Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 176 im Original — direkt zum Text ↓

I.5 Kultur versus Zivilisation

Text

Die Geschichte der Deutschen seit den Freiheitskriegen, das heißt seit dem Kampf gegen die napoleonische Unterwerfung Europas, wurde im wesentlichen durch die radikale Konfrontation von zivilisatorisch gemeinter Universalisierung und kulturalistisch behaupteter Regionalisierung bestimmt. Beide Kräfte waren den Deutschen aus teuer erkauften Erfahrungen und den sie begleitenden kollektiven Traumatisierungen Schrecken und Hoffnung zugleich. Für die kulturalistisch-religiöse Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken stand der Dreißigjährige Krieg; die heilende friedensstiftende Kraft transreligiöser und transkultureller Ordnungen riefen die Deutschen in schwärmerischen Erinnerungen an das mittelalterliche Kaisertum zwischen Otto dem Großen und Friedrich II. von Hohenstaufen an. In praktischer Demonstration führten ihnen aber der Humanismus Kants und das Weltbürgertum Goethes vor Augen, wie eine wünschenswerte Zivilisation jenseits religiöser Bekenntnisse und kulturellen Provinzialismus‘ aussehen könnte. Es ist eine geschichtliche Tragödie, daß die Deutschen (vor allem im Verein mit den Russen) ausgerechnet gegen die Durchsetzung der napoleonischen Vision einer zivilisierten Welt auf der Basis des Gesetzeswerkes Code Napoléon nicht nur patriotische, sondern chauvinistische, auf jeden Fall kulturalistische Kräfte mobilisierten. Die Chimäre eines Nationalstaats deutscher Kultur und Zunge wurde mit den grauenhaftesten, weil so entmenschlichenden Kennzeichnungen des französischen Gegners gemästet, wie man sie erst nach 1933 gegenüber den Juden wieder zu äußern wagte. (10) 1806 dichtete der Nationalheld Karl Theodor Körner:

„Heran, heran zum wilden Furientanze! Noch lebt und blüht der Molch! Drauf, Bruder, drauf, mit Büchse, Schwert und Lanze, drauf, drauf mit Gift und Dolch! Was Völkerrecht? Was sich der Nacht verpfändet, ist reife Höllensaat. Wo ist das Recht, das nicht der Hund geschändet mit Mord und mit Verrat? Sühnt Blut mit Blut! Was Waffen trägt, schlagt nieder! ‘s ist alles Schurkenbrut! Denkt unseres Schwurs, denkt der verratenen Brüder, und sauft euch satt in Blut! Und wenn sie winselnd auf den Knien liegen und zitternd um Gnade schreien, laßt nicht des Mitleids feige Stimme siegen, stoßt ohn‘ Erbarmen drein! Und rühmen sie, daß Blut von deutschen Helden in ihren Adern rinnt: die können nicht des Landes Söhne gelten, die seine Teufel sind. Ha, welche Lust, wenn an dem Lanzenkopfe ein Schurkenherz zerbebt und das Gehirn aus dem gespaltnen Kopfe am blutigen Schwerte klebt! Welch Ohrenschmaus, wenn wir beim Siegesrufen, von Pulverdampf umqualmt, sie winseln hören, von der Rosse Hufen auf deutschem Grund zermalmt! Gott ist mit uns! Der Hölle Nebel weichen; hinauf, du Stern, hinauf! Wir türmen dir die Hügel ihrer Leichen zur Pyramide auf. Dann brennt sie an! Und streut es in die Lüfte, was nicht die Flamme fraß. Damit kein Grab das deutsche Land vergifte mit überrhein’schem Aas!“

Von dieser Aufforderung, aus patriotischer Pflicht das Recht zu mißachten, kein Pardon zu gewähren, Schädel zu zertrümmern, bis das Gehirn an der eigenen Waffe klebt, und die Leichen der Feinde im großen Brandopfer spurlos zu beseitigen, hat sich Deutschland als Kulturvolk bis 1945 nicht wieder erholt. Der Weg zur zivilisatorischen Mäßigung oder gar Umorientierung war verschlossen, weil für die zivilisatorischen Kräfte zumal seit 1789 die französische Nation stand, der man als „Erbfeind“ nicht eingestehen durfte, Deutschland selbst gern zu einer von Wissenschaften und Künsten, von Technologie und Medizin, von extrem leistungsfähiger Verwaltung und beispielhafter Infrastruktur getragenen Zivilisation entwickeln zu wollen. Man war gezwungen, um der Erbfeindschaft willen auf dem Gegenbild berserkerhafter germanischer Kraftmeierei von kulturellen Ansprüchen zu beharren, die welteinmalig seien. Die Franzosen vernahmen dieses kulturalistische Pathos mit Fassungslosigkeit. Die Konstellation „Wagner, Richard Strauß, Nietzsche, Wilhelm II. – das roch ihnen nach neronischen Möglichkeiten“, wie Romain Rolland die zivilisierte Welt wissen ließ. Und Wilhelm II. bestätigte zum Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem Auftrag an das deutsche Militär, sich in China aufzuführen wie die Hunnen, im Mittelalter der Schrecken der Völker, es getan hatten, die schlimmsten Befürchtungen. Der kaiserlichen Verpflichtung zur Barbarisierung als Kulturpflicht der Deutschen folgte dann mindestens die Hälfte der Deutschen, wenn auch im heiligen Schauder.

Für die Spaltung der Deutschen in die Mehrheit national-religiöser Kulturkämpfer und die kleinere Gruppe der Verfechter einer universalen Zivilisierung der Kulturen stand auf höchstem intellektuellem und literarischem Niveau die Konfrontation der Brüder Thomas und Heinrich Mann.

Thomas Mann veröffentlichte gleich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs seine „Betrachtungen eines Unpolitischen“, an denen er während der vier Kriegsjahre geschrieben hatte.

Zugleich erschien Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, mit dem er bereits vor Ausbruch des Krieges die wilhelminische Barbarei so zutreffend analysiert und dargestellt hatte, wie das erst nach dem Kriege allgemein verstanden werden konnte. Die Positionen der beiden Brüder wurden denn auch als die prinzipielle Unversöhnbarkeit von Zivilisationsliteraten und Kulturkämpfern behauptet. Thomas Mann hatte die charakterliche Stärke und geistige Größe, 1923 die Unhaltbarkeit seiner Position nach dem Gebaren der Deutschen im Ersten Weltkrieg einzugestehen. Bis zum Ende seiner Tage vertrat er den Primat einer universalen Zivilisation gegenüber allen wie auch immer begründeten kulturalistischen, religiös-fundamentalistischen oder politisch-totalitären Regimes.

1923 begann dann Hitler mit der Abfassung von „Mein Kampf“, einer genauer nicht denkbaren Parallele zu den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ – allerdings geschrieben von einem Illiteraten, der seiner Überwältigung durch wagnerianische Musik- und Bühneneindrücke nichts entgegenzusetzen hatte als ein wenig, allerdings bemühte Karl-May-Lektüre. (11)

Heinrich Manns Romane fragen nach dem Gelingen der Säkularisierung und dem Scheitern der Zivilisierung der Kulturen. Er erkennt als einer der ersten, daß die fundamentalistischen Kulturalisten das Regime in Deutschland übernommen hatten und die Errungenschaften der über fast zweihundert Jahre hart umkämpften Aufklärungsbewegung peu à peu zerschlagen wurden. Doch was trägt das bei, um heute einen aufgeklärten, das heißt der Zivilisierung verpflichteten Europäer zu definieren?

Erstens: Wir sind nur Europäer, wenn wir das Prinzip „Autorität durch Autorschaft“ (Brock), also das der strikten Individualität und Subjektivität als Begründung von Aussagenautorität anerkennen. Das ist seit dem 14. Jahrhundert originär europäisch. Von der Antike bis über das Mittelalter hinaus ging Autorität stets vom Clanchef, Familienvater, Lehrer, Stammesführer, von Sitten und Traditionen aus. Es gab ausschließlich diese sechs Quellen von Autorität. Im Gegensatz zu allen anderen Kulturen brachte Europa jedoch mit Renaissance und Humanismus unzählige Quellen der Autorität hervor, nämlich so viele, wie Autoren publizierten und wahrgenommen wurden. Die europäische Hervorbringung von Künsten und Wissenschaften verdankt sich dem Prinzip „Autorität durch Autorschaft“. (12)

Zweitens: Letztbegründungen gelten nicht mehr aus der Behauptung von definitivem Wissen oder von göttlicher Offenbarung, sondern leiten sich ausschließlich aus formalen, rechtstaatlich gesicherten Verfahren her. Wer sich nicht durch Verfahren, zum Beispiel als jederzeit wiederholbare Aktivierung von wissenschaftlichen Experimenten, legitimiert, hat wenig Chancen der Anerkennung als Europäer. Rechtstaatlichkeit zur Sicherung der Legitimation und Ausweis der experimentellen Verfahren wie ihrer als wissenschaftlich verbreiteten Ergebnisse sind unabdingbar. (13)

Drittens: Alle Strategien der Überprüfung von Aussagen müssen dem Verfahren der Reflexivität unterworfen werden. Sie müssen im Selbstbezüglichkeitsverfahren den Kriterien ausgesetzt werden, die sie anderen gegenüber in Anschlag bringen. Aussagenansprüche gelten als Hypothesen, die durch den Versuch der Widerlegung erprobt werden müssen. Man arbeitet also mit der Falsifizierbarkeit von Hypothesen (Popper) und der prinzipiellen Unzulänglichkeit von Behauptungen, die deswegen immerfort überprüft und modifiziert werden müssen und nicht im Rückgriff auf höhere Wahrheiten religiöser Offenbarung oder weltliche Machtgebote gestützt werden dürfen.

Viertens: Wer fundamentalistische, dogmatische und totalitäre Durchsetzung von religiös-kulturalistischen Wahrheiten vermeiden will, muß als Europäer allen Kulturen und Religionen seinen Respekt erweisen. Das gelingt nur durch Musealisierung, weil gerade im Museum die Möglichkeit geboten wird, einzelne, ja singuläre Leistungen von Kulturen und Religionen durch den Vergleich mit anderen herauszuarbeiten und anzuerkennen, und zwar selbst dann, wenn diese kulturell-religiösen Zeugnisse auf bereits untergegangene Gesellschaften verweisen. (14)

Da die Institution Museum weltweit als einzig unbestrittene Errungenschaft des Westens anerkannt und zu guten Teilen bereits übernommen worden ist, darf man hoffen, daß sich noch so dogmatisch-fundamentalistische Verfechter des Vorrangs ihrer eignen Kultur vor allen anderen Kulturen mit der Zeit, wenn auch langsam, langsam zur Anerkennung bereitfinden werden, daß ihrem Wunsch nach dem Primat der eigenen Überzeugungen besser durch den Vergleich mit anderen Prätendenten auf Einmaligkeit ihrer religiös-kulturellen Weltsichten gedient wäre.

Kultur geht stets davon aus, im Recht zu sein; die „anderen“ sind die Feinde. „Wir sind wir“, glauben Kulturalisten, wohingegen zivilisierte Menschen sich auf eine Ebene stellen, auf der alle Beteiligten bekunden, gleichermaßen nichts Absolutes zu wissen und gerade deswegen sich zusammenfinden zu müssen, weil alles, was Menschen tun, nur zu einer Verwandlung ihrer Probleme führt. Alles, was wir angehen, wird am Ende noch unbestimmter, unbekannter, rätselhafter, komplexer, als es ohnehin der Fall ist. Was bleibt dann zu tun? Man hat endlich einen triftigen Grund, sich mit denen zusammenzuschließen, die sich gemeinsam der Unlösbarkeit der Probleme widmen, also dem Anspruch der Wirklichkeit.

Anmerkungen

(10) Brock, Bazon: Der Deutsche im Tode. In: ders., Die Gottsucherbande. Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit. Köln 1986, S. 65 ff.

(11) Zu Manns „Bekenntnissen eines Unpolitischen“: „Er berief sich auf die ‚Innerlichkeit’, die machtgeschützte – jene Formel fand sich erst später ein – er bestand darauf: ‚Ich will nicht Politik. Ich will Sachlichkeit, Ordnung und Anstand. Wenn das philisterhaft ist, so will ich ein Philister sein. Wenn es deutsch ist, so will ich denn in Gottes Namen ein Deutscher heißen, obgleich das in Deutschland nicht Ehre bringt.‘ Nichts, nahezu nichts ließ er aus, was sich hernach im Katalog der ‚Volksgemeinschaft‘ wiederfand.“ In: Harpprecht, Klaus: Thomas Mann. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 1995, S. 415.

(12) Ein Kupferstich von Albrecht Dürer 1526 zeigt Erasmus von Rotterdam am Schreibpult in seinem Studierzimmer, zur Linken Notizzettel, ein aufgeschlagenes Buch und Hinweise auf weitere Bibliotheksbestände. Im Hintergrund, vom rechten Schreiberarm des Erasmus überschnitten, sehen wir eine gerahmte Tabula, durch deren Inschrift dem Betrachter versichert wird, daß Dürer das Porträt in unmittelbarer persönlicher Konfrontation mit dem Porträtierten angefertigt habe. Das Abbild soll also als authentisch verstanden werden. Die griechische Zusatz-Inschrift verweist auf den Unterschied zwischen dem Bildnis als Abbild (effigie) und dem Bildnis als Repräsentation eines Geltungsanspruchs (imago, heute Image), wobei das Image von Erasmus in erster Linie durch seine Arbeit als Schriftsteller begründet werde, und nicht durch seine individuellen Gesichtszüge.

(13) Vgl. Werner Büttners Arbeit „Deutscher Geist“, 14 Holzschnitte von 1983.

(14) Siehe Kapitel „Musealisierung als Zivilisationsstrategie – Avantgarde – Arrièregarde – Retrograde“.

Medien

Strategisch denkt, wer anerkennt, daß die Gegner ebenso fähig sind wie man selbst., Bild: Lustmarsch, I.5, S. 176 © Jürg Steiner.
Werner Büttner: "Deutscher Geist" (1983), Bild: Lustmarsch, I.5, S. 180 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.

siehe auch: