Radiobeitrag Deutschlandradio Kultur

Erschienen
22.09.2008

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Deutschlandradio Kultur

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Thema

„Nichts anderes als ein Entschuldigungsversuch“

Bazon Brock über das Verhältnis Mensch/Maschine

Bazon Brock im Gespräch mit Joachim Scholl

Nach Ansicht des Professors für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität Wuppertal, Bazon Brock, kann keine Rede davon sein, dass Maschinen die Macht über wichtige Teile unseres Lebens übernommen haben. Wenn Computer für die derzeitigen Turbulenzen an den Finanzmärkten verantwortlich gemacht würden, sei das nichts anderes als ein „Entschuldigungsversuch“ der sogenannten Entscheider, sagte Brock.

Joachim Scholl: Es war ein Computer, der 300 Millionen Euro von der deutschen KfW-Bank an die maroden Lehman Brothers in Amerika überwies, und ebenso automatisch ließ ein Börsencomputer die Aktien der amerikanischen Fluggesellschaft United Airlines abstürzen, aufgrund eines wiederum computergesteuerten Fehlers des Nachrichtenportals von „Google News“ – da fasst sich der Mensch an den Kopf und fragt sich: Haben uns die Maschinen mittlerweile völlig in der Hand?
Am Telefon begrüße ich jetzt den Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität Wuppertal, Bazon Brock. Schönen guten Morgen!

Bazon Brock: Guten Morgen!

Scholl: Und, Herr Brock, haben die Maschinen die Welt übernommen?

Brock: Nein, das kann natürlich in keiner Hinsicht behauptet werden. Das Gerede über den Selbstlauf der Logik in dieser Maschine ist nichts weiter als ein Versuch von Entscheidern sich zu entlasten. Das heißt, man delegiert die Verantwortung an ein System, das per se, per Definition im strafrechtlichen Sinne nicht verantwortlich gemacht werden kann. Man ist die Verantwortung los, indem man sagt, na ja, es ist eine systemische Panne und alle werden natürlich Verständnis dafür haben. Ja, da kann ja kein Mensch etwas dafür, wenn es das System ist. Diese Redereien, gerade jetzt im Zusammenhang mit der sogenannten Finanzkrise, schon der Begriff Krise ist ja bloß ein Entlastungsbegriff angesichts dessen, was da tatsächlich vor sich geht, nämlich legalisierte Kriminalität, ist nicht anderes als eben ein Entschuldigungsversuch. Und so ging das bisher immer, wenn man den Maschinen das andichtete oder ihnen zuschob, was man selber nicht mehr zu verantworten in der Lage war oder willens war.

Scholl: Gut, Sie machen ja hier den Schuldigen aus. Man kann es ja auch umdrehen. Ich meine, wir hängen ja wirklich am Tropf der Maschinen. Man merkt das erst mal richtig, wenn die Kabel mal durchgeschnitten sind, etwa der Computer mal zwei Tage nicht funktioniert.

Brock: Ja, das ist sicherlich ein subjektiv richtiges Empfinden, hat objektiv aber keinerlei Begründung. Denn wir fallen auch aus, wenn mitten in der Operation plötzlich der Chirurg einen Ohnmachtsanfall bekäme oder wenn bei der Verkehrsregelung jemand an der Ampel einen Herzinfarkt bekommt als Autofahrer. Ja, das sind alles Konstruktionen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Sie sehen, worin das Problem liegt. Als nämlich Mitte der 60er-Jahre Stanley Kubrick in seinem großartigen Film „Odyssee 2000“ den Computer HAL personifizierte, das heißt ihm Eigenschaften wie ein Mensch zukommen ließ, kam es zu dieser grandiosen Konfrontation Mensch/Computer. Aber das stimmte ja gar nicht, denn der Computer hatte diese eigenständige Macht entwickelt, gerade weil er den Menschen simulierte und nicht weil er eine Maschine war. Das heißt, diese Systeme werden erst dann gemeingefährlich, wenn ihnen die Rolle von Menschen übertragen wird. Es heißt bei den Banken zum Beispiel, wenn eben die Direktoren nicht, was ihre Pflicht ist, tun, nämlich zu kontrollieren, zu wissen, was sie machen, sondern aufgrund von krimineller Energie oder auch Unfähigkeit, weil das System, nach dem sie berufen werden, alles andere als sachgerechten Kriterien folgt, sondern mehr oder weniger der Fähigkeit zu sozialen Qualitäten, weil sie dem nicht entsprechen. Und wir sollten uns hüten, jetzt immer im Hinblick auf die Lösung der Probleme die großen systematischen Darstellungen unserer Weltassistenz, das heißt unseres eigenen objektiven Geistes in Gestalt der Maschine anzuklagen.

Scholl: Bleiben wir doch noch mal bei diesem Dualismus Mensch/Maschine. Es herrscht da ja immer so eine starke geistige Polarisierung. Auf der einen Seite haben Sie die Apologeten der Technik, des Fortschrittsgebets, auf der anderen Seite die Kritiker, die meistens die schlechteren Karten haben, als ewig gestrige Nörgler. Sie, wenn ich Sie richtig verstehe, Herr Brock, plädieren da für einen ganz anderen Blick auf die Technik, nämlich auf einen moralischen?

Brock: Ja sicherlich. Denn die Angst, die wir haben vor dem Selbstlauf der Maschine ist eben eine Angst vor der Übernahme unserer eigenen menschlichen Entscheidungsfähigkeit durch nichtmenschliche lebende Systeme.

Scholl: Das muss aber keine Angst sein. Das kann ja auch eine Vision sein. Ich meine, die Science-Fiction lebt davon.

Brock: Ja ja. Es ist ja auch eine Vision, denn wenn Sie denken, die Maschinen sind das Resultat der Entwicklung unserer Denkfähigkeiten, die wieder am Gehirn hängen und das Gehirn ist in Organ der Evolution. Dann können Sie sagen, die Produkte unserer geistigen Arbeit sind Fortsetzungen der Evolution, jetzt nicht auf dem genetischen Wege vermittelt, sondern extra-genetisch, das heißt, durch die kulturelle Arbeit und Übertragung vermittelt. Insofern kann man sagen, die Maschinen sind wirklich die höchst entwickelten Produkte der Evolution, und da hat man dann das Gefühl, man verliert die Kontrolle über sich selbst. Aber woher kommt dieses Gefühl? Es kommt davon, dass Eltern durch ihre Kinder erfahren, dass obwohl die Kinder ihre Produkte sind, erzogen und ernährt werden, ihnen Aufmerksamkeit, Dankbarkeit, alles Mögliche schulden, gehen sie außer Kontrolle. Und so ist es auch bei den Maschinen als den Produkten der Menschen, sie haben das Gefühl wie bei den Kindern, es lässt sich alle Fürsorge, Liebe etc. nicht so einsetzen, dass alles unter Kontrolle bleibt. Das sind aber lässliche, verständliche, wenn auch falsche Übersetzungen von menschlichen, zwischenmenschlichen Verhältnissen auf das Verhältnis Mensch/Maschine.

Scholl: Wenn Sie jetzt schon den Evolutionsprozess ansprechen, Herr Brock. Es war ja mal früher anders. Die Technik war durchaus als eine geistige humane Bewegung gedacht. In der Frühaufklärung etwa las halb Europa das Buch „L’homme Machine – Der Mensch als Maschine“, ein berühmter Traktat des Philosophen La Mettrie, in dem der menschliche Organismus mit einer Maschine verglichen wurde. Da wurden Mensch und Technik noch in eins gedacht ganz hoffnungsvoll. Warum hat sich das dann eigentlich in diesen fatalen Antagonismus entwickelt, gegen den Sie jetzt polemisieren?

Brock: Weil die Herren dieser Systeme vornehmlich als Militärs, und das sind ja die Beherrscher der größten komplexen Maschinensysteme mit ihrer Herrschaft so viel Zerstörerisches angerichtet haben. Man hat reale Erinnerungen, vielleicht die Menschen sogar individuell, nicht nur Kollektiv-Erinnerungen an reale Ereignisse, wie Sie eben im Kriege entwickelt werden. Dort ist das Zerstörungspotenzial des Menschen durch den Einsatz von Maschinen unendlich gesteigert worden. Und dieses Bild der Wirkungsmöglichkeit von Maschinen hat sich generell auf alles gelegt. Heute spricht man ja von einer Durchmilitarisierung der Rationalität des militärisch-ökonomischen Komplexes. Und wir alle wissen, dass das unser Leben am meisten entscheidet oder beeinflusst, und stellen plötzlich fest, wie jetzt bei der Katastrophe, in diesem Komplex scheint überhaupt keine Rationalität zu herrschen, außer die der Maschinen. Das heißt, die Bankdirektoren, die ganzen Bosse dort oben, entscheiden niemals nach ökonomischer Rationalität. Es hat noch niemals einen einzigen Gedanken ökonomischer Vernunft gegeben, der einen solchen Finanzhai getrieben hat, sondern die Gier treibt ihn, Neid, Habsucht, Vernichtungswillen etc. Die Gesellschaft hat das nicht zur Kenntnis genommen. Man hat uns eingeredet, dass innerhalb dieser Systeme militärisch-ökonomisch die höchste Zwangslogik des rationalen Einsatzes von Mittel- und Zwecken herrschten. Bei jeder Talkshow waren die Wirtschaftsbosse die, die jedem Philosophen, Soziologen oder anderen Menschen, Pastoren oder Altersmenschen sagen, halten Sie den Mund, wir wissen, was Rationalität ist, denn wir bestimmen über die Wirtschaft, und das ist die Basis des gesamten Lebens. Das ist der Fehler. Wir müssen anerkennen, dass die Maschinen tatsächlich die Träger der Rationalität sind und nicht die Menschen. Und das ist ein Effekt, um den es jetzt geht, anzuerkennen, projizieren wir nicht ständig die menschlichen Erfahrungen mit sich selbst auf diese Systeme und überlassen ihnen damit die Verantwortung für den Irrsinn, den wir selbst produzieren und nicht sie.

Scholl: Und daran denken wir demnächst, wenn wir wieder die gegeelten Bürschchen vor ihren Computerbildschirmen abends in den Börsennachrichten sehen. Die Technik und die Herrschaft der Maschinen. Das war Bazon Brock. Er lehrt Ästhetik und Kulturvermittlung in Wuppertal. Ich danke Ihnen schön!

Brock: Bitte! Danke!