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(Tages-Anzeiger und Berner Zeitung) Nr. 33, 14./15. August 1992.
(Tages-Anzeiger und Berner Zeitung) Nr. 33, 14./15. August 1992.
Auf den Documenta-Ausstellungen durchlaufen die Besucher stets eine merkwürdig gezackte Reaktionsskala. Einerseits tobt man mit Wutgeheul durch die Ausstellung, es sei ein Jammer, was einem da als Höhepunkt der vorausgehenden Kunstentwicklung vorgeführt werde. Andererseits möchte man als Liebhaber der Kunst seinem Bedürfnis, zu bewundern, wertzuschätzen und zu lieben, nachkommen und versucht mit wilden Gesten der Überhöhung, dieses oder jenes zu einem Großereignis herauszubilden.
Auf der Documenta IX (1992) sind diese extremen Reaktionen besonders ausgeprägt. Die Presse hat mehr oder weniger einheitlich radikale Urteile, also Wutgeheul, über diese Documenta verlauten lassen: "Fest der angepaßten Dilettanten", "Treffpunkt hilfloser Eitelkeiten", "Verlogene Mammutschau", "Bankrotterklärung der Kunst". Und die Kritiker hatten für ihr Urteil auch gute Begründungen. Denn von Kunst im Sinne einer allgemeinen Erwartung war auf dieser Documenta tatsächlich kaum die Rede. Man sollte aber diese extremen Reaktionen nicht als Beweis dafür ansehen, daß die Leute der Kunst nicht wüßten, womit sie es eigentlich zu tun haben. Die Begeisterungsgemeinschaft Kunst ist nämlich eine, die nicht aus dem Konsens ihrer Mitglieder lebt, also nicht aus der Übereinstimmung, nicht daraus, daß alle die gleiche Meinung haben, sondern diese Gemeinschaft lebt vom Dissens ihrer Mitglieder, aus der Eigenständigkeit der verschiedenen Urteile. In diesem Modell "Gemeinschaftsbildung durch Abweichung" ist die Kunst oder die Gemeinschaft derer, die an Kunst interessiert sind, doch noch ein Vorbild für zukünftige Gesellschaften.
Also: Belasten wir den Besucher der Ausstellung weder mit Vorerwartungen auf große und schöne und edle Kunst noch mit der Erwartung darauf, daß da nur Schrott und Müll zu sehen sein soll. Was dürfen wir dann erwarten? Der Documenta-Organisator Jan Hoet bekundete, er wisse nicht, was Kunst sei. Daß es bei seinem Konzept um das körperlich erfaßbare Geheimnis der Kunst gehe, hatte er sich doch entlocken lassen. Immer wieder tauchte bei ihm der ominöse Begriff des Körpers auf. Wer ist gemeint? Natürlich der Körper des Betrachters, der mit diesen verschiedenen in Kassel gebotenen Wahrnehmungs-, Aktions- und Reaktionsanlässen konfrontiert ist.
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