Radiobeitrag Bayern 2

Erschienen
04.04.2020, 09:05 Uhr

Sender
Bayrischer Rundfunk

Sendung
Bayern 2 am Samstagvormittag

Dauer
8 min

Erscheinungsort
München, Deutschland

Was kommt nach Corona?

Die Zeit nach Corona - wie wird sie sein? Werden wir aus dem Shutdown unsere Lehren ziehen? Wird es persönlich, im Miteinander, Konsequenzen haben? Ein Gespräch mit dem sehr skeptischen Professor für Kulturvermittlung, Bazon Brock

Johannes Marchl: Die Welt nach Corona, wie wird sie aussehen? Kann man das beantworten mit einem Schulterzucken und „gute Frage“-Sagen? Oder hat man eine Prognose, kann man eine Prognose wagen? Matthias Horx, ein Zukunftsforscher, hat noch etwas ganz anderes getan. Er hat sich nämlich quasi in die Zukunft gebeamt und eine Regnose gewagt, er hat also aus dem Standpunt des kommenden Herbstes, 2020, sich unsere Welt angeschaut und da eine recht positive Fiktion entworfen. Wir werden neue Freunde haben, die Älteren häufiger kontaktiert haben, per Skype oder per Telefon, wir werden uns sehr schnell mit neuen digitalen Techniken angefreundet haben, was wir sonst nicht gemacht hätten. Wir werden alles mit viel Humor und Mitmenschlichkeit überstanden haben.
Soweit Zukunftsforscher Horx. Es gibt da aber auch Gegenstimmen, zum Beispiel Bazon Brock, Professor für Kulturvermittlung. Ich grüße Sie, Herr Brock.

Bazon Brock: Hallo!

JM: Herr Brock, Sie haben diese positiven Visionen von einigen Ihrer Kollegen bei den Zukunftsforschern scharf ins Visier genommen und einen Artikel in der WELT veröffentlicht, da war die Überschrift „Eure Zukunftsvisionen für die Zeit nach Corona sind nichts als Dummheit“. Was finden Sie denn so dumm daran?

BB: Horx und andere Herrschaften dieses Typs arbeiten ja mit Leuten zusammen, denen daran gelegen ist, dass alles, was passiert, heruntergebrochen wird auf eitel Sonnenschein. Alles dient dem gesteigerten Absatz. Eine bessere Förderung für den Verkauf von Hard- und Software hätte sich die Elektronikbranche gar nicht denken können als jetzt den Corona-Virus. Das ist die beste PR-Kampagne für diese Industrie.
Was substantiell dahinter steht, ist ein prinzipieller Irrtum für Zukunftsforscher. Niemand kann in die Zukunft sehen, die einzige bisher bei uns anerkannte Form ist die Hochrechnung. Das heißt, man geht von den Daten aus den letzten fünf Jahren bis zur Gegenwart aus und rechnet das Ganze dann hoch. Aber das ist keine Voraussicht, sondern nur eine Prognostik im Hinblick auf die Fortsetzung einer Entwicklung, die schon eingetreten ist. Das besagt aber gar nichts über die Zukunft, denn wenn irgendetwas eintritt, das man nicht berücksichtigt hat, ist das Ganze gar nichts wert.
Zukunftsforschung funktioniert ganz anders. Das kennen wir aus der Geschichte. Die einzige Zukunftsforschung, die wirklich begründet ist, ist die Geschichtswissenschaft. Denn jeder Historiker, der z. B. 800 Jahre Entwicklung überblickt, hat in diesen Jahren, die sein Metier sind, zigmal das Verhältnis von Gegenwart und Zukunft an Namen kennen gelernt. Die Leute von 1200 haben eine Vorausschau für 1250 oder 1300 gemacht und von 1300 her konnte man überprüfen, was diese Annahme wert ist. Wenn jeder Historiker in seinem Feld das 10-, 20-, 30mal erlebt hat, kann er ziemlich genau sagen, in welcher Weise das Verhältnis von Gegenwartsannahmen und Zukunftswünschen oder -vorstellungen verläuft. Und wenn man die geschichtliche Periode, die wir schriftlich haben, 2500 Jahre, überblickt, kann man unterscheiden, was eine vernünftige Aussage über die Zukunft und was reine Spekulation oder Wunschdenken ist.

JM: Sie sagen also, das es reine Spekulation oder Wunschdenken ist, aber wir sehen doch jetzt schon, dass es durchaus positive Folgen haben kann, Stichwort digitaler Unterricht für Schüler, der vorangetrieben wird, Stichwort Miteinander, Nachbarschaftshilfe oder das Skypen mit Freunden, also diese soziale Ader, die wieder belebt wird. Ich finde das gut.

BB: Das könnte man gut finden, wenn es stattfände! Es findet aber nicht statt. Das sind Phänomene, die man im Augenblick einer Umorientierung immer sieht. Aber sie sind nicht nachhaltig und bedeuten gar nichts. Zum Beispiel ist nachgewiesen worden und zwar in Amerika schon seit den 1990er Jahren in zig Studien, dass elektronischer Unterricht in keiner Hinsicht auch nur annähernd dem Effekt gleich kommt, den der Unterricht von Person zu Person beziehungsweise Klassenlehrer und Klasse, also die reale Konfrontation der Lehrer mit den Schülern darstellt. Man nennt das nur Unterricht, in Wahrheit ist es die Aufkündigung des Systems Schulbildung, das wir bisher kennen.

JM: Dann lassen Sie uns zu einem anderen Beispiel kommen. Dieses Miteinander, dass ich zu meiner Nachbarin sage, sie ist 92, Frau Meindl, wenn Sie irgendetwas brauchen, Sie müssen es mir wirklich nur sagen, ich gehe für Sie mit einkaufen. Das ist doch ganz praktisch!

BB: Das tun Sie ja auch schon, allenthalben, Sie wären doch sonst gar kein Mensch. Sie müssen doch nicht das, was als selbstverständlich anerkannt ist, jetzt plötzlich als Großleistung aus der Corona-Krise ableiten. Sie hätten auch vorher, wenn Sie ein Mensch wären, sich um Ihre 92-jährige Nachbarin kümmern müssen.

JM: Ja, ich kümmere mich schon, sage ich mal.

BB: Na also!

JM: Dann nehme ich nochmal ein anderes Beispiel. Ich treffe mich jeden Abend mit Freunden, wir skypen miteinander, das zieht immer weitere Kreise, wir sprechen miteinander, machen Pläne für später und kümmern uns umeinander, reden miteinander und haben einfach guten Kontakt zu Freunden, mit denen wir schon lange nicht mehr so viel Kontakt hatten.

BB: Dann hat es dafür offensichtlich kein Bedürfnis gegeben! Das jetzige Bedürfnis ist ja nur eins der Entlastung. Das kann man verstehen, das funktioniert immer in Extremsituationen, wenn zum Beispiel nun der Bus feststeckt oder der ICE stehen bleibt. Wenn die Leute drei oder vier Stunden im Zug festsitzen, kommt derselbe Kontakt zustande. Das sind Phänomene des Sozialen. Die Verbindlichkeit ist das Entscheidende. Das heißt, auf welche Weise wird aus einer solchen Erfahrung verbindliches Regelwerk und wie weit wird das auch durchgesetzt?
Da haben wir alle unsere Erfahrungen. Denken Sie nur an die letzte Großerfahrung, wo dasselbe Gerede stattfand, nämlich nach der weltweiten Bankenpleite 2008/09. Da hieß es, niemals wieder werde so etwas möglich sein und wir würden nicht dulden, dass die Banken uns alle wieder betrügen usw. Und was ist passiert? Die Spekulation nach der Pleite ist viel dramatischer und schwieriger zu beherrschen geworden, als es vorher je der Fall war, das sagen alle Fachleute. Nichts ist passiert, bisher ist noch nie in der Weltgeschichte nach irgendeiner Katastrophe etwas anders gegangen als vorher.

JM: Herr Brock, aber ist es nicht für uns Menschen wichtig zu erkennen, dass wir nicht nur das Negative sehen sollen, dass wir nicht nur dazu da sind, Enttäuschung zu ertragen, sondern auch den Lichtblick?

BB: Das Enttäuschung-ertragen-Können ist, entwicklungspsychologisch gesehen, das Einzige, das man lernen kann. Man kann nicht lernen, von einem Anderen mit besseren Strategien überwältigt zu werden, sich zu einer neuen Religion zu bekennen, plötzlich eine neue Weltsicht zu haben und damit erlöst zu sein. Das führt immer in dieselbe Katastrophe. Das Einzige, was man beim Erwachsenwerden auf der Ebene des sich-Bildens erreichen kann, ist, gegenüber solchen Verlockungen der Popen, der Industriepropagandisten gefeit zu werden durch Enttäuschung. Man weiß, dass dieses oder jenes nicht eintritt und deswegen feit man sich gegen die Verlockung der Propaganda von Waren, gegen die Propaganda der Politik, gegen die Propaganda der Medizin oder der positiven Wissenschaften. Es ist ja gruselig, was sich heute an Leichtgläubigkeit entwickelt hat. Eine oft überprüfte amerikanische Studie zeigt, dass heute, im Jahre 2020, die Menschheit viel leichtgläubiger und abergläubischer ist, als sie je in mittelalterlichen Zeiten gewesen ist, für Propaganda, für Lügenerzählen, für Faken, wie man das heute so schön benennt. Das ist die Einsicht, die wir aus solchen Katastrophen gewinnen können. Das heißt, der Realitätssinn wird geschärft. Das Vorgehen, das jetzt nötig wäre, ist etwas, das wir permanent brauchen. Wir müssen permanent damit rechnen, dass Viren sich durch Mutation in Gefahrenherde für die menschliche Gesundheit entwickeln können, das ist kein einmaliges Geschehen.

JM: Bazon Brock, Professor für Kulturvermittlung, glaubt nicht, dass unsere Gesellschaft „geläutert“ aus der Corona-Krise hervorgeht.

  • Was kommt nach Corona?

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