Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Seite 55 im Original
Der Terminus „Lustmarsch“ betont also die Praxis des Lernens und Erkennens. Die Bezeichnung „Gewaltmarsch“ orientiert auf ein zu erreichendes Ziel.
Zur Ermutigung reichen wir jedem Teilnehmer einen Willkommenskeks. Obwohl er chinesischer Tradition entstammt, möchten wir mit ihm auf die christliche Auffassung verweisen, daß Opfer aller Anlässe und Zielrichtungen möglichst nur auf symbolischer Ebene zu erbringen sind. Keks und eingebackene Sentenz sind ein Analogon zur Oblate und zur Wandlungsanzeige im katholischen Ritus. Unsere Gastrosophin Andrea Kühbacher hat den Keks denn auch nach dem Reinheitsgebot der Innsbrucker Oblatenbäckerzunft hergestellt.
Dann wird zum Aufbruch geblasen, womit wir an vier große Traditionen des Signalgebens mit der Trompete erinnern:
an die Trompeten von Jericho, also an künstlerisch-musikalische Ausdrucksformen, die Mauern, sogar Reiche zum Einsturz bringen können. Wer sich vor ihrer Macht schützen will, definiert sie zu Ruhm- und Siegverkündern um;
an die sphärischen Figuren, genannt Engel, die auch als Putti mit vollen Backen ihr Instrument blasen, um das dicke Wolkengeschiebe in barocken Deckengemälden zu durchbrechen. So eröffnet uns die kindliche Aktionsfreudigkeit eine Ahnung von der Architektur des Himmels;
an den Trompeter von Krakau, der 1241 von den Zinnen des Kirchturms Signal gab, als die mongolischen Reiter sich der Stadt näherten. Bis auf den heutigen Tag wird des historischen Augenblicks gedacht, in dem der blasende Türmer vom tödlichen Pfeil getroffen wurde. Was für ein großartiger Gedanke, im Abbruch einer Melodie einen Moment zu einem Monument werden zu lassen; (20)
an die Bayreuther Gepflogenheit, vom Balkon des Festspielhauses herab die Kunstgläubigen zur Fortsetzung der musikalischen Feier ins Haus zu rufen. Zur Eröffnung unserer Führungen gibt sich der Herr Famosus Christian Bauer größte Mühe, auf seiner Kindertrompete an alle vier Traditionen der Gänsehauterregung zu erinnern.
Wegweisungen durchs Theoriegelände geben uns Darstellungen von elf Themen, die unsere kollektiven Traumatisierungen vergegenwärtigen. Das zwölfte Thema repräsentiert, gleichsam als personifiziertes Trauma, der führende Beispielgeber Brock selbst. Seien wir nicht abergläubisch und ergänzen die 12 zu einer 13, dann ergibt sich die Frage: Wer spielt den Judas? Bisher wollen das immer die Intellektuellen sein, denn sie haben ein großes Vergnügen an dieser Sonderrolle. Also bieten wir den Teilnehmern die Chance, die Judas-Rolle in einer neuen Weise durchzuspielen: nicht mehr als der gläubigste der Jünger, sondern als derjenige, der das sacrificium intellectus auf sich nimmt. Man braucht viel Vernunft zum Opfer des Verstandes, des reinen Gewissens, der Unbescholtenheit und der menschlichen Neigung, alle fünfe gerade sein zu lassen.
Mit Hinweis auf die Generalmaxime „Werk ist abgelegtes Werkzeug“ und die sich daraus ergebende Schlußfolgerung, wir alle, die wir in der imitatio Düreri stehen, müßten Künstler ohne Werk heißen, tritt neben das sacrificium intellectus das nicht weniger bedeutsame sacrificium operis. Duchamp hat den Verzicht auf das Werk vorgemacht, wir müssen das sacrificium operum täglich gegen Verwertungsansprüche verteidigen. Aus dem Schöpferpathos der Großkünstler im Wettbewerb mit dem Weltenbauer der Genesis ist ohnehin bestenfalls noch der Status von Mitarbeitern Gottes abzuleiten, die die primäre Schöpfung fortsetzen: eine erheiternde Begründung von sekundärer Kreativität (lieber Herr Georg Steiner, bei aller Sympathie für Ihr Pathos des Primären!); schon die Humanisten der Dürerzeit setzten die Entdeckertätigkeit höher an als die Afterkunst der Gottimitatoren. Aber nicht die Entgegensetzung von creatio und inventio, von Schöpfertum und Entdeckertum, etwa als Entgegensetzung von Künsten und Wissenschaften, charakterisieren die Moderne. Bedeutungsvoller wurde die vielschichtige Entwicklung der Beziehung von Werk und Wirkung bis hin zu den Extremen von Werken ohne Wirkung (die nie in der Öffentlichkeit präsentierten Dachkammerpoesien aller Gattungen) und von Wirkung ohne Werk (etwa bei Dandies und Bohèmiens einerseits wie auch bei Gestoren, Kuratoren, Regietheaterstars, Moderatoren andererseits). „Auch einer“, meinte dazu der Ästhetikprofessor F. Th. Vischer, und die Neue Frankfurter Schule ergänzte: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren selber welche.“
Die elf Themen des Lustmarsches sind auch abgeglichen mit den Herausforderungen der Gegenwart. Die größte Herausforderung für Europa ist die Wiederkehr einer bestimmten Indienstnahme von Buchstabengläubigkeit, die man Fundamentalismus nennt, sei er islamischer, protestantischer, ökologischer oder sonstiger Art. Wir wollen auch demonstrieren, warum Wort- und Begriffshörigkeit so erfolgreich zu wirken vermögen. (21) Naturgemäß sind wir also gehalten, die Demonstration im Theoriegelände nicht derart überwältigend zu inszenieren, daß alle Teilnehmer unsere Botschaften inbrünstig für Offenbarung halten; also werden wir immer wieder Mut zur Irritation durch Unverständlichkeit, Aberwitz und Treulosigkeit gegenüber unseren Grundannahmen beweisen müssen.
Muséalisez-vous – Musealizzatevi – Musealize yourself – Musealisiet Euch!
Anmerkungen
(20) Siehe „Pfingstpredigt“, experimenta 4, Frankfurt/Main 1971, in: Brock, Ästhetik als Vermittlung, S. 99-107.
(21) Siehe Kapitel „Kontrafakte – Karfreitagsphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“.