Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 162 im Original

I.5 Europa im Kulturkampf?

Text

Eine heute wesentliche Kennzeichnung der Europäer durch die islamische Welt lautet: Europäer sind Kreuzfahrer, also Leute, die mit kriegerischen Mitteln Andersgläubige, vor allem Moslems und ihr Territorium, zu unterwerfen versuchen. Doch wann hat man von einem intelligenten Politiker oder sonstigen Repräsentanten der als Kreuzfahrer denunzierten Europäer die Gegenfrage gehört: „Ihr Araber nennt uns Kreuzfahrer, aber was soll das heißen? Wohin hat sich denn der Islam ab 636 ausgebreitet? Ihr habt doch das christlich-jüdische Jerusalem erobert. Wer also waren die ersten „Kreuzfahrer“, also „Halbmondfahrer“? Als die christlichen Kreuzfahrer den Zugang zu ihren heiligen Stätten wiedergewinnen wollten, beschwerten sich die islamischen Landnehmer über Praktiken, die sie selber angewandt hatten, indem sie sich jüdisch-christlich besiedeltes Gebiet aneigneten und dessen Bevölkerung mit allen Mitteln zu missionieren sich verpflichtet fühlten. Zu den geschmähten Zügen der Kreuzfahrer kam es erst, als die moslemischen neuen Herren Jerusalems den Christen den Besuch ihrer Kultstätten radikal verweigerten. Noch nie haben Juden oder Christen Mekka zu erobern versucht, um dort die heiligen Stätten des Islam in Synagogen oder Kathedralen umzuformen.“

Die Verkehrungen historischer Tatsachen folgen einem bekannten psychologischen Muster: Wenn die Mitglieder einer Kultur, einer Überlebenskampfgemeinschaft, von Widersprüchen in ihrer Selbstlegitimation irritiert werden und diesem inneren Druck nicht standhalten, projizieren sie den Vorwurf auf den Gegner und behaupten, die anderen seien die Täter respektive die Schuldigen; offenbar erfolgreich, denn in nahezu jeder Zeitung des moslemischen Kulturraums wie auch in westlichen Feuilletons werden die Kreuzfahrergebärden, die Europäer angeblich an den Tag legen, gegeißelt. Jerusalem ist seit König Davids Zeiten, also seit mindestens 1.000 v. Chr. das Zentrum der Entwicklung des Judentums. Die Christen als universalisierte Juden sind seit nahezu zweitausend Jahren in dieser Region zuhause.

Warum läßt sich das zentrale Problem im Umgang mit islamischen Gesellschaften unter Europäern nicht diskutieren, nämlich daß 636 der offensive muslimische Auftrag zur Missionierung ergangen ist (zum Beispiel Koran, Sure 9, Vers 41), aber unter Missionierung die Eroberung der Welt mit Feuer und Schwert gemeint ist. Der durchschnittliche Europäer lebt mittlerweile in fast vollständiger Unkenntnis seiner Geschichte. Er will auch nichts mehr hören vom Zusammenhang von christlicher Theologie mit der Entstehung der Konzepte von Individualisierung, von Säkularisierung, von Gewaltenteilung und von Demokratie. Er bezeugt nur offenkundiges und arrogantes Desinteresse, wie es nicht einmal die „bösen Imperialisten“ an den Tag legen konnten, weil sie ja auch mit dem Widerstand der Völker der islamischen Welt zu rechnen hatten. Da die Europäer, zumal im Wohlstandsrausch, nur allzu gerne glauben, von der Geschichte nichts mehr wissen zu müssen, fühlen sie sich berechtigt, auch von allen anderen anzunehmen, daß denen Kultur und Religion, Sprachgemeinschaft und territoriale Integrität, Sicherung von Ressourcen und allgemeine Fragen des Fortlebens ihrer Gemeinschaften genau so gleichgültig seien wie den Europäern. Der arrogante Europäer hält es von vornherein für unnötig, sich mit dem Machtpotential anderer Völker, Kulturen, Nationen und Religionsgemeinschaften zu beschäftigen, denn: „Was haben die schon zum Fortschritt der Sozialversicherung, der Getränkeindustrie und der Unterhaltungspornographie beigetragen, die uns allein noch in unserem Alltagsleben wirklich interessieren? Im übrigen werden diese Leute durch die Probleme ihrer rasant wachsenden Bevölkerung und andere innenpolitische Zumutungen so geschwächt werden, daß man von ihnen nichts mehr befürchten muß.“

Noch mehr Arroganz von Überlegenen zeigen die gewählten Repräsentanten dieses harmlosen europäischen Wohllebevölkchens. Wie Stichproben zeigen, ist nicht zu erwarten, daß diese Herren, die leichtfertig über die Zukunft Europas verfügen, etwa in der Lage wären, drei Jahreszahlen von Großereignissen, drei theologische Themen, drei Ereignisorte, drei Personennamen, drei aus dem Ereignis abgeleitete Folgeerscheinungen, also fünfzehn Angaben zu tausenddreihundertfünfzig Jahren christlich-moslemischer Auseinandersetzung zu nennen. Die Moslems sind zu Recht schwer enttäuscht, ja sie fühlen sich beleidigt, daß Europäer nicht einmal im eigenen Interesse es für nötig halten, sich über das moslemische Selbstverständnis kundig zu machen, obwohl es ständig zu Kollisionen kommt, die von beiden Seiten als Auswirkungen von religiös-kulturellen Selbststilisierungen ausgegeben werden. Die Moslems müssen schmerzlich erfahren, daß sie aus mangelnder Bildung europäischer Politiker und Unternehmer als beliebige Verfügungsmasse nicht ernstgenommen werden. Und das ist in der Tat ein Skandal der Wohlstandsverwahrlosung.

Aber allmählich dürfte sich selbst bei diesen Europäern herumsprechen, daß nicht die Islamisten die große weltpolitische Gefahr darstellen, sondern die Arroganz, mit der Europäer sich in der Sicherheit von Weltbeherrschung nach einem seit 1683 bewährten Muster wiegen. Selbst aus Anlaß von Fußballspielen der türkischen Nationalmannschaft etwa gegen die deutsche wird der historische Appell zur Fortsetzung des 1683 vor Wien abgebrochenen Eroberungsfeldzugs der Heere des Islam beschworen. Völlig kontraproduktiv wäre es indessen, den islamischen Halbmondfahrern ihre Pendants in Gestalt christlicher Fundamentalisten entgegenzuhalten. Was die anrichten, hat man jüngst ihrem Einfluß auf die amerikanische Entscheidung ablesen können, einen Angriffskrieg im Irak zu führen. Da bleibt nichts zu hoffen, ebenso wenig wie von fundamentalistischen Globalisierungsfanatikern, deren haltloses Gerede von den den Weltlauf selbst regulierenden freien Märkten sich im rapiden Verlust des Vertrauens zur sozialen Marktwirtschaft in demokratisch verfaßten Gesellschaften spiegelt. Seit die Globalisierung, die folgenreichste Ideologie aller Zeiten, aus dem vermeintlich endgültigen Sieg des Westens über den Rest der Welt durch Abschied aus den Logiken der Geschichte 1989 hervorgegangen ist, hat sich diese Rationalisierung und Behuldigung von brutalster Mafiagesinnung nach Meinung ihrer Erfinder aufs schönste bewährt: Macht legitimiert sich seither alleine aus ihrem Durchsetzungserfolg, Widerspruch erledigt sich als Mißerfolg am Markt von selbst. Wer nicht überlebt, war doch nur wert, daß er zugrunde geht. (4)

Anmerkungen

(4) Siehe Kapitel „Selbstfesselungskünstler gegen Selbstverwirklichungsbohème“.