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Werkdetail Seite / Volltext | Bazon Brock

Buch Neue Konstellationen der Gegenwart

Annäherungen an Institutionen mit Legitimität

Neue Konstellationen der Gegenwart: Annäherungen, Institutionen und Legitim. Hrsg. von Corinne M. Flick. Göttingen: Wallstein, 2021
Neue Konstellationen der Gegenwart: Annäherungen, Institutionen und Legitim. Hrsg. von Corinne M. Flick. Göttingen: Wallstein, 2021

Reihe: Convoco! Edition

Die globalen Institutionen waren bisher die Grundpfeiler der staatlichen, regelbasierten Zusammenarbeit, sie stehen aber zunehmend unter Druck und sind Schauplätze geopolitischer Auseinandersetzung. Im Gegenzug sehen wir neue Formationen und einen zunehmenden Einfluss nichtstaatlicher Akteure auf der Weltbühne. Dabei entstehen Partnerschaften zwischen Stakeholdern, die bisher nicht zusammengearbeitet haben. Regierungen kooperieren mit privaten Akteuren in ursprünglich hoheitlichen Bereichen. Unternehmer wie Bill Gates oder Michael Bloomberg übernehmen globale Verantwortung für Themen wie Gesundheit oder Umwelt. Transnationale zivilgesellschaftliche Bewegungen wie Fridays for Future und Black Lives Matter gewinnen angesichts der globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Pandemien oder Ungleichheit an Bedeutung.
Der vorliegende Band untersucht diese neuen Konstellationen der Gegenwart. Welche Partnerschaften und Kooperationen ergeben sich aufgrund der politischen, wirtschaftlichen und technologischen Problemstellungen? Woher nehmen die neuen, nichtstaatlichen Akteure ihre Legitimität zum Handeln? Wie können wir die regelbasierte Zusammenarbeit von Staaten revitalisieren und Institutionen reformieren bzw. neu gründen?

Mit Beiträgen u. a. von: Udo Di Fabio, Clemens Fuest, Maha Aziz, Jörn Leonhard, Eugénia da Conceição-Heldt, Bazon Brock und Rudolf Mellinghoff

Eine Maxime von Convoco ist, heute Verantwortung für morgen zu übernehmen. Convoco will das Bewusstsein schaffen für die sich ständig verändernde, moderne Welt und die Herausforderungen, die sich dadurch für die Gesellschaft ergeben. Convoco bietet Plattformen, auf denen Fragen des künftigen Miteinanders in einer immer stärker vernetzten Welt diskutiert werden.

Erschienen
08.03.2021

Herausgeber
Flick, Michaela

Verlag
Wallstein

Erscheinungsort
Göttingen, Deutschland

ISBN
978-3-8353-3931-6

Umfang
296 S.

Einband
Gebunden

Seite 139-143 im Original

Wer den zerstörerischen Ernstfall verhindern will, muss mit ihm rechnen

Am Vereinshaus der hochwerten Lübecker Kaufmannschaft verkündet »seit alters« eine Schönschriftbotschaft, dass miteinander Handel Treibende keinen Krieg führen. Noch im Juni 1914 ließen sich aufgeklärte Humanisten in liberalen Blättern von der frohen Botschaft ergreifen, dass in Europa kein Krieg möglich sei, weil alle potenziellen Kriegsgegner durch intensive Handelsbeziehungen aneinander gebunden seien. Und wer würde schon einen ständig wachsenden ökonomischen Vorteil aufs Spiel setzen wollen? Zudem seien ja die Herrscher- und Adelshäuser Europas und besonders die deutschen und englischen aufs Engste verschwistert und verschwägert.

Das aristokratische Pathos der Blutsbande erwies sich tatsächlich auch für Bürger als gemütsergreifend. Allerdings genau in gegenteiliger Hinsicht. Denn bald, scheinbar wirtschaftlich ganz widersinnig, rasten die Europäer im Namen des Blutes ihrer Vaterländer gegeneinander.

Natürlich könnte jedes Schulkind wissen, dass es so etwas wie das reine Blut der arischen oder sonstigen Abstammungslinien nicht gibt. Einheit durch Reinheit war und ist Hirngespinst, bloßes Kontrafaktum. Aber alle Kulturen beziehen ihre Stärke aus der Anerkennung der Macht des Kontrafaktischen, der Religionen, Weltanschauungen, Mythologien, Epen und Märchen. Die Macht des Kontrafaktischen ist das bedeutendste Faktum für jedes Kollektiv und seine proklamierte Kultur. Ist es auch Wahnsinn, so erzeugt es doch unabdingbar stärkste Wirkung. Als historischen Höhepunkt darf man getrost die Parzival-Gesetze der Nationalsozialisten (Reichsparteitag Nürnberg, 1935) verstehen, wenn man dabei nicht vergisst zu bedenken, dass es in der Geschichte keine Einmaligkeiten, sondern nur Gesetzmäßigkeiten gibt. Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass »America first« oder das chinesische Vormachtstreben wie alle nationalistischen Bekenntnisse immer noch und immer wieder von der kulturverwandtschaftlichen Nähe des Wir getragen werden, auch wenn man den Kapitalfluss für bedeutsamer halten will als den Blutfluss.

Was sollte das heißen? Kapitalinteressen stehen nicht im Gegensatz zum Nationalismus. Die angeblich harten Fakten des Ökonomischen widersprechen nicht den zauberhaften Kräften der Märchen und Religionen. Schließlich ist der Kapitalismus selbst zur stärksten Religion der Weltgeschichte geworden und seine weltumspannenden märchenhaften Kräfte wirken Wunder, die alle historischen Wundertaten in unvorstellbarem Maße überbieten. Seit Milliarden Dollar jährlich allein in Film-, TV- oder Streaming-Produktionen fließen, stützen modernistisch angepasste Sagen massenwirksam den Glauben an die wunderbare Welt des Konsumerismus, der universal verbreiteten Vision des Lebens im Paradies.

Wie aber kommt es dann zur Gefährdung oder gar Zerstörung dieser Wunder des Glaubens in den Ernstfällen der Kulturkriege? Wenn der Kapitalismus universal herrscht, müsste er doch gerade aus ökonomischem Interesse den Weltfrieden garantieren. Zumal wenn Frieden heißt, den Kapitalismus und damit die Weltreligion weiterhin wirksam zu erhalten. Wie wäre das erreichbar? Mit der »Balance of Power« zwischen den beiden Kräften des In-die-Welt-Bringens durch Güterproduktion und Aus-der-Welt-Bringens der produzierten Güter durch Gebrauch, Verbrauch, Vermüllung. Kriege sind aus kapitalistischer Sicht Voraussetzung für die Fortsetzbarkeit des Produzierens von Gütern aller Art, darunter vor allem Waffen. Klassischerweise produzierte man mit den Waffen als Waren die Mittel des radikalen, schnellen Verbrauchs der Dinge. Denn Zerstörung ist die mächtigste Form der Entsorgung und damit Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Gütermassenproduktion.

Aber ist die Wirkung von Waffen, aufs Ganze gesehen, tatsächlich immer noch größer als die Wirkung von Verfallsdaten, die Produkte aus der Welt bringen sollen, wenn sie nicht verbraucht wurden? Weniger ehrbare Kaufleute glauben längst erkannt zu haben, wie man den Warenumsatz entscheidend erhöhen könne. Man verkauft mit den Waffen zugleich die Garantie, den Wiederaufbau des Zerstörten mit allen ökonomischen Mitteln zu gewährleisten. Eine wunderbare Rückversicherung, wie im kleinen Einzelnen jeder effektive Verkehrsunfall das Bruttosozialprodukt steigert und jede alternative Energie die gewinnbringende Fortsetzung von Geschäften der Energiewirtschaft garantiert.

Warum aber ist dann die heutige Weltlage nach allgemein geäußerten Gefühl so instabil? Die Antwort mag für Repräsentativdenker Europas immer noch überraschend sein. Sie lautet: Die für die Aufrechterhaltung des Kapitalismus notwendige Balance von In-die Bringen und Aus-der-Welt-Bringen lässt sich nicht länger gewährleisten. Dafür ist die sogenannte Klimakrise mit all ihren ökologischen Folgen sprechendes Beispiel. Die Ressourcen der schöpferischen Hervorbringung sind doch nicht unbegrenzt, weil auch das Ingenium der Menschheit durch die Gesetze der Natur beschränkt wird. Evolutionär genutzte Jahrmilliarden können nicht von einem Jahrhundert scheinbar grenzenloser Schöpferkraft der Menschen aufgewogen werden.

Wir müssen also mit dem entscheidenden Ernstfall, dem Versagen des Kapitalismus, rechnen. Das heißt wohl im Wesentlichen, mit schnell verstärkter Renationalisierung zu rechnen und der damit verbundenen Grundentscheidung interessengeleiteter Allianzen, der Unterscheidung von Freund und Feind. Die stärksten Polarisierungen dieser Art sind durch das Versagen des Kapitalismus in den Konfrontationen von China, den USA und Europa zu sehen, deren jeweiliger innerer Zusammenhalt zudem noch durch innerstaatliches Vormachtstreben der Religionen und Ethnien gefährdet ist. Zur Bewältigung dieser Bedrohung müsste Macht in einer Weise eingesetzt werden, die jedenfalls rechts- und sozialstaatlich verpflichteten Demokratien weitgehend widerspräche. Es bliebe dann die Option Sicherheit vor Freiheit, wobei, wie die Geschichte lehrt, selbst mit den rigidesten Mitteln Sicherheit doch längerfristig nicht garantiert werden kann.

Kein Weg, keine Chance, kein Ausweg – nirgendwo ? Bestenfalls ein Aufschub, wenn es gelänge, einen leistungsfähigen Kapitalismus durchzusetzen. Das hieße, endlich wieder den Markt als regulative Kraft zu etablieren, denn der bisherige, nicht ökonomische, sondern bloß ideologische Kapitalismus hatte ja gerade durch Subventionen und andere erkaufte Interventionen den Markt jener Funktionslogik beraubt, die ihn tatsächlich zu begründen vermöchte. Bisher gibt es noch gar keinen ökonomischen Kapitalismus, wenn auch hie und da ein paar glorreiche Kapitalisten.