Action Teaching Verleihung des Lovis Corinth-Preises an Peter Weibel

Termin
02.10.2020, 18:00 Uhr

Veranstaltungsort
Regensburg, Deutschland

Veranstalter
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Veranstaltungsort
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Bewirtschaftung des Himmels mit dem ganz irdischen Hirn. Der Metaphysiker Weibel als Gedankenseher

Laudatio

Kurzfassung für leicht Ermüdbare:
Wenn man „ostdeutsch“ zu „osteuropäisch“ erweitert, weil Deutschland jetzt nur noch von Europa her zu definieren ist, dann erhält Weibel den Lovis-Corinth-Preis der Ostdeutschen Galerie zu Recht, er wurde nämlich nicht in Ostdeutschland, sondern in Osteuropa, in Odessa, geboren.

Wer die Exponate der Ausstellung mit Erkenntnisgewinn ansehen will, ist genötigt, die Gedanken Weibels bei ihrer Hervorbringung nachzuvollziehen, denn aus sich selbst erweisen sie nicht die Sinnfälligkeit, die etwa ein gemalter Blumenstrauß im Fenster oder eine surreale Ei-Ablage des Phönix aus der Asche bieten.

Generell sind Weibels Arbeiten als heutiges Verständnis von Metaphysik bestimmbar: Wir erleben die Welt ja nicht als jenseits unserer Wahrnehmung, sondern immer schon als Welt, die durch unsere Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Vorstellungen, Erfahrungen geprägt ist. Unsere Welt ist im modernen Sinne metaphysisch; wir betreiben im Gestalten, im Erkennen, im Erleben Metaphysik. Das entspricht ganz dem Begriff der Theorie, die seit dem klassischen altgriechischen Theater die Tätigkeit des Betrachters als die des Theoretikers bestimmt, der die vielen ihm gebotenen Sinneseindrücke auf der Bühne zu einer tatsächlichen Einheit zusammenfügen muss. Das erfordert Gedankenarbeit. Die heutigen Künste und Wissenschaften, wie sie auch Peter Weibel so intensiv betreibt, bezeichnen wir deshalb als theoretische Kunst oder theoretische Physik oder theoretische Chemie etc. Das schmälert nicht die Bedeutung der Praxis als der Bewährung des Denkens im Experiment, es als sinnfällig auszuweisen. Die theoretischen Künste und Wissenschaften untersuchen, welche praktischen Experimente tatsächlich erkenntnisstiftend sein können und entsprechende Anerkennung zu fordern vermögen. Die Ausstellung Peter Weibels in Regensburg zeigt sein konzeptionelles Denken mit der Bewährung im Experiment des Gestaltens.

Und nun zum herausfordernden Sachverhalt.
Die in jeder Hinsicht auffällige, weil übererwartbar gelungene Präsentation zentraler Motive der künstlerisch-wissenschaftlichen Arbeit von Peter Weibel heißt „Post-Europa-Fragezeichen“. Das spielt zum einen auf die seit sechzig Jahren geläufige Zeitbestimmung „Post-“ wie in Postmoderne oder Postkolonialismus an. Die lateinische Vorsilbe „post“ markiert ein „Nachher“, das nicht über das „Vorher“ hinausführt, sondern es transformiert: Die Postmoderne ist eben auch eine Moderne und nicht ein Jenseits der Moderne. Posteuropa wäre demzufolge ein gewandeltes Europa, ein Transeuropa und nicht ein Aufgeben Europas. Es wäre somit eine neue Aufgabe.

Was diese Auffassung eröffnet, zeigt uns die Corona-bedingte Sitzanordnung bei der heutigen Preisverleihung. Wir sitzen distanziert, ja isoliert, also individualisiert. Wir tragen Mund-Nase-Bedeckung auf den Wegen zum und vom Sitz und enthalten uns jeder Demonstration von sozialer Nähe durch erwartete Umarmung. Aber genau diese soziale Isolierung entspricht dem Ethos und Pathos des künstlerischen Schaffens in der Moderne. Alexander von Humboldt hat sie als „Arbeit in Einsamkeit“ für Künstler und Wissenschaftler charakterisiert. Danach wurden diese Positionen notgedrungen immer rigider bis hin zu Nietzsches oder Benns „Liebesverbot“ für schöpferische Menschen. Isolation, Asozialität bis zur Eiseskälte wurde zur Grundforderung an Dichter, Denker und Schöpfer aller Metiers. Ganz nebenbei bemerkt: Wir Künstler haben immer schon unsere Kraft aus der Begründung von Nähe durch Distanz, von Respekt durch Abstand und von Abstand als Anstand bezogen. („Bitte die Werke nicht berühren, Abstand halten“ leitet die Besucher von Kunstwerken im Museum an.) Gerade in der vermeintlichen sozialen Ernüchterung begründen wir das zivilisierte Verhalten. Heute heißt das, die übliche Forderung nach „social distancing“ als plakative Denkfaulheit zu erkennen. Es geht gerade um soziale Nähe durch räumliche Distanz.

Gerade für Kunst und Wissenschaft ist die Vermeidung von sozialer Engführung grundlegend, seit es die beiden Tätigkeitsformen im heutigen Verständnis überhaupt gibt. Und die gibt es tatsächlich seit 600 Jahren, seit Europa in Renaissance und Humanismus den Begriff und die Position des Individuums als entscheidender Bezugsgröße der Orientierung auf Gott, Wahrheit und Schönheit anerkannte. Hinter diesen Individuen als Künstlern und Wissenschaftlern stehen keine kulturellen Autoritäten wie Kirchen, Fürsten, Banken, Politiker, Gewerkschaften. Künstler und Wissenschaftler gewinnen Autorität ausschließlich durch Autorschaft, also durch ihre Gedankenkraft, Einbildungsmacht und Könnerschaft in der Darstellung. Weder Markterfolg noch öffentliches Loben und Preisen begründen die Bedeutung ihrer Arbeit. Ihr Ruhm besteht in der Anerkennung der Kritikwürdigkeit ihrer Arbeitsresultate durch andere Autoren. Ihre Autorität gewinnen sie, weil sie als Individuen bedeutsamere Findungen und Erfindungen zustande bringen als die Kollektive, die eine Kultur ausmachen.

Alles, was wir in Europa Fortschritt nennen, geht auf die Leistung von solchen Individuen zurück. Kulturen als Manifestation der Kraft von Kollektiven haben seit dem alten Ägypten dutzendfach großartig ihre Fähigkeit erwiesen, das Leben auf Erden zu erhalten, ohne je einen Begriff von der Tätigkeit von Künstlern und Wissenschaftlern, also der Autorität durch individuelle Autorschaft zu haben. Evolution im Sinne von Fortschritt hat sich erst in Europa herausgebildet; das wird weltweit unüberboten in § 5.3 des deutschen Grundgesetzes festgeschrieben: „Kunst und Wissenschaft sind frei“ – frei von jeder Einschränkung durch kulturelle Kollektive und ihre behauptete Vorrangstellung vor der Freiheit der Individuen und deren „Gedanken“, die „frei“ sind, wie es die Hymne der freien Menschen in den Gefängnissen der kulturellen Kollektive seit der Französischen Revolution besingt.

Zur Ehre und Anerkennung der Beispielhaftigkeit Europas für die Welt führt die Freiheit der Individuen von den Kulturkollektiven durch den Rechtstaat, der im Gegenzug den freien Menschen die Akzeptanz des gleichen Rechts für alle abverlangt. Das meinte die alte Formel von „Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit“: Gerade die vorbehaltlose Anerkennung der rechtstaatlichen Ordnung für alle ermöglicht Freiheit der Individuen.

Aber Achtung: Gerade die höchst entfalteten Individuen sind die sozial bindungsfähigsten, denn sie fürchten die Besseren nicht. Im Gegenteil: Es verlangt sie nach ihnen, um von ihnen zu lernen. Schwache Charaktere hingegen lassen nur schwächere als sich selbst gelten, da sie denen gegenüber immer noch einen Rest von Überlegenheit glauben behaupten zu können. Auch für den tatsächlich aufgeklärten Bürger galt und gilt, dass sich die Kraft seiner Individualität daran bemisst, ob er sie für die res publica, das Allgemeinwohl einzusetzen bereit ist. Der echte Republikaner gewinnt seine Individualität gerade durch die Aufnahme dessen, was über ihn selbst hinausgeht. Er wird mehr, als er ist – in der Orientierung auf die anderen ausgeprägten Individuen in ihrer Fähigkeit das Ganze, das alle Menschen Bedingende öffentlich zur Sprache zu bringen und somit auch politisch zu wirken. Denn das Politische ist alles das, was öffentlich verhandelt wird. Genau in diesem Sinne verstand und versteht Peter Weibel sein kulturelles Wirken als Leiter öffentlicher Institutionen, deren Zweck es ist, die notwendige Abkoppelung der freien Künstler und Wissenschaftler von jeder kulturellen Bindung ihrer Herkunft und Erziehung zu ermöglichen. Er steht geradezu einmalig in unserer Republik als freier Künstler und Wissenschaftler, wenn er gleichzeitig die kulturell kollektiven Ressourcen der Institutionenbildung für die Freiheit einsetzt.

Die in Regensburg präsentierten Arbeiten Weibels erweisen, welche allgemeinen ästhetischen, wahrnehmungspsychologischen, erkenntnistheoretischen Bedingungen jedermann anzuerkennen hat, wenn er individuell frei denken und gestalten will. Insbesondere verweisen sie im demonstrierten Augenschein auf das notwendige Bewusstsein der Täuschbarkeit im Augenschein. Damit wird die Erkenntnis der Wahrheit schon dann angestiftet, wenn man herausgefunden hat, was falsch ist. Denn zu wissen, „dies ist falsch“, stützt ja die Orientierung auf die Wahrheit, auch wenn man sie nicht kennt.

Man mag durchaus sagen, dass Weibel „nur“ jene allgemeinen Bedingungen der Wahrnehmung und des Denkens zur Anschauung bringt, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts, seit den grundlegenden Erkenntnissen der Baumgarten-Schule in Frankfurt/Oder über Helmholtz und Freud bis zu Köhler/Koffka Anfang des 20. Jahrhunderts ausgearbeitet wurden; aber es ist kein „nur“, sondern ein „post“, besser ein „trans“ jener frühen Grundlagenforschung, wenn Weibel sie mit den Mitteln elektronischer Medien für jedermann nachvollziehbar demonstriert. Denn die elektronischen Mittel und Manifestationen entsprechen ihrem Wesen nach den wissenschaftlich höchst anspruchsvollen Positionen der europäischen Theologien, ja der Spiritualität und dem élan vital. Wenn vor rund 2500 Jahren von vorsokratischen Denkern festgestellt wurde, dass „die Welt voller Götter ist“, so lässt sich das heute nicht nur glaubwürdig, sondern grundlegend überschreiben mit dem Satz: Die ganze Welt ist gedanklich repräsentierbar in elektromagnetischen Feldern. Diese erfüllen dem Wesen nach alle Bestimmungen, die Theologen für den Gottesbegriff ausgemacht haben: Allgegenwärtigkeit, Allmächtigkeit, Unüberbietbarkeit, Unbedingtheit, kurz: Denknotwendigkeit. (Die drei anderen Urkraftkomponenten des kosmischen Geschehens neben dem Elektromagnetismus, nämlich Schwerkraft, starke und schwache Wechselwirkung, lasse ich hier, wie Weibel, unerwähnt.)

Hoffentlich ist es mehr als eine erhellende Pointe, wenn ich die heutige Situation in Analogie zu der des Aufklärungszeitalters setze. Damals versuchte mit größter öffentlicher Wirkung der schwedische Denker Emanuel Swedenborg für die Welt der Gedanken, der Einbildungen, der Vorstellungen eine „Logik der Entwicklung“ zu erarbeiten, analog zu seinem Kollegen Carl von Linné, der eine Systematik der Beschreibbarkeit, d.h. der Unterscheidbarkeit der Geschlechtsorgane von Pflanzen erstellte, wobei er den Begriff der Ähnlichkeit als Kennzeichnung von Formen einführte. (Darwin entfaltet das später als System der Evolution.) Swedenborg setzt an die Stelle der Linné’schen Naturphänomene Manifestationen des menschlichen Geistes, nämlich Gedanken, Vorstellungen, Gefühle und Erfahrungen.

Die Erschließung dieser Welt des Geistes nannte man Geistersehen, dem gerade Kant seine frühe wissenschaftliche Neugier widmete, um sie später zu systematisieren. Analog kennzeichne ich Weibels Arbeit als ein Gedankensehen oder ein Gedankenlesen, das in Phänomenen, ihren Formen und Stoffwechseln erkennbar ist, wenn man sich darauf konzentriert zu untersuchen, auf welche Weise Gedanken sich als formende Kräfte beweisen. Das ist ein postmodernes, ein transmodernes Verständnis von Metaphysik.

René Descartes, der Begründer der modernen Erkenntnistheorie, hat als Beobachter des Dreißigjährigen Krieges Zerstörung und Tötung als mächtigste Formen der Wirkung des Denkens auf die Natur wahrnehmen müssen. Als Natur beschreibt er die materiellen Gegebenheiten dieser Welt und nennt sie res extensa (ausgedehnte Körper), was herkömmlich griechisch physis oder lateinisch materia genannt wurde. Die gedankliche Fassung oder generell Orientierung auf diese Physik nannte er res cogitans (die Natur als Gedankengebäude), konventionell Metaphysik. Das griechische „meta“ bezeichnet ein „Darüberhinaus“, aber kein Jenseits – eine übliche Missinterpretation, die die Metaphysik diskreditiert hat, so dass man schließlich das postmetaphysische Zeitalter ausrief. Das falsch verstandene „meta“ schien auf das Jenseits des Diesseits zu verweisen, auf das Göttliche jenseits des Menschlichen oder das Unendliche jenseits des Endlichen. Dadurch wurde die Metaphysik zum Kinderspiel verharmlost, nämlich mutwillig vom Sein auf das Nichts zu verweisen oder kurz in gedankenlosem Dualismus sich zu amüsieren. Das moderne Verständnis von Metaphysik sieht das Unendliche als Bestimmungsform des Endlichen und das Göttliche als Bestimmungsform des Menschlichen. Erst in der christlichen Botschaft, zunächst noch ganz ohne Umwandlung der griechisch-römischen Philosophie in Theologie, wurde mit dem Motiv der Menschwerdung Gottes das vernünftige Sprechen über Gott begründet, um damit die kindlichen Märchenerzählungen über das Jenseits zu überwinden und den blühenden Phantasien der beliebigen kontrafaktischen Behauptungen entgegenzutreten. Kant schuf dafür in der Unterscheidung von Diesseitigkeit und Jenseitigkeit mit dem Begriffen Transzendentalität und Transzendenz die notwendige Begründung der Macht der Erkenntnis. Die Welt an sich, die Dinge an sich überlassen wir den Narren in ihrer Fixierung auf die leere Transzendenz. Wir gewinnen Boden unter den Füßen mit dem innerweltlichen Gott als Mensch, mit der innerweltlichen Transzendenz als Transzendentalität im produktiven Miss- oder Nichtverstehen.

Das Nichtverstehen ist von Natur aus vorgegeben. Die zum Beispiel durch genetische Mutation neu entstehenden Arten tragen in sich nicht die Bedingung der Möglichkeit zu überleben; sie besitzen kein Verständnis für die Bedingung der Möglichkeit, sondern müssen Überlebensräume besetzen, ohne dass in ihnen vorab die Erkenntnis ihrer Situation angelegt ist. Die Naturevolution kennt kein Verstehen als Erkennen der Bedingung der Möglichkeit, Leben zu stiften. Stattdessen experimentiert sie mit Verfahren der Kommunikation ohne Verstehen. Unsere heutige Welt verlangt längst von uns in 99 % unserer Alltagsoperationen Kommunikation ohne Verstehen, was die Entwicklung von Vertrauen in experimentelle Erprobung voraussetzt. Diese Tatsache begründet die weltweite Karriere des Begriffs „Design“, da Design ja gerade als Kommunikation ohne Verstehen in höherem Maße Strukturierungen des Wahrnehmungsfeldes gestalterisch prägnant präsentiert und damit Vertrauen in den Erfolg der Kommunikation stützen sollte.

Im Kunst-, aber zunehmend auch im Wissenschaftsbereich geht das Vertrauen in die Arbeit der Institutionen verloren; zu weitgehend ist die gedankliche Erschließung und Bewertung von Karriere- und Marktchancen korrumpiert. Der Opportunismus der Katalogschreiber hat die Begriffsarbeit ins Belieben und Meinen absinken lassen. Bekenntnisse treten an die Stelle von Erkenntnissen, man erträgt nicht mehr von Künstlern und Wissenschaftlern die Zumutung und Anstrengung des Denkens, sondern besteht auf dem demokratischen Recht der Verständnislosigkeit zugunsten der unterhaltsamen Kommunikation. In dieser Phase der allseitigen Missachtung der Errungenschaften von § 5.3 GG sind Zumutungen und Herausforderungen an unseren Freiheitswillen – im Denken und in sinnhaft begründeten Urteilen – wie sie uns das Werk von Peter Weibel bietet, wahre Kostbarkeiten. An Weibel kann sich aufrichten, wer im Leerlaufbetrieb der meisten Kulturinstitutionen mutlos zu werden droht. Seine Arbeiten sind ertüchtigte, erprobte Werkzeuge, um die Kraft des Denkens durch Gestalten zu erhalten.

siehe auch: