Magazin Stilwerk Magazin

Stilwerk Magazin, Bild: Winter 2018. © stilwerk.
Stilwerk Magazin, Bild: Winter 2018. © stilwerk.

Erschienen
2018

Herausgeber
Alexander Garbe

Erscheinungsort
Hamburg, Deutschland

Ausgabe
Winter 2018

Kolumne Bazon Brock

Kann das denn anders sein? Wir haben das alles zwar gemacht, können es aber nicht ändern.

Eine im Politischen wie Privaten extrem beliebte Verwendung des Gedankens an das ganz Andere beruft sich darauf, dass ja alle Gesetze, Sitten und Gebräuche, Verfahren, Meinungen und Zielsetzungen als menschen-gemachte auch ganz anders sein könnten als sie sind. Man müsse nur das Andere wollen, um anders zu denken und die „eingefahrenen Sehweisen, Auffassungen und Bewertungen zu verändern. Seit mehr als hundert Jahren wird z.B. die Veränderung der Sehweisen als entscheidende Leistung neuer Kunst feuilletonistisch gefeiert. Woran misst man denn die Veränderung der Sehweisen, wenn sich der Bezugspunkt für die Veränderung ständig selber verändert hat? Abgesehen davon, dass dem propagierten Neuen gegenüber wieder der Verweis auf etwas ganz anderes, auf ein neues Anderes droht, gilt es zu bedenken, dass das von Menschen Gemachte nicht schon deshalb in einen anderen Zustand überführt werden kann, weil es ja von Menschen gemacht wird; denn die Menschen leben von Voraussetzungen, die außerhalb ihrer eigenen Macht stehen. Die Wissenschaft kennzeichnet mit dem Begriff Kontingenz die Tatsache, dass z.B. Sitten und Gebräuche irgendwie und irgendwann entstanden, aber nicht willkürlich zu ändern sind: willkürlich nicht, aber nach Plan schon zu ändern? Die Technikevolution ist von Menschen gemacht, kann aber nichtsdestotrotz nicht wieder von Menschen ungeschehen gemacht werden und jede ihrer Veränderungen ist nur eine Überführung in einen Zustand, dem wieder ein anderer befürchteter oder gewünschter gegenübersteht. Auf allen Ebenen der Kommunikation hat sich als scheinbar überzeugend der Gedanke etabliert, alles könnte auch ganz anders gemeint sein, als es gesagt wird. Wenn man etwas anderes meint, als man sagt, sei es aus Formulierungsschwäche oder Bekenntnisirrtum, weiß man doch, was man meint, und dann könnte man es so sagen, dass das Gegenüber einen entsprechenden Bescheid erhält: „Ich meine das so und so und nicht anders." Dennoch gilt es als häufigste Erklärung für Missverständnisse, dass man das andere und wahrhaft Gemeinte nicht getroffen hat, sondern sich auf das Gesagte verließ. Der pseudophilosophische Tiefsinn verkündet triumphal, dass eben alles vieldeutig und mehrwertig sei. Oberschlau, denn dann könnte ja jeder mit dem Gesagten anfangen, was er will, weil eine bestimmte Aussage gar nicht möglich ist! In der Tat: Die wahrhaft gelungenen Mitteilungen sind jene, die es dem Adressaten ermöglichen, Missverständnisse produktiv werden zu lassen. Das heißt, selbst alle Erwartungen zu übersteigen und damit wirklich informativ zu werden. Das Andere ist also dasselbe und bekanntlich ist Dasselbe nicht das Gleiche. Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht das Gleiche, sondern das Andere als dasselbe. Wohl bekomms, wenn Sie nun „heute Abend mal etwas ganz anderes essen" gehen!