Buch Michael Mattern. Konstruktivismus? Matternismus!

Michael Mattern. Konstruktivismus? Matternismus!, Bild: Husum: Verlag der Kunst, 2019..
Michael Mattern. Konstruktivismus? Matternismus!, Bild: Husum: Verlag der Kunst, 2019..

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Nordfriesland Museum. Nissenhaus Husum (10.02.-12.05.2019)

Mit Texten von Anja Es, Bazon Brock, Uwe Haupenthal, Dirk-Uwe Becker.

Erschienen
2019

Verlag
Verlag der Kunst Dresden Ingwert Paulsen jr.

Erscheinungsort
Husum

ISBN


978-3-86530-251-9

Umfang


108 Seiten: zahlr. farb. Abb.

Einband
Softcover

Seite 12 im Original

Michael Matterns Durchbruch

Zu den neuen Kriterien der Arbeit jenseits des Marktes gehört die von Mattern seit zwanzig Jahren professionell entwickelte Methode der Mythologisierung unserer unmittelbaren Lebenswelt. In ihr spielt die Technologie eine entscheidende Rolle. Beim Gebrauch von Elektrizität und Motorkraft gehen wir wie selbstverständlich mit Phänomenen um, von deren Funktionslogik wir gar keine Ahnung haben. Wir benutzen Mobiltelefone, ohne jemals zu wissen, wie ein Algorithmus gebaut wird, wir fahren Auto, ohne die Technologie des Verbrennungsmotors verstanden zu haben, und schalten mit völliger Selbstverständlichkeit im Haushalt Elektrogeräte ein, denen wir ohne jedes Verstehen vertrauen. Das beruht auf dem durch die Evolution entstandenen Verhältnis von lebenden Systemen zu ihrer Umwelt.

Für dieses Verhältnis benutzen wir generell den Begriff Kommunikation. Und Kommunikation ist ohne jedes Verstehen jederzeit möglich. Denn wenn Lebewesen sich erst auf ihre Umwelt einlassen dürften, nachdem sie alle wirksamen Gesetze und evolutionären Verfahren verstanden hätten, könnten sie sich im Leben niemals behaupten.

Da aber Kommunikation ohne Verstehen zu Abhängigkeit, ja Unterwerfung führen kann (siehe soziale und psychologische Konsequenzen der Netzwerkerei), greifen wir auf eine praktikablere Form der Beherrschung durch Verstehen zurück. Kommunikation ohne Verstehen wird zuverlässiger, weil anscheinend zugänglicher und beherrschbarer, durch Mythologisierung hergestellt. So wie wir mächtige und damit furchterregende Sachverhalte des Lebens in Märchenerzählungen verlagern (heute in Form von Berichten über gewichtige, unser Leben bestimmende Beherrscher der Märkte in Illustrierten und anderen People-Formaten), so stiftet Mattern mit seinen Arbeiten durch Bildwürdigkeit, Malereiwürdigkeit, Kunstwürdigkeit der Schalttafeln, der Schaltkreise, der Relais, der Trafos etc. eine mythologische Überhöhung in Bildbegriffen. Diese Bildbegriffe stammen aus der Geschichte der Malerei, die Mattern ihrerseits in einer umfassenden Werkeinheit präsentiert hat. Dazu fasste er sämtliche in einem Raum der Hamburger Kunsthalle gehängten Meisterwerke der Moderne zu einer übergeordneten Einheit auf einem Level malerisch zusammen. Das ist eine alte und bekannte Aufgabenstellung von Malerei, nämlich ausgestellte Gemälde in Petersburger Hängung mit Kopisten an der Arbeit als ein eigenes Gemälde darzustellen. Mattern hat sich vorgenommen, in möglichst großem Umfang die Technologie im Alltagsleben durch Bildgebung zu mythologisieren.

Er macht dabei aufmerksam auf die geschichtliche Tatsache, dass alle Technologie angewandte Theologie gewesen ist und immer noch ist. Wenn Gott zum Beispiel als der Allsehende verstanden wird, realisiert sich dieses Theologem heute in KI-gelenkten Überwachungssystemen. Das mag im Westen nur geringe Bedenken hervorrufen; in China aber wird jetzt das System der sozialen Überwachung an Bewertungskriterien geknüpft, um damit die Bürger zu normiertem und allein gewünschtem Verhalten zu nötigen, wenn sie nicht gravierende Nachteile hinnehmen wollen. Das macht die theologischen Implikationen der Technologie deutlich. Wenn wir heute die Repeat-Taste auf einem DVD-Player drücken, kann sich das Theologem der Auferstehung von den Toten realisieren. Die vor langer Zeit verstorbene Marlene Dietrich steht uns vor Augen, als würden wir sie durchs Wohnzimmerfenster In gegenüberliegenden Räumen sich bewegen sehen.

Die Theologie des Abendmahls, von Atheisten geradezu als Inbegriff des verschmockten theologischen Begriffsgeschiebes geschmäht, entpuppt sich als Wahrheit, die wir täglich bestätigen. Wir müssen nicht nur beim Abendmahl in der heilig dunstigen Aura der Kirche akzeptieren: „Dies ist mein Leib, nehmet hin und esset“, sondern beim Abendessen wie bei jeder Mahlzeit zu dem in den Mund gesteckten Nahrungsmittel sagen: „Werde mein Leib“, und zum Getränk: „Werde mein Blut“.

Nach diesen Erfahrungen im Bereich der Theologie organisiert Mattern seine Bildfindungen, indem er den banalen Mechaniken, Hydrauliken, Elektroniken eine malerische Aura zukommen lässt, in der das gesehene Bild zur Schau wird, die alle Anschauung, auch Weltanschauung, fundiert. Wer das als banal empfindet, fällt bei dem folgenden Witz durch: Eine junge Mutter führt ihren Jüngsten im offenen Kinderwagen spazieren. Passanten beugen sich lächelndfromm zu dem Kleinen hinunter mit dem köstlichen Ausruf: „Was bist du doch für ein Schöner!“ Darauf die Mutter: „Das ist ja noch gar nichts, da sollten Sie erst einmal Fotos von ihm sehen!"

Der von Mattern gemalte Schaltkreis überhöht das nackte Stückchen Technik wie das Porträt das Kindchen. Zu den ins Bild gebannten Platinen entwickeln wir Zutrauen, wenn wir sie in den bekannten Kunstformen, etwa der Malerei, repräsentiert sehen. Das Bannen des Unbekannten und damit Angstmachenden in Bild und Wort beruht auf einem einsehbaren Effekt. Wenn ich etwas ins Bild banne, also auf Dauer stelle, habe ich ihm die alles verschlingende Prozessdynamik genommen; Bannung als Auf-Dauer-Stellen ermöglicht dann Zutrauen und Erkenntnis, Würdigung und Verehrung des Unbekannten. Alle sozialen Kulte, nicht nur die kirchlich organisierten, bezeugen in ihren Ritualen und Liturgien diesen Effekt. Wer einmal den Arbeitsplatz einer leitenden Persönlichkeit in welchem Bereich auch immer sehen durfte, wird bestätigen, dass diese Mächtigen ganze Fotogalerien um sich herum aufbauen. Die einzelnen Aufnahmen stellen Erlebnisse des Erfolgs im Berufs- und Privatleben auf Dauer. Sie retten den kostbaren Augenblick in ein Erlebniskontinuum, das jederzeit aktiviert werden kann.

Matterns Verfahren kommt zugute, dass spätestens seit Beginn der Klassischen Moderne das auf Dauer Gestellte, früher heilig genannt, nicht mehr aus fiktiven Jenseitswelten des Glaubens abgeleitet werden darf. Inzwischen ist es nur noch im Banalen, Säkularen, Alltäglichen zu finden. Das Sakrale kann nur noch im Säkularen repräsentiert gesehen werden. Das führt zu verstärkter Aufmerksamkeit für das allgemein Übersehene, weil Selbstverständliche. Und selbstverständlich ist eben, was nicht thematisiert werden muss. So empfinden wir etwa unseren Körper erst, wenn Schmerzen anzeigen, dass er nicht mehr wie selbstverständlich funktioniert. Schmerz zwingt uns zur Thematisierung des Körpers.

Das Verlangen nach Selbstverständlichkeit in der Dauer veranlasst die zeitgenössischen Künstler in hohem Maße zur Würdigung des bisher nicht Bildwürdigen wie etwa des Stacheldrahts, der Müllhalden, der Tierversuche und der Ställe der Massentierhaltung. Weit vorangeschritten ist schon die andauernde Diskussion von Trinkwasser, reiner Atemluft und Weltkonstanz, deren höchster Begriff für Dauer Heimat heißt. Immer schon wurde gewusst, dass das vermeintlich Einfache, also Selbstverständliche, schwer zu thematisieren, also schwer darzustellen ist. Es hört sich einfach an, dass jemand Relais malt oder Teile von Hydrauliken und Mechaniken. Aber es ist nicht nur schwer wegen erst zu findenden Interesses an dem unsinnlichen Objekt. Es ist sehr schwer, diese Objekte in ein Bildkonzept einzuführen, das auch genügend Raum für malerische Wirkung bietet. Die einzelnen Vorlagen muss Mattern ja anders für das Bild organisieren als Collagisten und Ruinenmaler, obwohl er durchaus in die Tradition gehört, die im 18. Jahrhundert dazu führte, in jedem Englischen Garten eine Ruine ganz neu zu bauen und etwa das Schloss bildlich im Zustand seines unaufhaltsamen späteren Verfalls zur Ruine darzustellen (siehe dazu die Stichworte „Ruine“ und „Ruinentheorie“ auf www.bazonbrock.de).

Als am bedeutsamsten empfinde ich aber einen Aspekt der Arbeit von Mattem, der ein zentrales Theologem in der Technologiedebatte wieder zur Geltung bringt, nämlich die Frage, ob ein Roboter menschenähnlich oder menschengleich ist. Und die Antwort hätte große rechtliche Konsequenzen, aber noch größere für unser Zusammenleben mit Robotern. Die christlichen Theologen liefern auch hier eine Vorlage für die Bemeisterung des Problems. Ihnen ging es um ein Jota (die Differenz von homousia und homoiusia), also um die Frage, ob Jesus als der Mensch gewordene Gott gottgleich oder gottähnlich sei. Im ersteren Falle wäre die Antwort auf die Frage nach Gott ganz gegenständlich und vertraut zu beantworten mit der klaren Erkenntnis, dass der menschgewordene Gott eben alles ist, was Gott ist, und wir deshalb die Menschenkunde als Anthropologie, Soziologie und Kulturwissenschaften als jeweilige spezifische Ausformung der theologisch begründeten Unterscheidung in der Einheit der Trinität sehen können. Im anderen Fall bliebe die wesentliche Unterscheidung zwischen Mensch und menschenähnlichem Roboter grundlegend offen als Wirkungsfeld des Geistes, theologisch des Heiligen Geistes, in der Beziehung zwischen Mensch und Maschine respektive Christus und Gott.

Die Malerei von Mattern bereitet uns darauf vor, diese Fragen an die technologischen Bausteine wie an deren Funktionseinheiten zu richten und unseren Geist darauf zu konzentrieren, die Differenz zwischen Mensch und menschenähnlichen Robotern stets aufrechtzuerhalten. Mattern gehört zu den wenigen Künstlern, die sich auf diese sozialpsychologisch, ehemals theologisch bedeutsame Frage konzentrieren. Solche Konzentration auf ein Thema nimmt dem Werk die Breite zugunsten der Tiefe. Mattern malt nicht einfach, was ihm gerade Interesse abnötigt, sondern nötigt sich zum bleibenden Interesse, an einer Frage gezielt weiterzuarbeiten, die als die bedeutendste Frage der Gegenwart angesehen werden kann. Ob auch für Mattern gelten wird, was in der Großvätergeneration für das Werk von Fernand Läger galt? L6ger sehen wir heute nur noch als bedeutenden Maler und weniger oder gar nicht als künstlerischen Arbeiter in der Welt der 4. Stufe der Technoevolution (1. Dampfkraft; 2. Agrarchemie; 3. Elektrizität; 4. Fernwirkung als Telematik; danach 5. Atomkraft; und 6. Biotechnologie/DNA-Manipulation und Technobiologie/Roboter).

Es wäre höchst dankenswert, wenn die neue Präsentation in Husum das Interesse für das zentrale Arbeitsthema von Mattern stärken könnte, denn es gibt sehr wenige Zeitgenossen, die als Künstler auf die Herausforderungen der Technologieentwicklung mit den Mitteln der Malerei reagieren. Das gilt nicht nur für die Gegenwart, sondern erstaunlicherweise für die gesamte Kunst der Moderne.

Die Vermittlung zwischen Léger und der gegenwärtigen Bearbeitung des Themas bildet das Werk von Klapheck, der aber trotz größter Meisterschaft keine herausragende Stellung im Bewusstsein der Rezipienten hat; vom Kunstmarkt wollen wir nicht mehr reden. Wir dürfen gespannt sein auf die Arbeit des Husumer Kurators, ob er nämlich bereits jetzt dem Konzept von Mattern gegenüber der bloßen Malerei die Bedeutung zugesteht, die es meiner Meinung nach mit Blick auf die Zukunft der Lebensgemeinschaft von Menschen und Robotern gewinnen sollte.

siehe auch: