Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
Abschnitt, beginnend auf Seite 155 im Original — direkt zum Text ↓
Ins graue und gräuliche Umfeld der Identitätstotems der Deutschen gehört die Reproduktion eines kolossalen Gemäldes, das in der Moskauer Tretjakow-Galerie hängt. Auf diesem Historiengemälde von Wassilij Jakowlew wird dem militärischen Genius des Sieges der Sowjetunion über Deutschland, Marschall Schukow, gehuldigt. Die Ikonographie des Gemäldes ist eindeutig: vor dem Hintergrund des brennenden Berlin – ausdrücklich sind Gedächtniskirche und Brandenburger Tor hervorgehoben – führt Schukow auf einem Schimmel, der sich über deutschen Feld- und Parteizeichen und Fahnen, den Trophäen des Sieges, aufbäumt, eine Parade an.
Diese Siegesparade fand nicht in Berlin, sondern im Mai 1945 in Moskau statt. Zunächst war daran gedacht, ältester historiographischer Tradition gemäß, Stalin auf dem Schimmel der Parade über den Roten Platz voranreiten zu lassen, die dann Lenin in seinem Mausoleum abgenommen hätte. Möglicherweise wäre es zu Irritationen gekommen, wenn auf der Tribüne des Mausoleums der Staatspräsident, Mitglieder des Politbüros und der Regierung gestanden hätten, weil dann sie und nicht Stalin als Adressaten der Huldigung hätten gelten können. Aber auch hier bietet der Geist der Geschichte eine Pointe, die noch so begabte Historiker nicht besser hätten erfinden können. Stalins Tochter Swetlana berichtet, daß er bei der Übung am Vortage der Parade schmerzlich erfuhr, nicht das Format zu haben, mit einem solch edlen Roß fertig zu werden. Er mußte also dem trainierteren und potenteren Schukow die Rolle überlassen. Schukow genoß die Demonstration seiner nicht nur physisch gemeinten Überlegenheit während der Parade zu offensichtlich, als daß Stalin sich das hätte gefallen lassen können, zumal, wie Jakowlew überaus deutlich macht, Schukow durchaus in das Imaginationsschema des auf seinem Rosse zum Himmel aufsteigenden Religionsstifters Mohammed hineinpaßte und somit möglicherweise in der Öffentlichkeit als der wahre Stifter der sowjetischen Siegesbestimmung und Siegeskraft hätte gelten können. Stalin holte Schukow vom hohen Roß, indem er ihn als Provinzkommandeur nach Fernost verbannte. (3)
Zwei weitere Gemälde schließen den Wahrnehmungshorizont hinter den Thementotems; Thomas Wachweger hat sie Mitte der 1970er Jahre gemalt. „Alle Schwestern werden Brüder“ und „Mater dolorosa“ gehören zum Themengebiet „Eine schwere Entdeutschung“ und können als Bildnisse sowohl meiner prä- wie meiner postnatalen Existenz gelten. „Alle Schwestern werden Brüder“ zeigen einen angeschwollenen Mutterbauch, der ins Berliner Olympiastadion von 1936 ragt, wobei erwähnt sei, daß der Betrieb meines Vaters, „Hermann Brocks Brotfabriken“, das olympische Berlin mit Brot beliefert hat. Auf dem Gemälde „Mater dolorosa“ sieht man eine deutsche Heldengebärerin mit Kind im Arm. Das Baby signalisiert mit emporgestrecktem Finger bereits die Verpflichtung der Mutter auf die Erziehung eines Heroen. Mutter und Kind werden ihrerseits umfangen von den Flügeln des Staats- und Wappentiers der Deutschen, dem Adler, also dem ursprünglichen Assistenztier des Gottes Zeus, heute Vater Staat.
Die beiden Wachweger-Gemälde entsprechen für meine Biographie dem Gemälde Jakowlews für die Biographie Schukows. Der Mohammed-Ikonographie bei Jakowlew korrespondiert die Christus-Ikonographie bei Wachwegers „Mater dolorosa“. Die Ruinen Berlins bei Jakowlew sind äquivalent den vollbesetzten Rängen des Olympia-Stadions, über die der rechte Arm Hitlers mit imperialer Machtgeste bereits hinwegwischt. Beide Motive der Wachweger-Gemälde entstehen als Rückblicke, die man als Nachbilder und Nachklang der Beteiligten verstehen kann. Irritierende Nachbilder und Nachklänge: Seit alter, alter Zeit wird den Müttern empfohlen, ihre Leibesfrucht nur Wohlklängen als harmonischen Friedenslauten auszusetzen, weil man vermutete, daß schon Kinder im Mutterbauch wahrnehmungsempfindlich seien. Welche Auswirkungen auf den pränatalen Organismus musste man erwarten, wenn er dem Stakkato marschierender Stiefelträger, dem tausendfachen Heilrufen und Jubelgeschrei, dem niederträchtigen Johlen und Pfeifen triumphierender Barbaren ausgesetzt war!
Das Nachbild eines Kleinkinds im Arm seiner Mutter, die er offensichtlich mit herrischen Gesten seinem Willensdiktat verpflichten will, wird umso bedenklicher wirken, als man weiß, wie schicksalsverschärfend sich für Preußen in Deutschland eine erst späte Taufe erweisen konnte, in meinem Falle gerade aus der Familiengeschichte mütterlicherseits: die kindliche Präpotenzgeste ist offenbar eine Ermahnung, strikt vom mütterlichen Zentkowski zum väterlichen Brock überzugehen.
Anmerkungen
(3) Stalin war seit seiner frühesten Ernennung zum Kommissar für die Volkstumsfragen sehr bewußt, daß der Sozialismus als Staatsdoktrin nur so lange ungefährdet bleiben würde, wie mit allen Mitteln sichergestellt werden konnte, daß die religiös-kulturellen Differenzen der zahllosen Kultur- und Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion unter strikter Kontrolle gehalten werden könnten. Das dritthöchste Kultzentrum des Islam, zu dem sich die Kaukasusvölker der SU überwiegend bekannten, war die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem; dort huldigte man dem Abdruck der rechten Hinterhuf von Mohammeds Roß im Akte des Aufstiegs gen Himmel. Schukow in Analogie zu diesem Ereignis zu präsentieren, war mehr als riskant; mit Schukow verschwand auch das 1946 fertiggestellte Gemälde seines historischen Triumphes aus den Schauräumen des Museums.