Abschnitt, beginnend auf Seite 154 im Original
Anna & Bernhard Johannes Blume
Text
Anna und Bernhard Johannes Blume (beide geb. 1937) leben und arbeiten in Köln und Hamburg. Beide kamen über Umwege zur Kunst und haben viele Jahre als Kunstpädagogin bzw. Kunst- und Philosophielehrer an Gymnasien gearbeitet. Vor dem Kunststudium hatte Anna Blume eine handwerkliche Ausbildung, und Bernhard Johannes Blume war Kino- und Dekorationsmaler. Seit 1980 arbeiten sie zusammen an einem "lebenslänglichen Fotoroman". Ihre Arbeit ist darauf ausgerichtet, das Alltägliche und Selbstverständliche in eine künstlerische Aussage einzubeziehen. Die kleinbürgerliche Lebenswelt im trauten Heim wird zum Ort verrückter Erfahrungen, in denen die Objekte sich verselbständigen, in fataler oder tragikomischer Weise zu handeln beginnen. Daraus entstehen Energiefelder, die Wirklichkeitsbezug und -abbildung verändern, den Raum entgrenzen und das Selbstbildnis zum Akt ekstatischer Entfremdung werden lassen (vgl. KUNSTFORUM Bd. 96, S. 232ff).
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ANNA & BERNHARD BLUME, Gegenseitigkeiten, einmal zerschnittene und neu zusammengeklebte Gegenseitigkeitsportraits von 1988, System Polaroid SX 70
Zum einen haben die beiden Künstler seit Anfang der 80er Jahre alle größeren Projekte gemeinsam erarbeitet, obwohl sie vor dieser Werkphase ausgeprägte Individualstile entwickelt hatten; zum anderen ist die Phase der gemeinsamen Arbeit so fruchtbar, weil in sie in bestimmter und deutlich ablesbarer Weise die individuellen Konzepte und Arbeitsstile gleichermaßen eingegangen sind: Die unterschiedlichen Ansätze potenzieren sich in der gemeinsamen Arbeit. Es ist bemerkenswert, daß beide Künstler neben ihren gemeinsamen Projekten ihre individuellen und gegeneinander deutlich abgrenzbaren Arbeitskonzepte weiterverfolgen (beide in erster Linie im Medium der Zeichnung).
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ANNA & BERNHARD BLUME, Gegenseitigkeiten, einmal zerschnittene und neu zusammengeklebte Gegenseitigkeitsportraits von 1988, System Polaroid SX 70
Da die gemeinsamen Arbeiten der Blumes gegenwärtig und vielleicht noch auf längere Zeit - allein schon wegen des nur gemeinsam bewältigbaren Arbeitsquantums - ihr Hauptwerk darstellen, muß die Rezeption darauf abheben, die individuellen Anteile an der gemeinsamen Arbeit stets präsent zu halten, das heißt, die gemeinsame Arbeit einmal aus der Sicht der Künstlerin und zum anderen aus der Sicht der Künstlers zu erschließen; das Gemeinsame wäre dann gerade der unübersehbare Wechselbezug der Konzepte. Das Gemeinsame liegt für die Arbeiten also nicht in den gemeinsamen Auffassungen, sondern darin, daß diese Auffassungen erst gegeneinander abgesetzt ihre besondere Prägnanz herausbilden. Das Gemeinsame ist nicht die Summe der individuellen Anteile; das Gemeinsame ist der Differenzpunkt, von dem die Besonderheiten erfahrbar werden.
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ANNA & BERNHARD BLUME, Gegenseitigkeiten, einmal zerschnittene und neu zusammengeklebte Gegenseitigkeitsportraits von 1988, System Polaroid SX 70
Beiden Künstlern geht es in der Entwicklung ihrer individuellen Konzepte um die Frage, was künstlerische Wahrnehmung und Gestaltung in der Konzentration auf die selbstverständlichen und für selbstevident gehaltenen Phänomene der Alltagswelt auszurichten vermögen. Beide antworten darauf gleichermaßen, daß künstlersiche Wahrnehmung und gestalterische Formulierung des Unspezifischen und Redundanten dazu führen müssen, das Selbstverständliche zum Thema zu erheben, was nur durch Problematisierung möglich ist.
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ANNA & BERNHARD BLUME, Gegenseitigkeiten, einmal zerschnittene und neu zusammengeklebte Gegenseitigkeitsportraits von 1988, System Polaroid SX 70
In den gemeinsamen Arbeiten der Blumes bringt Anna Blume die kleinbürgerliche Lebenswelt ein, die als vollständig verrückt erscheint, wenn sich in ihr die angeblich problemlos selbstverständlichen Formen verselbständigen, sobald sie abstrakt gesehen werden, das heißt, sobald die alltäglichen Verrichtungsrituale nicht mehr als in ihren Funktionen gesichert erlebt werden. Bernhard Blumes eigener Anteil an den gemeinsamen Arbeiten setzt sich prägnant gegen die Position seiner Frau ab: Sie verwandelt das Selbstverständliche in chaotische Bedrohung durch Aufkündigung ihrer Rolle; er versucht verzweifelt, seine Rolle festzuschreiben als künstlerischer Jedermann, der auf Biegen und Brechen (und diese kontrafaktische Behauptung ist zugleich tragisch und komisch) in die konkret vergänglichen und historisch bloß konventionellen Formen den Anspruch allgemein verbindlicher Ideen und Prinzipien hineinzuzwingen versucht.
Das Künstlerehepaar Blume ist in seiner gemeinsamen Arbeit derart fruchtbar, weil es in ein und derselben Arbeit die beiden extremen Haltungen heutiger Menschen zur Geltung bringt. Den Abschied vom Prinzipiellen und Allgemeinen (Anna Blume) und die bewußt kontrafaktische Behauptung, daß der Mensch sich erst bewähre, wo er das historisch Konventionelle und Beliebige als Repräsentanten kosmisch allgemein gültiger Ideen und Energien herbeizuzwingen versucht. Die Souveränität beider Künstler ist daran ablesbar, wie wenig sie sich einerseits den fundamentalistischen Gottsucherbanden zur Verwirklichung des Weltreichs der Ideen und andererseits den Unterhaltungsidioten als amüsierten und dennoch gelangweilten Euphorikern der eigenen Bedeutungslosigkeit anschließen.
Textverwandtschaften
Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.
Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.
Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:
- Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
- Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
- Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
- Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück
Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.
Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.
Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.
Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.