Buch Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

Jahrbuch 2006

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Jahrbuch 2006, Bild: Göttingen: Wallstein, 2007..
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Jahrbuch 2006, Bild: Göttingen: Wallstein, 2007..

Erschienen
2007

Verlag
Wallstein

Erscheinungsort
Göttingen, Deutschland

ISBN


978-3-8353-0114-6

Umfang


323 S.

Seite 146 im Original

Absolute Gewißheit: Altern ist die Zukunft der Jungen

Gegen die opportunistische Ausrufung eines Kampfes der Generationen, für Altern als Zeit- und Werkschöpfung

Benutzen wir zum Einstieg den Dienstbotenaufgang, unter dessen Verschlägen sich das Personal die Treppenwitze erzählt. 1997 stellte ich der Feuilletonredaktion der FAZ das Konzept unserer Künstlerausstellung »Die Macht des Alters« vor. Der Chef Frank Schirrmacher meinte höchst jovial, das Thema Alter sei nichts für sein Feuilleton, ich solle es doch mal bei den Kollegen der Seite »Deutschland und die Welt« versuchen. Auch meine von Enthusiasmus getragenen Verweise auf unser erstrangig besetztes Symposion »Altern – ein Sturm aus der Zukunft« verfingen nicht. Im Gegenteil, als Schirrmacher Jahre später das Thema Altern der Gesellschaft als Herausforderung auch fürs Feuilleton erkannt hatte, hielt man es nicht einmal für nötig, unsere Veranstaltungen »Die Macht des Alters« (in Berlin, Bonn, Stuttgart) und das action teaching »Altern – ein Sturm aus der Zukunft« (Bonn) auch nur in die Literaturliste aufzunehmen. Das läßt sich nicht mit den naheliegenden Hinweisen auf Herrschaftsallüren eines Medienmächtigen erklären – natürlich auch nicht mit der Qualität unserer Künstlerbeiträge oder dem Niveau unserer Arbeitsresultate. Zum einen sind unsere Theoreme vom »Aufstand der Alten« bis zu »Altern als Zeitschöpfung« noch gegenwärtig interesseleitend – zum anderen sind die Tendenzen zur Wiederkehr totalitärer Attitüden im demokratisch legitimierten Korrektheitspathos längst nicht mehr auf einzelne Medienprächtige beschränkt. Was einstmals Zensur hieß, ist heute wohlmeinende Rücksicht auf verletzbare Gefühle der Multikulti-Egos. Auch können sich Entscheider im Namen der Verantwortung für Leser, Zuhörer und Zuschauer, Konsumenten und Inserenten problemlos gegen Vorwürfe verwahren, nach bloß persönlichem Belieben gehandelt zu haben.

Nein, ganz offensichtlich paßten unsere Schlußfolgerungen nicht in die Konsensverpflichtung der Wohlmeinenden, wenn wir damals vorrechneten, daß die Behauptung eines drohenden Generationenkrieges (nach dem eingeschlafenen Klassenkampf, dem verpönten Rassenkampf, dem lächerlichen Geschlechterkampf) eine Medienchimäre sei. Die Behauptung der rücksichtslosen Versklavung der Jungen durch die Verpflichtung auf Rentenleistungen für die Alten läßt sich ja sofort widerlegen; nicht nur werden Billionen an Vermögenswerten von alten Erblassern auf junge Erben übertragen, vielmehr profitieren die Jungen von den ihnen seit Beginn ihrer individuellen Entfaltung gebotenen Lebenschancen in Rechtsstaat, Sozialstaat, Kulturstaat und Demokratie, die gerade in Deutschland weiß Gott nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Leistungen der jetzt des Generationenegoismus bezichtigten Alten zu gelten haben. Was man uns seit der »Macht des Alters« übelnimmt, ist vor allem aus der Blamage abzuleiten, die wir der wohligen Selbstgewißheit Erbberechtigter bereiteten. Diese Propagandisten ihrer Weltoffenheit, ihrer Vorurteilsfreiheit und Weltretterrolle empfanden und empfinden es als empörend, darauf hingewiesen zu werden, wie aberwitzig ihre radikale Ablehnung des Abstammungsprinzips etwa in Fragen der Staatsbürgerschaft bei gleichzeitiger Behauptung von Erbrecht auf der Basis der Abstammung ist. Wir hatten uns den Spaß gemacht, ein paar besonders linke und grüne Radikaldemokraten als selbstbewußte Erben bourgeoiser Raffgier (Typ Prachtvilla in Bogenhausen) in die Feuchtschwüle genannt Humor zu tunken. Das nahmen die ach so Aufgeklärten nachhaltig krumm.

Andere Repräsentanten von Sendebewußtsein fühlten sich ertappt, als wir die Selbstgefälligkeit auf die Bühne zerrten, zwar einerseits lauthals Weltoffenheit zu fordern, sich andererseits aber in Sendeanstalten, Parlamenten und Regierungssitzen hinter elektronischen Mauern und Polizeischutz zu verschanzen.

Auch die Bekenner ökologischer Ehrlichkeit, etwa als Zeitungsredakteure im Kampf für die radikale Reduktion des innerstädtischen Individualverkehrs sahen es gar nicht gerne, daß sich der Aufstand der Alten gegen sie richtete, als bekannt wurde, daß die Redakteure ihre für sie reservierten Parkplätze mitten in der Innenstadt damit rechtfertigten, sie müßten ja schnellstmöglich die Redaktion erreichen können, um desto effektiver für die autofreie Stadt zu werben.

Naturgemäß fühlten sich auch große Teile der organisierten Alten als Hüter angestammter Rollenschemata durch unsere Aktionen herausgefordert. Als sich die Repräsentanten der Altenorganisation der CDU in Bonn trafen, schlugen sie die Einladung zu »Altern – ein Sturm aus der Zukunft« vehement aus, nachdem wir ihnen unmißverständlich klar gemacht hatten, daß das von ihnen so hoch geschätzte Prinzip der genetischen Vererbung dem der extragenetischen hoffnungslos unterlegen sei. Am Beispiel des Kulturheros Goethe, der weiß Gott keine Gelegenheit zum Begattungskontakt ausließ, führten wir ihnen vor Augen, daß sein Generativitätsquotient (GQ) als Kindeszeuger geradezu lächerlich klein war im Vergleich mit seiner schier unvorstellbar großen Wirkung als extragenetischer Vererber durch Publizieren, Administrieren und Konversieren. Wir wurden als Rattenfänger geschmäht, die den guten Papas und Mamas ihre erbberechtigten Zeugungsprodukte wie Kindermörder alter Zeiten zu entreißen versuchten.

Derartige Provokationen der Brutinstinkte lassen sich ja ganz gut verstehen; aber daß selbst gestandene Unternehmer, die über Jahrzehnte mit Tausenden von Mitarbeitern bewundernswerte Weltwirksamkeit erzielt hatten, am Ende doch bereit waren, diese grandiose Generativität leiblichen Nachkommen auszuliefern, bleibt schier unbegreifbar, wenn die Betreffenden längst vor Augen geführt bekommen hatten, wohin derartige Überschätzung des eigenen genetischen Potentials führt (damals waren die Beispiele aus großen Unternehmerfamilien wie Krupp und Sachs noch so gegenwärtig wie heute das Beispiel Paris Hilton).

Ebenso naturgemäß wehrte sich ein Gutteil der Senioren-CDUler, vor allem der Seniorinnen, gegen die Verpflichtungen, die sich aus ihrer vor allem ökonomisch begründeten Macht ergeben. Sie wollten nicht ohne weiteres akzeptieren, für die Weltentwicklung verantwortlich zu sein, obwohl sie seit Ende der 1920er Jahre nachweislich über den größten Teil der Vermögen (also der Handlungspotentiale) verfügten. 1997 ließ die Regierung der USA im einzelnen nachweisen, welchen Einfluß die Alten als retired people auf das gesellschaftliche, politische und ökonomische Leben haben. Resultat: Ohne die Zustimmung der Altenvertretungen kann in den USA buchstäblich gar nichts geschehen, schon gar keine Wahl gewonnen, Gesetze durchgebracht oder Schulpolitiken beschlossen werden. Selbst die üblicherweise genannten Machtgruppierungen wie die NRA (die Lobby für den Waffenbesitz jedermanns) sind primär von den Entscheidungen der Alten abhängig.

Die Studie ergab aber auch, daß sich die mächtigen Alten in ihren unbestreitbaren Einflußmöglichkeiten von Jüngeren der Generation ihrer Kinder beraten ließen, ja den größten Teil ihrer Kompetenzen an die Jüngeren abgetreten hatten. Diese Manager rechtfertigten ihre so wenig zukunftsverträglichen Entscheidungen mit dem Hinweis, nur den Willen der eigentlich Mächtigen, der Alten, exekutieren zu dürfen.

Um aus solchen hier angedeuteten Bäumchen-wechsel-dich-Spielen herauszukommen, unterbreiteten wir unsere Konzeption für eine andere Sicht auf die Probleme des Alterns, wie sie Künstler entwickelt haben. Ich gebe die Darstellung von 1997 wieder.

Am 7. März 1954 hielt Gottfried Benn in Stuttgart den Vortrag »Altern als Problem für Künstler«, den der Süddeutsche Rundfunk aufzeichnete und mehrfach ausstrahlte. Benn gibt deutlich zu verstehen, daß hinter seinen Überlegungen »etwas Persönliches« steckt: Er selber war damals 68 Jahre alt und wollte sich von früheren Positionen entlasten, die man ihm nach dem Zweiten Weltkrieg kritisch entgegengehalten hatte.

Zunächst hört sich der alte Benn um, wie seine Kollegen mit dem Altern fertig geworden sind – auf den ersten Blick offensichtlich besser als ihre jeweiligen Zeitgenossen, die keine Künstler waren. Denn überraschenderweise ist fast die Hälfte von ihnen alt, ja uralt geworden – und das selbst in Zeiten, als der Durchschnitt der Bevölkerung kaum das 40. Lebensjahr vollendete.

Benns Schlußfolgerung: Die den Bürger so faszinierende romantische Vorstellung vom »Verzehrungscharakter der Kunst« muß falsch sein; vielmehr wirkt künstlerisches Schaffen Krankheit und Verfall entgegen: Kunst ist ein »Befreiungsphänomen«.

Diese Feststellung kontrastiert mit Benns Schilderung des Lebens alter Künstler: arm, ranzig, mit krummem Rücken, hustend, süchtig, asozial, ehe- und kinderlos verbrachten sie ihre letzten Jahre, ohne Schwärmerei für irgendwelche Ideale – wahrlich Erscheinungen einer »bionegativen Olympiade«.

Mit diesem Begriff hatte Benn 1933 bis 1936 den Verfall der westlichen Kultur gekennzeichnet und die Vorhaben der nationalsozialistischen Zuchtveredelung unterfüttert. Benn bemüht sich in Stuttgart, den offensichtlichen Widerspruch zwischen der »bionegativen Olympiade« des Alters und der biopositiven Bilanz der unzähligen altgewordenen Genies aufzulösen: die Entscheidungsfreiheiten der Künstler sind nicht so groß wie vermutet; jede Generation wird mit zwingenden Problemen konfrontiert, die in der Luft liegen. Es ist alles viel vorherbestimmter, als man wünscht.

Und dann wiederholt Benn auch in dieser Rede sein Bekenntnis: »Sich irren und doch seinem Inneren weiter Glauben schenken müssen, das ist der Mensch, und jenseits von Sieg und Niederlage beginnt sein Ruhm.«

Brüche und Wandlungen, Versuch und Irrtum werden also zu Voraussetzungen einer »Kontinuität des produktiven Ich«: es kommt nur auf die Kraft an, die zugemuteten Zwangslagen »auszuhalten« – mit Härte und Kälte gegen das eigene Werk. Selbst »wenn die großen Regeln sich vertauschen«, also alle Lebensverhältnisse umgestoßen werden, »hält sich das doch an einer Art Ordnung fest«, nämlich der »Wiederkehr des Gleichen, solange sich noch etwas gleicht«.

Das klingt nüchtern und kalt, aber gerade deswegen überzeugend, meint Benn. Man kann es ohnehin niemandem recht machen, vor allem nicht im Alter. Wer fortfährt wie zu seinen besten Zeiten, muß sich vorhalten lassen, zu Entwicklung und Reife nicht fähig zu sein; wer sich im Alter mäßigt, gilt als senil. An dergleichen Vorwürfen darf man als Künstler nicht leiden. Man muß sie ganz äußerlich nehmen; denn es geht nicht um die »tiefen Reaktionen auf die Wahrheiten des menschlichen Daseins, sondern um Ausdruck: eine reine Formsache«. Aus dieser Gabe der »untiefen Reaktionen«, sich also nicht vom ewig Menschlichen berühren zu lassen, erklärt sich die hohe Widerstandskraft der Künstler gegen die Zumutungen des Lebens.

Benn deutet an, daß vornehmlich die Konzentration auf den formalen Ausdruck als Initiative gegen Schuld verstanden werden könnte. Denn gerade das, was rein formal, ohne sozialen und psychologischen Tiefgang montiert wird, wird, läßt sich in Dienst nehmen für Zwecke, die nicht mehr der Künstler verantwortet. Das ist ein schwacher Selbstentlastungsversuch, weil Benn Anfang der dreißiger Jahre politische und soziale Zwecke für sich akzeptiert hatte, die zu Massenmord als Eignungsprüfung für die Weltherrschaft führten.

Wenn aber jenseits von Sieg und Niederlage der Ruhm des Menschen (und nicht nur des Künstlers) beginnt, lassen sich aus Benns Erörterungen zum Altern Schlußfolgerungen für jedermann entnehmen. Zu altern heißt, die alltäglichen Anstrengungen zur Bewältigung des Lebens vorrangig unter dem Aspekt formaler Organisation zu sehen, anstatt jede Entscheidung mit Herz und Schmerz und im Gedanken an die tiefsten Wahrheiten und Ideale zu treffen.

Tun, was getan werden muß – vor allem eine Sache, seine Sache fertig zu machen, lautet die Empfehlung, die schon die »Lebenskunst« der antiken Stoiker auszeichnete. Wer lange leben will, muß mit einer hinreichenden Oberflächlichkeit die Pflichten des Tages kontinuierlich und konsequent absolvieren — ohne Pathos und ohne Frustration. Gerade die größten Werke verdanken sich diesem nüchternen Arbeitsethos – nur Dilettanten schwärmen für den glücklichen Zufallswurf.

Alte sind Stoiker, und nur wer sich vom existentiellen Gejammer freimacht, hat die Chance, alt zu werden. Das ist wiederum die Voraussetzung dafür, lange und ausdauernd arbeiten zu können und damit in die Erzählungen der Nachfolgenden als besonders Befähigter einzugehen.

Gottfried Benn führt ausdrücklich ein Kriterium für die Beurteilung solcher Pflichterfüllung ein: »Wenn etwas fertig ist, muß es vollendet sein.« Das ist weniger mysteriös, als es klingt. Benn orientiert sich mit seinem Postulat der Formvollendung ganz nüchtern und geheimnislos an den Verfahren der industriellen Produktion und des wissenschaftlichen Arbeitens: Sezieren, Analysieren, Montieren von Vorfabrikaten sind Begriffe, mit denen er beschrieb, was er als Künstler tat. Er beendete seine Arbeit, wenn er zu »Sätzen gefunden hatte, die vertretbar sind« – analog zur Überprüfung von Hypothesen in der Wissenschaft.

Vollendet ist, was man nicht umhin kann zuzugeben (»Dinge entstehen, in dem man sie zugibt«). Ein Industrieprodukt ist formvollendet, wenn es seine Funktion verläßlich erfüllt. »Ein Schlager von Klasse enthält mehr vom Jahrhundert als eine Motette« – mit anderen Worten: ein Industrieprodukt von Klasse enthält mehr Formvollendung als manches noch so angestrengte Resultat des Kunstbemühens.

Zur gleichen Zeit wie Benn arbeitete Theodor W. Adorno an seinem Rundfunkessay »Das Altern der Neuen Musik«. Mit »Neuer Musik« meinte er die Kompositionen von Schönberg, Berg, Webern, Hindemith, Strawinsky. Über weite Strecken argumentiert Adorno wie Benn. Er wirft den Nachfolgern jener Komponisten vor, nicht mehr die Kraft zu haben, die formalen Errungenschaften des Komponierens in der Zwölfton-Technik zu akzeptieren. Je geheimnisloser und vernünftiger, also formaler die Methoden Schönbergs verstanden werden mußten, desto verlockender die Illusion für die Nachfolger, man könne sich wieder zu »musikalischen Urstoffen« flüchten. Adorno ahnte, was z.B. Stockhausen im Schilde führte: Rückzug auf kosmisches Gesäusel, das die Sinne überwältigt und Komponisten wie Zuhörer aus der Verantwortung für intellektuelle Anstrengungen entläßt. »Als die Neue Musik lebendig war, meisterte sie die Illusion durch die Kraft des Gestaltens; heute verfällt sie ihr und legt die Schwäche zum Gestalten sich als Triumph kosmischer Wesenhaftigkeit zurecht.«

Mit »Altern der Neuen Musik«, so Adorno, »ist nichts anderes gemeint, als daß dieser Impuls in ihr verebbt«, nämlich der Impuls zur »integrale[n] und durchsichtige[n] Herstellung eines Sinnzusammenhangs«. Gemeint ist der Zusammenhang von sozialer Freiheit, Individualität und Subjektivität mit rationalen Methoden der Werkschöpfung. »Schrumpfen« der sozialen Freiheit, »Zerfall von Individualität«, »Schwinden der Tradition innerhalb der Neuen Musik selber«, konstatiert Adorno als Symptome ihres Alterns. Im Unterschied zu Benn bewertet er dieses Altern durchweg kritisch.

Aus Benns Überlegungen leiteten wir für die Ausstellung »Die Macht des Alters« und die action teachings »Altern – ein Sturm aus der Zukunft« ab, daß ganz offensichtlich der jugendlichen Zeitvergessenheit und der infantilen Kosmetik der Altersleugnung eine spezifische Leistung der Künstler, nämlich das Werkschaffen, entgegengesetzt werden muß. Der heute allgemein beklagte Eindruck, immer haltloser dem Strudel der Zeiten ausgeliefert zu sein, scheint tatsächlich durch den Verlust der Schöpfererfahrung zustande zu kommen. Wo noch poiesis, also Werkschöpfung als Produktion organisiert wird, geht die Konzentration auf die Werke durch die Rasanz der Erneuerungszyklen verloren. Das Verlangen nach schöpferischer Selbstvergewisserung bleibt durch die Verwertungsdynamik unbefriedigt. Die Sollbruchstellen der Produkte, ihre Verfallsdaten widersprechen von vornherein dem Verlangen nach Werthaltigkeit durch lange Funktions- und Geltungsdauer, wie sie für Kunstwerke in Museen immer noch gewährleistet zu sein scheint.

Also lag es nahe, für unsere Unternehmung »Die Macht des Alters« besonderen Nachdruck auf das künstlerische Herausarbeiten von Werklogiken zu legen, Werklogiken, die dem modernistischen Gerede vom bloßen work in progress und vom offenen Kunstwerk entgegenzusetzen sind – hatte doch Benn in seinem Essay gesagt: »Dann duschen sie ein bißchen herum und dann tritt der Nächste in die Wanne«; das war ein deutlicher Einspruch gegen die Zeitenstrombader (Vortizisten — heute Fluxusanhänger). Natürlich ist der Weg zurück zur Werklogik, wie sie Aristoteles oder Lessing erarbeiteten, weder gangbar noch empfehlenswert. Es hieße auch, die Leistungen von negativer Theologie oder negativer Ästhetik unberücksichtigt zu lassen, wollte man Werklogiken normativ fest- und vorschreiben. Sondern? Man kann sich auf die allgemeine Erfahrung stützen, daß Zeitgenossen ihre Welt realistisch mit dem Urteil kennzeichnen, sie könnten sich nicht mehr auf normative Verbindlichkeiten verlassen, die Teile der Lebenswelt zerfielen ihnen zu Stückchen und Krümeln, alles sei unansehnlich, amorph, deprimierend.

Nun ist es aber ebenso allgemein akzeptiert, daß man logischerweise das Urteil »häßlich, fragmentiert, unverbindlich, vieldeutig« nur abgeben kann, wenn man einen Begriff von Schönheit, Ganzheit, Wahrheit hat. Da man aber eben nicht in irgendeiner Akademie, Zensurbehörde oder Oberkünstlerwerkfolge dergleichen Standards der Schönheit, Wahrheit und Ganzheit vorgeschrieben zu finden vermag, gar noch allgemein verbindlich akzeptiert, bleibt nur die Schlußfolgerung, daß sich besagte Werklogiken auf die Provokation, auf die Simulation, auf die Evokation von Schönheit, Wahrheit, Gutheit als bloße, aber unabweisbare Denknotwendigkeiten zu stützen hätten.

Also baten wir 40 Künstler/-innen um Ausarbeitung solcher Werke, die vornehmlich durch die Weckung des Verlangens nach Vollendung, Meisterschaft und Dauerhaftigkeit auf die Betrachter zu wirken versprachen bei gleichzeitiger unmißverständlicher Bekundung, daß dergleichen nicht in den Werken selber geboten werden könne, sondern durch die Betrachter in deren Bewußtsein zu entstehen habe. Wer über diese Fähigkeit verfüge, demonstriere die Produktivität der Alten, die für sich die Erfahrung der Freiheit in säkularen Gesellschaften machen durften, ohne auf Orientierung an Wahrheit, Gutheit und Schönheit zu verzichten; die Leistungen solcher Alten bestünden darin, selber erkannt zu haben, daß die Sehnsucht nach Normativität auf gar keinen Fall durch Wiedereinführung sakralrechtlicher Ordnungen gestillt werden kann. Aus dieser Erfahrung heraus verstünden ältere Menschen, besagtes Verlangen unter der Geltung von Werklogiken dadurch produktiv werden zu lassen, daß sie ihr Wirken im eigentlichen Sinne als Zeitschöpfung zu nutzen verstünden – in erster Linie in der Zeitform der Erzählung von Biografien und durch eigene Erfindung der Geschichte aus erdachten Erinnerungen. Ihre Werke, auch wenn sie nur noch als abgelegtes Werkzeug ausgewiesen werden, sind solche Modelle der Zeitschöpfung. Ihre Faszination und Beispielhaftigkeit gerade für die Jungen resultieren aus einer einzigen, völlig unabweisbaren Gewißheit, auf die sich die Alten stützen: Altern ist die Zukunft der Jungen – des können wir gewiß sein.

siehe auch: