Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände, Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.. + 4 Bilder
Lustmarsch durchs Theoriegelände; Bild: Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte.

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.

Erschienen
10.10.2008

Autor
Brock, Bazon

Verlag
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Erscheinungsort
Köln, Deutschland

ISBN
978383219024-8

Umfang
434

Abschnitt, beginnend auf Seite 276 im Original — direkt zum Text

III.9 Der Eigensinn der Dinge

Text

Was wir mit dem Ausdruck „Eigensinn der Dinge“ besprechen, ist unter dem Namen „Tücke des Objekts“ bekannt und systematisch von dem Hegel-Schüler Theodor Vischer in seinem Roman „Auch einer“ von 1864 beschrieben worden. Der Begriff Tücke bezeichnet nicht den Angriff der Artefakte auf ihren Schöpfer, wie das seit Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“ durch den Ungehorsam des Computers HAL 9000 gegenüber seinem Kommandanten Gemeinplatz geworden ist. Er bezeichnet auch nicht die Rache der Geschöpfe gegenüber ihrem Schöpfer oder die Konsequenzen einer partiell aufgekündigten Meister-Lehrling-Hierarchie wie in Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Die Filmkomiker der Stummfilmzeit demonstrieren dieses merkwürdige Versagen des Objekte gebrauchenden Menschen angesichts der komplizierten Regeln, die den Umgang mit den Objekten erst sinnvoll machen. Heute repräsentieren die Gebrauchsanweisungen für Hochleistungsmobiltelefone, Unterhaltungselektronik und Automobile diese Slapstick-Qualitäten, zumal, wenn sie, wie üblich, als Übersetzung aus der Sprache des asiatischen Herstellerlandes den Objekten beigegeben werden. Man amüsiert sich zwar einerseits über den Gestalt gewordenen Unsinn, der sich aber zur Verzweiflung steigern kann, weil man ohne die Gebrauchsanleitung die Gerätschaften nicht zu nutzen weiß. Der Versuch, ohne Anleitung Ikea-Möbel zusammenzubauen oder einen neuen Computer zum Laufen zu bringen, entfaltet dann die Tücke des Objektes als permanenten Widerspruch zwischen dem Willen des Nutzers, Herr der Lage zu sein, und der sich steigernden Verwirrung angesichts der Erfahrung, dümmer und ungeschickter zu sein als andere, die den Umgang mit den besagten Objekten anscheinend problemlos meistern.

Offenbar hat man erst im Zeitalter des Maschinenbaus die Erfahrung ernst nehmen müssen, daß Genesis und Geltung auseinanderfallen und die Anleitungen zum Bau einer Maschine nicht mit den Anleitungen zu ihrer Inbetriebnahme übereinstimmen. Wir glauben, mit dem Kauf der Objekte die beliebige Verfügung über sie erworben zu haben, machen dann jedoch die gegenteilige Erfahrung. Vor Theodor Vischer stellte bereits Heinrich von Kleist in „Der zerbrochne Krug“ an der Figur des Dorfrichters Adam das Scheitern des Souveränitätsanspruchs von Herren des Verfahrens dar und in „Michael Kohlhaas“ einen weiteren Prototypen des verfehlten Souveränitätsanspruchs aus der Buchstäblichkeit der Gesetzesauslegung beziehungsweise der Umsetzung einer juristischen Gebrauchsanleitung.

Nach Vischer waren es vor allen Dingen Laurel & Hardy, die Zirkusclowns, die Slapstick-Komödianten, Paul Schreber (Sexualpathologie), Fritz Teufel (Kommune 1), Bernhard Johannes und Anna Blume (Wahnzimmer) oder Peter Fischli und David Weiss (Logik der Dysfunktion), die für uns alle Freuds hypothetische Psychologie mit Beweiskraft erfüllten. Dabei scheinen wir nicht nur beweisen zu wollen, daß wir die Demütigung lustvoll ertragen, nicht Herr im eigenen Hause sein zu können – im Freud’schen Bürgerhaus regierten ohnehin die Gattinnen. Wir scheinen gleichzeitig stolz darauf zu sein, Freuds strengem Urteil entgangen zu sein, indem wir nachweisen, daß das Haus nicht uns, sondern den Kreditgebern gehört. Als Vischer seine ästhetischen Studien betrieb, hat Grandville die Tücke des Objektes in sein Schema des Karikierens einbezogen. Sein Schema wurde als Kritik an Hegels absolutem Geist entwickelt. Es ist den Dingen anzusehen, daß ihr Gebrauch zur Zerstörung führen wird; alles ist gemacht, damit es verbraucht werde, denn erst im Vergehen zeigt das Ding seinen Wert an. Dieses Prinzip der konsumeristischen Funktionslogik kehrt wieder in Karikaturen als Markierungen des Entstehens aus dem Verenden der Dinge im Müll.

Heute bringt das den Dingen aufgepreßte Verfallsdatum diese Karikaturhaftigkeit unmißverständlich zum Ausdruck. In diesem Verständnis ist Friedrich Nietzsche der größte Karikaturist als Philosoph der Neuzeit. Er erkannte die Tücke der Gedanken wie Vischer die Tücke der Objekte, zum Beispiel die Tücken der Ontologie, die Ewigkeit des Seins aus dem Leben zum Tode abzuleiten. Heute sollte man statt vom Leben zum Tode besser vom Leben als Stoffwechsel oder Leben zum großen Metabolismus sprechen. Karl Valentin hat Nietzsches Karikatur der Ontologie bestens bühnenreif werden lassen, indem er etwa alles kurz und klein schlug unter dem Ausruf „Euch werde ich die ewige Wiederkehr schon noch einbläuen!“, um dann die Feinmüllreste in einen Gral (als Einheit von Siegespokal und Urne) einzufüllen und unter den Geschäftsauslagen abzustellen, wo man die von ihm auf der Bühne genutzten Dinge zum sinnvollen Gebrauch, also zum Zerstören, üblicherweise zum Kauf anbietet. (13)

Anmerkungen
(13) „Sie meinen, dergleichen habe Valentin tatsächlich vorgeführt?“ – „Umso besser!“ – „Und Alfred Jarry auch?“ – „Na großartig.“ – „Und die Dadaisten erst recht? Zum Beispiel Kurt Schwitters?“ – „Ja doch, in solchen Werken ist etwas zu erfahren, über die Katastrophe der Schöpfung oder vom Eingeständnis, wie viel besser es wäre, daß es nichts gäbe.“ – „Diesen Geist der Weltlosigkeit kann man im Innern der Werke als Sog der Entleerung verspüren, als mitreißende Auflösung in die ‚Werklosigkeit.’“ In: Sloterdijk, Peter; Macho, Thomas: Die Weltrevolution der Seele. Ein Lese- und Arbeitsbuch der Gnosis von der Spätantike bis zur Gegenwart. Zürich, München 1993, Band 1, S. 54.

Medien

Gemälde "Abendbrot" von Tilo Baumgärtel (1998), Bild: Lustmarsch, III.9, S. 277 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.
Anthropologin Ingrid Bloemertz mit Bazon Brock im Selbstexperiment, Bild: Lustmarsch, III.9, S. 178 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus.

siehe auch:

Textverwandtschaften

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Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine LandschaftZu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der GesellschaftGesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot abEr wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politikart and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

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Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.