Radiobeitrag Deutschlandfunk Kultur

Erschienen
08.03.2020, 23:05 Uhr

Sender
Deutschlandfunk Kultur

Sendung
Fazit

Dauer
9 min

Erscheinungsort
Berlin, Deutschland

Coronavirus: Warum Isolation künstlerisch produktiv sein kann

Bazon Brock im Gespräch mit Gabi Wuttke

Text

Das Coronavirus sorgt für leere Straßen, Einkaufszentren und Theater. Der Kulturtheoretiker Bazon Brock sieht in der kollektiven Abschottung, ganz wie in Boccaccios „Decamerone“, auch eine Chance – und zwar für die Kreativität.

Angesichts zunehmender Coronavirus-Infektionen leeren sich Museen, Konzertsäle und Theater. Veranstaltungen werden abgesagt. Nun empfiehlt Gesundheitsminister Jens Spahn, in Deutschland generell Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern vorerst abzusagen. Was tat man früher, wenn man in Quarantäne musste?

In Giovanni Boccaccios Mittelalterwerk „Decamerone“ flieht zum Beispiel eine zehnköpfige Gesellschaft vor der Pest in ein Landhaus. Dort erzählt man sich dann Geschichten über das Leben. In der Isolation entstehen zehn Novellen. Dieses Eingeschlossensein kann also Kreativität fördern.

Statt Panik Konzentration nach innen

Das findet auch der Kulturtheoretiker Bazon Brock: „Diese Balance zwischen Panikgefühl durch Eingeschlossensein, Behindertsein und andererseits, sich dadurch zu konzentrieren, ist etwas Fantastisches.“ Entscheidend sei allerdings, „die Beteiligten zusammenzuführen zu einer Art von gemeinsamem Projekt, das alle tatsächlich einbindet, und durch diese Einbindung in das Projekt die entsprechende Dynamik oder seelische Stärke oder Wirkungsstärke erzeugt“.

Brock erinnert an Thomas Mann. Dieser sei der Meinung gewesen, ohne Krankheit, das heißt: ohne Isolation, sei keine Kreativität möglich. Diese hänge nämlich vom produktiven Umgang mit „Defekten dieser Art“ ab, erläutert Brock. In einer Zeit wie der unsrigen, in der man glaube, die Freiheit sei grenzenlos, und in der man alles als selbstverständlich betrachte, könne eine solche Isolation dazu führen, sich mit dem wirklich Wichtigen zu beschäftigen:

„Statt Panik also Konzentration nach innen, die dann auch zur Beruhigung führt, nicht zur Stillstellung, aber eben zur Beruhigung unter der Vorgabe: Aus dieser Situation lässt sich für uns etwas Produktives machen.“

Den Dauerbetrieb des Belanglosen hinterfragen

Schon in den 60er-Jahren habe es Vorschläge aus Kopenhagen, Schweden und Paris gegeben, „mal für ein Jahr die künstlerischen Aktivitäten vollkommen einzustellen“, erinnert Brock: „Also keine Opern spielen, mal kein Theater mehr, keine Galerie zu betreiben et cetera, um den Leuten klarzumachen, was sie eigentlich davon haben, dass überall dieses kulturelle Angebot vorhanden ist.“

So könne man den Dauerbetrieb des Belanglosen hinterfragen und sich auf das, was uns als Menschen auszeichne, konzentrieren. Die Menschen wüssten heute gar nicht mehr, sagt Brock, dass sie nur dadurch Mensch seien, dass es andere wie sie gebe, und dass es für alle die gleichen Voraussetzungen des Lebens gebe.

(ckr)

siehe auch:

Textverwandtschaften

1957 1958 1959 1960 1961 1962 1963 1964 1965 1966 1967 1968 1969 1970 1971 1972 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026

Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.

Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.

Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:

  • Das Bild zeigt eine LandschaftZu sehen ist eine Naturszene
  • Die Arbeit entstand 1972Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
  • Kritik an der GesellschaftGesellschaftliche Auseinandersetzung
  • Er lehnte das Angebot abEr wies den Vorschlag zurück

Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politikart and politics.

Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.

Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.

Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.