Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 227 im Original — direkt zum Text

II.7 „Pyramide der Eitelkeiten“

Text

Savonarola versuchte, mit einer geradezu sprichwörtlichen preußischen Sittenstrenge, Begriffs- und Programmgläubigkeit in Florenz das Reich Gottes auf Erden zu etablieren, dies fünfundzwanzig Jahre bevor Luther glaubte, durch die Lehre von den Zwei Reichen, dem Himmlischen und dem Irdischen, unsinnige Konsequenzen aus dem Mißverstehen kirchenväterlicher Texte unmöglich gemacht zu haben. Savonarola gehörte zu den Dominikanern, die sich in besonderer Weise zum Hüten der christlichen Schäfchen berufen fühlten. Gefährdet waren die Schäfchen durch die Verführungen zu weltlichem Lebensgenuß, der sich in der Hingabe an betörende Musik, schöne Frauen, Völlerei und prächtige Palastausstattungen im Florenz der Medici manifestiert. Solche Degeneration konnte nicht lange gut gehen, weshalb Savonarola versuchte, noch rechtzeitig die Florentiner und die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren, den nicht nur er mit der Herrschaft von Alexander Borgia und dessen Sohn als Papst und erstem Kardinal vorprogrammiert sah. Seine öffentlichen Strafpredigten und die Einschüchterungen der Bürger durch seine Geheimpolizei aus jungen Leuten überhöhte er durch ein öffentliches Spektakel auf der Piazza della Signoria. (4) Am letzten Karnevalstage des Jahres 1497 inszenierte er die erste unserer historischen Bücherverbrennungen als Auftakt zu einem gewaltigen Autodafé, dem er selbst am Ende zum Opfer gereichte. Auf Geheiß des gotteskämpferischen Asketen wurde der von führergläubigen Pimpfen aus Bürgerhäusern zusammengetragene eitle Plunder zu einer Stufenpyramide aufgeschichtet, die in zeitgenössischen Quellen so beschrieben wird:

„Unten zunächst waren Larven, falsche Bärte, Maskenkleider u. dergl. gruppiert; drüber folgten die Bücher der lateinischen und italienischen Dichter, unter andern der Morgante des Pulci, der Boccaccio, der Petrarca, zum Teil kostbare Pergamentdrucke und Manuskripte mit Miniaturen; dann Zierden und Toilettengeräte der Frauen, Parfüms, Spiegel, Schleier, Haartouren; weiter oben Lauten, Harfen, Schachbretter, Triktraks, Spielkarten; endlich erhielten die beiden obersten Absätze lauter Gemälde, besonders von weiblichen Schönheiten, teils unter den klassische Namen der Lucretia, Cleopatra, Faustina, teils unmittelbare Porträts wie die der schönen Bencina, Lena Morella, Bina und Maria de’Lenzi.“ (5)

Die Pyramide der Eitelkeiten ging in Flammen auf und prägte sich als Typologie des Scheiterhaufens ins kollektive Gewissen ein. Uns interessiert an diesem Vorgang der theokratisch inspirierten Zerstörung von Literatur, Kunstwerken und Damenunterwäsche die Tatsache, daß immer wieder in der Geschichte eben jenes Flitterwerk den Anlaß zu ernsthaften und gewaltsam ausgetragenen Kulturkonflikten bietet. Wie zu Zeiten Savonarolas kann auch heute ein mehrdeutiges Bild oder ein ketzerisches Buch als fatales Distinktionsmerkmal für kulturelle Zugehörigkeiten und damit als Begründung für repressives und gewaltsames Vorgehen dienen. Ein Beispiel aus dem Lustmarsch-Jahr sei deshalb erwähnt: Im März 2006 kam die Meldung aus Indonesien, daß dort fürderhin das Aufführen oder Abspielen von Beethoven strengstens untersagt sei und sogar mit Gefängnishaft bestraft werde.

Ein Beispiel für heutige kleinbürgerliche Savonarolas in ihrer rigid fundamentalistischen Ausprägung bietet vorzüglichen Anlaß, das Risiko der Orientierung auf die Echtheit des Falschen, also die Fake-Strategie im Alltag zu bedenken. Ein gar nicht mehr so junger Bursche wurde angeklagt, auf der Straße eine Frau belästigt zu haben, die nach seiner Meinung allen öffentlich verbreiteten Bildern von Huren entsprach, nämlich Minirock bis zum Schritt, gepushte, halb entblößte Brüste, Stöckelschuhe, Netzstrümpfe, blondierte Haare, Lippen knallrot, die Augen tiefschwarz umrandet. Es war ihm bis dato nie der Gedanke gekommen, daß eine Frau, die sich wie eine Hure gibt, sich nicht auch als eine solche versteht und präsentiert. Und zwar nicht nur dann, wenn sie, wie in diesem Falle, zu einer Laientheateraufführung bereits kostümiert, die Straße querte. Theaterkostüme gehören ja zu den klassischen Fakes und immer schon hat man diejenigen Schauspieler bewundert – und mit Brecht sogar als die größten gepriesen –, die ihrem Publikum ganz offen signalisieren, daß sie ganz berufsmäßig, persönlich unbeteiligt, bloß eine Rolle spielen, zum Beispiel einen König Lear. Offensichtlich aber erzielen sie gerade dadurch eine Wirkung, wie sie nur durch die reale Anwesenheit der dargestellten Figur eigentlich vorstellbar ist.

Anmerkungen

(4) Fra Girolamo Savonarola in der Darstellung Luca Landuccis. Bd. I. Ein florentinisches Tagebuch. 1450-1516. Nebst einer anonymen Fortsetzung. 1516-1542. Köln, Düsseldorf 1978.

(5) Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Hg. v. Walther Rehm. Hamburg 2004, S. 517.

Medien

Doninanzgeste eines Dominikanermönchs, Bild: Lustmarsch, II.7, S. 227 (ähnliches Bild) © Jürg Steiner.

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