Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 144 im Original

I.4 Der Faschist als Demokrat

Text

Theodor W. Adorno hat 1959 im Rundfunk geäußert, daß er nicht die Wiederkehr des Faschismus als Schlägerbande fürchte, die nach SA-Manier das Volk aufmische, sondern er fürchte die Wiederkehr des Faschismus als Demokratie. (7) Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Faschismus und Totalitarismus mit Euthanasie, Eugenik, Vertreibung als Pazifizierungsmaßnahme oder Angriffskrieg gleichgesetzt. Dies waren zumindest die ausgewiesenen Hauptkriterien, die die Ankläger bei den Nürnberger Prozessen von November 1945 bis April 1949 anführten. Heute begegnet man eben jenen Merkmalen für faschistische Systeme im politischen Leben verschiedener westlicher Demokratien.

Amerika ist zweifellos eine Demokratie und führt ohne jede Bedenken Angriffskriege. Die Niederlande sind sicherlich eine Demokratie und lassen die Euthanasie in einem Umfang zu, wie es historisch bisher noch nie der Fall gewesen ist. Die Engländer sind gewiß Demokraten und fördern dennoch den Eingriff in die menschliche Keimbahn, betreiben also Eugenik. Die Tschechen sind demokratische Europäer und ihre Benesch-Dekrete sind Teil europäischen Rechts, das heißt, man könnte jederzeit Menschen aus ihren Lebensräumen vertreiben und diesen Akt – gedeckt durch in Europa geltendes Recht – als Wahrung der Friedenspflicht ausweisen. Was bisher als stalinistisch oder hitleristisch, totalitär und faschistisch galt, feiert in verschiedenen Demokratien fröhliche Auferstehung. Wenn derlei Unrecht in einer Diktatur geschähe, könnten die Menschen das Geschehen für inakzeptabel halten, dagegen aufbegehren und sich zur Wehr setzen. Indem sie sich nicht den politisch verordneten Wahnsinn aufdrängen ließen, würden die Menschen als Bürger ihre Würde wahren können. In einer Demokratie hingegen kann man seine Würde nicht wahren, da man ja gezwungen ist, aus demokratisch legitimierten Verfahren hervorgegangene Sachverhalte zu akzeptieren. (8)

Also, wo stehen wir heute? Hat Hitler wirklich verloren? Wurden wir wirklich von Goebbels, Göring und Konsorten befreit? Oder ist es nicht vielmehr so, daß die Nazis täglich in ihren Auffassungen bestätigt werden, am Ende doch zu siegen – nicht nur medial in der Guido-Knopp-Geschichtswochenschau? (9)

Göring meinte in Nürnberg kaltschnäuzig, in fünfzig Jahren werde man den Nationalsozialisten ein Denkmal setzen. Wie konnte er so sicher sein? Als Mann, der an den Gipfel der Macht, wie überall üblich, nur durch die Bereitschaft gelangt war, „unerbittlich“ zu sein, wußte er, daß es nicht um die objektiven Taten ging, sondern um deren Bewertung. Das Schema hatte sich ihm als Schulmeistermaxime unvergeßlich eingebrannt: „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe.“ Das war und ist eine Ungeheuerlichkeit, die sich aber als sehr nützlich erwies, um Tatvorwürfe ins Leere laufen zu lassen. Man tötet ja nicht nur im Namen der Liebe und mordet, um die Ehre zu retten. So weit man weiß, gilt es im EU-Herzen Frankreich immer noch als strafmindernd für einen Mörder, wenn er den Liebhaber seiner Frau in flagranti umlegt.

Nie ist eine größere Pervertierung von ethischen Prinzipien auch noch gerichtsnotorisch geworden wie die Behauptung, daß Zwecke die Mittel rechtfertigen. Wer Menschenversuche sogar im öffentlichen Raum, nicht nur hinter Psychiatriemauern und Lagerzäunen, von Staats wegen betreibt, soll angeblich gerechtfertigt sein, wenn er damit jene Feinde abzuwehren behauptet, die solche Versuche aus rassischen, kurz ideologischen Gründen durchführen? Das geht natürlich auf die so einleuchtende, weil uralte Praxis zurück, Angriffskriege für unmoralisch, Verteidigungskriege aber geradezu für eine Ehrenpflicht zu halten, obwohl doch immer wieder bewiesen wurde, daß Aggressoren sich mit Vorliebe als die Opfer fremder Aggression ausgeben. Göring in Nürnberg wußte, daß auch in Zukunft die Reklamierung höchster Zwecke über jede Kritik an der Wahl der Mittel siegen würde.

Wer es nicht glaubt, sollte mal eine Rußlandreise auf sich nehmen, bei der ihm täglich, ja stündlich nicht von den Profiteuren, sondern den unzweideutigen Opfern des Untergangs der Sowjetunion bekundet wird, auf wie großartige Weise Stalin das Heil der Menschheit gefördert habe; der GULAG beweise nur, welche unmenschlichen Anstrengungen das gekostet habe, für die man noch heute dankbar sein müsse, weil es schlechterdings nicht akzeptabel ist anzunehmen, daß die Abermillionen Bürger der UdSSR für nichts und wieder nichts gestorben sind. Himmler argumentierte in seiner Posener Rede vom Herbst 1943 von der Seite der Täter aus: Die Größe ihrer Tat (Vernichtung des Judentums) sei nur den SS-Männern selbst bewußt und beglaubige sie als Erlöser der Welt gerade deshalb, weil allen anderen Menschen die furchterregende Wahrheit nicht zuzumuten sei.

In den westlichen Demokratien hält inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung, trotz aller politischen Korrektheitsforderungen, Meinungsumfragen zufolge die Ordnung der Dinge nicht mehr für grundgesetzkonform. Es herrsche weder Gerechtigkeit noch Gleichheit noch Freiheit, wo Manager das Vielhundertfache der Durchschnittseinkommen für sich reklamieren, obwohl sie an der produktiven Leistung von Unternehmenskulturen weiß Gott keinen entscheidenden Anteil haben. Mit der Freiheit von Hartz-IV-Empfängern und anderer Überlebenskünstler in Millionenstärke ist es wohl nicht weit her. Und von der Gleichheit etwa vor Gericht, vor dem Finanzamt, vor den Verteilern akademischer Weihen kann keine Rede mehr sein, wenn es nur eine Frage der Zahl der Anwälte oder der Bereitschaft, Bußgelder zu zahlen oder der sozialen Herkunft ist, ob man sich den Sanktionen entziehen kann oder nicht. Wer Milliarden mutwillig und in krimineller Absicht verspielt, wird mit den Geldern der kleinen Steuerzahler schadlos gehalten, weil es angeblich unzumutbar ist, so große Täter bankrott gehen zu lassen – mit dem aberwitzigen Argument, daß die Großtäter mit ohnehin gesicherten Millionenabfindungen Golf spielen gingen und die Konsequenzen doch wieder nur der Durchschnittsmitarbeiter und Steuerbürger zu spüren bekäme.

Aber auch im kleinsten Alltäglichen erweist sich die Wiederkehr des Faschismus als Demokratiespiel.

Die wackeren Mehrheitsdemokraten haben im unbändigen Bewußtsein ihres Anspruchs auf Autonomie inzwischen die Öffentlichkeit als Raum der res publica vollständig vernichtet. Sie zwingen jedermann ohne jede Rücksicht, ihr privatbeliebiges Verhalten zu akzeptieren, bis hin zu selbstbewußter Jubeljugend, im Leibchen schwitzend in Hotelfrühstücksräumen, im Badekostüm auf dem Arbeitsamt oder in der Uni zu erscheinen und wieder und wieder Toleranz einzufordern gegenüber der Mißachtung von Konventionen und Regeln, die gerade verhindern sollen, daß sich private Willkür beherrschend durchsetzen kann. Genehmigungsbehörden machen fröhlich mit, wenn es im Namen der Wirtschaftsförderung darum geht, öffentlichen Raum zur privatkapitalistischen Nutzung freizugeben.

Von der öffentlichkeitzerstörenden Macht der quotenabhängigen Medien sind inzwischen selbst einige ihrer Vertreter überzeugt. Auf Vorhalte, warum sie diese Zerstörung von demokratischer Verfaßtheit und Öffentlichkeit mitmachten, antworten sie mit gespielter Naivität, Politik und Gesellschaft seien selber schuld, weil sie Wirtschaft und Medien keine verbindlichen Richtlinien setzten.

Anmerkungen

(7) Thomas Mann spricht in einem Brief an den von ihm später als NS-Spitzel verdächtigten Journalisten Kiefer am 26. Oktober 1933 einen Gedanken an, den manch ein Zeitgenosse heute auch akzeptieren könnte, wenn man wirklich die politische Situation bedenkt: „Das Heilmittel, das dem ganzen Spuk von heute ein katastrophales Ende bereiten und eine neue Welt aus sich erstehen lassen würde, kann man aus individueller Menschenschwachheit nicht wünschen – und doch wünscht man es heimlich, trotz der Gewißheit, darin mit unterzugehen.“ Gemeint ist offensichtlich der zu entfachende Bürgerkrieg zwischen Linken und Rechten in Deutschland. Ähnlich argumentiert Thomas Mann 1949 ff. gegenüber den Nationalchauvinisten der USA, geführt von McCarthy.
(8) Daß die Gegenwehr in der Demokratie ziemlich sinnlos ist, erfuhr ich im Januar 1987 nach einer mehrstündigen Besucherschule zur Eröffnung der Anselm-Kiefer-Ausstellung in Chicago. Brock endete mit der Schlußbemerkung: „Es ist eine Tragödie, daß sich die israelische Armee bei der Reaktion auf die zweite Intifada zu Maßnahmen gezwungen sieht, unter denen gerade Juden in extremer Weise zu leiden hatten.“ Daraufhin: Pöbelhafte Reaktionen von angeblichen jüdischen Kunsthändlern im Zuhörerraum, die es einen Skandal fanden, am Vorgehen der israelischen Armee (Teeren und Abbrennen von Wohnhäusern) auch nur die leiseste Kritik zu üben. Seither war mir klar, daß diesen Personen weder an Humanität noch historischer Gerechtigkeit gelegen ist. Sie treiben ein banales Machtspiel mit den angeblich heiligsten Gütern nach bekannten historischen Mustern. Ich hatte mich seit 1959 und 1965 stets gegen derartige Einsichten von Seiten Adornos oder Leibowitz‘ mit aller Kraft gewehrt; ihnen dann doch Weltkenntnis zugestehen zu müssen, bedaure ich bis heute.
(9) „Später fragte Augstein mich nach dem Fortgang der Hitlerbiographie, und als ich womöglich etwas allzu deutlich durchblicken ließ, daß mir nach nunmehr vier Jahren die Arbeit daran zusehends schwerfalle, unterbrach er mich ungeduldig: ‚Hören Sie bloß auf! Ich kann das Gejammer nicht hören! Nur der Klischee-Autor jammert. Der wirkliche Autor dagegen tut das Nötige.‘ Dann fügte er hinzu: ‚Und bitte! Nur kein Gewinsel über die Last der deutschen Geschichte! Darin wetteifern doch schon die vielen Esel ringsum! Stellen Sie sich einmal vor, wir hätten diese verdammte Geschichte nicht! Nicht Luther und nicht Friedrich, Bismarck nicht und nicht die ganzen Bagage bis hin zu Hitler!‘ ‚Was fingen wir an?‘ fuhr er fort, ‚So, wie es war, hat jeder von uns Stoff für drei Leben und sogar noch ein paar mehr. Nicht auszudenken, daß wir Franzosen wären mit diesem einen Napoleon! Und davor und danach nur eine Handvoll glänzender und meist erbärmlicher Chargen wie Herzog von Orléans, den dritten Napoleon oder diesen Vorstadtchauvinisten Poincaré! Auch die Italiener sind nicht besser dran, die sich immer gleich um fünfhundert Jahre zurückbesinnen müssen, um auf einen attraktiven Bösewicht zu stoßen! Oder sogar, am schlimmsten vielleicht, nein! Bestimmt am schlimmsten: Holländer zu sein!‘ Er jedenfalls habe stets einen Vorzug darin gesehen, als Deutscher gerade dieser Generation anzugehören: ‚Zu jung, um sich von den Nazis korrumpieren zu lassen, aber alt genug, um die interessante Sache dauernd mit sich herumzuschleppen.‘ Nach ein paar Wortwechseln setzte Augstein noch hinzu: ‚Die Generation nach uns wird sich mit der Inhaltsleere abmühen müssen und am Ende an der Langeweile zugrunde gehen. Alles, was ich von ihr weiß und beobachte, nötigt mich zum Bedauern. Anders als Sie und ich hat sie kein Lebensthema! Sie wird sich eines erfinden müssen! Und wer weiß, was dabei herauskommt?‘ Natürlich war bei dem und allem, was Augstein sonst noch dazu sagte, viel von dem ‚positiven Zynismus‘ im Spiel, dessen er sich gern rühmte. Was aber seine Vorhersage angeht, hatte er, wie wir als Zeitgenossen der Spaßkultur und des Event-Getues wissen, mehr recht, als irgendwer damals ahnte.“ In: Fest, Joachim: Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde. Reinbek bei Hamburg 2004, S. 358 f.