Buch konservativ?!

Miniaturen aus Kultur, Politik und Wissenschaft

konservativ?! Miniaturen aus Kultur, Politik und Wissenschaft, Bild: Hrsg. von Michael Kühnlein. Berlin: Duncker & Humblot, 2019..
konservativ?! Miniaturen aus Kultur, Politik und Wissenschaft, Bild: Hrsg. von Michael Kühnlein. Berlin: Duncker & Humblot, 2019..

Kaum ein Begriff polarisiert die Debatten mehr als der Begriff des Konservativen; ob man sich mit ihm positioniert oder gegen ihn – er lässt niemanden kalt. Und deshalb taucht dieser Essayband auch tief in die leidenschaftlichen Erfahrungswelten von Künstlern, Politikern und Wissenschaftlern ein und versammelt ihre persönlichen (und nicht immer konservativen) Geschichten; Geschichten, die sich vielleicht nur abseits von der großen Öffentlichkeit so kunstvoll-diskret erzählen lassen, wie das hier geschieht. Herausgekommen sind dabei literarische Vignetten – mal berührend und witzig, mal polemisch und pointierend, immer aber auch lehrreich und klug –, welche deutlich machen, dass die Frage nach dem Konservativen nicht die eine, sondern viele gute Geschichten verlangt.

Die Idee zu dem vorliegenden Essayband ist nicht aus Sendungsgier, sondern aus Überdruss entstanden – aus Überdruss an den vielen Lagerdebatten, die um den Begriff des Konservativen kreisen und die ihn als semantisch willfähriges Unterscheidungsmerkmal von Freund und Feind in der gesichtslosen Menge der guten Absichten polemisch-einfallslos gebrauchen: Denn je nach politisch-moralischer Couleur wird er in den maßgeblichen Arenen der Öffentlichkeit entweder als Brandzeichen für die Ewiggestrigen oder aber als Schutzzeichen jener Heimatgetreuen verwendet, die es sich im »Grand Hotel Abgrund« (Georg Lukács) bequem gemacht haben. Doch in der politischen Zuschreibung einer vermuteten Gesinnung geht der Begriff des Konservativen nicht auf. [...] Entsprechend wurden die Autorinnen und Autoren auch nicht mit der Maßgabe eingeladen, eine ›konservative‹ Programmatik zu entwickeln – angesichts der ideengeschichtlichen Wandelbarkeit dieses Begriffs wäre das auch schlichtweg traditionsvergessen gewesen; vielmehr war die Einladung mit dem Angebot verbunden, einmal ›barrierefrei‹ und ohne ideologisches Marschgepäck in freier, spielerischer Assoziation bei den ›konservativen‹ Halte- und Tragekräften der je eigenen Biographie zu verweilen.
(Aus der Einleitung)

Die Autoren
Hubert Aiwanger – Robin Alexander – Franz Alt – Philipp Amthor – Seyran Ateş – Jörg Baberowski – Dorothee Bär – Dietmar Bartsch – Nicola Beer – Christoph Böhr – Norbert Bolz – Dieter Borchmeyer – Frank Bösch – Bazon Brock – Micha Brumlik – Heinrich Detering – Dan Diner – Peter Feldmann – Thomas Fischer – Svenja Flaßpöhler – Norbert Frei – MarieLuisa Frick – Gottfried Gabriel – Susanne Gaschke – Volker Gerhardt – Friedrich Wilhelm Graf – Alexander Grau – Monika Grütters – Hans Ulrich Gumbrecht – Gregor Gysi – Jens Hacke – Martin Hein – Christian Hillgruber – Peter Hoeres – Marion Horn – Yehuda Aharon Horovitz – Vittorio Hösle – Dirk Ippen – Bernd Irlenborn – Lorenz Jäger – Hans Joas – Josef Joffe – Jürgen Kaube – Peter Graf Kielmansegg – Diana Kinnert – Paul Kirchhof – Jürgen Kocka – Klaus-M. Kodalle – Winfried Kretschmann – Michael Kühnlein – Simone Lange – Armin Laschet – Vera Lengsfeld – Jörn Leonhard – Hartmut Leppin – Sabine Leutheusser-Schnarrenberger – Hermann Lübbe – Hans Maier – Aiman A. Mazyek – Klaus Mertes SJ – Thomas Middelhoff – Mike Mohring – Hugo Müller-Vogg – Jean-Luc Nancy – Eckhart Nickel – Heinrich Oberreuter – Claus Offe – Thomas Oppermann – Henning Ottmann – Cem Özdemir – Werner J. Patzelt – Petra Pau – Herlinde Pauer-Studer – Uwe Paulsen – Annemarie Pieper – Hans Pleschinski – Iris Radisch – Bodo Ramelow – Bernd Roeck – Thilo Sarrazin – Tilo Schabert – Wolfgang Schäuble – Rolf Schieder – Dagmar Schipanski – Dieter Schönecker – Susanne Schröter – Katharina Schulze – Gesine Schwan – Michael Seewald – Wolf Singer – Jens Spahn – Wolfgang Stahl – Bernd Stegemann – Ralf Stegner – Tine Stein – Thomas Sternberg – Jacqueline Straub – Rita Süssmuth – Uwe Tellkamp – Bruder Paulus Terwitte – Bassam Tibi – Jürgen Trittin – Christoph Türcke – Stefan Vesper – Sahra Wagenknecht – Stephan Weil – Jean-Pierre Wils – Rainer Maria Kardinal Woelki – Notker Wolf OSB – Birgitta Wolff – Ansgar Wucherpfennig SJ – Barbara Zehnpfennig – Igor Zeller

Erschienen
01.01.2019

Herausgeber
Kühnlein, Michael

Verlag
Duncker & Humblot

Erscheinungsort
Berlin, Deutschland

ISBN


978-3-428-15750-1

Umfang


495 Seiten; 21 cm, 510 g

Einband
Softcover

Seite 257 im Original

Konservatismus heißt: Verpflichtung auf das Neue

Traditionen wirken nicht aus der Vergangenheit. Sondern?

Moderne ist kein Epochen-, sondern ein Strukturbegriff. Deswegen ist die Auseinandersetzung um den Anspruch auf Modernität in unserer Region mehr als 2500 Jahre alt. Sprichwörtlich ist die querelle des anciens et des modernes, der Streit der Neuerer mit den Traditionalisten, aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts. Damals wurden die Katholiken, die sich nicht den Jesuiten unterwerfen wollten, unter dem Eindruck der unabweisbaren Neuigkeit lutherischer Gnadenlehre genötigt, sich auf einen Mann 1200 Jahre vor Luther zu berufen. Unter dem Druck der lutherischen neuen Gnadenlehre wandten sich die katholischen Geister so weit in ihre eigene Geschichte zurück, bis sie in der Lehre von Augustin einen Aspekt der vermeintlich neuen Gnadenlehre entdeckten, der es ihnen ermöglichte, gegen Luther katholischen Kurs zu halten.

Besonders im 20. Jahrhundert wurde unter der Führung des kapitalistischen Entwicklungspostulats jeder Mensch in jeder Branche auf das Neue verpflichtet. Neophilie oder Neuheitensucht kennzeichnete das Wesen von Modernität. Aber wenn etwas wirklich neu ist, kann es noch keine Bestimmung haben, sonst wäre es ja nicht neu. Neuheit ist also ein leeres Passepartout, eine Begriffsschablone, die durch den Gebrauch des Neuen erst gefüllt werden muss.

Schon unsere Haushunde, geschweige denn wir, zeigen die grundsätzlichen Einstellungen gegenüber den Zumutungen des unbekannt Neuen. Zunächst wird versucht, es zu zerstören, und wenn das nicht gelingt, es zu leugnen. Der Ikonoklasmus und die Verleugnung dominierten z.B. die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Es bedurfte entfalteter Intelligenz, um einen produktive Umgang mit dem Neuen jenseits von Zerstörung und Leugnung zu etablieren. Von der Unbekanntheit des Neuen, über das man ja nichts sagen kann, weil es unbestimmt neu ist, lässt man sich auf das hinleiten, was man sehr gut kennt, nämlich das Alte, das Traditionelle, mit dem man so vertraut ist, dass man es schon gar nicht mehr wahrnimmt oder in Rechnung stellt.

Unter dem Druck des Neuen verändert sich wunderbarerweise der Blick auf das Alte. Die Funktion der Verpflichtung auf das Neue, der Avantgardismus, erfüllt sich darin, neue Traditionen aufzubauen, das heißt dem Bekannten und Tradierten Bedeutung abzugewinnen, die durch die Vertrautheit gar nicht mehr wahrgenommen worden war.

Unter dem Druck des Neuen, das nichts als neu ist, verwandeln sich die Traditionen in leistungsfähige Aussagen zu der Gegenwart, in der das Neue hervorgebracht worden war. Die Funktion der Avantgarden ist also, das bis zum Überdruss abgestandene Traditionelle durch eine völlig neuen Blick auf sie mit Bedeutung aufzuladen, wodurch die Traditionen zur Wirkmacht in der Gegenwart werden. Damit wird Vergangenheit zur Repräsentation und Einflussgröße dessen, was nicht vergeht. Denn verginge es, so hätten wir ja keine Vergangenheit. Durch den Druck des Neuen wird das Vergangene unter den jeweils neuen Konstellationen wirkmächtig, anstatt in den Orkus des ein für allemal Vergangenen, Erledigten, Überwundenen zu verschwinden.

Genau dieses Verfahren zur Aktualisierung des Gewesenen, aber nie Vergangenen als Kraft der Gegenwart kennzeichnet den Konservativismus. Daraus erklärt sich, dass die Neuerungspflicht gerade in konservativen Kreisen von Wirtschaft und Gesellschaft so selbstverständlich akzeptiert wird. Der Konservativismus ist also ein Verfahren, die Blindheit und Unbestimmtheit des Abweichungspathos, der Neuigkeitssucht im Aufbau jeweils neuer Traditionen fruchtbar werden zu lassen. Andere Haltungen, nämlich das Neue in die Zukunft wirken zu lassen und zu deren Bestimmung zu nutzen, sind bekanntlich gescheitert, weil es für die Zukunft eben keine Bestimmungsgrößen gibt, die unter dem Druck des Neuen grundlegend verändert würden. Gäbe es das, würden gerade die programmatischen Neuerer den Blick auf die Zukunft unbestimmt werden lassen und alle bisherigen Zukunftsannahmen sabotieren. Das aber kann ja nicht im Sinne der Neuerer liegen, also bleibt es dabei, dass der Konservativismus der einzig methodisch ausgewiesene Weg ist, vom unbestimmt Neuen positiv Gebrauch zu machen – Ikonoklasmus/Zerstörung oder Leugnung sind eben nicht produktiv. Herrn Schumpeters kindisch dialektische Volte aus dem Dilemma in die „schöpferische Zerstörung“ wäre, wenn man sie ernst nähme, nichts anderes als der schöpferische Wandel der Traditionen, Korrektur der geläufigen Verfahren, Verlassen der gewohnten Wege.

Die herkömmlich übliche beliebige Neuschöpfung der Vergangenheit durch Fälschung der Historie, wie etwa im Stalinismus üblich gewesen, war eben keineswegs schöpferisch, sondern bloß zerstörerisch. Ähnlich kindisch rechtfertigen sich heute Repräsentanten des spekulativen Kapitals; die Zerstörung historisch gewachsener Stadtkerne kann man nicht als schöpferisch propagandistisch rechtfertigen, weil mit der Zerstörung der Bauten und Plätze vor allem das gesellschaftliche Gefüge und der kulturelle Zusammenhalt der Bürger zerschlagen werden. Und wie Böckenförde gezeigt hat, leben der säkulare Staat und seine Gesellschaft von Voraussetzungen in der Kultur der Bewohner, und diese Kultur kann man nicht beliebig programmieren. Alle diese Formen sind zwar irgendwann historisch von Menschen hervorgebracht worden und könnten auch ganz anders ausgesehen haben; sie sind kontingent, d.h. bloß geschichtlich gewachsen, und man kann sie doch nicht ändern. Deshalb bleibt es beim Konservativismus als effektivster Möglichkeit, von der Neophilie, von der Neuerungssucht, von den Zufallsmutationen guten Gebrauch zu machen, indem man erkennt: Das wahrhaft Neue, das tatsächlich Avantgardistische erfüllt die Aufgabe, das kontingent Geschichtliche stets als aktuelle Produktivkraft zu gewinnen.

Den schlagenden Beweis für die Kraft des Avantgardismus als Fähigkeit, die geschichtlichen Kräfte zu aktualisieren, liefert die „moderne Kunst“ des 20. Jahrhunderts. Die skandalösen Neuheiten der Dresdner Brücke-Maler 1905 entgingen dem Volkszorn, dem radikalen Ikonoklasmus erst, als 1908 im Prado in Madrid unter dem Druck der neuen Malerei der Expressionisten das Werk El Grecos mit neuen Augen gesehen wurde. Seit dessen Todesjahr 1614 war das Interesse an ihm vollständig erloschen; ab 1908 wurde El Greco als geradezu unmittelbarer Vorläufer, ja Zeitgenosse der Expressionisten gefeiert. Auch die verständliche, aber falsche Auffassung, El Greco sei ein Visionär gewesen, der vorweggenommen habe, was Anfang des 20. Jahrhunderts die junge Malergeneration begeisterte, ist natürlich Unfug. Erst im Blick der Expressionisten nach rückwärts gewann El Grecos Malerei neue Interessantheit.

In dieser Perspektive stiftete etwa Picasso eine völlig neue Sicht auf afrikanische Ritualobjekte oder die Handschrift des spanischen Facundas-Meisters.
Vom Werk Giacomettis her wurde eine neue Kultur zwischen Kreta und Mykene erkennbar, nämlich die der Kykladen.
Der Wiener Radikalmodernist Adolf Loos schuf im Alleingang den architektonischen Topos der „nackten weißen Wand“, wie man ihn mit Loos bereits bei Brunelleschi und Palladio formuliert sah, ohne dass das jemandem vor Loos aufgefallen wäre.
Zahllos sind die neuen Vergegenwärtigungen historischer Bestände durch den Avantgardismus des 20. Jahrhunderts. Er schuf so viele aktuelle, neue Vergangenheiten, dass die Zahl der Museen und Ausstellungshäuser gegenüber 1900 verzehnfacht werden musste. Die Avantgardekunst hat seit 1900 die Geschichte der Kunst und die der kultischen Artefakte ganz erheblich erweitert und das vermeintlich Veraltete, Zurückgebliebene und Überwundene zu wahrhaft neuer, großer Bedeutung gebracht.