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Focus Magazin 07/2020, Bild: 08.02.2020.
Focus Magazin 07/2020, Bild: 08.02.2020.

Erschienen
08.02.2020

Erscheinungsort
Berlin, Deutschland

Ausgabe
07/2020

Visite im sozialistischen Lager, Ekstase vor der Jukebox

[Über Hubert Burda]

Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik, in Sachen Kunsttheorie Sparringspartner des Verlegers Hubert Burda. Er erinnert sich, wie der Lyriker Peter Hamm den jungen Burda in den 60er-Jahren zur Stippvisite ins sozialistische Lager entführte und der heutige Nobelpreisträger Peter Handke Burdas Ekstase vor der Musikbox stimulierte.

Das Leben des Verlegers Hubert Burda ist zu groß für nur einen Erzähler: Also baten wir anlässlich seines 80. Geburtstags acht Weggefährten, uns auf eine Reise durch die acht Jahrzehnte mitzunehmen. Von den Weinbergen in Offenburg über die Factory von Andy Warhol bis nach Stockholm um Nobelpreis für seinen Freund Peter Handke.

Hier: die sechziger Jahre von Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung. Er ist ein enger Freund und kunsttheoretischer Sparringspartner Hubert Burdas.

Mit einem akademischen Grad konnte man nicht imponieren

Oriana Fallaci sagt: „Mrs. Mansfield, geben Sie zu, dass Sie einen akademischen Grad haben!“ Jayne Mansfield ist bestürzt, ratlos, den Tränen nahe. „Oh, no no, sagen Sie das niemandem, schreiben Sie das nicht!“

Mickey Mansfield Hargitay tritt hinzu. „Jayne, mein Gott, was ist los, was haben sie dir angetan?“

„Sie hat gesagt, ich sei intellektuell, sie wird das schreiben und mir schaden, sie wird meine Karriere ruinieren. Man wird mich nicht mehr lieben!“

Als ich 1965 mit dieser Anekdote meine Antrittsvorlesung in Hamburg begann, hatte Hubert gerade seine Promotion durch Hans Sedlmayr hinter sich. Wer damals Zeitgenosse in hoher Geistesgegenwart sein wollte, konnte nicht mit einem akademischen Grad imponieren.

Huldigung der Beatles

Im Gegenteil, er hatte die Fähigkeit zur euphorischen Selbstunternehmung im Bilderstrudel der Pop-Art zu beweisen, dem antiimperialistischen Begriffsfuror zu folgen, ohne zu zucken, und den Beatles musikalische Genialität zuzugestehen, wie man sie zuvor in Schubert-Liedern behuldigt hatte.

Hubert wurde Zeitgenosse. Und wie!

Ekstase vor Jukeboxes

Peter Hamm führte und entführte ihn zur Stippvisite ins sozialistische Lager; Peter Handke stimulierte seine Ekstase vor Jukeboxes; die Produkte von Warhols Factory veränderten seinen Blick auf die Werbung als tragende Säule der Presse ein für alle Mal. Denn jetzt konnten Werbegrafiker die Öffentlichkeit mit Bildwirkungen besetzen, wie sie bis dahin selbst von Bildungsbürgern in Museen nie wahrgenommen worden waren.

"Die Armen, sie leben hoch, hoch, hoch"

„Angesichts der Entfesselung industrieller Produktivkräfte im privaten Atelier noch Kunstwerke schaffen zu wollen wirkte ziemlich altbacken, unzulänglich und vergeblich. Die Parole der Modernität hieß: Die Zurücknahme der Kunst in den materiellen Produktionsprozess ist unvermeidlich. Wir müssen lernen, diese Aufgabe nicht länger als Sünde wider den Schöpfergeist zu verstehen. Die Produktivität des Lebens wird ausdrückbar in ökonomischen Begriffen, die nicht nur gegebene Wirklichkeit des gesellschaftlichen Ganzen bezeichnen, sondern auch als neue Realität für Individuen zu akzeptieren sind. Hüten wir uns davor, die Künste weiterhin darin gerechtfertigt zu sehen, dass sie lehren, wie man über Wasser geht, oder ihnen die Anwaltschaft der Unfreien, Kranken und Schlechtweggekommenen aufzutragen. Das könnte auf uns selbst zurückschlagen wie im folgenden Trinkspruch eines altvorderen Bildungsbürgers: ,Und nun, meine Damen und Herren, liebe Freunde, die wir hier so festlich versammelt sind, die wir vor beladenen Tischen sitzen, der Gegenwart aller Schönheit, allen Ruhms und aller Größe so freizügig gewiss, erhebe ich mit Ihnen mein Glas, um all derer zu gedenken, die dessen leider entraten müssen: Die Armen, sie leben hoch, hoch, hoch!‘“ (alle Zitate authentische Mittsechziger).

Und Handke schrieb uns eine Partitur für die Bewältigung solcher Herausforderung. Die Mündel wollen Vormund werden, die Unmündigen mündig, die Söhne Väter, die Lernenden Lehrer, die Opfer Aktivisten und die Erben Erblasser. Hubert bewältigte das Programm in allen Disziplinen. Auf den Skiabfahrten koordinierte er Risikobereitschaft, Angstlust, Selbstbeherrschung und Kondition. Er hatte verinnerlicht, was es heißt zu schwingen.