Magazin FOCUS

FOCUS Magazin, Bild: 15/2018.
FOCUS Magazin, Bild: 15/2018.

Erschienen
07.04.2018

Erscheinungsort
Berlin, Deutschland

Ausgabe
15/2018

Seite 36 im Original

Von der Lehre der Kirchen zu leeren Kirchen

Die Zahl der Kirchenmitglieder und Gottesdienstbesucher sinkt seit Jahrzehnten. Gut so. Denn leere Kirchenbänke in Demokratien sind der beste Beweis, dass der christliche Glaube gelebt und umgesetzt wird. Eine Klarstellung.

Leere Kirchenbänke in Deutschland und Europa, darauf verständigen sich die meisten Diskutanten schnell, stellen ein Problem dar. Was aber, wenn es sich dabei um das Symptom einer grundsätzlich gutartigen Entwicklung handeln würde? Die christlichen Kirchen sind leer, weil man heute nicht mehr gläubiger Christ zu sein braucht, um die Gleichheit der Menschen vor Gott oder Gerechtigkeit für jedermann oder Nächstenliebe als Bildung und Empathie zu erfahren, weil man die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz für selbstverständlich hält.

Die üblichen Vorwürfe gegen Gottes Personal sind deshalb so wirksam wie falsch. Natürlich schädigt es die Glaubwürdigkeit, wenn man sonntags die Bewahrung der Schöpfung durch Konsumverzicht predigt und unter der Woche mal eben für drei Tage nach Rom jettet, um bei einem dortigen Marathon ein paar Kilometer mitzurennen. Warum? Weil es sich gut macht, wenn die Seelenhirten ihre physische Fitness beweisen. Denn die Zwei-Reiche-Lehre meint ja gerade die Einheit von Körper und Geist, von Psyche und Soma; sie gilt nicht mehr der Unterscheidung von göttlichem und menschlichem Reich oder von Theokratie und Demokratie. Also, deutsche SeelsorgerInnen, lauft, lauft, dann sind beide Reiche die euren!

Die ökologischen Footprints solcher Reisen sind jedenfalls sehr viel größer als die Jesuslatschen, die bisher in diesen Kreisen als Maßstab von Umweltreformwillen galten. Wasser predigen und Wein trinken – diese Heuchelei steht für die Unglaubwürdigkeit der Verzichtprediger: Die Arbeit machen die anderen; gerecht zu sein ist Forderung an die Bösen und nicht an uns, denn wir sind ja gerecht, sonst würden wir diese Forderung nicht stellen. Die Volksetymologie kennt dafür den Begriff „Bigotterie“, also den Dienst für zwei Herren, wenn man den einen gegen den anderen ausspielt, um sich selbst zu bedienen.

Ernster wird es schon, wenn Kirchlinge glauben, das Gebot der Nächstenliebe verbiete es, geltendes Recht durchzusetzen. Wer rechtlich einwandfreie Entlassung von Kirchenmitarbeitern aus der Probezeit oder aus befristetem Aufenthalt mit dem Argument für ungültig erklärt, Christen müssten immer zur Vergebung von Unfähigkeit oder Egoismus bereit sein, stellt sich im Namen des Glaubens über das Gesetz. Das mag in Diktaturen gerechtfertigt sein, in Demokratien aber ist es das nicht.

Die Liste dieser Bigotterien von Glaubenssiegern lässt sich beliebig lang ausschreiben. Derartige Verfehlungen erklären aber nicht den scheinbaren Niedergang der christlichen Kirchen als Instanzen des guten und gerechten Lebens in unserer Gesellschaft. Die „leeren Kirchenbänke“, übrigens schon seit Langem beklagt, sind geradezu Zeichen der Verwirklichung christlicher Lebensvorstellungen in Demokratien als Rechts- und Sozialstaaten. Beispiel: In Glaubensgemeinschaften galt und gilt die Pflicht, den Armen und Kranken unter den Gemeindemitgliedern zu helfen. Im Sozialstaat erweitert sich solche lokale Diakonie zur universellen Geltung, also zur Pflicht, allen Armen und Kranken zu helfen, soweit die eigenen Möglichkeiten das zulassen.

Was die Lehren der Kirchen postulierten und was immer nur als spezifisch christlich galt, ist in Demokratien als Rechts- und Sozialstaaten durch universelle Geltung zu Selbstverständlichkeiten erhöht worden. Das kennzeichnet übrigens die innere Logik solcher Entwicklungsprozesse, denn Glaubensgemeinden müssen ihren Geltungsanspruch entfalten, indem sie anderen als sich selber predigen.

Wenn das Heilige immer nur für dessen Anbeter gilt, bleibt es in der Wirkung beschränkt. Wenn es auf größere Geltung, zum Beispiel als Grundsatz für Akzeptanz, abzielen soll, dann ist für das Sakrale gerade das Säkulare, für das Göttliche gerade das Menschliche, für das Heilige gerade das Profane, für die Außerordentlichkeit gerade die Normalität die effektivste Erscheinungsform.

Der säkulare Staat westlichen Zuschnitts gewann seine überzeugende Ausprägung, gerade weil sich erst in ihm Gerechtigkeit, Glaubensfreiheit und Bewahrung der Vergangenheiten als das, was nicht vergeht, realisieren ließen. Heute garantiert nur noch der Staat die Existenz von Kirchen. Kirchen sind soziale Einrichtungen wie Finanzämter, Museen etc. Die vermeintlich triumphale Aufklärung im Westen als Trennung von Staat und Kirche, von Thron und Altar ist ein Missverständnis, denn in solcher Staatlichkeit verwirklichte sich alles, was die christlichen Kirchen je gegenüber vormodernen Despotien oder totalitärer Herrschaft fordern konnten.

Also nicht Trennung von Kirche und Staat kennzeichnet unsere Zivilität; vielmehr ist der demokratische Staat in unserem Verständnis die effektivste Durchsetzung der christlichen Ethiken und Lebensentwürfe. Leere Kirchen verweisen deshalb nicht auf ein Defizit, sondern auf eine Erfüllung.

Leere Kirchenbänke sind der schlagende Beweis für die gelungene Durchsetzung jener Vorstellungen des gerechten Lebens, die sich primär in den christlichen Gemeinden entwickelt hatten. Das – also den Erfolg einer Lehre – zu betonen wird heute unabdingbar, wenn mit der Scharia als neuem Grundgesetz eine alternative umfassende Lebensgestaltung im Glauben, im Recht und in der Wirtschaft zur Geltung drängt.

Die islamische Bewegung steht noch weit vor der Erfüllung ihrer Forderungen und kann deshalb die ungeheure Dynamik des Wünschens und Begehrens nutzen. Für die im Staat verwirklichten christlichen Lehren gilt, dass die Erfüllung der Wünsche der Tod des Wünschens ist. Durch Erfolg zerstört, heißt diese Generalmaxime der durchsetzungsfähigen Moderne, und es ist eine ebenso gut begründete Annahme, man lerne aus der Geschichte, dass der Geltungshunger immer über die Geltungsgewissheit siegen wird. Wenigstens so lange, wie der Geltungshunger unerfüllt bleibt.

Machtgewinn ist leichter als Machterhalt. Glauben deshalb so viele in der vermeintlich garantierten Normalität lebende Westler, sie müssten die eigenen Gewissheiten zerstören, um wieder hoffen zu dürfen? Gibt es deshalb so viele Extremisten links wie rechts, weil sie sich der Zerschlagung des Bestehenden als Voraussetzung für die Wirkung neuer Wunschbilder verpflichtet fühlen?