Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände | Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Ankündigungsplakat zur Buchmesse 2008. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | DVD-Cover. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Außenseite aufgefaltet. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Innenseite Ausschnitt. Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58cm * 79cm eingeschlagen.

Seite im Original: 210

II.7 Kunst als Evidenzkritik - Erkenntnisstiftung durch wahre Falschheit

Werbung für Produkte, Propaganda für Parteien oder Missionierung für Kirchen zielen darauf ab, dem Adressaten eine eigene Augenscheinbestätigung für eine Behauptung nahezulegen. Seit sechshundert Jahren sind die bildenden Künstler darauf spezialisiert, den Augenschein zu problematisieren, also behauptete Evidenz zu kritisieren – aber nicht nach dem Muster der religiösen Bilderverbote, sondern als Darstellung des Undarstellbaren, also als Bilder des Bilderverbots. Nichtnormative Ästhetik der Fakes: Sie sind Artefakte, die bewußt signalisieren, daß sie häßlich, fragmentarisch, beliebig sind und sich denknotwendig an den Begriffen Schönheit, Wahrheit und Gutheit orientieren. >Nur das Falsche ist als das erkannte Falsche noch wahr.

Im Theoriegelände zeigen wir die auf die Leistungen des großen preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel zurückverweisende Fake-Wand, der verschiedene Objekte appliziert sind, die den Betrachter mehr oder weniger peinlich an heutige Anpreisungen von Schönheitschirurgie am weiblichen wie männlichen Körper und an plastische Chirurgie zur Wiederherstellung von Körpern nach Deformationen durch Krankheiten und Unfälle denken lassen.

Die Konstellation theoretischer Objekte, zu denen neben der Schinkel-Wand auch eine sogenannte „Pyramide der Eitelkeiten“ nach Savonarola, ein Gemälde von Braco Dimitrijevi´c und eine Photographie von Michael Wesely gehören, orientiert uns auf die Frage, wie man Aussagen etwa im Hinblick auf ihren behaupteten Wahrheitsgehalt beurteilen können soll, wenn die Wahrheit nicht bekannt ist.

Diese Frage ist als das Dilemma gelungener, also nicht erkannter Fälschung nicht nur für die Kunstgeschichte der Gegenwart von herausragender Bedeutung. Seit sich reihenweise Großfälscher freiwillig der Fälschungen zahlreicher berühmter Werke moderner Künstler bezichtigt haben, die weltweit in allen Museen sich des lebhaftesten Interesses und der überschäumenden Anerkennung sowohl des Laienpublikums wie der Kunstsachverständigen erfreuten, wurden hochnotpeinliche Fragen gestellt, auf die bisher höchst unzureichend geantwortet wird. Warum wird ein Gemälde als Fälschung diskreditiert, wenn doch selbst Fachleute von seiner Echtheit überzeugt waren? Und immer noch überzeugt wären, wenn nicht die Fälscher den gegenteiligen Beweis angetreten hätten.

Warum zeigten sich so viele Fälscher selber an, obwohl sie damit rechnen mußten, daß Justiz und Bildbesitzer Fragen der Fälschung, gegen alle Logik, immer noch als strafrechtliches und nicht als erkenntnistheoretisches Problem einschätzen? Das erklärt sich aus der Psychologie von Hochleistern. Was außer einem nicht einmal üppigen Bankkonto hat ein bedeutender Fälscher von seiner Leistungskraft, wenn niemand, außer ein paar Zwischenhändlern, ihn überhaupt identifizieren kann, um ihm Anerkennung für seine Leistungen zu bekunden? Bei großen Fälschern handelt es sich nicht bloß um Hochleister im Sinne der üblichen Zuordnung zu Eliten. Sie müssen noch mehr bringen als alle anderen Großkönner, weil sie die außerordentlichen Fähigkeiten vieler verschiedener Meister zum Beispiel als Künstler besitzen und ausprägen müssen. Wer gleich ein halbes Dutzend Künstlergenies in seinem eigenen vereinigt, hat ja wohl als jedem einzelnen Künstler weit überlegen zu gelten. Mit der Selbstanzeige fordern jahrzehntelang erfolgreiche Fälscher als Genie der Genies endlich die gebührende Anerkennung ein.

Wieso werden solche grandiosen Figuren meisterlicher Größe immer noch wie Taschendiebe oder Kreditbetrüger behandelt? Haben sie irgend jemandem geschadet? Jedenfalls nicht dem Käufer der schließlich als Fälschung enthüllten Bilder. Denn wieso kann sich ein Bildersammler gerade auf seine außerordentlichen Kenntnisse berufen, wenn sie nicht ausreichen, ein echtes von einem gefälschten Bild zu unterscheiden? Kommt es ihm aber ohne jede Kennerschaft nur darauf an, mit dem Besitz allseits geschätzter Kunst anzugeben, also aus unlauteren Motiven Kunst zu erwerben, und sich mit dem Erwerb die soziale Anerkennung als kunstsinnig zu erschleichen, so würde seiner Vortäuschung von Kennerschaft nur mit der Angabe eines falschen Urhebers entsprochen.

Darüber hinaus aber bleibt die Frage unbeantwortet, warum ein Bildwerk, dessen Konzept, formale Gestaltung, Ikonographie und Wirkungskraft bisher geradezu gefeiert wurden, nur deshalb plötzlich wertlos sein soll, weil es nicht von dem namhaften Künstler selbst stammt, sondern von einem Namenlosen, der allerdings über die gleichen, ja prinzipiell über größere Fähigkeiten verfügen muß als der bekannte Herr, der aber nicht der Autor ist. Natürlich gehen wir dabei davon aus, daß es sich bei den Fälschungen um originäre, einzigartige Werke handelt und nicht um bloße Varianten oder Kopien ohne Eigenständigkeit.

Und wie soll durch die Fälschung die Wertschätzung von Kunstwerken um ihrer selbst willen beschädigt worden sein, wenn sogar Experten Fälschungen nicht von Originalen unterscheiden können (1) – weder im Hinblick auf Authentizität der künstlerischen Haltung noch auf Stimmigkeit der nur sekundär intuitiv wahrnehmbaren Aura noch auf die Einpassung in Werk und Biographie des prätendierten Urhebers?


Erkenntnisstiftung durch kognitive Fakes

Ein Ausweg aus den Dilemmata eröffnet sich mit der Erarbeitung des neuen Objektstatus‘ „Fake“ zwischen originalem Kunstwerk und Fälschung. Es wurden bereits an vielen Stellen der Welt Schausammlungen für echte Fälschungen eröffnet, in denen grandiose Kunstwerke im Rang von Braque, Chagall, Feininger, de Chirico, Malewitsch oder Dalí mit dem Zertifikat „erstrangiges Fake“ ausgestellt werden. Grundsätzlich gilt ein derartiges Werk als Fake, wenn es nicht in krimineller Absicht vorspiegelt, echt zu sein. Stattdessen zeigt sich das Fake als eigenständige schöpferische Leistung mit dem Hinweis auf seine völlige Gleichrangigkeit zu den bisher noch als gesichert anerkannten Klassikerwerken in den boomenden Museen der Metropolen – anerkannt, weil sie von Künstlern hervorgebracht wurden, die niemand anderer sein können, als sie selbst sind. Nur das Genie aller Genies, Picasso, behauptete stolz von sich, daß er seine eigenen Werke genauso gut fälschen könne wie die besten Großmeister ihrer Zunft.

Wenn Menschen nachweislich derartig grandiose kreative Kapazität besitzen können, daß sie nach Belieben Werke anderer singulärer Schöpferpersönlichkeiten hervorzubringen vermögen, dann wird die Schätzung glaubwürdig, daß gut die Hälfte der außerordentlichen Kunstwerke der Moderne falschen Urhebern zugeordnet werden. Die Schätzung geht zurück auf Angaben von „Fälschern“, die sich selbst offenbarten. Was befürchten die Herren der unbezifferbar wertvollen Sammlungen, wenn sie die „Fälscher“ legalisierten, also neben den Picassos von Picasso auch die Picassos von de Hory als de Hory präsentierten?

Es verwundert immer wieder, daß sich seit der Aufdeckung der Vermeer-Fälschungen Ende der 1920er Jahre die Diskussion achtzig Jahre lang in den gleichen Bahnen bewegt, also weiterhin unsinnig geführt wird. Nicht einmal Orson Welles‘ geniale filmische Bearbeitung des Themas in „F for Fake“ (1974) mit den besonders erhellenden Sequenzen über den Großfälscher Elmyr de Hory hat bei unseren Feuilletonisten, Staatsanwälten und Sammlungsdirektoren gefruchtet, obwohl mit der Verwendung des Begriffs Fake ja bereits die Qualität bezeichnet wird, durch Eingeständnis der Falschheit auf Wahrheit bezogen zu sein. Offenbar hat sich auch der Begriff der originären Fälschung trotz entsprechender Ausstellungen (zuletzt die lebensgroßen Terrakottafiguren aus der Armee des ersten chinesischen Kaisers im Hamburger Völkerkundemuseum) nicht durchgesetzt. Hängt dem Problem immer noch seine Entstehungsgeschichte in Antike und früher Neuzeit nach, als man nicht auf eigenes Urteil nach persönlichem Augenschein vertrauen konnte, sondern dem Hörensagen ausgeliefert war? Aber damals ging es im wesentlichen um Vortäuschung eines behaupteten Materialwerts wie dem von Gold oder Silber oder hochwertigen Stoffen, den man einem Käufer in betrügerischer Absicht vorenthalten wollte.

Die ewige Wiederholung der gleichen Einwände gegen die Anerkennung von Fälschungen als besonderen Leistungen der Künstler ist umso unverständlicher, als sich inzwischen herumgesprochen haben dürfte, daß sich Expertenurteile über Zuschreibungen und Aberkennungen ohnehin im Laufe der kunstwissenschaftlichen Entwicklung ändern, zum Beispiel für das Œuvre von Rembrandt, ohne daß dabei irgendeine betrügerische Absicht oder ähnliches im Spiel wäre. Aber auch da gilt es, die Frage zu stellen, warum der jahrzehntelange Liebling der Rembrandt-Kenner wie der Rembrandt-Fans, der sogenannte „Mann mit dem Goldhelm“ plötzlich an Wert und Interesse verlieren soll, bloß weil eine Expertenkommission ihn nicht mehr in toto Rembrandt persönlich, sondern einem Maler aus seinem Umfeld zuschreibt. Wenigstens bei Kennern wäre doch zu erwarten, daß der „Mann mit dem Goldhelm“ jetzt umso interessanter ist, als er nicht nur Rembrandts Konzepte, sondern auch die eines zweiten Großmalers vom Range eines Rembrandt zu repräsentieren vermag. Sollten Museen, vor allem die für moderne Kunst, nach Café und Shop nun auch den Museumslimbo anbieten, in dem Betrachter ihre Dalí-Lieblinge, Rembrandt-Ikonen und Gauguin’schen Paradieszeugnisse im Bewußtsein von deren Falschheit anzuschwärmen hätten? Eine solche Einrichtung wäre nicht nur in Sachen der teuflischen Problematik echter Falschheit und falscher Echtheit wertvoll, sondern leistete auch kulturgeschichtliche Bildung der Besucher, nachdem am 20. April 2007 (!) ausgerechnet der deutsche Papst Benedikt XVI. mit der rückstandfreien Auflösung der tausendjährigen Institution Vorhölle/Limbo einen nicht unwesentlichen Teil von deren theologischer Bildung gestrichen hat.

Gerade die Könnerschaft, wie sie Fälscher demonstrieren, schien den Laien vom Teufel zu stammen, mit dem Künstler und andere Übermenschen ja bekanntlich gerne regelrechte Pakte abschließen. Zur teuflischen Macht gehörte eine schier unkontrollierbare Verwandlungskraft, vor der man sich in Sicherheit bringen sollte. Deswegen fühlte der Bürger sich verpflichtet, nur Personen anzuerkennen, die niemand anderer zu sein vermögen, als sie tatsächlich sind. Wer hingegen bekundet, daß er beliebig anders könnte, verscherzt es sich offenbar mit dem Publikum, das angesichts eigener Kümmerlichkeit derart viele Optionen einer Person für teuflischen Schwindel halten muß.

>Einen Höhepunkt der Auseinandersetzung um die erkenntnistheoretische Problematik von echten Fälschungen erlebten nach dem Zweiten Weltkrieg die Lübecker. Als man daran ging, die von Bomben schwer beschädigte Marienkirche am Marktplatz zu sichern und wieder herzustellen, entdeckte man entlang der Chorwände unterhalb des Dachs einige Fresken in sensationell gutem Erhaltungszustand, die man für romanisch hielt. Die Kunstwelt, Ordinarien der Kunstgeschichte, Mediävisten und Ministerpräsidenten pilgerten erwartungsfroh zur Anbetung der Kunstoffenbarung. Zur Feier der Vollendung der Restaurierung richtete man einen großen Festakt aus. Ganz hinten im Festsaal saßen die Handwerker und hörten, wie die Experten auf der Tribüne die einmalige Leistung eines mittelalterlichen Künstlers priesen und die Kirchenvertreter sich über die kulturelle Bedeutung menschlicher wie göttlicher Schöpferkraft ergingen. Schließlich erhob sich einer von den billigen Plätzen und bekannte, daß er sich sehr gewürdigt und geehrt fühle, nach so einer Vergewisserung seines Könnens durch die anwesenden Kapazitäten. Er danke ergebenst, denn er sei der geniale Schöpfer dieser Fresken und heiße Lothar Malskat.

Naturgemäß verschwand Malskat für längere Zeit hinter Gefängnisgittern. Er konnte nie nachvollziehen, warum dieselben Kunstwissenschaftler, die zuvor die entdeckten Arbeiten in höchsten Tönen gepriesen hatten, von dem Augenblick seines Bekenntnisses an ihnen jede Bedeutung absprachen. Leider haben die Experten, um ihre Blamage vergessen zu machen, das Malskat’sche Werk eines romanischen Großmeisters mit Hilfe ebenso ahnungsloser Staatsanwälte, Richter und der üblichen Beteiligten an Großtaten von Dummheit verschwinden lassen.

Bloß dumm aus Geltungssucht und Habgier führten sich die Herren jenes Sterns auf, der sich gerne als Logo unnachgiebiger Gesellschaftskritik vermarktete, als sie Hitlers Tagebücher entdeckten und publizierten. Der Fall ist wirklich nur strafrechtlich und psychopathologisch anzugehen, weil jeder halbwegs Kundige umstandslos die Fälschung aufdecken konnte. Aus dem Fall ist nichts Erkenntnisstiftendes zu holen, da Konrad Kujau nur ein gering begabter Fälscher und ein noch weniger befähigter Faker war. Zu seiner Ehrenrettung könnte man die Hypothese wagen, sein reines Gemüt habe die Selbstrechtfertigung sabotiert, er, Kujau, habe ja nur spielerisch sein Können erproben und den Betrug anderen überlassen wollen.

Wenn ein Gemälde gelungen gefaket ist, dann handelt es sich um eine auf allen qualitativen Niveaus der Darstellung überzeugende Leistung, durch die die Frage nach der Ununterscheidbarkeit von Falschheit und Echtheit unabweislich wird. Wie ließe sich ein Unterschied zwischen einem fünfhundert Jahre alten und einem nur fünfzehn Jahre alten Bild behaupten, wenn dieser nicht feststellbar ist? Die Fälschungsproblematik sollte mittlerweile für so grundlegend gehalten werden, daß man erfolgreiche, weil nur durch Selbstanzeige entdeckte Fälscher nicht mehr ins Gefängnis steckt, sondern auf Philosophielehrstühle beruft.


Kontrafakte

Nach den entwicklungspsychologischen Studien Jean Piagets ist bei Kindern mit viereinhalb Jahren das Bewußtsein perfekt ausgebildet. Ein Kind mit einem funktionstüchtigen Verstand trainiert ihn durch Lügen, da es offenkundig zwischen richtiger und falscher Wiedergabe von Sachverhalten und auch zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Verpflichtung auf richtige Wiedergabe oder bewußtes Abweichen durch Erfindung von Varianten der Erzählung zu unterscheiden gelernt hat. Durch Erprobung seiner Kommunikation mit Erwachsenen erfährt das Kind, vor allem in mo- ralischen Appellen, daß es bei bewußtem Lügen sogar besonders deutlich auf die Wahrheit bezogen bleibt. Das Kind trainiert seine Intelligenz, indem es die Eltern erfolgreich anzuschwindeln versucht. So erzählen Kinder phantastische Geschichten im Bewußtsein der Falschheit dieser Erzählung. Sie schildern ihre Erfindungen so, als trieben sie irgendeinen Schabernack. Doch das Kind spürt selbst: Je mehr die eigene Erzählung so klingt, als ob sie wahr wäre, desto faszinierender wird sie. Man muß immer wieder betonen, daß die erzählerische Erfindungsgabe von Kindern ein Ausweis für eine gesunde Entwicklung von deren Bewußtsein ist. Die Kinder müssen darin geradezu unterstützt werden, denn Bewußtsein beruht prinzipiell auf einer Differenzerzeugung, in diesem Falle der Differenz von Wahrheit und Erfindung, obwohl beide Erzählungen nach den gleichen Argumentationsmustern vorgetragen werden müssen. Es stehen sich zwar Richtigkeit und Falschheit, aber nicht Wahrheit und Lüge gegenüber; vielmehr ist die Lüge bereits als Ausbildung von Bewußtsein der Differenz zwischen Tatsachen- und Fiktionswiedergaben zu verstehen.

Wenn man in diesem Sinne Lügen bereits als einen Erkenntnisvorgang auffaßt, sollte man auch begrifflich dem entsprechen, zumal das Lügen immer noch als moralisch verwerflich und nicht als erkenntnistheoretisch erhellend gewertet wird. Da bietet sich – analog zum Fake als drittem Objektstatus zwischen originärem Kunstwerk und Fälschung in krimineller Absicht – ein dritter Aussagenstatus zwischen Richtigkeit und Falschheit beziehungsweise zwischen überprüfbarer Aussage als Wahrheit und unüberprüfbarer Aussage als Unwahrheit an, nämlich das Kontrafakt; das ist eine Aussage, die darauf abzielt, dem Urteilsschema Wahr – Falsch zu entgehen, indem man ausdrücklich auf die Ebene von persönlichen Überzeugungen und Glauben wechselt. (2) Wenn etwas als Kontrafakt präsentiert wird, kann man ihm nicht etwa mit der Unterscheidung von zutreffender und unzutreffender Wiedergabe entgegentreten, da eine Glaubensüberzeugung zwar opportunistisch vorgetäuscht sein mag, aber per Definition als ein Jenseits der Rationalität nicht durch Verweis auf unzutreffende Wiedergabe von Sachverhalten erledigt werden kann.

Wenn hingegen die Eltern den Vortrag eines Märchens nach eigenem Gusto abwandeln, werden die Kinder sofort stutzig und insistieren auf einer Wiedergabe des „wahren“ Textes in seinem ursprünglichen Wortlaut. Das Kind drängt also darauf, die Eltern auf nicht variierbare Wiedergabe als Wahrheit zu verpflichten, selbst wenn es um die Wiedergabe von Märchen, also von Fiktionen geht. Damit sichern sich die Kinder eine neue Ebene der Bewertung von Aussagen: die der Souveränität oder Autonomie des Sprechenden – also auch ihrer eigenen Autonomie als Sprecher, nämlich selber über die Bewertung von Wahrheit und Unwahrheit, von Nachprüfbarkeit und Nichtnachprüfbarkeit beziehungsweise von Kontrafakt und Fake zu entscheiden.


Kleine Köstlichkeit

Ein wunderbares Beispiel für die Implikationen des Fakens im Alltag bietet sich unter einigen heutigen Jugendlichen. Sie haben ihre Umwelt daran gewöhnt anzunehmen, daß sie kleine Angeber seien, die sich mit chinesischen Billigkopien teurer Rolex-Uhren an den Handgelenken dicke tun wollen. Auf Grund dieser Einschätzung der Erwachsenen ist es für sie der sicherste Weg, eine gestohlene oder als Hehlerware besorgte echte Rolex durch ostentatives Tragen zu verstecken.

Ihre Urteilssouveränität demonstrieren Jugendliche durch den Gebrauch von Fakes, um sich den präpotenten Erwachsenen der Generation ihrer Eltern überlegen zu zeigen, gerade weil sie von ihnen immer noch unmittelbar abhängen. Haben sie nicht recht, wenn sie sich über Zeitgenossen mokieren, die dumm genug sind, echte Klunker spazierenzuführen – dumm, weil sie nicht damit rechnen, daß das geradezu eine Aufforderung zur Beraubung mit riskanten Folgen sein kann und andererseits dem Eingeständnis gleichkommt, man sei nur eine kümmerliche Figur, die es nötig hat, sich durch Luxusplunder statt durch Witz und Können bemerkbar zu machen? Wenn Jugendliche derartige Souveränität zeigen können, warum herrscht dann zwischen ihnen der alltäglich die Zeitungen füllende Kampf um Markenklamotten, Handys, MP3-Player als Statussymbolen? Zum einen deswegen, weil die Unterhaltungsindustrie diesen Jugendlichen von Kindesbeinen an durch tausendfaches Wiederholen derselben Brutalomuster einbläut, sie müßten gerade in den Käfigen der Raubtiergesellschaft ihr Überleben trainieren, indem sie sich durch Nachahmung der Brutalitäten gegen jede Zumutung feien, als Opfer prädestiniert zu sein. Zum anderen hört man in den Medien täglich von den Statuskriegen, weil man die Berichte so glaubwürdig erfinden kann und dadurch nicht genötigt wird, zutreffend über Ausprägungsformen von Jugendkultur zu berichten, und man hört wenig von denen, die zutreffen. Zutrifft nämlich, daß es gerade keine Jugendkultur gibt, daß längst die grandiose Erfindung der Kindheit rückgängig gemacht wurde und daß sich diese Gesellschaft jede Art Pädagogik als erzieherisches Einwirken verbittet. Denn Kinder und Jugendliche definieren sich für die Gesellschaft ausschließlich durch die Kaufkraft, über die sie verfügen. Wir sind wieder zurück im Mittelalter, wo man Kinder von Erwachsenen nicht unterschied, sondern über sie als Wirtschaftsfaktoren ohne jede Rücksicht auf Psyche und Geist wie auf körperliche Entwicklung verfügte. Wer sich heute dennoch als Jugendlicher jenseits von moralischer Bigotterie des Jugendstrafrechts und des Jugendschutzes entwickeln kann, wird sich als brillanter Faker und Kontrafaktler bemerkbar machen. (3)


Schwindel als Kulturleistung

Wir versammeln an unserer Schinkel’schen Fake-Wand einige anschauliche Beispiele für die Annahme, Menschen seien von Natur aus Mängelwesen (Arnold Gehlen), deren Defizite kulturell kompensiert werden müssen. Oder anders gesagt: Sind Glasaugen, künstliche Wimpern, Brillen, Silikonbrüste und falsche Zähne nicht Anzeichen dafür, daß Kultur im wesentlichen durch das Angebot definiert wird, natürliche Mängel oder erlittene Beschädigungen zu ergänzen oder auszugleichen? Selbst vermeintliche Eitelkeiten, also das Bedürfnis nach Optimierung, Perfektionierung, Idealisierung, sind kulturell vermittelt. Das heißt, in erster Linie wünscht man Tränensackentfernung, Plattenbepflanzung, Zahnkorrektur, Brustvergrößerung oder Bauchstraffung nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil daran Attraktivität als Mitarbeiter, als Partner und sogar die Verpflichtung auf ein positives Selbstverständnis gekoppelt sind. Dabei verweisen uns diese Ergänzungsversuche auf die spannende Frage, wann eine solche Kompensation von Mängeln durch Prothesen gelingt und wann nicht. Gerichte müssen ja nicht nur klären, ob etwa Schönheitschirurgen nach allen Regeln ihrer Kunst vorgegangen sind oder sich etwa Schlamperei vorwerfen lassen müssen. Wirklich interessiert ist der Richter erst bei der Sache, wenn es um die Frage geht, ob eine Reihe perfekter Zähne als Gebiß oder Implantat oder eine geradezu bilderbuchartig geformte Brust nicht gerade als mißlungener Versuch bewertet werden müssen, einen empfundenen oder tatsächlichen Mangel zu beheben. Denn jeder erkennt zu perfekte Körperformen von vornherein als unnatürlich, und dann als abstoßend, wenn deren Träger so tut, als zeige er seine natürliche Ausstattung, um mit diesen Idealmaßen einen Vorteil anderen gegenüber zu erreichen. Seit gut fünfzehn Jahren wird der Richter Chirurgen und Patienten ermahnen, sich von vornherein darauf zu einigen, daß es nicht um die Perfektionierung und Idealisierung der ursprünglichen Ausstattung gehen darf, die immer als Fälschung erkannt werden wird, sondern um Fakes. Ein gefaketes Gebiß wirkt absolut natürlich, wenn es Irregularitäten und Defekte offen zeigt. Denn als natürlich wird nur verstanden, was nicht ideal oder optimal ist.

Auch anderen Klägern wird der Richter seit einem Jahrzehnt einen Weg zur Eröffnung der Einsicht in ihren Klagegrund bieten, der aus der Sache hervorgeht und nicht durch die von außen kommende Entscheidung eines Gerichts bestimmt wird. Da gibt es Leute, die wollen ihr Geld zurück, das sie einem Reiseveranstalter zahlten, weil sich vor Ort herausgestellt habe, daß das gebuchte Hotel nicht so aussah wie im Prospekt und daß es überhaupt einen immer wieder schmerzlich bemerkbaren Unterschied zwischen den Prospektangaben und der Realität gegeben habe: der Strandsand sei nicht weiß, sondern grau gewesen, das Wasser nicht blau, sondern hellgrün, die Palmen nicht österlich frisch, sondern verstaubt und matt, usw. usw. Der Richter wird milde lächelnd die Klage wegen Prospektbetrugs abweisen, nachdem er festgestellt hat, daß die Kläger mit Fernsehen aufgewachsen seien, selber über Photoapparate und Videokameras verfügten und sogar auf ihrem PC ein Paintbox-Programm hätten, mit dem eingespeiste Photos bearbeitet werden können. Wer solche Ausbildung erfahren habe, müsse wissen, daß Prospekte, Nahrungsmittelverpackungen oder Modeanzeigen in ausdrücklicher Weise auf die ästhetische Differenz zwischen einer Sache und ihrer bildlichen Darstellung ausgerichtet sind, denn deswegen finden sie unsere besondere Aufmerksamkeit. Selbst beim besten Willen und Bemühen läßt sich eine symbolische Repräsentation nicht in hundertprozentige Übereinstimmung mit ihrem realen Bezug bringen. Niemand käme auf die Idee, die Bilder von Nahrungsmitteln mit den Nahrungsmitteln selbst identisch zu setzen, weil man schließlich Bilder nicht essen, sondern nur wahrnehmen und bedenken könne (es sei denn, man komponiert die Nahrungsmittel selber zu einem Bild). Auch fiele es niemandem ein, sich darüber zu beschweren, daß er durch Kauf eines Anzugs nicht das Aussehen des entsprechenden Models auf der Anzeige des Herrenausstatters miterwirbt. Der Richter wird die Kläger sogar nachdrücklich auf ihre Eigenverantwortung verweisen, mit Werbeprospekten oder Modeanzeigen kritisch umzugehen, nicht nur, weil sie Erfahrungen mit ihrer natürlichen Täuschbarkeit gemacht hätten oder wüßten, wie leicht man sich irrt und den Wunsch zum Vater der Entscheidung werden läßt. Kritik am Augenschein wird verlangt und ist ermöglicht durch die Erfahrungen, die alle Zeitgenossen mit Bildgebungsverfahren vom Photo bis zum Computer machen.


Nur das erkannte Falsche ist als solches noch echt

Gravierenden Mängeln ausgesetzt zu sein, gehört zur menschlichen Erfahrung des Alterns. Man erlebt den Verlust der Zähne und die Vermehrung von Krankheiten und anderer Leiden. Unsere Ethiken verbieten, die Wahrnehmung von derartigen Mängeln in unsere Einstellung zu und unser Urteil über andere Menschen eingehen zu lassen. Dennoch kann sich niemand vor der Beeinflussung seiner Haltung durch derartige Wahrnehmungen schützen. Er muß vielmehr wissen, welche ausdrückliche Leistung er aufbringen muß, um sich in seinem Verhalten vom natürlichen Widerwillen gegen Ausscheidungen im Umgang mit hilfebedürftigen Menschen nicht beeinflussen zu lassen. Das kann niemandem wunschgemäß gelingen. Man versucht dann, mit gewisser Übertreibung seiner Hinwendung sich gegen seine natürlichen Vorurteile zu wehren. Niemand wird dieses Verhalten als eine unstatthafte Verstellung bewerten. Im Gegenteil, man stützt diese Reaktion sogar ausdrücklich durch das ethische Konstrukt eines Verhaltens-Fakes mit dem Namen pia fraus, fromme Lüge. Zu ihr sind Eltern gegenüber Kindern, Ärzte gegenüber ihren todgeweihten Patienten und Priester gegenüber verzweifelten Gemeindemitgliedern geradezu verpflichtet.

Was im Sozialen als fromme Lüge gilt, heißt im Bereich der Künste Huldigung an den bloßen ästhetischen Schein. Wie das? Geht es der Kunst nicht gerade um das Wesentliche anstatt um die gehübschten Oberflächen? Es gibt eine Malereigattung des 17. Jahrhunderts, in der man sich der Kunst der Vorspiegelung mit höchster Meisterschaft widmete. Ihr Name Trompe-l’œil-Malerei gibt bereits die Zielrichtung der Wirkung vor, nämlich die Augen zu täuschen, aber in der Absicht, aus der bewußten Täuschung eine Erkenntnis zu gewinnen. Die Augentäuscherbilder schafften sich die Bürger der Niederlande vor allem an, um ihre relativ kleinen Stuben mit der visuellen Simulierung zum Beispiel einer ziemlich hohen und breiten Schrankvitrine attraktiver zu machen. Die Vitrine war so gemalt, daß der Betrachter glaubte, tatsächlich ein Möbelstück im Zimmer zu sehen, zumal der Eindruck perfektioniert wurde durch das Ausarbeiten einer Unzahl von Details. Lichtspiegelungen im Vitrinenglas weisen zum Beispiel deutliche Differenzen in der Sichtbarkeit von Objekten im Innern der Vitrine und solchen, die am äußeren Rahmen angebracht sind (Merkzettel, Briefe, Etuis ...), auf. Sobald der Betrachter im Raum aber merkt, daß er keinen realen Schrank vor sich hat, sondern eine Simulation, wird er zu der erkenntnisstimulierenden Erfahrung geführt, daß ein visueller Eindruck und das begrifflich gefaßte Wissen in Spannung zueinander treten.

Um diese Einsicht zu gewinnen, zogen wir als Kinder das Erlebnis vor, auf einem in die Ferne führenden Eisenbahndamm die beiden Schienenstränge sich noch vor dem Horizont vereinigen zu sehen, obwohl wir gerade in der Schule gelernt hatten, daß Parallelen sich erst im Unendlichen treffen.

Und was ist der Gewinn, warum gab man (und gibt man) viel Geld für das Getäuschtwerden aus? Sehr einfach! >>Sobald jemand seiner Täuschung gewahr wird, enttäuscht er sich ja. Ihm geht ein Licht auf. Das heißt, er wird aufgeklärt durch die Erfahrung, in ein und demselben Augenblick die Täuschung zu genießen und sie als solche zu durchschauen. Das ist der Kern der Arbeit, die man im Europa des 18. Jahrhunderts entweder Aufklärung oder enlightenment oder siècle des lumières nannte. Im Theoriegelände präsentieren wir aus der Sammlung Brock ein Großphoto von dem Berliner Künstler Michael Wesely. Es kommt, wie häufig bei Wesely, durch extreme Langzeitbelichtung zustande. Wesely zieht die Konsequenz aus Überlegungen Warhols, der Photos mit der Filmkamera und Filmsequenzen als stehende Bilder gegenüberstellte (stundenlange filmische Aufnahme ein und desselben Objekts). Wesely vereinigt Photo- und Filmtechnik; dauert ein Fußballspiel neunzig Minuten, eine Rede zwei Stunden oder ein Neubau acht Monate, dann wählt er bei stehender Kamera entsprechend lange Belichtungszeiten von neunzig Minuten, zwei Stunden oder acht Monaten. Dabei stellt sich ein Effekt ein, der es mit den subtilsten Wirkungen der Trompe-l’œil-Malerei aufnehmen kann: das vermeintlich Interessante der photographierten Vorgänge, die Ereignisse, verschwinden aus dem Photobild, die statische Objektwelt tritt umso prägnanter hervor – ein Effekt, den Gottfried Benn literarisch in seinen statischen Gedichten zu erzeugen versuchte; Wesely bringt die einzigen angemessenen Entsprechungen zum Benn’schen Programm unter der Voraussetzung, daß man den in jeder Hinsicht ereignisbewegten Herrn Benn als großartigen Rezitator erinnert und stets ungläubig, aber tatsachenkonform vor Wesely imaginiert, was tatsächlich photographiert wurde, aber gerade dadurch auf den Bildern nicht zu sehen ist. Ist das nicht ein extrem gelungener Beweis, daß das Falsche als erkanntes und gewußtes Falsches gerade darin wahr ist?

Mehr Scheinen als Seinen

Friedrich Nietzsche entdeckte, daß dem preußischen Wahlspruch „Mehr Seyn als Scheinen“ erst entsprochen werden kann, wenn man mehr zu sein scheint, als man ist. Logo! Unsere Schinkel’sche Wand verweist auf das Prinzip der Entwicklung ästhetischen Scheins als Kompensation von Defiziten. Preußen war anfänglich ein äußerst ärmliches Land, das sich für seine repräsentativen Bauten kein teures Baumaterial leisten konnte. Preußen, besser gesagt, die Streusandbüchse Brandenburg, war eine Wüste, die Sumpfinseln umschloß. Man lebte wie die Wüstenvölker in realer Konfrontation mit dem Nichts und mußte seinen Gott mit ähnlich radikaler Strenge behaupten wie das Volk Mose. Trotz allen rigiden Vorgehens gegen Gemütsweichheit, katholische Bilderseligkeit und das Blendwerk der Verzierungen offenbarte sich Gott nicht. Kein Wunder, daß man deshalb Gott als Preußen imaginieren mußte, weswegen es selbst den Intelligentesten nicht schwerfiel, die Könige als von Gottes Gnaden eingesetzt zu akzeptieren. Der vom König eingesetzte Generalbaumeister Schinkel entwickelte ein bis heute beispielhaftes Verfahren des Fakens, um den Mangel an Geld und damit an kostbarem Baumaterial zu kompensieren. Schinkel leistete Unglaubliches, nicht durch Vorspiegelung von Echtheit, sondern durch Ausstellung des Echten im Falschen, nämlich der Form- und Gestaltprägnanz noch im billigsten Material, das dadurch eine andere Anmutung erhält. Allein durch geschickte Setzen von Fugen und die Proportion der durch die Fugungen vermeintlich sichtbar gemachten Steinplatten vermag Schinkel den Anschein zu erwecken, als ob sie, wie bei den reichsten Bauherren der Welt, aus den angesehensten Steinbrüchen angeliefert worden seien.

Wir verbinden unsere Schinkel-Wand mit der Ikonographie des Mars-Tempels, die besagt, daß die römischen Bürger Krieg zu erwarten hatten, wenn sich die Tempeltür öffnete, hingegen Frieden herrschte, wenn sie geschlossen war. Unsere gemalte Türsimulation entwickelt insofern den Trompe-l’œil-Effekt, als keinesfalls eindeutig zu entscheiden ist, ob die Tür geschlossen oder geöffnet wird. Ist das nicht eine sinnfällige und deshalb kritikwürdige Darstellung der erzpreußischen Philosophie des geradezu vergötterten Strategen Clausewitz, der ein für allemal feststellte, Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln und damit Politik zu treiben eine Kriegshandlung? Weshalb vornehmlich militärisch ausgebildete Herren in Preußen für die Politik prädestiniert erschienen. Selbst ein Bismarck trat am liebsten in Militäruniform auf, obwohl er weiß Gott höhere und andere Qualifikationen unter Beweis gestellt hatte als seine Bewährung im Militärwesen.


„Pyramide der Eitelkeiten“

Savonarola versuchte, mit einer geradezu sprichwörtlichen preußischen Sittenstrenge, Begriffs- und Programmgläubigkeit in Florenz das Reich Gottes auf Erden zu etablieren, dies fünfundzwanzig Jahre bevor Luther glaubte, durch die Lehre von den Zwei Reichen, dem Himmlischen und dem Irdischen, unsinnige Konsequenzen aus dem Mißverstehen kirchenväterlicher Texte unmöglich gemacht zu haben. Savonarola gehörte zu den Dominikanern, die sich in besonderer Weise zum Hüten der christlichen Schäfchen berufen fühlten. Gefährdet waren die Schäfchen durch die Verführungen zu weltlichem Lebensgenuß, der sich in der Hingabe an betörende Musik, schöne Frauen, Völlerei und prächtige Palastausstattungen im Florenz der Medici manifestiert. Solche Degeneration konnte nicht lange gut gehen, weshalb Savonarola versuchte, noch rechtzeitig die Florentiner und die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren, den nicht nur er mit der Herrschaft von Alexander Borgia und dessen Sohn als Papst und erstem Kardinal vorprogrammiert sah. Seine öffentlichen Strafpredigten und die Einschüchterungen der Bürger durch seine Geheimpolizei aus jungen Leuten überhöhte er durch ein öffentliches Spektakel auf der Piazza della Signoria. (4) Am letzten Karnevalstage des Jahres 1497 inszenierte er die erste unserer historischen Bücherverbrennungen als Auftakt zu einem gewaltigen Autodafé, dem er selbst am Ende zum Opfer gereichte. Auf Geheiß des gotteskämpferischen Asketen wurde der von führergläubigen Pimpfen aus Bürgerhäusern zusammengetragene eitle Plunder zu einer Stufenpyramide aufgeschichtet, die in zeitgenössischen Quellen so beschrieben wird:

„Unten zunächst waren Larven, falsche Bärte, Maskenkleider u. dergl. gruppiert; drüber folgten die Bücher der lateinischen und italienischen Dichter, unter andern der Morgante des Pulci, der Boccaccio, der Petrarca, zum Teil kostbare Pergamentdrucke und Manuskripte mit Miniaturen; dann Zierden und Toilettengeräte der Frauen, Parfüms, Spiegel, Schleier, Haartouren; weiter oben Lauten, Harfen, Schachbretter, Triktraks, Spielkarten; endlich erhielten die beiden obersten Absätze lauter Gemälde, besonders von weiblichen Schönheiten, teils unter den klassische Namen der Lucretia, Cleopatra, Faustina, teils unmittelbare Porträts wie die der schönen Bencina, Lena Morella, Bina und Maria de’Lenzi.“ (5)

Die Pyramide der Eitelkeiten ging in Flammen auf und prägte sich als Typologie des Scheiterhaufens ins kollektive Gewissen ein. Uns interessiert an diesem Vorgang der theokratisch inspirierten Zerstörung von Literatur, Kunstwerken und Damenunterwäsche die Tatsache, daß immer wieder in der Geschichte eben jenes Flitterwerk den Anlaß zu ernsthaften und gewaltsam ausgetragenen Kulturkonflikten bietet. Wie zu Zeiten Savonarolas kann auch heute ein mehrdeutiges Bild oder ein ketzerisches Buch als fatales Distinktionsmerkmal für kulturelle Zugehörigkeiten und damit als Begründung für repressives und gewaltsames Vorgehen dienen. Ein Beispiel aus dem Lustmarsch-Jahr sei deshalb erwähnt: Im März 2006 kam die Meldung aus Indonesien, daß dort fürderhin das Aufführen oder Abspielen von Beethoven strengstens untersagt sei und sogar mit Gefängnishaft bestraft werde.

Ein Beispiel für heutige kleinbürgerliche Savonarolas in ihrer rigid fundamentalistischen Ausprägung bietet vorzüglichen Anlaß, das Risiko der Orientierung auf die Echtheit des Falschen, also die Fake-Strategie im Alltag zu bedenken. Ein gar nicht mehr so junger Bursche wurde angeklagt, auf der Straße eine Frau belästigt zu haben, die nach seiner Meinung allen öffentlich verbreiteten Bildern von Huren entsprach, nämlich Minirock bis zum Schritt, gepushte, halb entblößte Brüste, Stöckelschuhe, Netzstrümpfe, blondierte Haare, Lippen knallrot, die Augen tiefschwarz umrandet. Es war ihm bis dato nie der Gedanke gekommen, daß eine Frau, die sich wie eine Hure gibt, sich nicht auch als eine solche versteht und präsentiert. Und zwar nicht nur dann, wenn sie, wie in diesem Falle, zu einer Laientheateraufführung bereits kostümiert, die Straße querte. Theaterkostüme gehören ja zu den klassischen Fakes und immer schon hat man diejenigen Schauspieler bewundert – und mit Brecht sogar als die größten gepriesen –, die ihrem Publikum ganz offen signalisieren, daß sie ganz berufsmäßig, persönlich unbeteiligt, bloß eine Rolle spielen, zum Beispiel einen König Lear. Offensichtlich aber erzielen sie gerade dadurch eine Wirkung, wie sie nur durch die reale Anwesenheit der dargestellten Figur eigentlich vorstellbar ist.


Die Fake-Philosophie in nuce

Der Kern der Fake-Philosophie ist in folgendem Witz über das Konzentrationslager, den eigentlich nur Juden würdigen können, enthalten:

Zwei deutsche Akademiker kämpften als Offiziere im Ersten Weltkrieg Seite an Seite. Der eine war Jude, der andere nicht, oder, nach Wagners Typologie, der eine war „undeutsch“. Der Undeutsche zog den Deutschen bei einem Granatenangriff aus der Gefahrenzone, schleppte ihn zum Verbandsplatz und rettete ihm damit das Leben, ohne daß er erfahren hätte, wie und mit welchen Folgen der Kamerad verwundet worden war. Nach 1939 begegnen sich die beiden wieder, der deutsche Offizier als Lagerleiter eines KZs und der undeutsche Offizier als KZ-Insasse. Die Situation ist für beide hochnotpeinlich. Der Lagerleiter bietet an: „Wenn du mir sagen kannst, welches meiner Augen falsch ist, lasse ich dich laufen. Denn ich habe damals in der Schlacht ein Auge verloren. Die besten jüdischen Augenärzte Berlins habe ich aufgesucht. Sie haben tadellose Arbeit geleistet. Bisher hat kein Mensch feststellen können, daß ich überhaupt ein Glasauge trage. Nun frage ich dich: Welches ist das falsche – und wenn du das richtige Auge errätst, lasse ich dich laufen!“ Der Angesprochene reagiert nach einem langen Blick in die Augen des Gegenübers: „Das linke Auge, Herr Kommandant.“ Der ist perplex: „Es ist tatsächlich das linke, – aber wie bist du darauf gekommen?“ Der Jude antwortet bescheiden: „Es war ganz einfach, Herr Kommandant, das linke Auge blickt so gütig.“

Diese Pointe ist Aufklärung vom besten, da sie erweist, was mit dem Kriterium der Echtheit eigentlich gemeint ist: Die Fälschung ist das eigentlich Wahre! Nur das gefälschte Auge wirkt menschlich und daher echt.

Anmerkungen

(1) Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 14. Dezember 2007 berichtet über die Festnahme des 47 Jahre alten Kunstfälschers Shaun Greenhaulgh und seiner über 80-jährigen Eltern. Sie hatten Experten des Art Institute of Chicago von der Echtheit einer Gauguin-Skulptur überzeugt und das British Museum zum Ankauf ihrer Fälschung bewegt: „Der Betrug flog auf durch einen Rechtschreibfehler in der Keilschrift auf einem assyrischen Relief (...) die Polizei fand bei der Durchsuchung der Sozialwohnung der Familie eine veritable Höhle Aladins, voll gestopft mit Materialien, Werkzeugen und gefälschten Kunstwerken (...) während Fälscher sich gewöhnlich auf ein Fach spezialisieren, schien Shaun Greenhaulgh alles zu beherrschen, von altägyptischer Skulptur über römisches Silber und keltischen Schmuck bis hin zu Landschaftsgemälden der verschiedensten Epochen und einer Barbara-Hepworth-Plastik. Der Gesamtwert des Greenhaulgh-Schatzes wird von der Polizei auf 10 Millionen Pfund geschätzt. Womöglich gibt es Objekte aus dieser Herstellung, deren tatsächliche Provenienz niemals aufgedeckt werden wird.“

(2) siehe Kapitel „Kontrafakte – Karfreitagphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“

(3) Brock, Bazon: Fake – Fälschung – Täuschung. In: ders., 2002, S. 577 ff.

(4) Fra Girolamo Savonarola in der Darstellung Luca Landuccis. Bd. I. Ein florentinisches Tagebuch. 1450-1516. Nebst einer anonymen Fortsetzung. 1516-1542. Köln, Düsseldorf 1978.

(5) Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Hg. v. Walther Rehm. Hamburg 2004, S. 517.