Zeitung Die Welt

Reichsparteitagspanik, Bild: Die Welt, 07.06.2019.
Reichsparteitagspanik, Bild: Die Welt, 07.06.2019.

Erschienen
07.06.2019

Erscheinungsort
Berlin, Deutschland

Seite 22 im Original

Reichsparteitagspanik

Udo, Rammstein und die AfD: Wie die neuen deutschen Volkssänger von ihren Fans systematisch missverstanden werden

Auch ich in Arkadien, im Seitenrang rechts in bester Position in der Bremer ÖVB-Arena? Es war nur die Generalprobe für Udo Lindenbergs Auftritt, aber durchaus mit genereller Geltung. Alles klappte, saß, passte und hatte dennoch Luft für ein paar Seitensprünge. Wie bei Meistern selbstverständlich, alles perfekt, grandios, bildkräftig und überwältigend.

So lobten alle Rezensenten auch das Parallelereignis des neuesten Rammstein-Auftritts in derselben Woche. Sie benutzten auffällig ähnliche Worte im selben Tenor und im gleichen Sinn. Immerhin fiel es mir wie dem Rammstein-Rezensenten der „Süddeutschen Zeitung“ schwer, das Arkadien des taumelnden Glücksgefühls und der Befriedung im Dasein mit dem begrifflich ausgewiesenen Namen der Szene zusammenzubringen: Scheißegalien – Deutschland.

1998 hatte Udo sich als „König von Scheißegalien“ dargestellt, um sich die Zumutungen der „Menschenarmee trüber Rüben von Hamburg bis Laos“ vom Halse zu halten. Legt nicht der jetzige Udo besonderen Wert auf die hellen Köpfe der Kinder und Jugendlichen, die den trüben Regierungsrüben in Freitagsdemos entgegentreten? Huldigt er nicht sogar der katholischen Laienbewegung, die den Zölibat in Frage stellt und die Heirat von Gleichgeschlechtlichen für völlig normal hält? Wieso dann immer noch „Scheißegalien“ zwanzig Jahre nach der Premiere des Songs?

Betont distanzierte sich der „SZ“-Rezensent von seinem eigenen ahnungsvollen Vermuten, es könne sich bei der Rammstein-Produktion um die Gestaltung eines Reichsparteitags der AfD handeln, weil Tausende Fans „Deutschland“ brüllen, sobald die Rammsteiner behaupten, Deutschland das Herz zu verweigern. Aber lassen wir Rammstein mit ihrem autonom menschenfreien Musizieren der Instrumente; das ist Musik für die deutsche Automobilwirtschaft, die neben dem fahrerfreien Fahren und dem direktorenfreien Dirigieren und dem nicht kriminellen Charakter des Betrügens sich schon der vermondeten Weltwüste der verdorrten Begriffe unterworfen hat.

Lindenberg ist immer noch ein ganz anderes Kaliber, das sich durch kein KI-Programm ersetzen lässt. Wenn er „Udopium für das Volk“ verabreicht, dann ist es nicht Betäubungsmittel, sondern kabarettistische Vernunft. Wenn er mit dem Auftritt von Kindern vor Imperatoren die Allerweltfrage der normalen Menschen vortragen lässt, warum es denn Kriege gebe, bestärkt das das Köpfchentätscheln der Machtpranken nicht als väterliche Güte, sondern als pure Kaschierung einer Vernichtungsdrohung. Wenn er mit der Inszenierung eines Frauen-Wrestlings auf die mächtige Programmeinheit „Kapitalismus und Pornografie“ verweist, erwartet man nicht die mit dem Kampf einhergehende Entblößung delikater Frauenpartien; er fordert die politische Imagination der Zeitgenossen heraus, statt der gedungenen Mädchen die Herren Politiker selbst sich im Ring beharken zu lassen und so das ahnungslose Unterhaltungsgewerbe politkritisch wirksam zu machen.
Immerhin hat sich Putin bereits mit muskulös nacktem Oberkörper als potenzieller kaukasischer Ringkämpfer angeboten. Und Trump kann man sich ohne Weiteres als Herausforderer eines Ajatollah vorstellen, um so eine kostengünstige Alternative für einen Krieg wahrzunehmen.

Selbst die naivsten Politopfer kämen in der udoschen Weltschaushow nicht auf den Gedanken, der Künstler würde tatsächlich im zukunftsträchtigsten Produkt des deutschen Erfindergeistes unter der Leitung von Wernher von Braun einen Cape-Canaveral-Start absolvieren, um mit kosmischer Erfahrung auf den Heimatstern zurückzukehren. Alle kennen noch „Peterchens Mondfahrt“ oder den „Fliegenden Robert“ und empfinden Udochens Erzählung als märchenhaft.

Und wie einst Grimms Märchen gleichermaßen die kulturelle Identität wie die Philologie prägten, Kontraerzählungen im Zeitalter der metternichschen Restauration waren und die Biedermeierei zu einer raffinierten Tarnstrategie erhoben, so bietet uns seit Jahrzehnten Udos Grimm in herrlichen Liedern und Erzählungen die Chance, im Sog des Zeitgeistes und in der schwappenden Brühe der Medienöffentlichkeit den Kopf oben zu behalten. Alle Erkenntnis entsteht aus der Unvereinbarkeit von Wissen und Wahrnehmung, genannt kognitive Dissonanz.

Höhepunkt dieser Art von Erkenntnisstiftung ist die märchenhafte Zauberkunst, die uns heute im hellsten Scheinwerferlicht bei klarer Fernsehoptik der Erkenntnis stiftenden Zumutung aussetzt, dass wir zwar alle wissen, dass es Zauberei nicht gibt, aber unsere Wahrnehmung sie auf allen Ebenen bestätigt. Erkenntnis ist eben fantastisch, und ein solcher Fantast der kognitiven Dissonanz ist Udo Lindenberg, der Erkenntnissänger.

Seit Franz Schubert und Wilhelm Müller ihren Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ dem gerade entstehenden nationalen Kulturstaat darbrachten, hat niemand Lied und Gemüt, Geist und Expression derart deutsch klingen lassen wie Udo Lindenberg in den zurückliegenden Jahrzehnten. Aber die Zeiten haben sich geändert. The times they are a changing.

Ist es dann Lindenberg und seinen Textern Kusik und Reszat anzurechnen, dass man in Leipzig von einer Horde junger Menschen skandieren hört: „Wir sind ein Blut,/ wir sind ein eingeschworenes Team, darauf kommt’s an,/ wir gehen Wege, die kein andrer gehen kann...// So wie der Sturm, so wie die Flut,/ nichts hält uns auf,/ wir sind ein Blut,...// unsere Familie, kannste sicher sein, das bleibt,/ denn wir sind stärker als der Tod und als die Zeit,/ ewiges Band, das nie zerreißt,/ und alles, was ich will,/ ist, dass du das weißt.“

Das ist, vom Parteikollektiv verstanden, etwas völlig anderes als auf der Familienebene, die Udo ausdrücklich mit Nennung seiner Familie im Konzert gemeint hat. Wenn jetzt die LED-Bildschirmmagie einen stärkeren Eindruck von Raketenschubkraft vermittelt, als es je aus Cape Canaveral dokumentiert wurde, und wenn auf der Bühne Feuersäulen die Erinnerung an den speerschen Lichtdom in riefenstahlscher Ästhetik erinnerbar werden lassen, dann entpuppt sich das Ganze als Budenzauber, wie es die Reichsparteitage ja gewesen sind.

Aber, aber, aber ... das zeitgeistgetriebene Publikum enteignet Lindenberg seiner kabarettistischen Vernunft und Kritik und will für bare Münze nehmen, was es sieht und, ganz entscheidend, eben auch hört, nämlich als Appell zur bewusstlosen Unterwerfung unter den akustischen Dezibel-Terror. Und der übertrifft sogar noch die Realität voll aufgedrehter Düsenaggregate.

Dies „ohrenbetäubende Krawumm“ („Weserkurier“) sollten die Rocker strikt vermeiden, denn er lässt alle glauben, dem Kollektivwahn verpflichtet zu sein. Udos Generalmaxime „Keine Panik“ ist heute höchstrangige Politmaxime aller, die den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel bestreiten. Diese Enteignung der kabarettistischen Vernunft Udos durch die heutige Mainstream-Idiotie der Ahnungslosen kommt der Enteignung Heinrich Heines gleich. Dessen „Loreley“ wurde von den Nazis zum Volkslied bestimmt, und Volkslieder haben bekanntlich keine Autoren, schon gar keine jüdischen.

Die angeblich nur historisch interessante Frage, warum Emil Nolde, ein veritabler Antisemit, selber als entarteter Künstler Berufsverbot erhielt, lässt mit Lindenberg und Co. etwas Allgemeingültiges wiedererkennen: Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder, oder der Täter erkennt seine eigene Tat erst, wenn er selber ihr Opfer wird. Aber dann ist es zu spät, und es ereignet sich, was niemand gewollt hat.