenden und sinnlich Wahrnehmbaren. So weit das Virtuelle oder auch das Potentielle nur im Begriff vergegenwärtigt werden konnte und nicht im zeigenden Verweis auf etwas Gegebenes, sind wir Begriffsrealisten. Der Universalienstreit ist also nicht durch die Entscheidung für die eine oder andere Seite beendbar; es gilt vielmehr zu erkennen, in welches Verhältnis Nominalismus und Realismus angesichts konkreter Herausforderungen zur Bewältigung der Lebensanstrengungen gesetzt werden sollten.

Im Theoriegelände wie generell in Darstellungs- und Untersuchungsanlagen zur Bewertung von Behauptungen über die Welt werden die Studienobjekte in Konstellationen eingefügt, die unter anderem durch die Verhältnisse von nominalistischem und realistischem Begriffsgebrauch bestimmt werden wie auch von gestalterischen Ordnungsprinzipien, genannt Hänge- oder Präsentationslehren, von Differenz stiftenden Gestaltanalogien und ähnlichem. Ziel dieser Bildung von Konstellationen ist es, Sinnfälligkeit, Evidenz zu schaffen, aber mit der Absicht, daß jeder, dem etwas einleuchtet oder als evident erscheint, weiß, wie leicht er sich täuschen kann. Also muß jedes Evidenzerleben aus der Erfahrung der Täuschbarkeit kritisiert werden. Das kann nicht nur virtuell als geistige Operation geschehen, sondern die Evidenzkritik muß auf den Evidenzerweis zurückwirken. Evidenzkritik kommt nur zum Ziel in der Schaffung neuer Evidenz. Dieses Vorgehen begründete die bis dato nicht bekannten Leistungen von Künsten und Wissenschaften mit der Entwicklung von Meßgeräten als Evidenzerzeugern nach der Kritik des heiklen menschlichen Augenscheins. Die Künstler schufen Repräsentationsformen der Differenz von Wahrnehmung und Denken, also von Sinnfälligkeit und Kritik, (also von nominalistischem oder realistischem Begriffsgebrauch, von Virtualität und Realität oder von Aktualität und Potentialität).

Wir wollen kurz auf einige Konstellationen im Theoriegelände eingehen, zum Beispiel im Verweis auf die museumsüblichen Vitrinen, in denen die angestrebten Gefüge von Evidenzerzeugung durch Evidenzkritik dem Publikum präsentiert werden. (9) Sie sind der eine Teil der Konstellation als Monstranz, als eine Möglichkeit zu zeigen, daß etwas gezeigt wird. Soweit das Publikum auf solches Zeigen des Zeigens, auf solche Monstranzen reagiert, bildet es die andere Seite der Konstellation als Demonstranz. Es bekennt durch sein Interesse, durch seine Fragen, durch seine Kritik die Bedeutung der Konstellation für das Selbstverständnis der Museumsbesucher als Rezipienten oder im weiteren der Konsumenten, Patienten, Wähler.

Seit dem action teaching „Zeig dein liebstes Gut!“ im IDZ und auf Berlins Straßen 1977 versuchte ich eine ganze Reihe von Konstellationen als Einheit von Monstranz und Demonstranz aufzubauen.

Anmerkungen

(9) Siehe Mulsow, Martin; Stamm, Marcelo (Hg.): Konstellationsforschung. Frankfurt am Main 2005.