Radiobeitrag Deutschlandradio Kultur

Erschienen
08.05.2009

Sender
Deutschlandradio Kultur

Sendung
Thema

„Wie wir von anderen wahrgenommen werden, sind wir sozial existent“

Wissenschaftler Brock über den Erfolg von Castingshows

Bazon Brock im Gespräch mit Susanne Führer

Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ sind sehr erfolgreich im deutschen Fernsehen. Doch was macht die Sendungen so erfolgreich? „Der Erfolg besteht ja darin, dass man die demokratischen Verständigungsformeln über Chancengleichheit in einer völlig neuen Weise sieht“, meint Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik der Uni Wuppertal.

Susanne Führer: Gerd Brensel über Castingshows. Was macht sie so erfolgreich? Dieser Frage will ich gemeinsam mit unserem Gast Bazon Brock nachgehen. Er ist erimitierter Professor für Ästhetik der Uni Wuppertal und jetzt hier im Studio. Schön, dass Sie da sind, Herr Brock!

Bazon Brock: Ja, hallo!

Führer: Bisher hat ja „Deutschland sucht den Superstar“, Gerd Brendel hat's angedeutet, noch keinen wirklichen Superstar hervorgebracht. Warum ist die Show so erfolgreich?

Brock: Weil's gar nicht um Superstars geht, sondern es geht um die einzige Form, in der Zeitgenossen, ein allseits gehandelter politischer Begriff wie Chancengleichheit, mit Inhalt gefüllt wird. Chancengleichheit bedeutet ja nun wirklich auf irgendeine Weise, mit öffentlichem Anspruch auf Kontrolle – und das ist der Sinn, warum das öffentlich gemacht wird – einzufordern, dass man auf die gleiche Weise wenigstens zugelassen wird zu einer Entscheidung, wie man herkömmlicher Weise es nur für privilegierte Angehörige bestimmter Kulturgruppen oder bestimmter Klassen vermutet.

Wir kennen diese Geschichte aus dem akademischen Leben. Es war eine große, na, sagen wir mal ein Entwicklungsfortschritt, als akademische Prüfungen öffentlich abgehalten werden mussten. Und noch vielmehr, als jeder zugelassen werden musste, der die Voraussetzung erfüllt. Das heißt, Sie konnten sich einklagen zur akademischen (…), man konnte nicht sagen, weil Sie schwarz, weiß oder grün sind, weil Sie Jude, Christ oder Moslem sind, werden Sie zugelassen oder werden Sie nicht zugelassen.

Das ist ein demokratischer Formalismus sozusagen. Anspruch auf Öffentlichkeit zu haben, bedeutet nichts anderes, als Chancengleichheit zu haben, bedeutet, wahrgenommen zu werden. Im 18. Jahrhundert gab es eine berühmte Maxime, die hieß: Soziales Dasein heißt wahrgenommen werden – esse est percipi. Also, nur in der Form, wie wir von anderen wahrgenommen werden, sind wir sozial existent. Und diese Shows sind die Erfüllung unter heutigen Medienbedingungen für diese Forderung: Ich möchte wahrgenommen werden.

Führer: Es wird ja immer wieder mal so beklagt in den Feuilletons, dass diese Kandidaten dort sich so bloß stellen, dass die mit Hohn und Spott überzogen werden. Dieter Bohlen ist ja berühmt-berüchtigt dafür. Und da wird immer gesagt, dieser Umgangston sei so rüde, oder auch Heidi Klum, wie sie diese armen Mädchen da fertigmachen würde. Andererseits, das trifft sich ein bisschen mit dem, was Sie gesagt haben, kann man ja auch argumentieren, die Kandidaten erhalten wenigstens überhaupt eine Form von Rückmeldung, also eine Art Feedback, statt Gleichgültigkeit, was viel schlimmer ist.

Brock: Richtig. Das ist der Kern der Sache. Chancengleichheit ist in unserem System das A und O. Hören Sie die Politiker an, immer geht es darum, dass man sagt, ihr habt eigentlich die Chance, natürlich das Resultat sieht hier unterschiedlich aus. Der Kern der Affäre ist eigentlich die, dass die Stars, die Klums und Co., vollkommen abgebaut werden, denen nimmt kein Hund mehr irgendetwas ab. Die lächerlich Gemachten sind diese Bohlens. Man hat sogar das Gefühl – ich war gerade in Dittmarschen auf einem Dorf, um herauszufinden, wie Leute reagieren –, dass die Menschen sogar enttäuscht darüber sind, dass sich diese Jurymitglieder derartig blöd, derartig kenntnislos, derartig einfallslos geben, dass alle eigentlich meinten, es sei zu schade, so eine öffentliche Demonstration des Abbaus aller Autorität, alles Starruhms zu …

Führer: Ja, das widerspricht jetzt aber doch dem, dass diese Shows ungemein erfolgreich sind?

Brock: Nein, das ist trotzdem richtig. Der Erfolg besteht ja darin, dass man die demokratischen Verständigungsformeln über Chancengleichheit in einer völlig neuen Weise sieht. Und das ist demokratietheoretisch von größter Bedeutung. Es heißt bei uns, im allgemeinen öffentlichen Selbstverständnis, alle sind gleich. Jeder kann sofort widerlegen, dass es nicht stimmt.

Genetisch bin ich ungleich Ihnen gegenüber, von Familienherkunft, Ausstattung, Fortbildung und so weiter. Wir sind alle ungleich. Worin sind wir denn gleich? Warum stimmt denn die Demokratietheorie?

Wir sind alle gleich, im Hinblick auf das, was wir nicht können, was wir nicht haben, was wir nicht wissen. Die einzige Form der Realisierung von Demokratie basiert auf der Gleichheit der Menschen, die ausschließlich in Mangel, in Nichtvermögen und Nichtwissen bestehen.

Mit anderen Worten: Man muss lernen, wie man sich auf dieser Basis, dass wir alle zusammen kein absolutes Wissen von der Wahrheit haben, dass niemand weiß wirklich, wo es langgeht, dass keiner den Führungsanspruch entwickeln kann, weil er geniale Gedanken hat, das ist alles Mumpitz. Und das kommt bei diesen Castingshows heraus.

Die führenden Herrschaften, die das ganze Unternehmen leiten, sind genauso dämlich wie der Dämlichste im Publikum. Das aber ist genau der demokratietheoretische Effekt. Wir müssen uns langsam daran gewöhnen. Es gibt nicht wissende Wirtschaftswissenschaftler, Finanzwissenschafter, die wissen, wie es läuft – wir sehen ja gerade, keiner weiß irgendwas –, sondern wir sind allesamt darauf hin miteinander auf soziale Bindung angewiesen, dass keiner von uns etwas Absolutes weiß. Und die einzige Brause der Gleichheit ist die Dummheit, das Nichtkönnen und das Nichtwissen. Das ist die ernsthafte Hintergrundbestimmung für all diese Affären. Und ich finde, das ist ein wahnsinniger Fortschritt in der Aufklärung. Für mich ist es der Höhepunkt der Aufklärung selbst.

Führer: Dem Erfolg der Castingshows im Fernsehen geht im Deutschlandradio Kultur der „Künstler ohne Werk“ Bazon Brock nach. Da wurde mir jetzt aber ein bisschen anders, was Sie da gerade zum Schluss gesagt haben, Herr Brock. Also die Grundlage ist das Nichtwissen und das Nichtkönnen, und das ist ein Erfolg für die Demokratie, das ist mir nicht so recht klar.

Brock: Ja, weil wir auf andere Weise ja nicht gleich sind. Wir sind im Hinblick auf Herkunft, genetische Ausstattung, auf Ausbildung sind wir ja nicht gleich. Wie wollen wir Demokratie, den auch formalen Anspruch auf Gleichheit repräsentieren? Zum Beispiel Chancengleichheit.
Führer: Aber ich verstehe gar nicht die Idee der Gleichheit, denn um Gleichheit geht es doch nun in den Castingshows ganz und gar nicht, sondern im Gegenteil …

Brock: Doch gerade, nein, das ist …

Führer: Es geht doch darum, eine Rangfolge aufzustellen und um den Superstar, sozusagen einer bleibt übrig.

Brock: Nein, es geht um die Gleichheit im Hinblick auf den Anspruch, nach öffentlich ausgewiesenen Kriterien beurteilt zu werden. Das ist der Punkt. Dass einer siegt und ein anderer verliert, liegt in der Sache. Das heißt, man dürfte gar nicht teilnehmen, weil man eh weiß, es kann nur einer gewinnen, wenn Abertausende sich bewerben. Das kann nicht der Grund sein. Sondern nach öffentlichen Kriterien ernst genommen zu werden wie alle anderen und dass jemand, der in eine Position wie bei Ihnen Hauptabteilungsleiter kommt, schlussendlich in öffentlicher Ausschreibung unter Kontrolle der Öffentlichkeit, nicht nur der Gewerkschaft, nicht nur der Arbeitnehmervertreter, sondern der Öffentlichkeit gewählt wird, da haben Sie doch überall dasselbe Verfahren. Wenn es hier im Hause demokratisch zugeht natürlich.

Führer: Öffentlichkeit haben wir ja auch bei Wahlen, weil Sie ja die Wirtschafts- und Finanzkrise und auch die Politik angesprochen haben. Ich habe gelesen, dass die ZDF jetzt auch eine Castingshow plant, die nennen es natürlich anders, aber es ist im Prinzip eine, und die heißt „Ich kann Kanzler“. Soll im Juni starten, und da sollen dann junge Menschen auf ihre politischen Fähigkeiten hin getestet werden. Und angeblich dient diese Show dem Zweck, bei den jungen Menschen das Interesse für die Politik zu wecken. Aber wenn ich Sie recht verstehe, ist es im Grunde genommen das Sinnbild?

Brock: Es ist schon seit ungefähr 25 Jahren für die Erzieher, Pädagogik aller Klassen, ein bestimmtes Verfahren zugänglich, das kann man als Lehrer beziehen von Medienstellen, indem man zum Beispiel seine Klasse ein Bürgerforum bilden lässt oder ein Rathaus spielen lässt, mit allen Funktionen, die von Schülern übernommen werden. Das ist eine altbekannte Methode. In England ist sie seit 200 Jahren Verpflichtung bei akademischen Prüfungen, wo man jeweils die Rolle eines anderen spielen muss und niemals sich selbst. Nein, es hat wirklich eine grundlegende Bedeutung. Eine Gesellschaft darauf hin bildend und bindend oder verpflichtend zusammenhalten zu können, dass ist keine Führer gibt, dass es keine Besserwisser gibt, dass es keine göttlich inspirierten Künstler gibt, der ganze Rest ist Abschaum, der sich nur mit den Ameisen verständigen kann, sondern dass die Leistungsfähigkeit gerade darin besteht, dass alle kapieren. Weil niemand etwas Absolutes weiß, weil niemand etwas Verbindliches durchsetzen kann, kein Chef per Diktat mehr regieren kann, sind wir aufeinander angewiesen. Sobald wir verstehen, wir haben andere dringend nötig, um mit der Unlösbarkeit aller Probleme umzugehen. Das erklärt sich ja daraus, wir sind nicht mehr Experten der Problemlösung, wir sind Experten der Problemfindung. Und jedes Problem ist deswegen eins, weil es nicht gelöst werden kann. Und das heißt demokratisches Verfahren und Selbsteinstellung zu anderen Menschen. Ich brauche euch, weil ich eben nicht weiß und ihr auch nicht. Und dann müssen wir gemeinsam aushandeln, wir gehen wir denn damit um, damit wir pausenlos unlösbare Probleme vor die Nase gesetzt bekommen.

Führer: Bazon Brock, erimitierter Professor für Ästhetik der Universität Wuppertal. Herzlichen Dank, dass Sie hier bei uns waren, Herr Brock!

Brock: Danke auch.