Weltzivilisation versus Fiktion kultureller Identität
Text
Die Fiktionalität der kulturellen Identität ist überall auf der Welt mit Händen zu greifen. Leider ist das Angebot, auf – wenn auch wahnhafte – kollektive Zugehörigkeit zurückzugreifen, für die meisten Menschen sehr verlockend, weil sie nicht die Kraft aufbringen, sich als Individuen zu behaupten.
Das Individuum bringt sich erst mit dem Verlassen der kulturellen Bedingtheit zur Geltung. Es überwindet die kollektive Prägung durch eine Traditionswelt, aus der es nur zufällig stammt. Individualität definiert sich gerade durch ein reflexives Verhältnis zu den eigenen physiologischen, kulturellen und familiären Bedingtheiten, also durch die Fähigkeit, zwischen den eigenen Vorlieben und den Vorgaben durch den Druck der Gruppenzugehörigkeit zu unterscheiden. Erst solche Individualität zeichnet den Künstler aus.
Es muß Aufgabe der Kunst sein, die Selbstwahrnehmung entsprechend zu schulen, wenn sie einen aufklärerischen Wert haben soll. Die Werke eines Künstlers betrachtet man, weil seine Art, die Welt zu sehen und mit Lebens- und Kommunikationsbedingungen umzugehen, beispielhaft für die eigene Weltaneignung ist. Wenn Kunst eine Einheit des menschlichen Kommunizierens darstellt, richten sich alle Beteiligten nach den gleichen Standards künstlerischer Qualität. Folglich ist Vielheit nicht durchhaltbar. Wer aber auf multikultureller Vielheit besteht, erreicht keine Einheit.
Der Vorwand des Prinzips Multikultur, Traditionen von Minderheiten zu bewahren, ist insofern sinnlos, als Traditionen überhaupt nicht "bewahrt" werden können. Sie müssen jeweils aus der Gegenwart nach rückwärts neu aufgebaut werden. Es ist ein grundsätzliches Mißverständnis zu glauben, daß Traditionen aus der Vergangenheit wirken, denn sobald sie angeeignet werden, und das tun die Lebenden jeweils unterschiedlich, wandelt sich das, was tradiert wird.
Es kann folglich nur eine Kunst geben, so, wie es auch nur eine Wissenschaft (und nicht etwa eine deutsche und eine französische Physik) gibt. Jedermann gesteht dem Wissenschaftler zu, in erster Linie zur Gemeinschaft der Wissenschaftler und nicht mehr zur Gemeinschaft der Bantus oder Tutsis zu gehören. Da man davon ausgehen muß, daß jedes Individuum einem anderen fremd ist, muß man nicht erst kulturelle Identität als Begründung von Fremdheit anführen, sondern simple Kommunikationsprozesse. Es gehört zu den Erkenntnissen der Moderne, daß die Fremdheit der Menschen in dieser Welt grundsätzlich unüberbrückbar ist. Wie oft nutzen wir willentlich die Verfremdung zur Steigerung des Aufmerksamkeitswertes?!
Textverwandtschaften
Jeder Streifen repräsentiert einen Textabschnitt in der Arbeitsbiografie. Je heller ein Streifen, desto verwandter ist der Text mit dem aktuellen Text. Der aktuelle Werk hat die Farbe Rot, der aktuelle Abschnitt ist orange markiert.
Grundlage der Textanalyse ist das Sprachmodell MiniLM-L12 / BGE-M3. Mit dessen Hilfe wird der aktuelle Textabschnitt mit allen anderen Textabschnitten verglichen (insgesamt knapp 3 Millionen Kombinationen) und ein Ähnlichkeitskennwert berechnet.
Die Ähnlichkeit basiert nicht auf Wortgleichheit, sondern auf semantischen Eigenschaften. Beispiele:
- Das Bild zeigt eine Landschaft ⟷ Zu sehen ist eine Naturszene
- Die Arbeit entstand 1972 ⟷ Das Werk wurde in den frühen 70ern geschaffen
- Kritik an der Gesellschaft ⟷ Gesellschaftliche Auseinandersetzung
- Er lehnte das Angebot ab ⟷ Er wies den Vorschlag zurück
Als ähnlich erkannt werden Synonyme, Umschreibungen und Paraphrasen sowie gleiche Bedeutungen – auch in unterschiedlichen Sprachen – erkannt. Beispiel: Kunst und Politik ⟷ art and politics.
Aktuell werden die Textverwandtschaften auf Basis des gesamten Textkorpus statisch vorberechnet und bei Änderungen einzelner Inhalte aktualisiert. In die Berechnung werden nur Textabschnitte einbezogen, die mehr als 100 Wörter Inhalt haben. Leere oder kurze Abschnitte sind daher in dieser Textgenetik nicht enthalten.
Die Verwandtschafts-Abstufungen wurden in 6 Gruppen zusammengefasst: 0 = keine Verwandtschaft, 20, 40, 60, 80, 100 = sehr nah am aktuellen Text.
Die Fundstellen in dieser Verwandtschafts-Textgenetik liefern also möglicherweise völlig andere, eventuell unerwartete Lese-Anregungen, während die zugeordneten Verweise (unter siehe auch) redaktionell ausgewählt wurden.